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Dienstag, 24. Mai 1921.

Abend-Ausgabe. Jlt.» . SS. Jahrgang.

Außenminister Dr. Rosen.

Mit der von uns bereits im heutigen Morgenblatt gemeldeten Ernennung des deutschen Gesandten im Haag, Dr. Rosen, zum Reichsminister des Äußern ver­bleibt das Auswärtige Amt in der Hand eines diplo­matischen Fachmannes. Dr. Rosen gehört zu den Diplo­maten, die über die reichste praktische Auslandskenntnis verfügen. Er ist zwar gebürtiger Sachse, aber schon seine Kindheit verlebte er in Jerusalem. Dort erwarb er sich auch eine umfassende Kenntnis orientalischer Sprachen, die er mehrere Jahre als Lehrer am orienta­lischen Seminar in Berlin zweckentsprechend verwendete. Seine diplomatische Karriere begann im Jahre 1890 als Konsul in Beirut. Dann ging er als Dolmetscher zur Gesandtschaft nach Teheran. Für ein Jahr war er dann wieder Konsul in Jerusalem, um schließlich 1900 als Vortragender Rat für fünf Jahre in den Innendienst des Auswärtigen Amtes zu treten. 1905 führte er die außerordentliche deutsche Gesandtschaft zu König Menelik nach Abessynien. Hierauf verbrachte er weitere fünf Jahre in Tanger als deutscher Gesandter. Hier hatte er während des Marokkokonflikts die nicht leichte Auf­gabe, auf der Konferenz von Algeciras die deutschen Interessen zu vertreten. 1910 ging er als Gesandter nach Bukarest. 1912 gleichfalls als Gesandter nach Lissa­bon. Der Ausbruch des Krieges rief ihn zurück. Als Kühlmann 1916 Staatssekretär des Auswärtigen wurde, löste ihn Dr. Rosen auf dem Gesandtenposten im Haag ab. DieAnnahme des Außenministeriums durch Dr. Rosen bürgt dafür, daß er sich in die große Linie der Politik des Kabinetts Wirth einzugliedern gewillt ist.

Friedrich Rosen ist schriftstellerisch hervorgetreten. Er veröffentlichte einen Neupersischen Sprachführer, so­wie das hindustanische Singspiel Indarsabha des Dich­ters Amanal mit Übersetzung und einer Einleitung über das neuindische Drama, ferner eine Modern Persian Eolloquial Erammar. Sein bekanntestes Werk ist die Verdeutschung der Vierzeiler des persischen Dichters und Philosophen Omar Khajjam, die zuerst in Stuttgart unter dem Titel Die Sinnsprüche Omars des Zeltmachers erschien.

Einer Charakteristik des neuen deutschen Außen­ministers in der ..Deutschen Allgemeinen Zeitung" ent­nehmen wir nachstehende Sätze: Mit Dr. Rosen tritt ein berufener Diplomat an die Spitze des Auswärtigen Amtes, der auf eine besonders lange Erfahrung im Außendienst zurückblicken kann. Durch seine Familien­verbindungen ist Dr. Rosen von Kindheit auf diesen Posten binqewiesen worden. Er hat dort seine politische Tätigkeit begonnen. Aber er ist auch einer der besten Kenner der orientalischen Eeisteswelt, namentlich hat er sich um die Erschließung der Werke der neupersischen Literatur verdient gemacht. Seine Bedeutung auf die­sem wissenschaftlichen Gebiete ist erst im vergangenen Jahre dadurch gewürdigt worden, daß er zum Vorsitzen­den der Deutschen morgenländischen Gesellschaft erwählt worden ist.'

Als Gesandter in Teheran hat Dr. Rosen bei den Persern die allerbesten Erinnerungen hinterlassen, die in ihm einen Mann sahen, der dem iranischen Wesen Verständnis entqegenbrachte. Dr. Rosen verstand es, in Teheran zwischen den Klippen der englischen und russischen Politik hindurch zu kommen und dabei doch keine deutschen Interessen zu opfern.

Mit Dr. Rosen tritt ein Mann an die Spitze des Auswärtigen Amtes, der über 30 Jahre lang im diplo­matischen Dienste des Deutschen Reiches steht. Er hatte in dieser Zeit Gelegenheit, sich nicht nur das anzueignen, was man diplomatisch orientieren nennt, also sich mit denk mehr Handwerksmäßigen seines Berufs vertraut zu machen, sö daß seine bisherige Tätigkeit zu dem Ver­trauen- berechtigt, das er besitzt. Vorschußlorbeeren dem neuen Mann zu erteilen, ist jetzt allerdings nicht der Augenblick. Wir warten ab was er leistet. Als Parteimann kann Dr. Rosen nicht angesprochen werden, dafür bietet seine bisher abseits der Parteipolitik stehende Tätigkeit keinen Anhaltspunkt.

