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Freitag, 10. Juni 1921.
Wiederaufbau und Arbeit.
Bon Dr. Theodor Keuh.
I Das Schwergewicht der Wiederausbaufrage ruht im \ Augenblick bei den Pariser Verhandlungen, die von unseren Bausachverständigen mit Herrn Loucheur und M seinem Stabe gepflogen werden. Es sieht so ans, als Y ob man über die erstmalige Lieferung von 25 000 ^Holzhäusern grundsätzlich sich vereinbart hätte und an der technischen Durchberatung angelangt sei. Ob die Franzosen diese Häuser im zerstörten Gebiet oder sonstwo aufstellen, um die Wohnungsnot zu lindern, ist ihre Sache: Deutschland mutz nun Industrie und Handwerk zu großen Lieferungsverbänden zu- sammenfaffen, um seine Zusage einlösen zu können. Die Sorge dabei denkt vor allem daran, daß die großen Aufträge, die nun das Holzgewerbe überfluten, nicht wieder unwürdige Konjunkturgewinne zu Lasten der Volksgesamtheit entstehen lassen. Wohl wird ein Wettkampf der Leistungskrast einsetzen, aber das Reichsinteresse will, daß er zu der Tendenz der P r e i s m i l- derung geleitet werde.
Von weit größerer Bedeutung aber ist die andere Frage, die sich ja nun auch im Laufe dieser Sommermonate ihrer Entscheidung nähern muß: die unmittelbare Beteiligung deutscher Arbeiter an der Neukultioierung des zerstörten Landes. Es ist bekannt, daß schon unsere ersten Anregungen an Fra.ik- reich in diese Richtung zielten, aber zunächst ohne Echo blieben: sei es. weil jene Vorschläge zu sehr belastet waren mit inneren Schwierigkeiten und Unklarheiten, ob diese Riesenaufgabe als Mustersxperi- ment des Sozialismus durchzuführen wäre, sei es. weil in Frankreich selber die seelischen Voraussetzungen noch sehlten, die das Vorhandensein deutscher freier Arbeiter im Kriegsgebiet ertrügen. Auch die französischen Gewerkschaften standen jenen Plänen mißtrauisch gegenüber. Hier aber hat sich seit einigen Monaten ein Umschwung vollzogen. Die Eeneralföderation der französischen Arbeitersyndikate hat in gemeinsamen Ausschüssen mit den Vertretungen der Geschädigten sich für das Heranbolen deutscher Arbeiter ausgesprochen, und auch die Industrie scheint sich damit abgefunoen zu haben: denn sie kann ihre Arbeit dann, was der Valuta bekömmlich sein würde, mehr auf Exportwaren einstellen.
Es ist also nickt unwahrscheinlich, daß es in einiger Zeit so weit kommen wird, daß Deutschland ein Sektor des zerstörten Landes zum Wiederaufbau überwiesen wird — französische Zeitungsstimmen sprachen vom A n c re-S o m me - A b s ch n i t t. Ob die Franzosen einen wirtschafts- und bevölkerungspolitisch durchdachten Gesamtplan für den Wiederaufbau besitzen, oder ob sie, ohne Rücksicht auf die wahrschün- Uche Besiedelung und ökonomische Prosperität, einfach den alten Zustand nach Möglichkeit wieder sehen möchten, wisien wir nicht: wahrscheinlich ist die politische Sentimentalität stärker als der ökonomische Rationalismus. Wir stehen, was eigene Vorschläge anlangt, unter einem gewissen Zwang der Resignation, Frankreich wird sich die Vorhand, obwohl seine Bauerfahrua- üen bei der Stagnation der Vevölkerungsziffern viel geringer sind als bei uns, nicht nehmen lassen.
Was aber heute schon mit höchsten Ernst angefaßt verden muß, ist der Kern des Problems: Wie sammelt man und unter welchen Bedingungen die deutschen Arbeiter, die dann, wenn das Abkommen gejagt, auch tatsächlich bereit sind, für Monate und ^ahre in das Land trauriger Trostlosigkeit zu gehen? Die Gewerkschaften haben sich mit sehr klaren Entschließungen für diese Lösung eingesetzt: aber durch Resolutionen werden keine Steine aufeinander geschichtet. ~ s muß vermieden werden, daß diese Bereitwilligkeit K der Stunde, die Verwirklichung verlangt, nur den vrndruck einer politischen Geste mache. Dieses Problem '"uß offen ausgesprochen werden, damit es in seinem ganzen Umfang finanziell wie psychologisch durchge- «acht werde. Denn wir sind heute gegenüber der Kraft papierenen Beschwörungen etwas mißtrauisch geworden.
