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Donnerstag, 7. Juli 1921-
Abend-Ausgabe.
Nr. 310. ♦ 69. Jahrgang.
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Eine Erklärung Dr. Wirths im Reichstag.
vr. Berlin, 7. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Dis leise Hoffnung, .duß der gestrige Tag die letzte Sitzung vor Ferienbeginn bringen würde, war verflogen, seitdem feststanid, datz der Reichskanzler sprechen und eine Reparatio-nsdebatte beginnen würde. Bis um 3 Uhr, dem Beginn der Roichskanzlerrede, unterhielt man sich ausführlich über die neuen Beiträge und Sätze der Invalidenversicherung und Wochenbeihilfe. Dann räunrte Minister Brauns dem Kanzler, mit dem die Mehrzahl der Kabinettsmitglieder erschien, derr Platz. Dr. W i r t h trug offenbar aus dem Manuskript der Rüde vor, die er vormittags im Reichswirtschaftscat gehalten hatte. Wesentlich Neues enthielt feine Rede nicht: Sein „Programm" konnte ja auch dieser Bezeichnung nicht völlig entsprechen, weil die darin auf- gefiihrten Steuer Vorlagen immer noch nicht bekannt sind und weil daher auch die von Dr. Wirth zuin Teil genannten Erträgnisse noch fraglich erscheinen. Bon Interesse waren seine Mitteilungen über die „Veredelung" des Reichsnotopfers, das bis auf weiteres von zwei zu drei Jahren veranlagt werden soll. Besonderes Gewicht legte der Kanzlers auf di« Verschärfung und den Ausbau der Erhebung der Vin- kommenfteuer, aus der er 7 bis 8 Milliarden mehr als bisher herausholen will. Die Erhöhung der Kohlrn- steuer soll vorerst nur 5 Prozent betragen. Insgesamt sollen 32 brs 36 Milliarden mehr als bisher erzielt werden. Der Eesamtsteuerertrag würde bei restloser Durchführung des Programms auf etwa 80 Milliarden beziffert, wovon 54 Prozent durch die direkte und 38 Prozent durch indirekte und andere Steuern crufge- oracht werden sollen. Dr. Wirth, dem natürlich selbst klar war, daß er viel und zugleich wenig gesagt hatte, schloß mit einem von innerem Gefühl getragenen erneuten Protest gegen die Sanktionen und einem Appell k^r die Entente, die Entscheidung über ObersHlesien nicht länger hinauszuzögern. Was der Reichskanzler bekanntgab/ waren nur Richtlinien und Grundsätze, während ausgearbeitete Gesetzentwürfe noch nicht mitgeteilt werden konnten. Tatsächlich hat, wie wir hören, auch das Reichskabinett sich selbst noch nicht mit Steuer- gesetzentwürfen, sondern nur mit allgemeinen programmatischen Grundsätzen beschäftigt. Wenn das große Finanzwerk bis zum Herbst fertig vorgelegt werden soll, muß während der Ferien noch sehr fleißig gearbeitet werden. Vor allem ist nötig, daß die einzel- hen Gesetzentwürfe jetzt ausgearbeitet und im Kabinett durchgeprüft werden. Dann muß die Reichsregierung mit den Regierungsparteien und hierauf mit den Führern aller Parteien die Gesetzentwürfe durch- sprechen. Rur durch solche gemeinsame Vorberatung kann das schwierige Werk gefördert werden. Am zweckmäßigsten wäre nach solcher Vorbereitung die Überweisung der Vorlagen an mehrere Steuer- ausscknisse des Reichstags, die während der Sommerserien an die Arbeit gingen. Da die Deutschmationalen und Kommunisten jedoch aus agitatorischen Gründen auf genauester Jnnehaltung der Geschäftsordnung bestehen, soll eine erste Lesung der Steuervorlagen im Vollreichstag und deshalb eine Unterbrechung der Sommerferien vom 6. bis 10. September stattfindsn. Bis dahin sind hoffentlich die Gesetzentwürfe sämtlich ferüggestellt, über die Reichskanzler Wirth \eM in allgemeinen Wendungen vor dem Reichstag UND vor dem Reichsrat gesprochen hat. Dann würden vom 11. September ab die Ausschüsse arbeiten und der Eesamtre-ichs- tag am Ende der Sommerferien im Oktober gleich mit der Steuerberatung im ganzen beginnen können. Das ist der Plan, der- hoffentlich ungestört durch inner- und außenpolitische Zwischenfälle durchgeführt werden kann.
