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Sonntag, 3. Ju!^ 1921.

Eine Forderung des gesunden Menschenverstandes.

Im Reichstag Hai am Donnerstag der neue deutsche Mutzemnirnster Dr, Rosen mit viel Geschick die Stel­lung der deutschen Regierung zur Frage der Sank­tionen dargelegt. Trotzdem auch Minister Rosen die rechtliche Seite dieser Angelegenheit nicht außer Be­tracht ließ, und trotzdem er sich auf den gleichen recht­lichen Standpunkt wie Dr. Simons stellte, nämlich, daß das Fortbestehen der Sanktionen durch nichts zu recht­fertigen ist, scheint doch auch er wohl das Gefühl dafür zu haben, wie wenig heute, wie die Dinge nun einmal liegen, eine solch- Beweisführung nützt. Der Minister hat daher mit Recht ausgesprochen, daß er sich von einem Appell cm das Gerechtigkeitsgefühl wenig ver­spricht uwd er hat darum in erster Linie an die Ver- nunft, an den praktischen Sinn der Gegenseite appelliert.

Tatsächlich sind ja auch alle Schritte, die die deut­sche Regierung unternommen hat, um die Aufhebung der Sanktionen zu erreichen — und die Gegner des Kabinetts Wir^h mögen aus diesen Ausführungen er­sehen haben, daß die Regierung keineswegs untätig gewesen ist, wie sie ihren Gläubigen Vorreden möchten — ohne praktisches Ergebnis geblieben. Der deutsche Botschafter Dr. Mayer hat bei seinem Besuch bei Briand ebenso wenig wie der deutsche Botschafter in Loirdon, S t h a m e r, in der Unterredung mit Lord Eurzon die Aufhebung der Sanktionen zu erreichen vermocht. In London hat man dem deutschen Der- treter zwar gute Ratschläge gegeben, aber man hat sich gehütet, irgendwelche bestimmten Zusagen zu machen. In Italien hat sich der jetzt zurückgetretene Außen­minister Graf Sforza für die Aufhebung der Sank­tionen ausgesprochen. Es besteht Grund zu der An­nahme, daß die italienische Negierung auch nach dem Rücktritt des Kabinetts Eiolitti die gleiche Haltung einnimmt. In Frankreich jedoch lehnt man die Auf­hebung der Sanktionen nach wie vor ab. Nun wird sich der Oberste Rat in seiner "nächsten Sitzung, die Mitte dieses Monats stattfinden soll, mit der Frage der Aufhebung der Sanktionen zu befassen haben. Es wäre jedoch ein unangebrachter Optimismus, aus der Haltung Italiens und aus den vorsichtigen englischen Erklärungen nun den Schluß zu ziehen, daß sich der Oberste Rat für die Aufhebung der Sanktionen aus­sprechen wird, Dr. Rosen hat keinen Zweifel daran ge­kästen. daß Deutschland bis zum Zusammentritt des Obersten Rats nichts unversucht lasten wird, „was zur Geltendmachung unseres Rechtes dienen kann".

Deutschland ist entschlossen, die einmal übernomme­nen ungeheuren Verpflichtungen auch weiterhin getreu zu erfüllen. Gerade aber weil es gewillt ist, das Ulti­matum durchzuführen, muß es immer wieder den Ruf erheben: Fort mit den Sanktionen! Hält Frankreich an den Sanktionen fest, dann macht es die Erfüllung des Ultimatums unmöglich. Die Sanktionen haben eine so verhängnisvolle Wirkung für die deutsche Volks­wirtschaft, sie mildern die deutsche Leistungsfähigkeit derartig herab, daß die Erfüllung der ungeheuren Ver­pflichtungen verhindert wird, daran haben die Redner der verschiedenen Parteien in der Donnerstags- und Freitagssitzung des Reichstags keinen Zweifel gelasten. Auch der Reichskanzler Dr, Wirth hat erst kürzlich eineck Vertreter der Wiener „Reuen Freien Presse" gegenüber betont: „Die Sanktionen wirken wie eine Wunde am deutschen Wirtschaftskörper, deren Schmerz sich jeden Augenblick fühlbar macht. Wer Leistungen von der deutschen Arbeitskraft verlangt, darf nicht solche Wunden offen halten," Im gleichen Sinne hat der Außenminister Dr. Rosen darauf hingewiesen, welcher Widersinn darin liegt, wenn man von Deutsch­land übermenschliche Kraftanstrengungen zur Tilgung der Reparationsschulden verlangt und im gleichen Augenblick Maßnahmen aufrechterhält, „die unseren Gläubigern nichts nutzen, und die auf der anderen Seite täglich und stündlich die wirtschaftliche Lage Deutschlands schwächen und desten Leistungsfähigkeit vor mindern."