Sind die Gewerkschaften ihrer Leute sicher, wenn sie I'ach ihnen rufen? Haben sie die Möglichkeit einer vnmunistischm Gegenpropaganda in ihre Uberlegun- 1* A"Kesetzt? Sind sie bereit, die große organisatsri- Aufgabe des Wiederaufbaus auf der Unterlage der W^nen Verhältnisse zu unterstützen, ohne den An- ^ruch, daß rort ihr auch irgend ein theoretisch erdachtes ^r>4ramm seine Lösung finde? Kein Zweifel, oah ner eine große vaterländische Opferwillig- iivx erwartet wird, die ihren entsprechenden Entgelt i nsen muß: zugleich aber ein Problem, das mit der "gemeinen finanziellen Lage des Reiches w,Qs engste verbunden bleibt.
Morgen-Ausgabe.
Volksentscheid und Volksbegehren.
Br. Berlin, 9. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Volksentscheid und Volksbegehren sind für Deutschland völlig neue Einrichtungen. Der Gesetzentwurf über sie wurde im Rechtsausschuh des Reichstags beraten. Eine praktische Schwierigkeit ergab sich für den Fall, dah im Volksbegehren ein vollkommen ausgcarbeitetes Gesetz dem Reichstag vorgelegt wird, dieser aber Abänderungen an dem Gesetz vornimmt. Die Frage ist. gilt das Gesetz als abgelehnt oder nicht? Man einigte sich dahin, dah beide Gesetze: das begehrte und das vom Reichstag abgeänderte, dem Volksentscheid unterbreitet werden. Die Entscheidung ist nur vorläufig, die Frage soll in zweiter Lesung noch einmal eingehend durchberaten werden.
Der deutsche Bauerntag.
Br. Rendsburg 8. Juni. Die deutschen Bauernvereine hielten in diesem Jabre in Rendsburg ihre Jahrestagung ab. Der Vorsitzende der Vereinigung deutscher Bauernvereine. Herr v. KerckerinckzuBorg. eröffnte di« Hauvt- versammlung mit einer längeren Rede, in der er den Nachweis zu führen suchte, dah die Steuerlasten, die beute auf den Bauernstand in Deutschland gelegt seien, das Mah des Erträglichen überschreiten. Weitere Redner traten für die Bildung einer landwirtschaftlichen Einheitsfront zur überparteilichen Durchsetzung wirtschaftlicher Forderungen der Landwirtschaft ein. Der Höhepunkt der Tagung war eine programmatische Rede des Bauernführers Dr. Heim, in der er zuerst darlegte, dah der landwirtschaftliche Betrieb weder geeigneter Gegenstand für die Sozialisierung sei. noch daß man aus diesem Gebiet eine schablonenmähige Arbeitsregelung durchführen könne. Am Schluß seiner Red« heiht es: ..Es gibt kein Deutschland der Bauern, der Arbeiter, der Unternehmer, sondern nur ein Deutschland des deutschen Volkes. Das allgemeine Schicksal geht auch an der Tür der Bauern nicht vorbei. Der Bauer muh Achtung haben vor dem Volk der Arbeit in den Städten, das Volk der Arbeit in Stadt und Land muh sich verständigen." In einer Reihe' von Entschließungen wurde gegen konfiskutori'che Steuerpläne. für die Durchfüb-ung der freien Wirtschaft und für eine Verständigung von Stadt und Land Stellung genommen.
Die Berkehrslage im Ruhrgebiet.
Dz. Essen, 9. Juni. Zur Verkehrslage im Rubrgebiet wird gemeldet: Der Eisenbahnverkehr wickelte sich auch in der abgelaufenen Woche im allgemeinen glatt ab. Der Güterverkehr blieb weiter gering. Die Anforderung an leeren Wagen für Brennstoffe waren um 46 9 1 Wagen im arbeitstäglichen Durchschnitt geringer als in der Vorwoche. Leerwagen waren reichlich vorhanden. Der Zulauf muhte nach wie vor beschränkt werden, um Betriebs- ichwierigkciten durch Überfüllung der Bahnhöfe im Ruhr- revier zu verhindern. Für Kohlen. Koks und Briketts wurden im arbeitstäglichen Durchschnitt 10 671 Wagen angefordert und gestellt (20153 im gleichen Zeitraum des Vorjahres). Von den auf den Zechen noch lagernden Restbe- stünden an Kohlen, Koks und Briketts wurden in der vorigen Woche 15 000 Tonnen abgefahren. Der Rheinwaster- stand verbesserte sich noch weiter, ist dann allerdings a»n 3. und 4. Juni wieder um 0.10 Meter gefallen. Der Tauber Pegel zeigte am 4. Juni einen Stand von 1.80 Meter. Die Zunahme des Verkehrs auf dem Rhein entsprach aber den Erwartungen bislang nicht. Kabnraum war zu weichenden Sätzen reichlich vorhanden. In den letzten Tagen erfuhren die Zufuhren zu den Duisburger Ruhrhäfen eine beträchtliche Steigerung.
