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Samstag« 21. Mai 1921.

Morgen-Ausgabe.

Die Bedeutung des Kieler Kanals für den deutschen Handel.

Von Ferdinand -off, M. Ä. L.

Unter den künsMchen Wasserstraßen der Erde nimmt der in den Jahren 1887 bis 1895 erbaute und 1907 bis 1914 in großzügiger Weise erweiterte Kaiser-Wilhelm­oder Kieler Kanal nach Breite, Tiefe und Abmessung der Dingangstore unbestritten den ersten Rang ein. Die neuen Doppelschleusen bei Holtenau uud Bruns­büttel haben eine nutzbare Kammerlänge von 330. eine lichte Weite von 45 und eine Sohlentiefe von 14,1 Meter, während die Schleusen des Panamakanals eins Länge von 305 und eine Breite von 33,5 Meter aufweisen. Da z. B. der „Imperator" eine Länge von 276, eine Breite von 27,5 und einen Tiefgang von 11 Meter besitzt, ge­statten sie den größten Ozeanriesen den Eingang in den Kanal, der ihnen bei einer Breite von 103 Dieter an der Wasserlinie, 44 Meter an ber Kanalsohle und einer Tiefe von 11,5 Meter eine sichere Durchfahrt ermöglicht.

So nach Abmessung und technischen Einrichtungen den andern Eroßroasserstraßen der Welt überlegen, kann der Kieler Kanal in bezug auf Abkürzung des Weges und damit an Z e i t- und K o st e n e r s p a r u n g flicht annähernd den Vergleich mit dem Suez- und Panamakanal aufnehmen. Die Kanalabgaben müssen sich daher naturgemäß in engen Grenzen halten, wenn sie nicht prochibitiv wirken sollen. Da eine Verzinsung des Anlagekapitals von zirka 400 Millionen Eoldmark ausgeschlossen ist, wäre der Kanal in seinen eben dar­gelegten Abmessungen als reine Handelsstraße wohl kaum je gebaut worden. Seine Entstehung ver­dankt er vielmehr, wie allgemein bekannt ist, strategi­schen Erwägungen. Er verdoppelte gewissermaßen den Kampfwert der deutschen Flotte, indem er derselben in wenigen Stunden die Verschiebung von der Nordsee in die Ostsee und umgekehrt gestattete. Diesem Umstand war es zweifellos in erster Linie mit zu verdanken, daß während des ganzen Weltkrieges kein ernsthafter An­griff auf die deutschen Küsten unternommen wurde.

Dieses strategisch-militärischen Charakters ist der Kanal durch den Frieden von Versailles entkleidet. Um so schärfer tritt damit seine friedliche Bedeutung als Schiffahrts- und Verkehrsstraße in den Vorder­grund. Sie ist auch von der Entente erkannt und an­erkannt worden. Zum Glück wurden die auf eine Jntsr- nationalisterung des Kieler Kanals gerichteten Bestre­bungen fallen gelassen. Dafür aber sind in den Artikeln 380 bis 386 des Versailler Friedensvertrages besondere „Bestimmungen über den Kieler Kanal" gegeben wor­den, die insofern einer Jnternationalisierung nahe kommen, als der Kanal in Zukunft „allen mit Deutsch­land in Frieden befindlichen Nationen für ihre Handels- und Kriegsschiffe gleichberechtigt frei und offen stehen" soll. Jede unterschiedliche Behandlung der Schiffe ist Deutschland untersagt. Abgaben dürfen nur soweit er­hoben werden, als sie zur Deckung der Kosten für die Ausrechterhaltung der Schiffbarkeit, für Verbesserun­gen oder im Interesse der Schiffahrt notwendig er­schienen In Artikel 385 ist bestimmt, daß keine Bauten irgendwelcher Art ausgeführt werden dürfen, welche die Schiffahrt im Kanal oder an seinen Zugängen behin­dern können.

Diese Bestimmungen, welche Deutschland das freie Verfügungsrecht über seinen größten Kanal nehmen, zeigen zugleich, eine wie große wirtschaftliche Bedeutung der Kieler Kanal auch in den Augen unserer ehemali­gen Feinde besitzt. Diese im Interesse des wirtschaft­lichen Mederausbaues voll auszunutzen, stellt eine dringende und bedeutsame allgemeine deutsche Aufgabe dar Durch eine Steigerung des Durchgangsverkehrs allein kann dem deutschen Interesse schon deswegen nicht voll genügt werden, weil die Kanalabgaben nur die „Unkosten" decken dürfen. Es wird vielmehr auch im allgemeinen deutschen Interesse notwendig sein, den Kanal unmittelbar für Hcmdelszwecke auszunutzen.