Die Stellungnahme des Grafen Sforza und auch manche englische Äußerungen lasten erkennen, daß man sich aus der Gegenseite diesen Gründen nicht völlig verschließt. In England hat man ja immer gut zu rechnen verstanden und schon in seinem bekannten Buch über den Friedensvertrag hat der Engländer Keanes seinen Landsleuten erklärt, wie sehr sie sich selbst schädigen, wenn sie die deutsche Leistungsfähig­keit zu stark herabmindern. Selbst wenn es zwischen den uabeverwandten Rasten Europas keine Gemein­schaft gibt, so gibt es doch eine wirtschaftliche Solidari­tät, die man nicht außer,acht lasten darf und über die sich niemand ungestraft hinwegsetzen kann. Auch in Frankreich muß niau zu der Erkenntnis kommen können,

Morgen-Ausgabe.

daß nur ein Deutschland, dessen Wirtschaft gesund und lebensfähig ist, die ungeheuren Reparationsverpflich- tungen zu erfüllen vermag. Der englische Lordkanzler Birkenhead hat auf dem Kongreß der internationalen Handelskammern jetzt erst wieder betont, die Entschädi­gung. die man Deutschland auferlegt habe, könne nur in Arbeit und Arbeitsprodukten geleistet werden. Dar­aus folge aber auch, daß man sich nun entschließen müste, Deutschland den Übergang in einen Zustand zu erleichtern, der die Zahlungen möglich macht. Mit an­deren Worten heißt das, man muß die Sanktionen so schnell wie möglich aufheben. Daher ist das deutsche Verlangen auf Aufhebung der Sanktionen nicht allein, wie Rnnister Rosen ausführte, „eine Forderung der Gerechtigkeit, sondern eine Forderung des gesunden Menschenverstandes im Intereste derjenigen, denen die deutschen Reparationsleistungen zugrcte kommen sollen!"

Die 2. Internationale für Aufhebung der Sanktionen.

W. T.-B. Berlin, 1. Juli. Das Exekutivkomitee der Zw e i t« n I n t e r n a t i o na l e. das am 27. und 28. Juni in London tagte, faßte mit bezug aus die Sanktionen einen Beschluß. worin es laut „Vorwärts" u. a. heißt:

„Das Exekutivkomitte beschließt. die alliierten Regie­rungen nachdrücklichst zur Aushebung der Sank­tionen a u f i u f o t b e r n, da die jetzt gebildete deutsche Negierung sich zur Durchführung von Forderungen ver­pflichtete. die die Alliierten selbst als zufriedenstellend an­erkennen. Das Exekutivkomitee kommt zu diesem Be­schluh auch aus dem Grunde, well die beteiligten Völker — idßijnc dies« Sanktionen gelten — in die Unmög­lichkeit versetzt werden, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen und so die internationalen öandelsbeziebungen wiederherzustellen. Das Exekutivkomitee beschlieht ferner, die parlamentarischen Gruppen der beteiligten Staaten auf die Notwendigkeit eines schnellen und energi­schen Handels hinzuweisen."

Der Wiederaufbau der zerstörten Gebiete.

W.T.-B. Paris, 1. Juli, Das nationale Aktions­komitee für die vollständige Reparation der Kriegsschäden veröffentlicht einen Bericht, in dem u. a. gelagt wird: Das Aktionskomitee richtete an die öffentlichen Gewalten die dringende Aufforderung, erstens, die Ab­schätzung der Schäden und die endgültige Entscheidung dar- ül»er zu beschleunigen, damit über den Entschädigungs­betrag endgültig Klarheit geschaffen wird, zweitens, von Deutschland Naturallieserungen lMaterialien. Robsroffe und Waren) anzunebmen, wenn durch diese Liefe­rungen der Wiederaufbau beschleunigt wird. Dabei sollen die Verfalltage der Jabreszablungen in Metall- oder Pa­piergeld nickt abgewartet werden, drittens, wenn nötig, nach einer Verständigung mit den örtlichen Behörden als Reparation auch deutsche Arbeitskräfte anzu- nebmcn. deren Leitung und Verteilung sich unter der Kon­trolle der zuständigen Behörde vollziehen soll.

Sitzung des Botschaftsrats.

W.T.-B. Paris, 1. Juli. Der heutigen Sitzung des Botschafterrates. die unter dem Vorsttz von Jules Cambon stotigefunden bat haben der-österreichische Dele­gierte in der Finanzabteilung des Völkerbundes und der italienisch« Gesandte in Wien, della Torretta. beigewohnt. Die Konferenz bat über den Plan der wirtschaftlichen Wiederausrichtung Ssterreichs verhandelt und be- fcklosien, an die amerikanische Regierung eine Frage zu richten, ob sie geneigt sei, aus eine Forderung an die öster­reichischen Schulden vorläufig zu verzichten.

