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Freitag. 10. Juni 1921.

Abend-Ausgabe.

Nr 264. ♦ 69. Jahrgang

England und Frankreich.

In der letzten Zeit beschäftigte sich die englische und die französische Öffentlichkeit recht eifrig mit der Frage eines englisch-französischen Bündnisses. Es gibt in beiden Ländern entschiedene Befürworter eines solchen Bündnisses, aber die Gegensätze zwischen England und Frankreich sind doch teilweise so tief­greifender Art, daß sie sich auch durch ein Bündnis nicht so ohne weiteres aus der Welt schaffen lassen würden. England würde sich immer bedroht fühlen, wenn eine europäische Kontinentalmacht in einseitiger Weise die Vorherrschaft über Europa an sich reißen würde, ein Ziel, auf das Frankreich hinstrebt. Es verfolgt dabei die alte Tradition, die einen jahrhun­dertelangen Gegensatz zu England zur Folge hatte. Zwei oder drei große europäische Kontinentalmächte bilden keine Gefahr für die englische Weltmachtspolitik, wohl aber eine die Vorherrschaft über Europa aus­übende europäische Macht. Deshalb stand England den letzten französischen Königen des 18. Jahrhunderts, die solche Pläne verfolgten, ebenso feindlich gegenüber wie Napoleon I., der die englische Vorherrschaft zur See durch einen Angriff auf Indien zu vernichten suchte. Deshalb sah auch England der Niederwerfung Frankreichs unter Napoleon Hl. durch Deutschland ruhig zu, und auch noch während der ersten Jahrzehnte nach der Gründung der dritten französischen Republik bestand der englisch-französische Gegensatz weiter, der mit dem Konflikt von Faschoda seinen letzten Höhe­punkt erreichte. Nachdem dieser beigelegt war. trat . ine immer stärkere Entspannung zwischen Frankreich nd England hervor. Dagegen wurde das Verhältnis Englands zum aufstrebenden Deutschland immer kriti­scher, bis schließlich England es für nötig hielt. Deutsch­lands Blüte zu brechen. Aber diese' Vernichtung der deutschen Macht ließ die französische Wagschale wieder in die Höhe schnellen. Diesen Augenblick hielt man in Frankreich für günstig, um sich von England eine Sicherstellung des augenblicklichen Machtverhältnisses durch ein englisch-französisches Schutz- und Trutzbünduis garantieren zu lasten. In England scheint man aber das Gefühl gehabt zu haben,-daß eine solche Garantie für Frankreich nur die Grundlage sein solle, um unge­hindert durch England die Ziele Frankreichs weiter zu verfolgen und allmählich die große Kontinentalmacht zu werden, deren Entstehen nicht im Interesse Eng­lands gelegen ist.

Die Interessengegensätze zwischen England und Frankreich beschränken sich aber nicht aus die eigent­liche europäische Kontinentalpolitik, sie gehen weit darüber hinaus Vor allem bestehen starke M e i- nungsverschtedenheiten in der Ostpoli- t i k, die schon in Europa beginnt. Auch die ober­schlesische Frage gehört zum Teil hierher, da Frankreich Oberschlesien Polen zuteilen möchte, um diesen Bundes­genossen im Osten stark genug zu machen, daß er seine Bündnispflichten erfüllen kann Diese richten sich nicht nur gegen Deutschland, sondern auch gegen Rußland und vielleicht nicht nur gegen das bolschewikische, sondern auch gegen das monarchische oder sonstwie regierte Rußland, das sicher in Zukunft eine andere außenpolitische Rich­tung einschlagen wird wie das alte Zarenreich. Auch wenn die bolschewikische Regierung gestürzt werden sollte, dürfte für ein von Frankreich unterstütztes Polen die Annäberung Rußlands an Deutschland eine Selbst­verständlichkeit werden und auf einem dieser Tage in Reichenhall abgehaltenen russischen Kongreß antibolsche- wikischer Färbung wurde das auch deutlich zum Aas­druck gebracht. Die Zeit für eine russisch-französische Annäherung ist für so lange varbei. als Polen in der gleichen Weise wie augenblicklich von Frankreich ge­hätschelt wirh. England dagegen steht auch Sowjet­rußland nicht entschieden ablehnend gegenüber. Es be­trachtet die russische Staatsform als eine Angelegen­heit der inneren russischen Politik, in die sich kein an­deres Land direkt einzumischen hat. Anders liegt da­gegen die Sache in den türkischen Ländern, dort mö hte Frankreich nicht gerne eingreifen, während England aus Angst, daß sich die national-türkische Bewegung zu einer mohammedanischen entwickeln und auf Indien übergreifen könne, gerne Griechenland gegen die Kcnia- listen unterstützen möchte. Frankreich will sich darauf nicht einlassen und sucht seinerseits die englische Absicht, Deutschland das oberschlesische Ruhrgebiet zuzuteilen, zu verhindern. Bei politischen Gegensätzen von so schwer­wiegender Natur — und es sind das noch lange nicht vie einzigen zwischen England und Frankreich — kann wan es w"hl verstehen, wenn Politiker von Gewicht Jv beiden Seiten des Kanals an der Möglichkeit eines gedeihlichen englisch-französischen Bündnisses irre ge­worden sind.