In diesem Punkte aber begegnen sich die allgemein deutschen mit den Interessen der Marinestadt Kiel. Im Jahre 1864 Sine Stadt von reichlich 18 000 Einwohnern war Kiel durch die Marine und mit ihr in verhältms- mäßig kurzer Zeit zu einer Großstadt von nahezu einer Viertelmillion Einwohnern aufgestiegen. Ganz auf die Marine und ihre Bedürfnisse eingestellt, mußte ihr jäher Zusammenbruch die wirtschaftliche Grundlage der Marinestädt aus das schwerste erschüttern und gefährden. Keine zweite Großstadt Deutschlands ist durch den un­glücklichen Ausgang des Krieges so schwer betroffen wie Kiel. Eine glückliche Verkettung der Umstande aber bringt es mit sich, daß der Kieler Kanal — sinkt tm Interesse der Marine erbcnit — nunmehr nach ihrem Zusammenbruch die Möglichkeit bietet, der schwer be­troffenen Marinestadt Kiel zu einer neuen wirtschaft­lichen Grundlage zu verhelfen.

Infolge der Lage am Kanal zugleich der östlichste Punkt der Nordsee und der, westlichste Punkt der Ostsee, ausgerüstet mit einem der besten und sichersten Häsen der Welt, sind für Kiel alle natürlichen Voraussetzungen gegeben, um im Umschlagsverkehr der Ostsee eine füh­rende Stelle vinzunehmen und hier besonders mit Kopenhagen in sine aussichtsoolle Konkurrenz zu treten. Wagemutig ist die Kieler Kaufmannschaft und Sladinertretung glcick, nach Beendigung des Krieges an die Ausgabe herangetveten, an der Mündung des Kieler Kanals unter unmittelbarer Nutzbarmachung jetzt überflüssig gewordener Marineanlagen einen Um­schlags- und Freihafen zu errichten, um dadurch der Stadt eine neue wirtschaftliche Grundlage zu geben und Deutschland zu gleicher Zeit denjenigen Anteil an dem Ostseehandel zu sichern, der durch das Bestehen der großen Verkehrsstraße des Kanals ermöglicht und ge­geben erscheint. Sache der Marinebehörden, der Reichs­und Staatsregierung wird es sein, durch eine weit­schauende Unterstützung dieses Projektes nicht nur einer wirtschaftlich schwer erschütternden Stadt zu helfen, sondern auch das große Werk des Kieler Kanals, nach­dem dieser seine militärische Bedeutung verloren har, für den deutschen Handel vollwertig nutzbar zu machen.

Reise des Reichskommissars für die Entwaffnung nach München.

Dz. Berlin. 20. Mai. Dem ..Verl. Tageblatt" zufolge be­gibt sich der Reichskommissar für die Entwaffnung. Dr Peters, in den nächsten Tagen nach München zwecks Rücksprache mit der bayerischen Regierung über die Entwaff- nungsfrage.

Das Sprengkommando der Münchener Kommunisten verhaftet.

Dz. München, 19. Mai. Das Svrenskommando der Münchener Kommunisten, das bei den letzten Unruben in Mitteldeutsckiland beauftragt war. durch Sprengung der Eiienbahnbrücken von Augsburg und Nürnberg den Truppen­transport von München nach Mitteldeutschland zu unterbin­den. wurden verl,aftet und vor den Richter gestellt. Es sind ein Schlosser, ein Hilfsarbeiter, ein Mechaniker und ein Hausknecht. _

Exkönig Karl verläßt die Schweiz.

Dz. Bern. 20. Mai. Exkönig Karl von Ungarn hat am 14. Mai dem Bundesrat die Mitteilung »ugehen lassen, daß er im Laufe des Monats August die Schroeiz endgültig zu verlassen gedenke. Er hat fein Ersuchen verbunden mit der Bitte, es möchte ihm bis zu diesem Zeitpunkt der Aufenthalt in der Schweiz gestattet werden. Der Bundesrat hat von dieser Eröffnung Kennt­nis genommen und dem gestellten Ersuchen entsprochen, nach­dem der König den an diesen Aufenthalt geknüpften Be­dingungen zugestimmt hat. Der König hat in formeller Meise erklärt, daß sowohl er als auch die bei ihm weilen­den Personen während des Aufenthalts in der Schweiz sich jeglicher politischen Tätigkeit enthalten würden.

Zwischenfälle beim Abgang eines französischen Militär­transportzuges.