Br. Berlin. 24. Mm. sEig. Drahtbericht.) Wie die ..Tägl. Rundschau" mitteilt, dürfte als Nachfolger Dr. slosens im Haag Staatssekretär H a n r e l gelten. einer Besprechung 'der Personalveränderungen im Aus- wärtigen Amt schreibt der „Lokalanzeiger Wahrschein­lich wird der Kanzler das von -hm verwaltete Reichsfinanzministerium beibehalten wollen. SLenigstens scheint diese Geneigtheit nach wie vor bei ihm zu bestehen. Der „Lokalanzeiger" berichtet weiter: Der frühere Reichsminister des Äußern Dr. Adolf Köster dürfte zum Chef der Reichspressestelle er­nannt werden. Köster würde das Amt aber erst kom­missarisch verwalten.

Die Richtlinien des Reichskanzlers.

W.T.-B. Berlin. 23. Mai. In einer Unterredung mit einem Redakteur des ..B. T." erklärte Reichskanzler Dr. Wirth über die Richtlinien der deutschen Politik u. a.: Alsbald nach der Bildung der Regierung sind die zu- ständigen Restarts angewiesen worden, die Repara­tiv n s f r a g e nach großzügigen Gedanken zu bearbeiten. Sie werden ste in Form von Gesetzentwürfen dem engen Ausschuß des Kabinetts und hernach dem Kabinett selbst vorlegen. Diese sachlichen Vorbereitungen können nicht aus die, Augenblicksvolitik eingestellt sein: denn unsere Politik muß non sachlicher Seite her auf lange Sicht gestellt geteilt werden. Deutschlands Befreiung kann nur durch Arbeits­leistungen erfolgen. An den Ovferwillen des deutschen Volkes und an den festen Willen, dauernd mitzuarbciten. rückt nur für ein paar Wochen, must appelliert werden. Die­jenigen Parteien, die stch an der jetzigen Regierung betei­ligen wollen, müssen ihre Mitarbeit auf Jahre einstellen. Niemand soll ausgeschlossen sein, der auf sachlichem Boden am Wiederausbauvrogramm Mitarbeiten will. Mit Per­sonen. die etwa nur parteipraktisch manövrieren, will und darf Deutschland nicht rechnen. Ich werbe die Mitarbeit jener groben wirtsckiaftlichen Führer herzlich begrüben, die in der Krieoszeit dem deutschen Volke, durch Organisations­arbeit das Ausharrem im Weltkampf ermöglicht haben, -i- Auf die Frage, was ihn zum Jawort beim Ultimatum tbestimmt habe, antwortete der Reichskanzler: „Wer in der Welt batte bei der Ablehnung des Ultimatums an Deutsch­lands Willen geglaubt, bis zur Grenze seiner Leistungs­fähigkeit den Friedensvertrag zu erfüllen? Niemand: wir hätten die ganze Welt gegen uns gehabt, und dann bedenken Sie die politischen Folgen. Das Verwachsen der Ruhrkoblc mit den französischen Erzen! Was hätte das politisch für Folgen gehabt! Wenn wir im Kriege das Leben und die Gesundheit von Millionen nicht schonten, um wievielmehr müssen wir opfern, um dadurch deutsches Land und die deutsche Freiheit retten zu können."

Einstellung des Nheinzolldienstes?

Bl>. Koblenz, 23. Mai. Die Gerüchte über eine be­vorstehende Einstellung des Nheinzolldienstes scheinen sich zu bestätigen. Wie die „Rheinische Rundschau" aus Bad Ems erfährt, ist damit zu rechnen, daß der Zoll­dienst sofort eingestellt wird, sobald di« ersten 150 Eoldmillionen an die Alliierten übergeben sind. Allerdings hat man den Eindruck, daß die Franzosen es durchgesetzt haben, daß die Zolldiensteinrichtung ani Rhein nicht vollständig abgebaut wird, sondern daß sie in rohen Umriffen als drohende Zwangsmaßnahme immer wieder zur Verfügung steht, wenn Deutschland mit seinen Leistungen in Rückstand gerät, und daß Frankreich dann freie Hand zur Zwangseintreibung er­hält. Es ist wahrscheinlich, daß der Rest der Zolldienst- einrichtung die Aufgabe erhalten wird, durch Erhebung einer sogenannten statt st ischen Abgabe auf Ein- und Ausfuhr eine Art Kontrolle über die deutsche Warenerzeugung und ihre Verteilung ans- zuüben. Von einer Beibehaltung des Systems der Ein- und Ausfuhrscheine ist nicht die Rede.

