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Mittwoch, 22. Juni 1921.

MovgeN-ANSglLbO» Nr. 283. ch. 69. Jahrgang.

Die britische Reichskonferenz.

Zn London ist jetzt die britische Reichskonferenz zu- ßlmmengetreten. An ihr nehmen nutzer den Vertre­tern der englischen Regierung teil: die Premier­minister von Kanada (Meighen), Australien (Hughes), Südafrika (Smuts), Neuseeland (Massey), der High Lommissioner von Neufundland (Sir Edgar Bowring). Indien ist durch Sastri und den Maharadscha von Lutch vertreten. Die Konferenz wird wahrscheinlich mehrere Wochen dauern. Man sah ihr seit langem mit grotzer Spannung entgegen, da sie Fragen, die für das britische Weltreich von grundlegender Bedeutung sind, zur Klärung bringen soll. Zm Vordergrund der Dis­kussionen stehen zwei Probleme: einmal die Form, in der sich zukünftig die Kooperation zwischen London und den Dominions vollziehen soll, und dann die hochpolitische Frage der Erneuerung des englisch-japanischen Bündnisses, das am 13. Juni 1920 ablief und zunächst für die Dauer eines Jahres verlängert wurde.

Der Zusammenarbeit der Regierungen Großbritan- niens und der Dominions wurde im späteren Verlauf des Krieges Rückgrat gegeben durch die Schaffung des sogenannten Kriegskabinetts, das nur die Vertreter der wichtigsten Ressorts umfaßte und unter Zuziehung der Premierminister der Dominions über die wichtig­sten Kriegsangelegenheiten und sogar über die Gestal­tung der Friedensbedingungen entschied. Schon wäh­rend des Krieges wurde der Gedanke erwogen, das Kriegskabinett zu einer dauernden Friedensinstitution zu machen, es in einer Art Reichskabinett aufgehen zu «affen. Zn gewiffen Kreisen wurde sogar an ein Reichs- Parlament gedacht.' Möglichst bald nach Beendigung des Krieges sollte eine Konferenz der Premierminister zusammenberusen werden, die sich mit der Frage eines mgeren Zusammenschluffes der einzelnen Teile des britischen Reiches zu beschäftigen hätte. Denn darauf lief im Grunde der Plan hinaus. Diejenigen, die die­sem Gedanken anhingen, griffen damit aus die Politik des alten Chamberlain zurück, der seine Lebens­arbeit in der Förderung des britischen Reichsgedankens sah und aus Großbritannien ein „Erötzerbritannien" hervorgehen kaffen wollte, nicht zuletzt aus tarifpoliti­schen Rücksichten, denn ihm, dem Schutzzöllner, schwebte dabei vor, daß Freihandel nur innerhalb des Reiches herrschen solle. Die Wiederaufnahme solcher Gedanken , hätte zur Folge, daß die Beziehungen der Dominions zum Mutterland auf eine neue verfassungs­mäßig ausgebaute Grundlage gestellt werden. Davon wollen aber die Dominions nichts wissen. Sie wehren sich gegen jede Änderung des gegenwärtigen Zustan­des, der ihnen eine Einschränkung ihrer Bewegungs­freiheit in politischer oder wirtschaftlicher Hinsicht brin- tzen würde. Sie berufen sich — und zwar mit Recht — darauf, daß im Kriege, in der Stunde der Gefahr, das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit und des ge­meinsamen Verteidigungsinteresses genügt habe, die Dominions zu freiwilligen Leistungen für die Sicher- , heit des Reiches anzuspornen, mit denen England zu- srieden sein könne. Man versteht aber immerhin die Sorge der englischen Regierung, daß einmal eine Ent­wicklung eintreten könnte, bei der sich die Möglichkeit ergäbe, daß die Dominions das Mutterland nicht so tat­kräftig unterstützen würden, wie es im Weltkriege der f Fall war. Schon heute ist ja die Selbständigkeit der Dominions so groß, daß auf die Erledigung ihrer inneren Angelegenheit England so gut wie gar keinen Einfluß mehr hat. Auch in der auswärtigen Politik hat sich der Eigenwille der Dominions schon kräftig geäußert, und er hat nach außen hin stärksten Ausdruck dadurch gesunden, daß der Friedensvertrag auch die Unterschrift der Premierminister der Dominions trägt And daß die Dominions dem Völkerbund als selb­ständige Mitglieder angehören. Aber auch wenn Eng- - iand sich auf seine Tochterstaaten in jedem Falle ver- j taffen kann, hat es ein dringendes Interesse daran, ste zu tatkräftiger Mitarbeit an den Aufgaben des Reiches Heranzuziehen. Hierbei ist vor allen Dingen an die Reichsverteidigung zu denken. Die Landcheere [ sind von den Dominions zwar schon lange selbständig «usgoschaltet. für die Flotte aber, deren Tätigkeit allen k Teilen des Reiches zukommen, hat England allein die gewaltigen Lasten zu tragen. Es ist verständlich, daß England den Wunsch hat, daß die Dominions, die nach­drücklich auf ihre Rechte pochen, auch an den Verpflich­tungen des Reiches teilnehmen. Die Debatten dar­über — es handelt sich hier in erster Linie »m ein ■ Nnasszielles Problem — dürften bei den Verhandlun­gen einen breiten Raum einnehmen. Zm engen Zu­sammenhang damit stehen die Verkehrsfragen, nament­lich Fragen der Luftfahrt, die auf der Konferenz be­handelt werden sollen.