Die deutsch-dänischen Verhandlungen.
Dz ~ Kopenhagen, 8. Juni. Das Ritzau-Bureau teilt mrt: Bei Beginn der dänisch - deutschen Verhandlungen am 23. Mai würden eine Anzahl von Sitzungen teils mehr allgemeinen, teils speziellen Charakters abgehalten. An den letzteren nahmen die für die betreffenden Verhandlungsgegenstände beiderseits gewählten Sachverständigen teil. Die Fragen, die jeweils die Parteien zu den verschiedenen Gegenständen in den Verhandlungen aufwarfen, wurden durchgegangen und die zum Ausdruck gebrachten Wunsche vorläufig im allgemeinen zur Kenntnis genommen. Zu den einzelnen Fragen, die demnächst zur Verhandlung kommen, gehören die Frage wegen Instandhaltung der Grenzzeichen, die Frage der Befreiung von den Stempel- und Erundbuchgebühren beim Verkauf von Grund und Grundstücken, die zusammen mit Besitzungen auf der anderen Seite der Grenze bewirtschaftet werden, dann die Frage wegen Übernahme der Domänen. Amortisationen und Renten in Nordschleswig, die Frage betreffs Teilung des Vermögens und der Schulden von Gemeinden, öffentlichen Verbänden sowie öffentlichen Einrichtungen, so weit ste bei der Grenzoerlegung durchschnitten wurden. Weiterhin kam zur Verhandlung die Frage wegen der rein finanziellen Ansprüche an die Kasten der Gemeinden beiderseits der Grenze, insbesondere die Rückerstattung von Auslagen für Familienunterstützungen nsw. Außerdem bildete einen Gegenstand der Verhandlung die Frage der beiderseitigen Pensionierungsverhältnisse von Kriegslnvaliden und Subalternbeamten. Die Beratung wer eine vorläufige. Zwecks Vorbereitung der Lösung der für beide Teile so wichtigen Frage der Entwässerungsver- haltniste in den Grenzgegenden und der dänistherseits notwendigen Instandhaltung der Wasterläufe wurde ein Ausschuß von vier Mitgliedern ernannt. Als dänische Vertreter in diesem sind der König!. Kommlssarius. Kammer- Herr Lerche, und Oberstleuanant Ramm gewählt. Deutscherseits stnd Graf Schwerin und Landrat Böhmer als Vertreter gewählt. Ramm und Graf Schwerin waren bekanntlich Mitglieder der Erenzkommistion. Aufgabe des Ausschusses ist. die Vo-schläge zu machen, die als Grundlage für die endgültigen Verhandlungen und Entscheidungen der Fragen und deren Ausarbeitung dienen können. Außer der Behandlung der Frage der Entwästerung setzten die Sachverständigen auch die Frage der Fischerei in den Grenz- g e w ä s s e r n. ferner die Frage der Rohr- und Schili- ichneidung und der neuen Jagd im Grenzgebiet fest.
Nr. 263, ♦ 69. Jahrgang.
Die Säuberungsattion in Oberschlesien.
Br. Berlin. 9 Juni. (Eigener Drabtbericht.) Wie der .V. Z." aus Breslau gemeldet wird, ist eine Abteilung von Engländern von Gleiwltz nach Königshutte unterwegs, dessen Befreiung bevorsteht. Eine wertere Abteilung englischer Truppen 9 t nach T a r n o w r tz abge- rückt. Aus Innsbruck stnd 2000 Italiener nach Oberschlesien unterwegs. B-'i 3 embowrtsch kam es zwischen dem deutschen Selbstschutz »nd Polen zu schweren K ä m o f e n. bei welchen die Deutschen 12 Tote und 28 Verwundete hatten.
Der Zwischenfall von Kalinow.
Dz. Paris. 9. Juni. Der Berliner Berichterstatter des ..Journals" behauptet, daß bei dem Zusammenstoß in Kalinow drei französische Soldaten getötet und vier verwundet worden seien. Ferner batten die Franzosen bei einem Angriff der Deutschen auf den von den Polen besetzten Babnbof Beuthcn Tote und Verwundete gehabt, als französische Truppen dazwischentraten.
Neue Vorschläge des englischen Kommissars in Oppeln.
