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Freitag, 17. Juni 1921.

Morgen-Ausgabe.au-. 275, ♦ 6». J-hrg-n«.

Reparation und Landwirtschaft.

Die beherrschende Zukunftsfrage des deutschen Volkes kst die: Wie tonnen die Reparationslasten ausgebracht werden? Nicht weniger als 50 Milliarden Papier- marl wird Deutschlund voraussichtlich jährlich an seine früheren Feinde zu bezahlen haben. Diese Summe setzt sich aus zwei Posten zusammen, einem festen Betrag von 2 Eoldmilliarden und einem veränderlichen Bestand­teil ,der 26 Prozent des Wertes der gesamten Ausfuhr ausmacht. Die 2 Milliarden müssen also auf jeden Fall aufgebracht werden, ganz gleichgültig, wie sich das deutsche Wirtschaftsleben entwickelt; dagegen ist cs von der Richtung, die diese Entwicklung einsch>ägt, abhän­gig, welche Höhe die veränderlichen Zahlungen erreichen werden.

In den Jahren vor dem Krieg galt die landwirt­schaftliche Produktion als weniger rentabel gegenüber der industriellen Kapitalsanlage. Schutzzölle und steuerliche Begünstigungen waren notwendig, um sie auf der Höhe zu erhalten. Auch heute noch wird es sicher zutreffen, daß in Industrie und Handel, von Zeiten besonders schlechter Konjunktur abgesehen, leichter Geld verdient wird als in der Landwirtschaft, da diese gegenüber der erstmaligen Kapitalsumsetzung der In­dustrie gleichsam jährlich nur einen einzigen Umsatz erzielt. Dementsprechend scheint sich als der geeignete Weg zur Aufbringung der Reparationslasten die niög- lichst weitgehende Industrialisierung Deutschlands zu empfehlen. Dazu kommt noch, daß unsere inländisck-e landwirtschaftliche Produktion vorläufig längst nicht zur Ernährung unseres Volkes ausreicht. Wir müssen sehr teures Auslandsgetreide cinführen, und zur Erlangung der zur Bezahlung erforderlichen hochwertigen Geld­sorten empfiehlt sich wieder als der unmittelbarste Wog die Ausfuhr von Industrieproduktion. Run aber sind diese Produkte zum großen Teil aus fremden Roh­stoffen hergestellt, die erst eingeführt, also ebenfalls in fremder Valuta bezahlt werden müssen, so daß vom Ertrag der Ausfuhr auch diese Kosten erst beglichen werden müssen. Die Unzulänglichkeit unserer land­wirtschaftlichen Produktion führt also zu einer Trport- tätigkeit, die in sich selbst die Notwendigkeit weiterer Steigerung trägt.

Man könnte nun meinen, daß durch den Außen­handel gleichsam das Ausland mit zu der Bezahlung der Neparationslasten herangezogen werden könne, da wir doch an der Verarbeitung der Rohstoffe und Aus­fuhr der Fertigwaren verdienen. Ganz abgesehen von der starken Belastung unserer Ausfuhr durch die Ein­fuhrzölle der fremden Länder steht dem aber die Tat­sache gegenüber, daß von jeglicher Ausfuhr 26 Prozent des Wertes ohne weiteres der Entente verfallen sind. Dabei ist es gleichgültig, ob der Ausfuhrhandel diese 26 Prozent tatsächlich selbst abzugeben hat oder ob das Reich sie aufbringt, wie es ja vom Reichskanzler bereits zugesichert worden ist. Bringt man aber vom Wert der Ausfuhr diese 26 Prozent in Abzug, so ist es zum mindesten sehr zweifelhaft, ob dann noch ein au s r e i ch e nd e r A r be i t sl o h n für unsere Industrie übrig bleibt, der ja mindestens so hoch sein muß. um die Ernährung aller in der Industrie tätigen Personen urü, ihrer Angehörigen zu ermög­lichen. Gelänge es dagegen, einen wesentlichen Teil Unserer Arbeitskräfte in der Landwirtschaft unterzu­bringen und dadurch sowie durch Einführung neuer landwirtschaftlicher Methoden e!ne Steigerung unserer inländischen Produktion an Nahrungsmitteln zu er­zielen, so würde einmal die Einfuhr dieser Art ver­mindert werden können, weiter aber würde die zur Be­zahlung dieser Einfuhr notwendige Ausfuhr wegfallen nnd damit eine entsprechende Verminderung der Re- parationsverpslichtungen eintreten. Wenn auf diese Weise unsere gesamte Ausfuhr etwa um eine Milliarde Eoldmark niedriger zu halten wäre, als es bei der Be­folgung der umgekehrten Politik der Fall sein würde, !o würde das schon eine Verminderung der jährlichen Neparationsratcn um 260 Millionen Eoldmark herbei- mhren. Dadurch ist beute und auf lange Zukunft hin­aus die Landwirtschaft, von dem Standpunkt der Volkswirtschaft aus betrachtet, ein sehr rentables unternehmen. Daraus ergibt sich, was Reichskanzler Dr. W i r t h in seiner Programmrede im Reichstag Nachdrücklich betonte, daß die Steigerung unse­rer landwirtschaftlichen Produktion un- M a l I e r w i ch t i g st e Aufgabe ist und selbst die ^orderung der industriellen und Exporttätigkeit an Dringlichkeit weit übertrifft.

