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Berlin» Abteilung de» Wiesbadener Tagbsatts: Berlin >V. 9, Vohftrahe 18, Fernsprecher: Amt Zentrum 11435-11437,
Dienstag. 24. Mai 1921.
Morgen-Ausgabe. Nr. 235. . «s. Jahrgang.
Sie ilrapo Ser MmtmsWIS.
Don Dr. Pachnicke, SH. d. R.
Die erste Milliarde, die wir auf Grund des Ulli» motums schulden, wird rechtzeitig bezahlt. Das dazu nötige Gold, die Devisen und die Schatzanweisungen mit den geforderten Indossamenten sind vorhanden. Die zweite Zahlung soll und wird am 15. November 1921 erfolgen. Sie ist zur Deckung der 26 v. H. des Wertes unserer Ausfuhr bestimmt. Der nächstfolgende Zahlungstermin ist der 15. Januar 1922, an welchem ein Viertel der Iahressumme von 2 Milliarden Eoldmark erlegt sein mutz. All diese' Verpflichtungen hoffen wir pünktlich erfüllen zu können und ebenso sind wir redlich bestrebt, die weiteren Vierteljahrsloistungen zu vollbringen.
Allerdings wird es ungeheurer Eingriffe in das Einkommen und Vermögen der einzelnen und in den Besitz von Reich und Staat bedürfen, um den Feindbund zu befriedigen. Die uns auserlegte Mindestsumme beträgt 314 Milliarden Eoldmark, wovon 2 Milliarden fest und der Rest veränderlich ist, veränderlich je nach dem Steigen oder Sinken unserer Ausfuhr. Für 1921 dürfte die deutsche Ausfuhr etwa 5 Milliarden Eoldmark betragen Rach dem letzten Monatsausweis, den das Reichsamt für Statistik leider erst sehr spät bekannt gibt, belief sich der Wert der Ausfuhr im Oktober 1920 auf 6,4 Milliarden Papiermark. Ob wir auf die Dauer mit einer Erhöhung der Ausfuhrwerte werden rechnen können, gilt als zweifelhaft. Manche Wirtschaftler sind der Meinung, daß sich der frühere Stand der deutschen Volkswirtschaft überhaupt nicht wieder Herstellen laste, weil der Anteil der anderen Staaten, insbesondere Amerikas, an dem gesamten Außenhandel inzwischen immer größer geworden sei und weil der Prozentsatz der im eigenen Lande erzeugten Rohstoffe nur noch etwa 60 Prozent betrage. Inwieweit diese Rechnung richtig ist, kann nur der Erfolg lehren. Würde unsere Ausfuhr einmal wieder, wie 1913, den Betrag von 10 Milliarden Goldmark erreichen, so stellt sich die Ausfuhrabgabe auf 2,6 Milliarden (26 v. H. von 10 Milliarden) und unsere Gesamtleistung an den Feind auf 4,6 Milliarden Eoldmark. Schon der gegenwärtige Betrag von 3,25 Milliarden bedeutet bei unserer Papierwährung rund 50 Milliarden Mark. Die gesamten Einnahmen sind im Reichsetat für 1921 auf 47 Milliarden geschätzt. Wir müssen diese Einnahmen also ungefähr verdoppeln, wenn wir die Franzosen an dem Einmarsch in das Ruhrgebiet verhindern wollen.
Wie ist die Verdoppelung möglich? Teilweise durch Erhöhung bestehender und Einführung neuer Steuern, teilweise durch Steigerung der Produktivität der Volkswirtschaft. teilweise durch die Rotenpreste. Leider wirken diese drei Momente nicht nebeneinander, sondern vielfach gegeneinander. Erhöhung der Steuerlast bedeutet Ermäßigung des Betriebskapitals und damit der Vetriebsintensttät. Vermehrung der Papierflut führt zum Sinken des Geldwertes, also zu Preissteigerungen, welche sich zuletzt in eine Erhöhung der Produktionskosten um sitzen.
An neuen Steuern käme in erster Linie eine Grundsteuer in Frage. Sie würde sich ebenso aas den städtischen wie auf den ländlichen Grundbesitz und hier wiederum auf die landwirtschaftlich wie die industriell benutzten Bodenslüchen, also auch auf Bergwerke, erstrecken. Amszunehmen wäre davon nur der Kleinbesitz, insbesondere der Siedlungsboden, während der größere und größte Besitz wohl recht scharf herangezogen werden mutzte. Bei der Wertsteigerung, die der Grund und Boden in den letzten Jahren erfahren hat, läßt sich der Ertrag dieser Steuer auf einige Milliarden schätz.n. Möglicherweise kommt nicht nur eine Besteuerung, sondern auch eine Verpfändung von Grundbesitz in Frage, namentlich soweit es sich um staatlichen Grundbesitz handelt.