Der Friede mit Amerika.

Dz. Washington. 2. Juli. (Drabtbericht. Reuter.) Der Abstimmung über di« Vermittelungs-Resolution Porter- Knox ging eine lebhafte Debatte voraus. Senator Brand- ges (Republikaner) drückte in Beantwortung einer Frag« di« Meinung aus. dah die Verabschiedung der Resolution di« Rücknahme der amerikanischen Truvoen aus Deutschland zur Folge habe. Mar Kellar (Demokrat) bat um Auskunft, ob nicht die Absicht der Revublikaner vor­liege. auf di« Resolution den Friedensvertrag mit Deutsch­land folgen zu lasten. Brandges erwiderte, diese Absicht be­stehe nicht. Der Handelsvertrag und die Annahme der Re­solution würde den Friedensvertrag mit sich bringen.

Dz. London, 2. Juli. Die „Morning Post" meldet aus Washington. dah die unversöhnliche Gruove im Senat scbr beunruhigt lei. dah Staatssekretär Hughes, wie be­richtet wurde, die Abäickerung des Friedensoertrages von Versailles beendet hat und dah der Vertrag demnach vom Präsidenten dem Senat unterbreitet werden wird. Die Un­versöhnlichen erklären, dah. wenn Hughes den Präsidenten dazu veranlasie. den Vertrag neu zu unterbreiten, dies zu einem neuen erbitterten Kampfe und zu ernsten Soaltungen innerhalb der Parteien fübren würde, über di« Fegg«, ob der Vertrag ratifiziert werden könne, sind der „Morning Post" zufolge die Ansichten geteilt.

Minister Eröner in München.

Br. München. 2. Juli. (Eckener Drabtbericht) Reichs- vcrkebrsminister Grüner trifft rm Montag in München ein. Der Minister wird die Wasterkrüftausstellung be­sichtigen und voraussichtlich auch wichlioe Besprech­ungen abhalten.

Empfang des norwegischen Gesandten durch den Reichspräsidenten.

Dz. Bcrlm. 1. Juli. Der Reichspräsident empfing den neuernannten norwegischen G>'sandten Arno Scheel zur Entgegennahme des Beglaubigungsschreibens. Der Reichs- Minister des Auswärtigen Dr. Rosen war zugegen.

Nr. 393. ♦ 69. Jahrgang.

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Eine Erklärung Briands über Ober- schlesien.

D. Paris, 2. Juli. (Gig. Drah (bericht,) Gestern nach­mittag gab Briand vor der Finanzkommission der Kam­mer di« Erklärung ab über die Herabsetzung der Ausgaben in der Levante und über die o b e r s ch l e s i s ch e Frage. Er erklärte: die oberschlesiscke Frage habe sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert und die drei Delegierten der Interalliierten Kommission in Orweln seien im Be­griffe, ibr« Berichte einznreichen. die zwar nicht einstimmig den gleichen Vorschlag enthielten, aber geneigt seien, eine Grundlage für eine gemein sa me Formel zu er­langen. Die Ententekonserenz. d. b. der Oberste Rat. werde fick demnächst mit diesen Berichten au befaßen haben in einer Zusammenkunft, die entweder in Paris oder London statt- sinden soll und zwar jedenfalls noch im Laufs des Monats Juli. Die Finonzkommisiion der Kammer bat von diesen Erklärungen Kenntnis genommen und die bemerkenswerte Feststellung gemacht, die den Charakter eines wichtigen Ge­ständnisses bat. nämlich die ganze unheilvolle Lage Ober- fcMcHcnc- fei verursacht und verschuldet durch die polnische Invasion. Der Einmarsch der deutschen Selbstschrtzforma- tionrn in Oberschlesien sei nur eine Wirkung dieses polni­schen Angriffes gewesen.

Ein Staatskommissariat für Oberschlesien?

Br. Berlin, 2. Juli. (Eigener Drabtbericht.) Wie Breslauer Blätter aus guter Quelle erfahren, verlautet dort, dah die Frage erwogen wird, ob die Einrichtung der Stelle eines Reichs- oder Staatskommissariats für Oberschlesien ins Auge zu fasten ist. Die volitischen und neben ihnen auch die wirtschaftlichen Fragen, die stch aus der jetzigen Lase der Dinge in Oberfchlesien .-rgeben. lasten es wünschenswert er­scheinen, dah eine Stelle errichtet wird, in welcher durch Zentralisierung eine gewiste Einheitlichkeit in die not­wendig werdende Abwickelung, sowie auch in der Neuein­stellung aus die künftigen V-rbältniste geschaffen wird. Im Zusammenhang mit dieser Erwägung wird hier der Name des Kammerpräsidenten Kiesels genannt.