^Freilich dürfen die Schwierigkeiten, -die dem im ^age stehen, vor allem der Mangel an inländischen Handarbeitern, nicht verkannt werden; aber sie müss­en überwunden wevden. Es muß mehr Nachdruck

üeleLt werden,. Erwerbslose als landwirtschujt-

I

liche Arbeiter unterzubringen. Die Landwirtschaft ist imstande, noch eine große Zahl an Kräften auszu­nehmen und zu bcschüstigen. Eine Intensivierung ihrer Methoden, Tiefkultur u. a., wird zudem auch Bedarf nach neuen Maschinen und damit Beschäftigung für ge­wisse Industriezweige bringen. Vor allem aber könnte eine tatkräftige Inangriffnahme des Siedlungs­problems einerseits den Übergang zur Earren- tultur und damit zur besten Ausnutzung des Bodens, andererseits eine starke Belebung der Bautätigkeit und der zahlreichen damit zusammenhängenden Erwerbs- zweige bringen, so daß unsere Industrie für die Ein­schränkung des Absatzes nach außen einen gewissen Er­satz durch die Steigerung des Umsatzes im Innern fände.

Es ist möglich, daß die 26prozentige Exportabgabe eines Tages durch einen anderen Index ersetzt wird, so daß das Interesse an unserer Ausfuhr nicht mehr den gegenwärtigen Hemmnissen unterworfen ist. Aber auch dann noch wird die Landwirtschaft in hervor­ragendem Maße zur Erleichterung und Abkürzung un­serer Schuldkncchtschaft beitragen können und müssen. Wenn man bedenkt, welche gewaltigen Zuschüsse das Reich bisher geleistet hat, so ist klar, daß in Zukunft neben den Reparationsleistungen für diesen Zweck keine Mittel mehr zur Verfügung stehen. Deutschland muß in bezug auf Brotgetreide so bald wie irgend mög­lich Selb st versorger werden. Das zu erreichen, ist Aufgabe des ganzen Volkes; der Wille zu landwirt­schaftlicher Arbeit muß in den weitesten Kreisen er­wachen und muß sich paaren mit der Wertschätzung die­ser Arbeit. Ferner müssen die Regierungen in diesem Sinne wirken, die besonders die Förderung des Sied­lungswesens endlich einmal energisch in die Hand nehnien sollen. Vor allem aber müssen die Landwirte selbst ihre hohe und große Aufgabe richtig erkennen. Sie haben in den Kriegsjahren, wie auch andere Teilt unseres Volkes eine Erziehung zur Unmoral durchge­macht und es trotz aller Preisbeschränkungen und Ab- lieferungsvorschristen verstanden, zu einem bedeuten­den Wohlstand zu gelangen. Das kommt auch darin zum Ausdruck, daß die Lebenshaltung der landwirt­schaftlichen Bevölkerung, besonders bei den mittleren und kleinen Bauern, heute viel besser ist als vor dem Kriege. Die Verbesserung der Lebenshaltung aber soll nicht die Ursache zu schweren Vorwürfen sein. Dagegen fordert ein anderer zu schärfster Verurteilung heraus, die Ablehnung jedes Opfers für das Gemeinrecht. Die Landwirte haben sich im Verkehr mit den Erfassuugs- organen der Kriegswirtschaft daran gewöhnt, allen An­sprüchen und Forderungen des Staates grundsätzlichen und nachdrücklichen Widerstand entgogenzüsetzen. Sie wollen sich den Konsequenzen des Umstandes, baß wir den Weltkrieg verloren haben, hartnäckig ver­schließen und werden durch reaktionäre Wortführer in ihrem Irrtum noch bestärkt. Sie müssen endlich Ein­sehen, daß die ungeheuren Lasten, die Deutschland auf­erlegt sind, nur getragen werden können, wenn alle Schichten des Volkes, alle Berufe und Stände, Produ­zenten und Konsumenten, bis an die Grenze ihres Könnens Opfer bringen. Die deutschen Landwirte, deren Besitz durch Krieg und Revolution einen so ge­waltigen Wertzuwachs erfahren hat, können einen wesentlichen Teil dieser Lasten auf sich nehmen, und sie müssen alle Maßnahmen^ die zur Förderung der landwirtschaftlichen Produktion geeignet sind, nach Kräften unterstützen, auch wenn sie dabei zeitweise keine Vorteile haben, und dürfen auch ihre Preis­politik nicht von schrankenlosem Egoismus beherrscht sein lassen. __ , ,