Der laute Beifall, der dem Kanzler gezollt wurde, war noch kaum .verhallt, als nach einer kurzen fach lichen Zwischenbemerkung Trimborns (Zentruni) Dr. Helfferich sprach und sofort Anlaß zu unerhörten Lärmszenen gab. Die äußerste Linke nahn Helfferichs Überheblichkeit diesmal sehr übel und schrie jeden weiteren Redeversuch rücksichtslos nieder. Im übrigen spielte Herr Helfferich den Superklugen, indem er Dr. Wirth vorrechnete, daß für die Aufbrin-
» der Eoldannuitäten nicht 40 bis 45 Milliarden erniark nötig seien, sondern 72; also sei das Ultimatum nicht durchführbar. Der Mehrheitssozialist Keil ging mit Helfferich in auffällig scharfer Form ins Gericht, indeni er dessen alte Sünden als Reichs- fchatzfekretär und Vizekanzler hervorholle. Jll der
Sache selbst behielt er sich natürlich seine Stellungnahme bis zur Einbringung der Vorlagen vör. Dr. Becker- Hessen (D. V.) mahnte mit einem Seitenhieb aus Helfferich von der Forffetzung des Gezänkes ab; das alles habe man schon in Weimar erlebt, und die Wiederholung mache es nicht schmackhafter. Sachlich war auch Herr Becker der Ansicht, daß das Ulri- matum nicht durchzuführen sei. Besonders energisch lehnte er die auch sonst mit geteilten Empfindungen vom Hause aufgenommene Ankündigung Wirths bezüglich einer Beteiligung Reiches an der Industrie ab. Trotzdem stellte er. wie Helfferich, seine Mitarbeit in Aussicht. Die Ausführungen der übrigen Redner enthielten nur Grundsätzliches.
Heute soll der Rest des Plenums aufgearbeitet werden. Dann beginnen die Ferien.
Sitzungsbericht.
Br. Berlin, 7. Juli. (Erg. Drahtberichl.) Nachdem am Mittwoch im Reichstag in zweiter und dritter Lesung der Gesetzentwurf über die Gebühren der Rechtsanwälte und Gerichtsvollzieher erledigt war. wurde di« zweite Lesung des Gesetzes über die WochenbeihUte vorgenommen. Frauen aller Parteien sprachen zu diesem Gesetz. Die Anträge der Unabhängigen, welche eine Erweiterung des Gesetzes darstellen. wurden dem Ausschuß überwiesen und die Vorlage selbst angenommen. Darauf schritt man zur Abstimmung über das kommuni st ische Mißtrauensvotum.
s gegen die Stimmen der lluabhänsige« und Kommunisten abgelehnt wurde.
Bei der dritten Lesting des Rachtragsetats ergriff Reichskanzler Dr. Wirth
das Wolt zu einer groben finanz-volitrschen Red«.
Er führte aus: Nach der Anregung des Seniorenkonoents werden wir hier die groben Steueroorlagen und die allgemein«» Reparationsvrobleme zu behandeln haben. Es ist gewünscht worden, dab ich noch vor den Ferien di« Steuer- pläiie der Rcgienmg schildern soll. Ich bin dieser Aufforderung beute morgen im Reparation» ausschub des Reichswirtschaftsrates nachgekommen und werde es auch hier in diesem Sause tun. Es sind zwei Jahre her. dab in der Nationalversammlung die ungeheure schwere Aufgabe der
finanziellen Liquidatto« des Weltkrieges hervortrat. Der Bedarf des Reiches und der Länder wurde damals auf 25 Milliarden geschätzt. Es wurde bei der Schätzung der Reichsfinanzen nachdrücklichst darauf hingewiesen. dab es sich nur um Annäherungswerte handele und grobe Unbekannte noch nicht feststanden. Dazu kamen zwei Faktoren, deren Vorhandensein wir in den letzten Jahren erst zu spüren bekommen haben: die Geldentwertung und die nachttäglichen Kriegsausgaben. Zahlreiche undurchsichtige Kriegsanleihen wurden aufgenommen.