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Churchills Manchester-Rede.

m s. Dz- Manchester, 9. Juni. Churchill sagte weiter in seiner Tcede: Es ist dies eine völlig verständliche Sorge, die die ! r a n z o s j f ch e Politik in S ck l e s i e n und anderwärts ln Balmen führt, die zu einigen Meinungsverschiedenheiten Lvlichen uns und dem ritterlichen, heroischen, treuen Volke vrankrelchs geführt haben. Wir müssen ihren Standpunkt verstehen lernen. weit es tief im Herzen Deuticblands. fttfiet-- itai in [men Universitäten und in jenen mächtigen Kräften, die durch den Krieg entthront wurden, drohende Ideen geben mutz, die dem Frieden Eurovas gefährlich sind -^denn wir uns die vollen Früchte des Sieges, den England und Frankreich gemeinsam ercu.igen haben, sichern wollen. >o müssen wir Verein bar nagen treffen, die die Zusammen­arbeit nicht nur von Frankreich und England allein, sondern vielmehr von Fra kr eich. England und Deutsch­land gemeinsam zum Zwecke d-r Wiederaufbauarbeit sichern werden. Lassen Sie es die Aufgabe Großbritanniens fein, das nicht den deutschen Gefahren gegenüber steht und nichts von dem Groll empfindet. der in deutschen äerzen lauert, treu gegenüber Frankreich zu sein und nicht unge­recht gegenüber Deutschland. Lassen Sie es unsere Aufgabe sein/ uns zu bemühen, die Erbitterung zwischen dem französischen und dem deutschen Volk zu mildern und Frankreich et» Eeiubl der Sicherheit zu geben das ihm zur Ruhe verhilit. und Deutschland das Gefühl, mit fall' play behandelt zu werden, wodurch es ihm ermög­licht wird, die ungestümen Gewalten zu beherrschen, die noch in seinem Innern lauern Halten wir diese Richtung fest. Lassen Sie es Großbritanniens Ausgabe sein, die ge­fährlichen Leidenschaften zu besänftig;n. die noch reichlich in Eurova vorhanden sind, und so die Welt auf der Grundlage dcs Sieges zu festigen den unsere Jungen erfochten naben.

Deutsche Stimmen zur Rede Churchills.

Br. Berlin. 10. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Das ..23. X.“ will die Manche st errede Churchills von der egenieitigen Cchuldberab^etzung als eine Revision der ievarationssumme betrachtet willen und betont, daß die Revisiionsfrage eine langsame und bindernisreiche Entwick­lung vor sich hat. — Der .,23. L.-A.“ bemerkt: Aufrichtiger Frieden zwischen England. Frankreich und Deutschland? Zusammenarbeiten zwischen England, Frankreich und Deutschland? Warum nicht? Aus dem Boden des „fair play“ jederzeit.

Frankreichs Politik gegenüber Deutschland.

Dz. Paris. 10. Juni. Der ..Petit Paristen“ begrüßt die Ausführungen Churchills über die Haltung des französtschen Volkes, meint aber daß Frankreichs Haltung mißverstanden werde, wenn man seine Stellungnahme in der oberschlesischen Frage als Zlngst für die Sicherheit Frankreichs ausfalle. Selbst wenn man sich mit England zu einem Bündnis ein-gen würde, könne Frankreich nichts weniger verlangen, als was für Polen . recht und gerecht“ sei. Auch die von Frankreich Deutschland gegen­über eingenommene Haltung sei nicht von Rachegeiübl diktiert: eine solche Auffassung wäre gleichfalls falsch. So. bald aber Deutschland einen wirklichen Beweis seines guten Willens .eben werde, werde England erstaunt sein, mit welcher Schnelligkeit das Senisch-französische Zu­sammenarbeiten herg -stellt sein werde Frankreichs Politik gegenüber Deutüblano sei logisch: sie wolle Deutsch­land zur Ausführung des Friedensvertrages bringen und es unschädlich machen, andererseits aber ziele sie aber auch wieder aus die wirtschanliche Erhebung Deutschlands, die mit derienigen Frankreichs gleichlaufe. Nur auf dieser dcovelten Grundlage könne .-ine endgültige Annäherung des englischen und des französischen Standpunktes erfolgen.