Die Wiesbadener Besprechungen.

Dz. London, 16. Juni. (Drahtbericht.) Der Pariser Berichterstatter der „Morning Post" schreibt: In

Frankreich nehme die Ansicht zu, daß die letzten Be­sprechungen zwischen Lopcheur und Rathenau der Vor­läufer zu einem Einvernehmen zwischen den Fabrikanten und Fachleuten Deutsch­lands und Frankreichs sei, um eine systemati­sche Wiederherstellung der zerstörten Gebiete zu be­werkstelligen.

D. Paris, 16. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Louchenr hat jede für die Öffentlichkeit bestimmte Erklärung über feine Wisbadener Besprechungen mit Dr. Rathenau abgelehnt.

Die Resolution Porter vom Senat abgelehnt.

Dz. Washington, 16 Juni. (Drahtbericht.) Wie „Ehicago Tribüne" meldet, ^st die Resolution Porter, die das Repräsentantenhaus'am letzten Montag ange­nommen hatte, wie vorauszusehen war, vom Senat ab ge lehnt worden. Über die Resolution wird heute in einer gemeinsamen Sitzung des Re­präsentantenhauses und des Senats beraten werden.

Die Wirkung des Rrparationsplanes.

Handelspolitische Bedenken Mac Kennas.

Dz. London, 16. Juni. Der frühere englische Schatz-! sekretä: und jetzige Vorsitzende der London-Joint-Eity and Midland-Bant, Mac Kenna. führte gestern abend vor einer Versammlung vvn Finanzleuten u. a. aus, die, neuen Beziehungen von Gläubigern und Schuldnern, die infolge t-es Krieges zwischen den einzelnen Staaten entstanden seien, müßten unbeoingt einen ernstlichen schädigenden Einfluß aus den internationalen Handel ausüben. Der größte Schuldner, nämlich Deutschland, müsse 6756 Millionen Pfund Sterling, davon 6666 Millionen Pfund für Reparationen, entrichten, während die Ver­einigten Staaten, der größte Vorkriegsschuldner, jetzt nicht mehr als 866 Millionen schuldeten. Deutschland habe seinen ausländischen Gläubigern jäbrltch eine Mindestzahlung von 156 Millionen Pfund und eine Höchstzablung von fast 406 Millionen zu entrichten. Es sei klar, daß Deuüchland die Mittel für die Bezahlung durch den Verkauf von Waren im Ausland finden könne oder indem es de« fremden Nationen durch leine Schiffahrt, seine Banken und sein Versicherungswesen Hilfe leiste, mit anderen Worten, es müsse durch seine sichtbare und unsichtbare Ausfuhr be­zahlen. Der deutsche Außenhandel könne nicht bi» zum Siedepunkt gesteigert und jo ein großer Überschuß zu> Ausfuhrzwelten nicht ausrechterhalten werden, ohne daß die Löhne in Deutschland äußerst tief gehalten würden, im Vergleich zu denjenigen, die in den wettbewerbenden Ländern gezahlt würden. Mac Kenn« befaßte sich dann mit der Wirkung des R epar a t i o nso lanes auf di« unsichtbare deutsche Ausfuhr, nämlich auf die Handels­zweige. die zum groben Teil die Stärke Englands auf dem Gebiete des Handels ausmachs. Der 26proz. Ausfuhrzoll werde daher tatsächlich eine Prämie von 26 Prozent zu­gunsten der deutschen Sckifsahrt darstetten. Dasselbe gelte auch für die Bank- und Versicherungsgeschäfte. Deutschlands Schwierigkeiten würden in der Erfüllung seiner Verpflich­tungen in dem ersten oder dem zweiten Jahre liegen. Es erfordere Zeit. Schi-ffe zu bauen und den Handel in Gang zu bringen. Wenn Deuischland jedoch 150 Millionen Pfund Sterling tilgen könne, die von ihm für dieses und für das nächste Jahr gefordert werden sollen, sei es wabr- iä-emlich. daß im dritten Jahr die deutsche Industrie