Ei« furchtbarer Raubbau
mit allen Werten begann, nicht zum mindesten an Menscheu- kraft. Die Ersetzung dieser verbrauchten Kapitalien konnte nicht ohne Eingreifen des Reiches erfolgen. Das Reich mutzte eine grobe Schuld Lberuebmeu. die umso empfindlicher ist. als jede Reparationsgoldmark ein Vielfaches in Paviermark darstellt:
Die Entwertung des Geldes
ist der zwette Faktor, der unsere Finanz! ige charakterisiert und sie bis zu einem gewissen Grade undurchsichtig gestaltet. Die Inanspruchnahme der deutschen Volkswirtschaft bis zur Erschöpfung, die Verpflichtungen gegen das Ausland und der Zusammenbruch der Wirtschaft, das alles in Verbindung mit den groben politischen Umwälzungen und der geforderten
» ung der Inlandspreise an den Weltmarktpreis und ifhebuwg der Zwangswirtschaft, sind die Gründe dafür. Der jetzige Markwert bettägt nur ein Zehntel, des Friedenswertes. Diese Zustände haben zur Folg«, dab das Bild der Finanzlage des Reiches in ungeheurer Verzerrung erscheint. Jede Mark Steuer, die wir an das Reich bezahlen, ist nur ein Groschen. Jede Mark Einkommen!, die wtt haben, ist auch nichts anderes. Während wir hinsichtlich unseres Einkommens diese veränderten Relationen lehr wobl zu würdigen wissen, taucht dem Steuerzahler die Errnnerung an kie Goldmark in dem Augenblick wieder auf. wo es gilt. Steuern »n zahlen. Das mub auch bei dem gegenwärtigen Etat berücksichtigt werden, ebenso bei unseren Leistungen an das Reich. Jeder andere Vergleich bedeutet eine Irreführung des deutschen Volkes.
Der Kanzler ging dann auf die einzelnen Positronen des Etats ein und meinte, dieser Etat mühte so rasch als mfc lich abgebaut werden. In dem Augenblick, wo die deutsche Reichsmark bauernd dem Abgrund zustürzt. braucht man
keinen Flnairzminister mehr, sondern einfach einen Referen- ,ieD '
ten der die Druckerpresse in Bewegung setzt. Mit Rücksicht aus das Schwanken der deutschen Valuta iinh die deutschen Leistungen mit Vorbehalt zu beurteilen. Eine Festsetzung der Reparationskosten auf erttägliche bohr muffe das Ziel der ganzen Welt sein. Auch aus der Gegenseite sei die Rotwendigkeit der Einschränkung der Besatzungskosten zugegeben worden. Für die ersten Jahre bade man in Papiermark aus dem Ultimatum mit einer Belastung in Höbe von 42 Milliarden rechnen muffen. Dazu kämen die Befatzuwgs- kosten. Bei der Stabil ff ierun« des Geldwertes werde sich alles zusammen auf 3.3 Milliarden «oldmark jährlich, d. b. auf 40 bis 50 Milliarden Papiermark stellen. Wie soll e« nun mit einer Deckung der Kosten werden? Das Ziel sei dab die laufenden Konttibutiotzen aus deir laufenden Einnahmen gedeckt werden. Wir stehen jetzt vor der
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Die erste habe mir der Durchführung des Gleichgewichtes im Etat gegolten. Trotz der hohen Belastung für das ganze Volt werde man doch versuchen muffen, indirekte Steuer» etnzubrin««».
Der Kansler kam hierauf auf
die diretten Steuern, die sogen. Besitzsteuern, zu sprechen. Es handele sich um ein« Verbesserung der Technik und der Steueriontrolle. Diese sei oft wirksamer als die Einführung neuer Steuern. Auf diese Weise seien auch die Hohen Zahlen von Milliarden zu erlangen. Weiter sei an den Ausbau des Reichsnotopfers und die Erhöhung der Kapitalertragssteuer. sowie eine Besteuerung der Versicherung und einen Ausbau der Kraftfahrzeugsteuer gedacht. Auch ein« Wettrennsteuer sei vorgesehen. Unter den indirekten Steuern plane man eine Zoll- erhöbung und Ausbau bestehender indirekter Steuern auf Kohle. Zucker. Tabak und Bier, ferner den Ausbau des Branntweinmonopols, der Mineralwassersteuer und Zünd- holzsteuer. Der Grundgedanke des Reichsnotopfers sei. dab der Besitz nach Mabgabe seiner Leistungsfähigkeit Opfer bringen solle. Die Besitzer von Real vermögen seien nicht so weit belastet, wie die Besitzer von Papiervermögen. Ein Ausgleich müsse durch die Wiederherstellung des ursprünglichen Gedankens des Reichsnotopfers geschaffen werden. Auch hier müsse die Wertverschiebung berücksichtigt werden. Es könne auch eine Besserung des Geldwertes eintreten. Darum fei die Schaffung eines beweglichen Faktors nötig, der der Entwertung des Geldes Rechnung ttage und eine unsleichmäbige Behandlung der Besitzer aussMietze. Das Reichsnotopfer belast« die Vermögen um 10 Prozent. Dazu solle eine
erhöhte Vermögensabgabe erhoben werden.» die von Jahr zu Jahr neu zu veranlagen ist. Die Körperschaften, besonders die Erwerbsgesellschaften, 'ollen für die nächste» Jabre dazu herangezogen werden, "ür Kleinrentner seien besondere Vergünstigungen vorge- befrei “
sehen. Für andere
»Leiten kämen
re Über
gangsbestimmungen in^Fvage. Die Schätzung bei der Frage
den Umbau des Reichsnotopfers könne gegeben werden, wenn der Entwurf vorliege. Es dürfe mit 7 bis 8 Milliarden gerechnet werde«. Die Reichsrrgierung bearbeite jetzt den P lan einer
Beteiligung des Reiches an der Industrie
durch Sicherung eines Teiles der Dividenden. Es müsse dabei vermieden weiden, dab den Unternehmern flüssige Mittel entzogen würden. Deshalb feien für die Unternehmer die betteffenden Steuern zu modifizieren. Anfang September würde»'dem Reichstag nähe« Mitteilungen zu- geben.