Verstimmung in Frankreich über Lloyd George.

D. Paris, 10. Juni. (Eig. Drahtbericht.) „Homme libre" schreibt: Wir willen, daß England es ist. das 800 000 Mann auf unseren Schlachtfeldern liegen bat. Wenn dieser Mann, Lloyd George, unserer Regierung Zugeständniste ohne Ende entrissen hat. wenn er es gewagt hat. im Unterhaus gegen Polen und Frankreich brutale Worte zu iorechen. wenn er Deutschland das Anerbieten macht, uns zu verlallen. um mit Deutschland eine neue Freundschaft zu schließen, wenn er Oberschlesien an Magnaten der deut'chen Finanzen vergibt, wird dies für Frankreich kein gewichtiger Grund sein, um eine Regierungskrise daraus zu machen. Wir bleiben der Entente zwischen England und Frankreich treu indem Geiste, in dem Eduard VII. und Delcassö dies a n s g e f a ß t haben, aber wir haben keine Lust, die ganze Welt zum Zeugen unserer grausamen Enttäuschung zu machen.

Frankreichs Prioritätsanspruch auf die Goldmilliarde.

Dz. Paris. 9. Juni, (öavas.) In einem an die Finanz- kommillion der Kammer gerichteten Schreiben, in dem er sich au? die Übereinkunft von Spa bezieht, verlangt Briand für Frankreich die P r i o r i t ä t bei der Verteilung der deutschen Milliarde Eoldmark

Die gefährliche Lage im nahen Osten.

Dz. London, 10. Juni. (Drahtbericht.) „Daily Chronicle" zufolge befaßte sich eine gestern stattgehabte Konferenz der Minister mit der gefähr­lichen Lage, die im nahen O st e n entstanden ist. Es nahmen daran teil: Lloyd George, Lord Eurzon, Sir Evans, Sir Robert Horner, Fisher und Sir Mond. Dem Blatt zufolge wird keinerlei Politik angenommen werden, die England in eine Art von Landfeld- z'u g verwickelt. Der Druck der Ereignisse kann es je­doch notwendig machen, daß England den Griechen seine Unterstützung leiht. Ein großer Teil der englischen Mittelmeerflotte trifft am Mittwoch zu einem etwa einen Monat dauernden Aufenthalt in Konstanti­nopel ein.

Die Schw erigierten in Oderschlesien.

Dz. .London, 10. Juni. (Drahtbericht.) Die „Times meldet ans Oppeln, es scheine die ernste w e f a h r zu bestehen, daß die oberschlesische Tragikomödie, die bereits fünf Wochen dauere, ad mfiuitum weitergeht. General Lerond, der sowohl französischen als auch vom englischen Militär unterstützt werde, habe erklärt, trotz der englischen Ver­stärkungen seien die alliierten Besatzungstruppm noch zu schwach, um die Ordnung wiederher- zustellen. Dem Blatt zufolge strömen immer noch regelmäßige Verstärkungen und Munitionssendungen aus Czenftochau und Sosnowice nach Oberjchlssien. Der ,,Tlmes“-Berichterstatter erklärt, die Schwierigkeit »er daß die Franzosen die Polen nicht als Insurgenten anjeven und nicht die Demütigung anerkennten, denen die französischen Truppen gemeinsam mit den Alliierten »usgejetzt seien. Für die Franzosen seien die Polen zu allererst Alliierte. Der „Times" zufolge bestehe nicht der geringste Zweifel darüber, daß die Kommtssioa ihre Autorität mit den zur Verfügung stehenden Truppen wiederherstellen könne, wenn sie nur wolle. Es handele sich für die Alliierten-Truppen nur um. die Frage, ob sie bereit seien, wenn nötig, zu schießen Die Franzosen hätten bisher den Befehl gehabt, nicht zu schießen und die Polen wüßten dies. Der „Trmes -Berichterstatter fragt, ob die englischen Truppen sich ebenso verhalten würden, wenn sie bei Anwendung entschlossener Maßnahmen sich keinerlei Ee- fahr aussetzen würden. Dann sei schwer zu verstehen, weshalb sie jetzt nach Oberschlesien geschickt würden.