Im Stadium der Erwägung befindet sich noch die Art. wie die Industrie herangezogen werden soll. Gedacht wird an Steuergemeinschaften, zu denen die gleichartigen Betriebe vereinigt werden sollen. Dieser Gedanke ist aber leichter gefaßt als ausgeführt. Rach welchem Matzstabe wäre die Leistung uwzulegen? Rach dem Wert der von jeder Gruppe hergestellten Warenmenge? Dieser Wert läßt sich nur schwer bestimmen und schwankt von einem Tag zum anderen. Rach der Zahl der beschäftigten. Arbeiter? Auch das wäre eine rohe Bemessungsgrundlng^e^ denn Lohn und Leistung sind verschieden. Angesichts solcher Schwierigkeiten ist mau auf den anderen Weg verfallen, auf die Besteuerung der Erzeugnisie oder auf die Beschneidung der Reinerträge. Die Betriebe könnten gezwungen werden. einen bestimmten Prozentsatz des von ihnen erhielten. aus den Büchern nachzuweisenden Preijes an
das Reich abzuführen. Diese Regelung setzt allerdings eine lästige und kostspielige Steuerkontrolle voraus. Auf die Erfassung der Reinerträge weisen insbesondere die Sozialdemokraten hin und empfehlen eine steigende Beteiligung des Reiches an Dividenden, die 5 Prozent übersteigen.
Zu welchen Entschlüssen die Erwägungen auch führen werden, eines ist dabei sicher: Wir erleben eine unheimliche Preissteigerung. Industrielle, Landwirte, Hausbesitzer, sie alle wälzen die Lasten auf den Verbraucher äb. Der Lebensunterhalt wird weiterhin verteuert. Damit beginnt der Prozeß der Rückwälzung. Lohn- und Gehaltsbewegungen brechen aus, und man wird noch zufrieden sein müssen, wenn sie nicht zu inneren Unruhen führen. Die Dinge verschlimmern sich in dem Matze, wie sich infolge der vermehrten Inanspruchnahme der Notenpresse die Tendenz zur Geldentwertung auswirkt.
Des weiteren kommen indirekte Steuern in Betracht. Das Ausland weist mit steigendem Nachdruck auf die Ausgaben hin, welche das deutsche Volk für entbehrliche, nicht unbedingt zur Lebensnotdurft gehörige Gegen-- stände macht,und sieht hier noch reiche unausgeschöpfte Steuerquellen. In der Tat läßt sich der Luxus noch weit schärfer treffen, als es jetzt unmittelbar oder durch die Umsatzsteuer mittelbar geschieht. Rur begrenze man den Begriff des Luxus richtig und dehue ihm nicht auf Dinge aus, die das Volk haben mutz, wenn es die Freude am Dasein nicht verlieren soll., Im Höchstfälle werden es jedenfalls nur etliche Milliardeu sein, die man auf indirektem Wege noch herausholen könnte. Der größte Teil der Ultimatumsschuld bleibt auch dann noch ungedeckt.
Die Ergiebigkeit unserer volkswirtschaftlichen Arbeit ließe sich durch technische und organisatorische Einrichtungen steigern. Die technische Vervollkommung der Betriebe hat nie geruht und wird jetzt erst recht ins Auge gefaßt werden müssen, sowohl nach der maschinellen wie nach der persönlichen Seite. In letzterer Hinsicht findet die Taylorisierung immer größereVeachtung. In organisatorischer Richtung sind ebenfalls bereits erfolgreiche Schritte unternommen worden. Man faßt Betriebe zusammen und erspart Kosten. Man beschränkt die Auswahl und gewöhnt das Publikum daran, möglichst gleichartige Erzeugnisse z-u verwenden. Die heute von niemand zu beantwortende Frage bleibt nur immer, ob der Produktionsertrag so weit gehoben werden kann, daß sich damit die an der gesamten Schuld fehlenden Milliarden decken lassen.
Man sage nicht, daß dies alles die Folge unserer Zustimmung zum Ultimatum sei. Hätten wir Nicht zugestimmt, so wäre der Druck nicht kleiner, sondern vermutlich noch größer geworden. Die Gegner hätten selbst bestimmt, was und wie wir zahlen sollten. Sie hätten, gestützt auf den Vertrag von Versailles, den Vergleich mit dem meist belasteten Auslandsstaat gezogen und danach die Auflage bemessen. Auch sonst hat sich das Ja bisher bewährt. Wir besitzen noch das Ruhrgebict und wir dürfen hoffen, daß uns das oberschlesische Industriegebiet im wesentlichen erhalten bleibt!