Weiter käme in Frage die Besteuerung des Vermögens- Zuwachses, der allerdings »um Teil schon durch di« frühere Kriegsabgabe und die Einkommensteuer ersaht sei. Es erscheine demnach geboten, den nach dem 31. Juli oder mindestens nach dem 31. Dezember 1919 entstandenen Zuwachs durch eine Abgabe zu erfassen, zumal die Vesttzsteuer gering sei. Es solle sich jedoch um Fälle von beträchtlichem Zuwachs handeln. Von der Verbesserung der Verantagungs- technik erwarte man 8 Milliarden mehr als im Vorjahre, wenn das Wirtschaftsjahr nicht weiteren Störungen ausgesetzt werde. Bei der ganz geringen Vermehrung der Kohlensteuer um 5 Prozent erwarte man ein Plus von 32 bis 36 Millionen. Rach Durchführung der Steuersesetze können wir mit einer
Einnahme von 88 Milliarden
rechnen. Es ist weiter der Valutagewinn zu erwägen. Es schweben noch Erwägungen darüber, die Steuern so zu gestalten. dab sie einen Anreiz zur Produktivität der einzelnen Bergwerke und Betriebe bieten.
Im nächsten Jahre werden sich die direkten Steuern auf 40)4 Milliarden stellen, dazu kommt die einmalige Einnahme vom Vermögenszuwachs und von den Nachkriegsgewinnen im Betrag« von einer Milliarde. Die indirekten Steuern sollen 36)4 Milliarde ergeben. Wenn es gelingt, diese groben Mehreinnahmen zn schassen, so ist die Voraussetzung für die dritte Etavve der Fiuanzrefarm gegeben, die aber erst später erfolgen kann: Das Programm der
Stabilisierung des Geldwertes und der Währungsreform.
Das Problem steht erst in groben Umrissen fest. Wichtig ist. dab wir den Reparationset.it in geordnete Bahnen lenken. Die Garantiekommission bat in einer Rote geschrieben, sie «rkeune di« voll« Bedeutung einer Festigung der Valuta für die Ausführung der Verpflichtungen gegen die Verbündeten am Es gebe einen doppelten Fctttor zur Befestigung der Mark: Dar Gleichgewicht des Budgets und die Einstellung der Ausgabe von ungedeckten Danknoten. Das Ga- rcmtiekomitee verkenne nicht die Schwierigkeiten der deutschen Regierung. Es fei der Ansicht, dab noch durchgreifende Reformen erforderlich seien. Im andern Falle mübten die Maßnahmen der Alliierten geändert iverden. Diese Warnung ist zu beachten, aber wir dürfen fragen, ob nun nicht auch von der anderen Seite
die Sanktionen rum Abbau
kommen, die der deutschen Wirtschaft grobe Wunden geschlagen haben. Es fft eine merkwürdige Tatsache, dab man grob« Reformen von uns verlangt, während renr Sanktionen am Rhein den deutschen Balkskörver schwächen und das Loch im Westen für Echieberwarrn geöffnet wird. Das gleiche gilt von der Stabilisierung der Verhältnisse in Oberschlesien. Wir wollen die Opfer auf uus nehmen, aber die Sanktionen müssen von uns genommen werden. Es mub eine mittler« Linie gefunden werden, auf der sich das deutsche Volk einigt. Soll sich das deutsche Volk an dem Wiederaufbau Europas beteiligen, so gebe man ihm einen freien Raum. Wtt haben den ehrlichen Wille«, wtt erwarte» da» gleich« nun von brr Gegenseite.
Hierauf wurde in die
Befurechuu« der Rrichskauzlerrebe
emgetreten.
Die Ausführungen des Abg. Helfferich verursachten
grob«« Lärm. Seine Kritik an der Red« des Reichskanzlers
Wtt^ €» 4K0butte te» Siattweie tu
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