Die Räumung Düffeldorss, Duisburgs und Ruhrorts.

Dz. Köln, 24. Mai. Einer Meldung der „Rhein.-Westf. MontaWvost zufolge soll die Aufhebung der Zoll­sanktionen am Rhein nach einer Mitteilung aus eng­lischer Quelle bis spätestens 6. Juni erfolgen. Die Räumung de: Städte Düsseldorf, Duisburg und Ruhrort soll bereits einige Tose vorher angeordnet werden.

Ablieferung von Docks an die Entente.

, Br Hamburg, 24. Mai. sEig. Drahtbericht.) Die bollän- orschen Schleppdampfer „Lauwerzes" und „Roodezee" sind gestern morgen mit einem Dock der Deutschen Werft von 4200 Tonnen Tragfähigkeit von hier nach Cherbourg abgegangen. Das Dock.-wird dort an die Entente abgeliefert werden. Ein zweites auf der Deutschen Werft liegendes Dock, das von Plenderberg in Lübeck erbaut worden ist und vor einigen Tagen nach Hamburg verbracht worden ist soll in 8 bis 14 Tagen gleichfalls nach Cherbourg geschleppt werden.

Die Verwendung deutscher Arbeiter in den zerstörten Gebieten.

D. Paris. 24. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Im Ministe­rium für Wiederaufbau wurde erklärt, daß die Herstellung von 25 000 Häuern für die zerstörten Gebiete durch deutsche Arbeiter zwar im Prinzip bewilligt sei. daß aber alle näheren Bedingungen noch nicht festge- s e tz t seien. Eine andere Meldung, daß den Deutschen ein Abschnitt der zerstörten Gebiete probeweise mr den Aufbau überwiesen werden solle, stößt im Ministerium auf Zweifel.

General Rollet auf Helgoland.

Br. Hamburg. 24. Mai. (Eigener Drahtbericht.) Wie verlautet, ist ein französisches Toroedaboot hier eingetroffen um den General Rollet nach Helgoland zu bringen, der dort die Zerstörung an den Befestigungswerken besich­tigen soll.

Ein deutsch-chinesischer Separatfrieden.

Dz. Peking, 23. Mai. (Havas.) Ein chincsisch-deutiäies Abkommen wurde am 20. Mai in Peking unterzeichnet, das als Grundlage für einen Separatfrieden zwischen diesen beiden Ländern dienen soll, da China den Vertrag vcn Versailles nicht unterzeichnet hat. Deutschland ver­pflichtet sich. China die Borteile des Vertrages von Ver­sailles zu gewähren.

Der polnische Aufstand in Oberschlesien.

Dz. Ovveln, 24. Mai. Auch gestern war es nicht mög­lich, telephonisch oder telegraphisch Nachrichten aus dem von den Insurgenten besetzten Gebiet zu erhalten. An der Nord­grenze des Kreises Kreuzburg, gegenüber Reiners­dorf - Ko st au, wurden auf polnischem Gebiet starke polnische Randenansammlungen beobachtet. Die heftigen Zusammenstöße im Kreise Rosenberg dauern an. Auf seiten der Aufständischen griff an der Bahnlinie Kreuz­burg -Zemüowitz ein fahrender Panzer»»« in den Kampf ein. Dort, wo die Polen bisher von ihnen ge­haltenes Gebiet räumen mußten, wurden die Dörfer von ihnen geplündert. In der Gegend La ndsberg-Alt- Rosenberg wurde sämtliches Vieh vertrieben. Die Ein­wohner wurden mißhandelt. Aus D u p i n e und Kofel wurden deutschgesinnte Oberschlester über die Grenze ge­schleppt. Im Kreise R a t i b o r gelang es den Polen anläß­lich eines Vorstoßes. Angehörige des örtlichen Selbstschutzes auf tschechoslowakisches Gebiet zu drängen: die deutschen Ver­teidiget wurden dem Vernehmen nach entwaffnet. Auf Grund von Nachrichten, die auf besonderem Wege von B e u t h e n nach Oppeln gelangt sind, kann mitgeteilt werden, daß K a t t o w i tz und V e u t h e n bisher noch nicht in die Hände der Aufständischen gefallen sind. Die Lebensmittelnot wurde bisher noch nicht behoben und nabm besonders im Landkreis Beuthen erschreckende Formen an.

Dz. Berlin, 24. Mai. Nach einer Meldung der „Voss. Ztg." aus Breslau sind im Kreise Kreuzberg unter den gefangenen Insurgenten polnische Infanteristen aus Czenstoch.au festgestellt worden.

Eine ueue Rote der deutschen Regierung.