Die Pause in dem Streit über Oberschlefien.
Dz. London, 23. Mai. (Dr.lbtbericht.) ..Daily Gftromcle' zufolge steht England m der oberschlesischen Frage nach roi vor h 1 n t e r d e m Vertrag von Versailles. Mai könne Konanty nicht gestatten, den Friedensvcrtrag zu ge fahrdcn. Wenn die letzte französische Rote erklärt, deutsch: Kreise batten in Oberschlesien eine Mitschuld an den Un ruhen, so bedeute dies, den Karren vor den Gaul wannen Der diplomatische Mitarbeiter des ..Observer" schreibt Wenn Briand verlange, datz eine Untersuchung von Cachver ständigen den Beratungen des Obersten Rates vorausgeber Ivlle, so werde die Zusammenkunft des Obersten Rates nie mal? stattfinden. Das Blatt sagt, die nächsten 14 .Tag: wurden entscheidend sein. Jetzt, wo Lloyd George den Fui "ledergesetzt habe, müsse er auch — kasie es. was es wolle - fest bleiben, wenn er nicht haben wolle, daß er und Englanl m den Angelegenheiten der Welt null >ei. Lloyd Georg, habe niemals die britische öffentliche Meinung geschlossene! hinter sich gehabt als in der oberschlesischen F'age. Wem Paris und Warschau keine Achtung vor der britischen Ab acht und Überzeugung hätten, so werde die AIlliance e i r toter Buchstabe sein. OMerner findet die Dehauvtunr aviuro, oak Lloyd George. als er von neuen oder aller Freundschaften sprach. an eine deutsch-englische Alliance s* dacht habe.
Times" meldet, dah Briand aus der äugen bncklichen Kammevdebatte mit einem scheinbar starken Vertrauensvotum hervorgeben werde, das aber meh, ein Votum gegen Lloyd George als für Briand bedeuten wurde.
..Daily Telegraph" versichert. die augenblickliche Pause in dem Streit über Ooerschlesten werde eine Einigung zwischen Paris und London Hervorrufen.
General Rollet erkennt Deutschlands gute Absicht an.
0 ? r D r- v 23 - Mai. (Erg. Drahtbericht.) General Roll et bat dem KorreGoiGenten der ..Information" erklärt. daß er die gu.te Absicht der deutschen Remerung in der Entwaffnuiigsrraae anerkennen müsse.
Der erste Kriegsprozstz in Leipzig.
Sr. Leipzig. 23. Mai. (Eigener Drahtbericht.) Vor dem zweiten Strafsenat des Reichsgerichtes begann heute morgen der erste Kriegsprozeh unter Anwesenheit einer englischen Kommission, bestehend aus dem Staatsanwalt S i r Ernest, Pollock sowie einigen anderen Herren. Den Vorsitz führt Senatsvräsidont Dr. Schmidt. Dir Anklage vertritt der Oberreichsunwalr Dr. Ebermeier. Als Verteidiger fungieren die Rechtsanwälte Zuevvers aus Düsseldorf. Förster aus Eroh-Lichterfelde und Wittenberger aus Leipzig. Zur Verhandlung find 32 Zeugen geladen. darunter 1b englische Belastungszeugen Die Anklage richtet sich gegen den ehemaligen Sergeanten und jetzigen Küchenmeister Paul H e y n e n aus Barmen, dem 46 selbständige Fälle von Gefangenenmihbandlungen vorgeworsen werden, die er selbst oder ihm unterstellte Untergebene äus- geführt haben sollen. Nach dem Zeugenaufruf wird zur Vernehmung des Angeklagten geschritten. Er ist noch unbestraft und Vater von 9 Kindern. Vor der Vernehmung des Angeklagten teilt der Präsident mit. die Aufgabe des Senats fei scharf und eng begrenzt. Sie bestehe darin, zu ermitteln, ob den Angeklagten persönlich eine Schuld treffe. Für oolitiiche oder andere Erwägungen sei in diesem Saale, der'lediglich der Gerechtigkeit diene, kein Raum, und er würde dafür siegen, datz alle derartigen Erörterungen unterblieben. Dem Angeklagten wird zur Last gelegt, sich durch Fuhtritte. Stockschläge ujw an Gefangenen vergangen zu haben. Wegen diesen Gefangenenmitzhandlungen ist er bereits im Jab re 1916 mit 2 W 0 cb e u Arrest bestraft worden. Wie der Präsident weiter mitteilt, wären diese Strassälle durch die Amnestie an sich verjährt, aber ein besonderes Gesetz bestimme. datz für die vorausgegangenen Straferlasse eine Verjährung ausgeschlossen sei. Zu seiner Verteidigung gibt der Angeklagte an. die englischen Gefangenen batten sich oft widerspenstig gezeigt und die Arbeit verweigert. Er stellt in Abrede. Gefangene misshandelt zu haben. Vielleicht habe er einmal „Schweinerei" gesagt und die Gefangenen hätten „Schweine" verstanden. Mit Stockschlägen habe er die Gefangenen nicht traktiert. Er habe nie einen Stock getragen. Vielleicht sei cs versehenilich vorgekommen, dah er Gefangene mit dem Gewehrkolben gestoben habe. Wie der Präsident mitteilt, wird von den englischen Gefangenen angegeben, sie seien bei dieser Gelegenheit auch von den Wachmannschaften geschlagen worden, wovon aber der Angeklagte nichts gesehen haben will. Richtig sei. dag er einige Rädelsführer in eine Arrestzelle gesperrt habe.