Das Kontributionsvcrlangeu an die Stadt Myslowitz.

Dz. Mylowitz, 30. Juni. Zur Aufbringung der der Stadt auferlegien Kontributionen von einer Million hatte der polnisch« Kommandant am 28. Juni, nachmittags, eine Anzahl deutscher Kaufleute zu einer Besprechung eingeladen. Es wurde erklärt, daß sie die Summ« aufzu- brivaen batten, sonst würde das Geld zwangsweise einge­zogen. Hierauf griffen zwei Beamte der Kreiskontrolle in Kattowitz ein. Sie erklärten nachdrücklich, dah ein Zwang nicht ausgeübt werden dürfe. Darauf forderten die Polen freiwillige Zeichnungen. Einige Polen, die ein gutes Beispiel geben wollten, zeichneten gewisse Beträge. Die Deutschen erklärten, darüber unter sich verhandeln zu wollen.

Zusammenstöße zwischen Italienern und Insurgenten.

Dz. Ratibor, 30. Juni. In S ch i ch o w i tz. Kreis Ratt- bor, kam es gestern nacht zu einem Zusammenstoh zwischen Italienern und polnischen Insurgenten. Die Italiener waren von den Polen angegriffen worden. Einzelheiten fehlen.

Räubereien der Insurgenten beim Rückzug.

W. T.-B. Berlin. 1. Juli. Nachrichten aus den von den Insurgenten verlastenen oberschlesischen Gebieten stimmen, wie das ,.B. T." meldet, darin überein, dah die Geiamtbe- völkevung einschliehlich der kulturell höher siebenden volni- schen Schichten aufatmet, dah die polnische Wirtschaft ein Ende Hai. Selbst aus dem stark polnischen Kreise R n b n i k werden Beschlüße rein polnischer Betriebsräte gemeldet, die sich für die Unteilbarkeit O b erfch le­st e n s und gegen die Zuteilung an Polen aussprechen. Ähnliche Nachrichten kommen auch aus dem Kreise Beu- tben. Weitere Blättermeldungen aus Oberschlesien bestä­tigen die unerhörten Räubereien und Erorestungen. die die Insurgenten bei ihrem Rückzug verübten. Im Kreise Kattowitz nehmen die Polen alles mit. was sie zu­sammenraffen können. Auch verüben die Polen weiter gegen die bedrückte Bevölkerung die s ch l i m m st e n Miß­handlungen. Fast in jedem Doris befinden sich Prügel st ationen. worin die oberschlesischr Bevölke­rung. alt und jung, Mann und Frau, in grausamster Weise gefoltert werden. _

Die AusfutzrabgaSe.

Br. Berlin. 2 Juli. (Eig. Drabtbericht.) Wie das .Berliner Tageblatt" erfährt, hat stch das Garantie- k v m i t e e mit der Frage besaht, ob die A u s f u h r a b - g a l- e, die im Ultimatum der Entente vom 10. Mai vorge­sehen. ist. durch einen anderen Index ersetzt werden kann. Die Besprechungen über die Frage dauern zunächst noch fort. Es stelzen verschiedene Vorschläae zur Debrtte. die aber bisher noch zu keinem greifbaren Projekt geführt haben.

Die Beratung der neuen Steuern in den Kommissionen.

Br. Berlin. 2. Juli. (Eigener Drabtbericht.) Nach dem „Berliner Lokalanzeiger" werdm stch die Erörterungen über die Steuerfragen in den Kommissionen den ganzen Som­mer hinziehen, um dann im Herbst ein Positivum zu bieten.

Verlängerung der Geltungsdauer des Wohuungs- mangelgesctzes.

Dz. Berlin, 2. Juli. (Drabtbericht.) Zur Gesetz­gebung in der Wohnungsfrage wird mitgeteilt, der Reichstag habe das Reichsnefetz noch nickt verabschiedet, doch sei die Geltungsdauer des Wohnungsmangrlges-tzes vom 11. Mai 1920 bis zum 31. März 1922 verlängert wor­den. Ferner wurden zur Beschränkung von Zwangsvoll­streckungen geeignet« Mahnahmen für gültig erklärt. Als solche komnien vor allem Anordnungen in betracht, welch« bei Räumungsurteilen die Zwangsvollstreckung nur zue lallen, wen» das Mieteintaungsamt sie genehmigt bat. - _