Das Hauptinteresse ist jedoch der Diskussion über die Erneuerung des englisch - japanischen Bündnisses zugewandt. Rach dem Ausscheiden Deutschlands und Rußlands als Machtsaktoren der Weltpolitik hat eigentlich das englische Bündnis mit Japan keinen Sinn mehr. Es besteht indessen in Downing Street keine Neigung, das Bündnis auszu­geben. Die Beweglichkeit der englischen Politik ist so groß, daß sie unter veränderten Verhältnissen dem ur­sprünglich zu ganz anderen Zwecken geschlossenen Bünd­nis heute eine andere Spitze gibt. Nach Lage der Dinge kann dies nur Amerika sein, das wirtschaftlich und politisch, vom Standpunkt Englands aus gesehen, in die Stelle Deutschlands eingerückt ist. Noch stärker ist der Gegensatz zwischen Japan und der Union im fernen Osten, Zn der Aufrechterhaltung des Bünd­nisses braucht natürlich kerne aggressive Drohung von seiten Englands zu liegen, da es in.dem Bündnis nur eine Sicherheit sieht, eine Sicherheit, die in höherem Maße allerdings Japan zugute kommt. Aber eben aus diesem Grunde haben die Dominions starke Bedenken gegen die Erneuerung des Bündnisses, vor allem Kanada und Australien. Kanada ist infolge seiner geographischen Lage und aus wirtschaftlichen Gründen aus ein gutes Verhältnis zu den Vereinigten Starten angewiesen. Australien fühlt sich wirtschaftlich von Japan bedroht, es fürchtet auch die „gelbe Gefahr" in Gestalt einer hemmungslosen japanischen Einwande­rung urid findet dabei einen starken Rückhalt an der Union. Auch Südafrika verspürt wirtschaftlich schon stark die japanische Rührigkeit. Es ist also erklärlich, daß die Dominions ein dringendes Interesse daran haben, daß das gute Verhältnis zu Amerika nicht durch das Fortbestehen einer Allianz gestört wird, die «sine Bedrohung Amerikas darstellt. Die Neigung, der Er­neuerung unter gewissen Voraussetzungen zuzustim­men, hat sich nun aber in der letzten Zeit in den Parlamenten und Regierungen der Dominions sehr verstärkt. Beruhigend hat immerhin die Versicherung gewirkt, daß der Bündnisvertrag einen Artikel ent­halte, nach dem England nicht verpflichtet fei, Japan gegen Amerika zu helfen. Über den Sinn und die Tragweite dieser Einschränkung besteht allerdings keine Klarheit. Am meisten dürste wohl die Haltung der Premierminister der Dominions beeinflußt werden von dem Gedanken, daß es möglich fein könnte, auf dem Wege einer Abrüstungskonferenz um die ge­fährliche Klippen, die das englisch-japanische Bündnis in sich trägt, herumzukommen. Darum wird auch die Frage der Abrüstung auf der Reichskonferenz eine er­hebliche Rolle spielen.

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gleichen Entbehrungen zu Kriegen gegen Napoleon I. in Europa wieder ein. Deutschlands betreffe.

Lloyd Georges Eröffnungsrede.