Dz. Paris, 20. Mai. (Drahtbericht.) Der „Petit Parisien" meldet aus Dijon: Im Augenblick des Berladens von Infanterie-Bataillonen zur Fahrt nach dem Rhein lande fanden einige Kundgebungen statt. Es fei notwendig gewesen, anderes Militär in Anspruch zu nehmen, um die Kundgebungen zu unterbrechen. Der Militärzug sei trotzdem unter dem Gesang der Internationale abgegangen. Es war den Ofsizieren durch ihr entgegenkommendes Vierhalten möglich gewesen, die Soldaten zur Ruhe zu veranlassen. Die „Sumanitö stellt den Zwischenfall etwas anders dar nnd erklärt, er habe sich in einem Reservistenlager b e i D i i o n in der Nacht zum Mittwoch ereignet. Die Soldaten hätten den Gesang „Krieg dem Krieg" angestimmt.

Die englische Kohlenkrise.

Dz. London, 19. Mai. (Suvas.) Es wird mitgeieilt, daß heute nachmittag Besprechungen in der Kohlen- krise im Gange sind, und daß sie in zufrieden st eilen­der Weise fortschreitend Man glaubt allgemein, daß nächste Woche eine Zusammenkunft stattfinden wird.

Bruch des französisch-türkischen Waffenstillstandes durch die Angora-Regierung.

Dz. Paris, 20. Mai. ..Echo de Paris" teilt mit. da» man aus E i l i c i e n meldet, der französisch-türkische Waffen­stillstand sei aus Befehl der Regierung von Angora ge­brochen worden. Das Parlament von Angora weigere sich, das französisch-türkische Abkommen in seiner jetzigen Form anzuerkennen. Vor allen Dingen aber verlange es die Aufhebung der wirtschaftlichen Zone, die dem französt- schcn Einfluß zugestanden wurde, und außerdem eine Abände­rung der Grenzlinie in der Richtung nach Alexandrette. --

Ernste Unruhen in Kairo.

Dz. Paris. 20. Mai. , Nach einer Meldung aus Kairo kam es vorgestern nachmittag in der Nähe der Ministerien zu ernsten Unruhen. Zahlreiche Polizeiüeamte wurden schwer verwundet. Ägyptische Lanze nreiter griffen ein. töteten einen Manifestanten und verwundeten zahlreiche.

Rückzug der japanischen Truppen aus Ostsibirien.

Dz. London, 20. Mai. (Drahtbericht.) Die „Times" melde: aus Tokio die japanische Regierung habe be­schlossen. die japanischen Truppen aus Ostsibirien zurückzu- ziehen. In Chardin und an anderen Orten der.nörd­lichen Mandschurei sollen aber Truppenteile verbleiben.

Nr. 231. ♦ 69. Jahrgang.

Frankreichs Standpunkt.

Dz. Paris, 19. Mai. Der „Temps" bestätigt in einer offiziös beeinflußten Note, daß schon Verhandlun­gen stattgesunden haben über die Frage, wie sich Frank- r e i ch gegenüber einem Einmarsch deutscher Truppen in Oberschlesten verhalten würde, und zwar teilt das Blatt mit, daß sowohl Lord C u r z o n mir dem französiscyen Bot­schafter in London als auch der britische Geschäftsträger in Paris mit der französtschen Regierung Besprechungen hier­über gehabt habe. Die englische Regierung wünsche, daß sobald wie möglich eine Konferenz des Obersten Rates über die oberschlesische Frage stattfinde. Die fran­zösische Regierung könne stch jedoch hierüber erst nach Be­endigung der parlamentarischen Verhandlungen anssprechen und auf das englische Ersuchen vor Montag keine Antwort geben. Inzwischen habe die englische Regierung wissen wollen, ob Frankreich eine Besetzung des Ruhr­gebietes ins Auge fasse. Ein derartiges, spontan von Frankreich ausgesübrtes Vorgehen würde in London Einwendungen Hervorrufen. Die französische Regierung habe aber schon jetzt bestätigen können, daß sie das nicht beabsichtige, wenn kein Ereignis eintrete, das die Be­setzung des Ruhrgebietes erfordere. Man glaube zwar in Paris nicht, daß ein derartiges Ereignis sich in Oberschlesien vollziehen werde. Aber man könne nicht absolut garantieren, daß es sich nicht doch ereignen werde: denn das hänge ja nicht von Frankreich ab. Im übrigen bemerke man in Paris, daß die Lage der polnischen Regierung im Vergleich zu der dar deutschen Negierung eine ganz andere sei. Die polnische Regierung habe ihre Grenzen gesperrt und die Aufständi­schen Korfantys handelten außerhalb des ihrer Oberhoheit unterstehenden Gebietes. Aber deutsche Banden, die in Oberschlesten einfallen wollten, organisierten und bewaff­neten sich auf einem Gebiet, das der Oberhoheit der deut­schem Negierung unterstehe. Wenn man also den Frieden ber st eilen wolle, müsse man in Berlin Vorgehen und auf die Gefahren Hinweisen, denen sich Deutschland aus- setze. wenn es nicht die Kriegsvorbereitungen unterbreche, die sich in Deutschland vollziehen.