Der englische Standpunkt.

-in mfi?/!!', W Reuter weist darauf bin. daß

n in i fA M'litarz u p ,n der Nabe von Gleiwi« 0 . ^siisurgenten an (gehalten wurde und erü ssl^ss^brcn konnte, nachdem die Erlaubnis Korfantys ein- gebolt war. Die Unerträglichkeit solcher Verspottungen o5 p -ü . wird allgemein anerkannt. Man hlssubt. daß die Beschränkung bezüglich des Ged-auchs der S reitkratte gegen die Insurgenten in Kürze aufgehoben ne vollkommene Zusammenarbeit unter den 'lllnerten tn Oberjchlesr^n nt erreichen. Eine in

Rote ist nach Paris und Rom abgeoangen. Antwort noch nicht eingegangen ist. zeigen die letzten Telegramme, daß die örtlichen Vertreter der beiden mSTi» Standpunkt zustimmen . Jn-

en 1 * i ker Anschauung der englischen Regierung keine Änderung eingetreten, daß ein baldiges Zusammen^ ° m m ;n d e s C b e rst e n R a t e s von größter Bedeutung fl 1 , rPft *n "habrschemlich daß Joee einer Zusammen- l"cht werden ^ ° erst .1 n r. i g e n nicht verwirk-

prW»n qwi r £ S / i°' (Eigener Drabtbericht.) Auf den

ersten Bericht des englischen R-gi.-cungstommillars Stuart aus Oberschlesten ließ England dem polnischen A u s- wartigen Amt eme Miti-ilung zukommen, daß nicht eher die Ordnung wieder bergest:llt sein würde bis nicht dis polnisch en I n s u rg e n t e a die S t e l l n n g e n v er­las s e n wurden, die sie mit Gewalt besetzt halten.

Die französische Anffassnng.

Dz. Paris. 10. Juni Der Notenaustausch zwischen Paris und London über die oberschlesische Frage dauert an. Nach dem ..Petit Pnrillen“ habe die fr an ao =

[ t i * e Reglern n g auf das am llllittwoch vom englischen Auswärtigen Amt eingegangene Schreiben geantwortet daß be von dem Schritte Englands in Berlin Kenntnis nehme daß Frankre-ch in Oberfchlesten stets alle Maßnahmen zltr Amrechterhaltung der Ordnung zu ergreifen bereit gewesen sei und «ui dieser Haltung auch weiterhin beharren werde, daß sie aber die Polen genau so behandle wie die Deutschen. da beide Teile die gleiche VerantWvrtunü für die gegenwärtige Lage trügen. — Das Blatlnbemerkt weiter, von einem Niedericklagen des polnischen Aufstandes und der Aufrechterbaltung d-m Bewaffmlng der Strsitkräfte des Generals Hofer könne .acht die Rede sein. Dübsiobee hauvtet das Blatt, daß sich die Polen folgsam jy.- M SB«, iungen der Alliierten geschickt hätten, während deutscherseits noch immer Zwischenfalle bervorgerufen würdene --m- Auch Pertinar verlangt im ..Echo de Paris“ g le i ch e He Hand­lung der Koriantiy-Soldaten wie hsrMslKene- rals Hoier Die letzteren seien in Reg'menterhmsteteU wurden nach nreußi,cher Art geführt und seien, Vorvosten (ayant-garde) der deutschen Revanche. Aber diese Revanche wird schnell an uns zerschellen Die e n g l i s ch,e Rs kr Lebe zu zahlreichen Vorbehalten Veranlassung.'zunächst des­halb. weil sie die Autorität der interalliiertest 'KüiiimiMon wiederbergestellt wünsche, um gegen die Polcll^horzntzcLen wahrend in Wirklichkeit die Banden des Generals L-ö-er dis Aufständischen seren. u - -

Der Entschuldigungsbesuch Dr. Mayers. - v

D. Paris, 10. Juni. (Eig. Drabtbericht.) W fehtent Besuche bei Briand erklärte der deutsche Botschafter Dr. Mayer im einzelnen zu dem Zwischenfall bei Kalinow. die französischen Soldaten, die zum großen Teil durch hohes Gras versteckt gewesen seien, seien von den Deutschen nicht erkannt worden. Dr. Mayer bat hinzuge­fügt. daß General Höfer persönlich der internlliidijten Kom­mission in Ovveln sein Bedauern über den Vorfall vorge­bracht habe. Briand betonte, daß der deutsche Selbst­schutz in Oberschlesten dem Friedensvertrao entgegenlaufe und daß er verschwinden müßt«.