mit deutscher Energie und in einem Umsang arbeiten würde, die Deutschland in den Stand setzten, die gestellten Forde­rungen zu zablen. Für die deutsche Regierung würde es eins Befreiung von einer Belastung bedeuten, wenn das Land seine Solidarität und seine Stärke wiedergewänne. Für die deutschen Industrie-Emigranten bedeute es billige Arbeit und einen großen Ertrag. Die Last der Schulden werde in der Hauptsache von der deutschen Arbei­terschaft getragen weiden. Wenn Deutschland in der Lage sei, leinen Verpflichtungen nacksukommen. -werde es dem internationalen Handel Englands ernst- lichcn Schaden zufügen: wenn andererseits Deutsch­land seinen Verpflichtungen nicht Nachkomme, so bedeute dies einen Rückfall in die verhängnisvolle politische Un- oitnvng, die dem Frieden so gefährlich und dem Wieder­aufbau des Hendels so schädlich sei. Mac Kenn« sagte weiter: WÜ zwingen dem deutschen Volk Arbeitsbedingun­gen auf. die cs ihm ermöglichen. Waren jeder Art billiger c-rzufertigen als wir. Die Deutschen müssen es tun. um ibre Schuld zu bezahlen. Wir bestehen auf der Zahlung der Schuld unter der Drohung der Besetzung deutschen Gebietes und der Blockade. Dadurch zwingen wir unseren Handels- rivalen, unter Bedingungen zu leben, die es Deutschland er­möglichen. uns vom Auslandsmarkt zu verdrängen. Mac Kenn« schlug vor. von Deutschland zu fordern, daß es nach England. Frankreich und den übrigen alliierten Ländern je nach Bedürfnis dieser Länder Artikel, wie Kohle. Holz. Kali und Zucker, sende, die es allein in großen Mengen er­zeuge. Dies würde unzweifelhaft bedeuten, daß viel deut­sches Kapital und viel deutsche Arbeit aus dem Gewerbe heravsgezogcn und für die Erzeugung von Materialien ber- anaezogcn werden müßten, die die Länder, denen Deutsch­land schulde, benötigten. Deutschlands Mittel könnten übrigens nicbt eine so hohe Summe von 406 Millionen Pfund im Jahre erzielen: aber es würde wenigstens der englische Handel nicht so aest-ödigt werden. Zum Schluß sagte Mac Kenna: Diese Ausfübrunaen über die Schulden Deutschlands seien auch auf die Schulden der anderen Länder anwendbar.

Dr. London, 16. Juni. (Drahtbericht.) Die Rede Mac Kennas über die Bezahlung der deutschen Reparationen findet in der Presse große Beachtung. Fast alle Blätter nehmen, in Leitartikeln dazu Stellung und heben die Erklärung Kennas hervor, daß Deutschland in Roh­stoffen bezahlen müsse.

v Der englische Standpunkt bezüglich Oberschlefien.

Dz. London, 16. Juni. (Drahtbericht.) „Daily Telegraph" schreibt, in Londoner amtlichen Kreisen sei man durchaus abgeneigt, den deutschen S e l b st- schutz mit den polnischen Insurgenten auf die- selbe Stufe zu stellen. Inzwischen sei njcht der ge­ringste Fortschritt bezüglich der Festlegung der Grenzen in Oberschlesien gemacht worden, obwohl sechs verschiedene Grenzlinien den Alliierten vorge- schlagen wurden.

Dz. London, '16. Juni. (Drahtbericht.) Die „Times" erklärt, von gutunterrichteter Seite aus Oberschlesien sei nach London berichtet worden, es bestehe die Mög­lichkeit. daß die englischen Truppen in einem Bezirk westlich der Linie der Insurgenten, zusammen­gezogen würden. Der Zweck der Zusammenzichung würde sein, die Freiheit der englischen Verbindungs­linie zu sichern, die augenblicklich als von den polnischen , Insurgenten geduldet bezeichnet werd«