Dz. Paris. 9. Juni. Drabtbericht.) Die englische Regierung hat gestern, wie .Petit Paristen'/ mitteilt. der fran- Mstichen Regierung eine neue Rote rn der oberschlesisch e n Frage übermitteln lasten. Das Blatt sagt, dre Rote enthalte Vorschläge des neuen englischen Kommissars in Ovveln.
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Dz. London. 9. Juni. (Drabtbericht.) Die ..Times" meldet aus Kattowitz. es sei zwecklos zu.erwarten, dah durch das Heranziehcn bnti>cher und französischer Truppen Kämpfe zwischen den Polen und Deutschen verhindert wurden. Die Anwesenheit der britischen Truppen babe Lrs- her keine Änderung in der kranzostfchen Politik des Eeschrhenlastens hervorgerufen.
Der Tiefstand der polnischen Marl.
D. Warschau. 9. Juni. (Eig. Drabtbericht.) „Im Privatverkehr wurden beute für die Reichsmark bis über 20 volnische Mark, für den Franken 110 polnische Mark und für den Dollar 1300 volnische Marl bezahlt. Fachleute behaupten. daß der, Tiefstand der polnischen
Drei Viertel aller Staatsausgaben in Polen für Heeresbedürfnifse.
Dz. Berlin, 8. Juni. Rach einer Meldung der ..Vost. 3V aus Warschau siebt der polnische Staatsvoranschlag fast drei Viertel aller Ausgaben für die Heeresdedürfniste vor. Die E e f a m t f ch u l d Polens an das Ausland zur Ernäbrung und Ausrüstung der Armer beläuft sich nach dem heutigen Kurs der volnifchen Marl auf rund 25 0 Milliarden volnischer Marl.
Die Verteilung der Reparationen.
Dz. London. 9. Juni. (Drabtbericht) Der Pariser Belichterstatter des ..Dailv Telegraph meldet, dah die mit den »rutschen Reparationen zusammenhängende Fragen lemnächst in London erörtert werden sollen Eine Eruvoe iranzöstscher Sachverständiger werde zu diesbezüglichen Beratungen hier erwartet. Eine der Fragen sei die Verteilung der deutschen Zahlungen unter die Alliierten.
teilweise Entlassung der französischen IahresNasse 191»
Dz. Paris. 9. Juni. (Drabtbericht.) Der Kriegsmimster Mt nunmehr entschieden, daß alle Mobilisierten der Jabres- llaste 1919 aus den Rbernlanden entlasten werden müssen. )ie folgende Bedingungen erfüllen: 1. Dah ne schon einmal
an einer Operation in Frankreich oder im Abstimmungsgebiet teilgenommen haben. 2 Dah ihr Vater und zwei ihrer Srüder im Krieg gefallen oder an Verletzungen gestorben lind. 3. Sollen alle die Soldaten entlasten werden, deren Brüder unter den Waffen stehen.
Dz. Paris. 8. Juni. Die Heereskommission des Senats trat heute zusammen und hörte den Bericht des Kriegsministers Bartlwu. Dieser bestätigte die Erklärungen, die er kürzlich betreffs der Entlassung des Jahrganges 1919 gemacht hatte. Die Entlassung wird, wenn nicht ernste und unvorhergesehene Ereignisse eintreten, am En de des Mona t s lorgenommen werden können.
Die österreichische Kabinettskrise.
D. Wien. 9 Juni. (Eig Drahibecicht.) Die Ansichten über die Lösung der Kabinettskrise gehen weit auseinander. Ein Teil der christlichsozialen Partei will, dah der Reichs- varteita« die steierische Gruppe nötige, von der Volksabstimmung abzuseben. Eine andere Gruvve neigt zu dem Plan, die Abstimmung vornehmen zu lasten und ein Geschäft s in i n i st e r i u m zu bilden. Kennzeichnend für die Stimmung in Steiermark ist die Tatsache, dah die zur Beratung nach Wien berufenen Vertrauensmänner der steierischen 'Gruppe der Christlichsozialen der Einladung bisher nicht Folge geleistet haben. Dr. S e i v e l hat in der gestrigen Sitzung des Reichsvarteitags mit aller Entschiedenheit betont. dah Bindungen erfolgen müßten, die in Zukunft ein einheitliches Vorgehen in den Fragen der groben Politik gewährleisten.
Die britische Reichskonferenz.
D. London, 9. Juni. (Eig. Drabtbericht.) Die Reichskonferenz der ersten Minister des britischen Reiches wird wahrscheinlich am 15. oder 16. Juni eröffnet werden. Hughes aus Australien und M a s s y aus Neuseeland sind bereits eingctroffen. General S m u t s aus Afrika ufcfr Merghen aus Kanada werden erwartet.