Br. Berlin, 24. Mai. (Erg. Drahtbericht.) Dem fran­zösischen Botschafter in Berlin Laurent wurde eine Note der deutschen Regierung überreicht, in der u. a. ausgesührt wird:

Die deutsche Regierung duldet nicht die Bildung von Freikorps auf deutschem Gebiet und den Übertritt vom nichtbesetzten ins besetzte Gebiet. Dagegen hat sie keinen Einfluß auf den Zusammenschluß der S e l b st s ch u tz - formationen, der aus der Bevölkerung heroorge- san-gen ist und auf einem Gebiet erfolgte, das der Ver­waltung der interalliierten Kommission untersteht. Die deutsche Regierung hat Anordnungen erteilt, daß die zur Überwachung der Grenze zwischen dem besetzten unb dem unbesetzten Gebiet vorhandenen deutschen Sicherheits­organe wesentlich verstärkt werden. Demgegenüber wird festgestellt, daß auf polnischer Seite tatsächlich der Über­tritt polnischer Soldaten sowie der Nachschub von Munition und Materialien jeder Art für die Insur­genten erfolgt. Dafür wird Beweismaterial angeboten. Die deutsche Regierung stellt mit Befriedigung fest, daß die interalliierte Kommission im besetzten Gebiet allein verantwortlich ist. Die Anarchie siebt allerdings im scharfen Widerspruch zu den Verhältnissen, in denen die interalliierte Kommission die Verwaltung des blühenden Landes im Februar vorigen Jahres übernommen hat. Die deutsche Regierung ist ihrerseits ständig bemüht, Mittel und Wege zu finden, um der oberschlesischen Be­völkerung die Qualen zu lindern. Sie ist grundsätzlich gewillt, in jeder praktischen Weise durch Lebens­mittel- und Geldsendungen die Lage zu erleich­tern. Es besteht iedoch die objektive Unmöglichkeit für die Eewäbr. daß die Gelder oder Lebensmittel tatsächlich in die Hände der wirklichen Empfangsberechtigten ge­langen. Der Präsident der interalliierten Kommission verfügt wenige Kilometer hinter Ovveln über keinerlei Machtbefugnisse mehr und ist ni^-t in der Lage, seine etwa abc-ebenen Garantien in die Tat umzusetzen. Die deut­sche Regierung will die Hoffnung nicht aufgeben. daß es den Bemühungen der inte-alliierten Kommission ge­lingen wird, die ordnuvo.smLtzigen Verhältnisse in Ober­schlesien wiederherzustellen und die Bevölkerung vom Joche der polnischen Insurgenten zu befreien.

Kein deutscher Reichswehrsoldat im Abstimmungsgebiet.

Dz. Berlin, 24. Mai. Die Tendenzmeldungen der War­schauer Zeitungen, wonach bei den schweren Zusammen­stößen in der Gegend von Kandrzin-Annaberg die Teil­nahme deutscher. Reichswehrangehöriger fest- gestellt worden sei, sind ebenso unwahr wie alle früheren Meldungen gleicher Art. die systematisch von den Ausrührern und von volnischer Seite verbreitet wurden. Es sei noch­mals ausdrücklich wiederholt, daß sich nicht ein einziger Reichswehrsoldat im oberschlesischen Abstimmungsgebiet be­findet. Dagegen wurde gerade bei den Zusammenstößen in der genannten Gegend die Unterstützung der Insurgenten durch Angehörige regulärer volnischer Truppen­teile und durch Kamvfmittel der regulären polnischen Armee erneut einwandfrei festgestellt.

Beschlagnahme der „Schlesischen Tagespost".

Dz. Breslau, 24. Mai. Die gestrige Ausgabe der „SchLesischeii Tagespost" wurde beschlagnahmt, weil sie eine Meldung mit der Überschrift „Mehr Freiwillige für Oberschlesien!" veröffentlicht hatte.

Eine Untersuchungskommission des internationalen Gewerkschaftsbnndes.

Dz. Berlin, 24. Mai. Der Vorstand des internatio­nalen Gewerkschaftsbundes in Amsterdam hat sich in seiner letzten Sitzung mit dem polnischen Auf» stand in Oberschlesien befaßt. Nachdem der Vor­sitzende des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. L e i v a r t. eingehend Bericht erstattet batte über die pol­nischen Gewalttätigkeiten, wurde beschlossen, baldigst eine Untersuch uv. gskommiffion des internationalen Gewerksckrastsbundes nach Oberschlesien zu entsenden, die dort an Ort und Stelle in Gegenwart von deutschen und polni­schen Gewerkschaftsvertretern Feststellungen für eine iM«t-> tive Klarstellung der Schuld iraae vornehmen loL