Dr. Rosen, Minister des Auswärtigen.
Dz. Berlin, 22. Mai. (Drahtbericht.) Der Reichspräsident hat den bisherigen Gesandten im Haag, Dr. Rosen, zum Reichsmini st er des Äußern ernannt und den Reichskanzler von der Wahrnehmung der Geschäfte dieses Ministeriums enthoben.
Der Urlaub des Reichspräsidenten.
Sb. Berlin, 23. Mai. Reichspräsident Ebert wird am Freitag einen dreiwöchigen Urlaub autreten. den er zum Teil in Mergentheim, zum Teil in Freudenstadt im Schwarzwald verbringt.
Einberufung des preußischen Staatsrats zum 27. Mai.
Bb. Berlin, 23. Mai. Der preußische Staatsrat ist von seinem Vorsitzenden Dr. Agenauer zum 2 7. Mai einberufen worden. Der Staatsrat wird etwa eine Woche zusammenblerbsn. um den neue» Etat, einige kleinere Gesetze und seine neue Geschäftsordnung zu beraten. Die Ausschüsse für den Staatshaushaltsplan und für die Geschäftsordnung treten bereits am 25. Mai zusammen. Auch der A u s s ch u tz für die 0 b e r s ch l e s i s ch e n Fragen will demnächst zusammentreten. Von den 73 Staatsrats- mitgliedern sind bisher 43 in Ausschüssen vertreten, also 60 Prozent der gesamten Körperschaft, sind Ausschussmitglieder.
Reichstagsabgeordneter Tuch f.
Bb. Leipzig. 23. Mai. Der Leipziger Reichstagsabge- ordncte. Klempncrobermeister Wilhelm Tuch (D. Vot.). ist in Bad Mergentheim plötzlich an Hcrzlähmung gestorben. Als Sein Nachfolger im Reickrstag» kommt, da Frau Voigtländer die Annahme des Mandats ablehnt. Landgerrchts- direktor Dr. Wunderlich in Betracht.
Fortsetzung des kommunistischen Putschbetriebs.
Bb. Berlin, 22. Mai. Die Zentrale der Vereinigten Kommunistischen Partei Deutschlands veröffentlicht einen 'eine volle Seite der „Roten Fahne" umfassenden Aus- r u f an das deutsche Proletariat, der von neuem beweist, datz die deutschen Kommunisten und ihre russischen Treiber aus dem letzten Putsch nichts gelernt haben, und dah sie. vwenn auch nicht ganz so eindeutig, wie es in den Märztagen geschah, an ihrer Putschtattik sest halten Es wird den Arbeitern plausibel zu machen versucht, dah nur die vrole- tarifee Revolution, nur der Kamps und die entscheidende Tat. ihnen helfen könne. Durch Kampfe und Massenaktionen sollten die Arbeiter zeigen, dah es ihnen um ihre Forderungen ernst sei. Die Kommunisten würden in Kampsestagen wieder die Ersten, die Opferwilligsten und die Kampfes- mutiasten lein.
Die Mitteilungen der „Freiheit" über die Vorgeschichte und die Wirkungen des Märzvutsches der Kommunisten sind der „Roten Fahne" offenbar sehr unbeauem. Sie bezeichnet das ganze Material einfach als erlogen unter Berufung auf das Urteil der letzten Sitzung des Zentralausschusses, dem es bereits Vorgelegen habe und der daraufhin mit überwältigender Mehrheit den Ausschluss Levis, die Matz- regelu.ng der mit ihm solidarischen Genossen und die Fortführung der Politik der „revolrrtionären Initiative" gebilligt habe. Die Partei fei nicht geschwächt, sondern gestärkt und kampfbereiter als zuvor aus der Märzaktion ften»»* gegangen.