, London, 21. Juni. (Havas.) Die Reichskonferenz der Ministerpräsidenten der englischen Dominions wurde gestern mit einer Ansprache Lloyd Georges er­öffnet. m der er ein allgemeines Bild über die Weltlage gab und bei Besprechung der allgemein berrfchenden Arbeits­losigkeit erklärte, daß die britische Bevölkerung nicht die

erdulden habe, wie nach den Nach und nach kebre der Friede Was die Entwaffnung

..... ^ ,_ so bestehe die einzige Schwie-

rigkeit in der Bildung von Freifcharen, und diese Schwierig­keit erbebe sich viel mehr in Bayern als in Preußen: aber auch he werde in Bälde überwunden fein. Für die R e p a - rationen habe Deutschland einen Vorschlag angenommen, »er wm in durchaus praktischer Weise die Möglichkeit gebe, sich seiner Verpflichtungen gegen Frankreich und Italien zu entlsirgen. und die öffentliche Meinung in England habe sich damit vollständig befriedigt erklärt, so dah die beiden Fragen der Entwaffnung und der Reparationen entweder bereits geregelt oder auf dem besten Wege dazu seien. Es bestanden demnach nur noch zwei Schwierigkeiten: die Frage der polnischen Grenze gegen Oberschlesien und Litauen und der grrechisch - türkische Streitfall. Lloyd-George erklärte, er hege die beste Hoffnung in bezug auf diese beiden Fragen. Bei der Besprechung der Be­ziehungen zum fernen Osten erklärte er. England wünsche seine Freundschaft mit Japan zu wahren und China gerecht und billig zu behandeln. Die englische Auhenvolitik werde sich niemals auf Rassenunterschiede und verschiedene Stufen der Zivilisation stützen. Lloyd George erklärte weiter, er sei bereit, in allen Weltteilen Hand in Harch mit den Ver­einigten Staaten zu gehen und mit ihnen jeden möglichen Vorschlag zur Einschränkung der Rüstungen zu erörtern. Indessen hänge das ganze Leben des Vereinigten Königreichs von seiner Vormachtstellung zur See ab. Wir brauchen unsere Sicherheit — erklärte Lloyd George hier­zu — nichts mehr, nichts weniger. Das Mutterland ist wahrend des Krieges in enger Fühlung mii den überseeischen Besitzungen geblieben. Heute will England ihre Auffassung über alle Fragen von gemeinschaftlichem Interesse hören und ihnen leinen eigenen Standpunkt Mitteilen. Die Domi­nions werden Bunoesvölker des groben britifck>en Welt­reiches lein, und der letzte Krieg hat gezeigt, dah dieses Reich eine Macht ist, mit der man rechnen muhte. Die Ber- bandsmächte hätten vielleicht nicht den Sieg erringen können ohne die zwei Millionen Männer, die ans den überseeischen Besitzungen herberströmten. Das britische Weltreich ist ein freier Bund von Völkern, und dieser Bund beruht curi »e- meiuiamer Verüandiww«. nicht auf Gewalt.

Die Verteilung der Reparationen.

Dz. Paris. 21. Sunt. (Drahtbericht.) Wie der ..Petit Parisien" mitteilt, erbebt eine ganze Reibe kleinerer Staaten Anspruch auf einen Teil der von Deutschland zu leistenden Reparationszahlungen. Die Reparationskom­mission bat bereits folgende Staaten mit ihren Forderungen abgewiesen: Bolivien. China. Peru und Polen. In Berücksichtigung gezogen wurden die Forderungen der fol­genden Staaten: Brasilien. Kuba. Liberia. Griechenland. Rumänien. Serbien. Siam und Tschecho-Slowakei. Die Rcparationskommission ist zurzeit damit beschäftigt, grund­sätzlich und ein- für allsmal die Verteilung festzustellen. Die gröhte Schwierigkeit bereitet jedoch ein Prozentsatz von 6!4 Prozent der gesamten Entschädigung, die unter die kleinen Staaten zu verteilen ist.

Der Einfluß der deutschem Reparationsleistungen auf den amerikanischem Wechselkurs.

Dz. Paris, 21. Juni. (Drabtbericht.) '..Chicago Tribüne" erfährt aus autorisierter Quelle in Washington, dah das Staatsdepartement bei der Reparationskommission Vor­stellungen erhoben hat. um zu verhindern, dah Deutschland große Summen für Reparationsleistungen mittels Wechsels auf New Park bezahle. Die letzten deutschen Zahlungen hätten die Wechselkurse in Mitleidenschaft gezogen und in­folgedessen Amerika geschädigt.

Das Ergebnis der Orientksrrfererrz.