Keine deutsche Intervention in Oberschlesien.

D. Paris. 20. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Die Blätter verzeichnen mit großer Befriedigung die Antwort des Reichs^ kanzlers Dr. Wirth an den französischen Botschafter' inj Berlin, der dem Reichskanzler die Aufforderung der fran­zösischen Resierung überbracht hat. den Transport von Kriegsmaterial und Freiwilligenformationen nach Ober­schlesien zu unterbinden. Dr. Wirth hat dem französischen Botschafter geantwortet, die deutsche Regierung habe bereits dieselbe Aufforderung durch die Kontrollkommission erhalten und es seien am 14. Mai durch General v. S e e ck t die nötigen Anordnungen erlassen worden. Der Reichskanzler gab erneut die Versicherung. Deutschland werde in Ober- fchlesten nicht intervenieren. Er erklärte gleichzeitig. er> hoffe, die interalliierte Plebiszitkommission in Oberschlesten werde dafür sorgen, daß die deutschen Untertanen geschützt würden.

Die Polen lehnen die Liquidation des oberschlesischen Abenteuers ab.

D. Warschau. 20. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Außer dem Außenminister Savieba hat auch der Finanzminister Steczkowski, der als de: vernünftigste Kopf des Kabi­netts Widos gegolten bat. sein Abschiedsgesuch einsereicht. Die gestrige Erklärung von Widos im Landtag findet in der Poesie Zurückhaltung. Die Mitteilung der sranzösisKen, Regierung. Korfantys Abenteuer müsse endlich liquidiert werden, ist von Korfanty selbst bereits zu- rückgcwiesen worden. Der Beutbener Sonderberichterstatter der hiesigen „Rzeszbolida". der in engsten Beziehungen zu Korfanty und zu einzelnen Führern der Aufständischen sieht, drahtet seinem Blatte, die in der gestrigen Kammerrede des Premierministers angeführte Erklärung Frankreichs, dis Au ist änd ischs n-Bewegung in Oberschlesten müsie liquidiert werben» sei undenkbar. Trotz ihrer Sympathie und ihrem Glauben an Frankreich werde die oberschlesische Bevölke­rung nicht erlauben, baß man ihr die Waffen aus der Hand nehme. Die Liquidierung des Aufstandes sei gegenwärtig unausführbar und das oberschlesische Volk werde sich nirgendswo dazu verstehen.

Die nächste Zusammenkunft des Obersten Rates.

Dz Paris, 20. Mai. (Drahtbericht.) Eins an Reuter gerichtete Depesche aus Rom vom 19. Mai meldet, daß Graf Sforza beute abend a b r e i s e n werde, um an de: Zusammenkunft des Obersten Rates teilzunehmen. die am Samstag in Vonlogne abgehalten werden soll. Zu dieser Meldung bemerkt Suvas: Nach Auskünften von zuständiger Seite in Paris verlautet, daß die französische Regie­rung ihre Antwort auf die Einladung der britischen Regte- luna bezüglich der Zusammenkunft des Obersten Rates erst nach Beendigung der gegenwärtigen Kammerdebatte er­teilen werde.

Die Znterpellationsdebatte in der französischen Kammer

Dz. Paris, 20. Mai. (Drahtbericht.) Savas meldet: Rach Ansicht unterrichteter Persönlichkeiten werde Briand heute in der Kammer das Wort ergreifen. Er werde wahrscheinlich nach den Abgeordneten E a ch i n und Forgeot svrechen. Es habe den Anschein, daß die gegen­wärtig im Gang befindliche Jnterpellationsdebatte nicht vor Sonntag oder den ersten Tagen der folgenden Woche be­endet sein werde. __

Die Neutralisierung Konstantinopels.

Dz. Paris, 20. Mai. Nach einer Havas-Meldung aus Konstantinovel haben die alliierten Kommissare gestern abend der Pforte die Beschlüsse der Alliier» teil, bvtr. di« Neutralisierung Konstantinopels, der Meer­engen und der Gebiete des Schwarzen und des Marmara-, Meeres, die von den Alliierten besetzt sind, zugestellt.