Dz. Paris, 21. Juni. (Drabtbericht.) Wie der ..Petit - Parisien" zu wissen glaubt, soll sich nach Auskünften, die ihm aus bester Quelle mitgeteilt worden sind. C u r z o n hinsicht­lich der Zukunft O st t h r a»i e n s nicht so intransigent gezeigt haben, wie angenommen worden ist. Er soll auf Einwendungen des französischen Ministerpräsidenten erklärt haben, dah er gegebenenfalls den türkischen Forde­rungen in weitestem Mähe ««(gegenkommen würde.

Reue Vorschläge der Kemalisten.

Dz. Paris, 21. Juni. Nach einer Bkättermeldung aus Athen hat der Abgesandte der französischen Regierung, der frühere Abg. Franklin Bouillon. Angora wieder verlassen. Er überbringt Frankreich, wie man versichert, neue Vorschläge der kemalistischen Regierung.

Die Interpellation über Oberschlefie».

Dz. Berlin» 21. Juni. Nach der gestrigen Sitzung des Rcichskabinetts, die sich mit der o b e r s ch l e I i s ch en Frage befaßte, fand eine Besprechung zwischen dem Reichs- konzler und den Parteiführern — ebenfalls über die ober- fchlesische Frage — statt. Die Berarung der Inter­pellation über Oberschlesien ist nicht auf die Tagesord­nung der heutigen Sitzung des Reichstags gesetzt worden, sondern dürfte erst am Mittwoch erfolgen. Für die Negierung wird voraussichtlich der Reichsminisier des Äußern Dr. Rosen sprechen.

Ein Antrag im preußischen Landtag.

W.T.-B. Berlin. 20. Juni. Im vreuhischen Larchtvg brachten die Zentrumspartei, die Deutschnationale Volks- partei. die Deutsche Vollspartei und die Deutsche demokra­tische Partei einen Antrag ein. der vom Staatsministerium Auskunft verlangt, weis in Ausführung des Landtagsbe- fchlusses vom 1. Mai geschehen ist, durch welchen das preußi­sche Staatsministerium aufgefordert wurde, beim Reichs dahin zu wirken, daß die interalliierten Mächte ihren Verpflichtungen in O b e r f ch l e f i e n Nachkommen und alles tun, um die schwere Lag« der oberschlesischen Be­völkerung zu erleichtern. Ferner verlangt der Antrag, daß das Staatsministerium durch die Vermittlung des Reiches bei der interalliierten Kommission nachdrücklich dabin wirke, daß diese, so lange sie Ruhe. Sicherheit und Qrdnung nicht selbst zu gewährleisten vermag, den durch die Lage unbe­dingt gebotenen Selbstschutz der oberschlesischen Bevölke­rung nicht beeinträchtige, für die Befreiung der ver- schleovten Deutschen Sorge trage und inzwischen deren Lage erträglich gestalte. Das Staatsministerium soll weiter beim Reiche aus die Schadloshaltung der in ihrer Person oder ihrem Eigentum geschädigten Deutschen durch die Polen und die interalliierten Mächte als die derzeitigen Inhaber der Staatsgewalt hinwirken, die vorläufige Abhilfe der aus diesen Schäden stch ergebenden Notstände aus Reichsmitteln berbeiführen und einstweilen preußische Mittel zur Ver­fügung zu stellen. Schliehlich soll das Staatsministerium sobald wie möglich dos für die Feststellung der Schäden sowie der polnischen Gewalttaten erforderliche Material zur Verwertung durch das Reich sammeln und sichten und das Ergebnis dem Landtag mitteilen.

Maßnahmen gegen Reichstags-Ruhestörer.

Br. Berlin. 21. Juni. (Eigener Drahtbericht.) Abge­ordneter Kahl (D. Vot.) hat folgenden Antrag für die Geschäftsordnung des Reichstags eingebracht:

Ein Mitglied des Reichstags, das stch den Anord­nungen des Präsiocnten trotz dreimaliger Aufforderung widersetzt, ist unter Entziehung des Ausweises und der Aufwandsentschädigung auf die Dauer von vier Wochen von dem Recht der Teilnahme an den Sitzungen und den Beratungen des Reichstags ausrufchlieben.

Rücktritt des Reichsbevollmächtigten für Ein- und Ausfuhrkontrolle.

W.T.-B. Berlin, 20. Juni. Der Reichsbevollmächtigte für di« Ein- und Ausfuhrkontrolle. Landrat a. D. von Flügge, legte sein Amt Nigrer. Wie der „Voss. Ztg." mitgetellt wird, soll sein Rücktritt auf Schwierigkeiten zu­rück, ufübren sein, di« ihm die Bureaukratie bei der An­wendung kaufmännischer Formen zur Bekiuuvtwm de, Schiebenmwesens bereitet habe.