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Berliner Abteilung des Wiesbadener Tagblatt»: Berlin N. 9, Botzstraße 18, Fernsprecher: Amt Zentrum 11435-11437.

Sonntag. 15. Mai 1921.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 223. ♦ 69. Jahrgang.

ft® Weilen des Psinttstfestes erscheint die nächste ,/Tanblatt"-Austtabe am Dienstattnachniittatt.

Pfingsten.

Von Professor D Martin Rade (Marburg a. d. 2 ). .

In der Geschichte des ersten Pfingstfestes wird er­zählt, wie Menschen, die ganz verschiedene Sprachen redeten, mit einem Male eine fremde Sprache verstan­den, als wäre es ihre eigene. Es war wie die Er­lösung von derSprachenverwirrung, mit der dieMenschen nach dem Turmbau zu Babylon für ihren Übermut von Gott gestraft wurden, die Wiederherstellung des Zu­standes, der sein sollte: Eine Sprache, ein wechselseitiges Verstehen aller, die Menschheit ein Volk, eine Familie

Von diesem Pfingstwunder ist heute wenig zu spüren. Um so mehr von der babylonischen Sprachenver­wirrung. Versteht denn noch einer den andern? Sin Volk das andere? Und im eigenen Volk ein Bruder den andern?

In den Sprachen aller Nationen gibt es das Wort „Friede". Es wird auch immer wieder im Munde ge­führt. Offiziell von Regierungen und Volksvertretern. Im täglichen Verkehr von jedermann. Aber jede Nation versteht etwas anderes unter „Frieden". — Man sagt wohl, es jei Friede. In Versailles z. B. soll ein Friede geschlossen worden sein. Auch an anderen Orten des­gleichen. Wir haben mehr als einen Frieden. Fort­während wird über die Ausführung, die Durchführung dieser Friedensbejchlüsse verhandelt. Aber den Frie­den haben wir nicht. Und was unter Frieden ein jeder Teil versteht, darüber verständigen wir uns nicht.

Nicht einmal den Schein eines gewonnenen Friedens lehen wir gewahrt. Wann war seit dem Waffenstill­stand 1918 eine Zeit, da auch nur wirklich die Waffen stkllgestanden hätten? Irgendwo wurde gekämpft. An der Beresina, im Kaukasus — oder in Oberschlesien. Jetzt in Oberschlesien: Ist das Frieden?

Die Verantwortung dafür, daß der Weltfriede nach den: Weltkriege kein Friede ist, traxchn ohne Zweifel die siegreichen Staaten. Sind sie wirklich Sieger, haben sie das Ungeheure erreicht, in diesem Ringen, restlos die Oberhand zu gewinnen, und können nun der Welt ihre Gesetze geben — warum tun sie es nicht und schaffen Frieden? Schaffen den Idealzustand, den sie uns wäh­rend des Krieges oft genug als die Sehnsucht ihrer Seele und das Ziel ihrer Kriegsopfer verkündet haben; Völkerversöhnung und VLlkerbeglückung? Im Grunde wären wir doch ganz bereit, uns von ihnen beglücken zu lassen! Warum beglücken sie nicht zum wenigsten Ober­schlesien? Italiener, Engländer, Franzosen alle bei­sammen. warum sind sie nicht soweit Sieger und Herr, um wenigstens auf diesen paar Quadratmetern Erde Ruhe und Ordnung zu schaffen?

Die Verantwortung für die große Weltpolitik ist uns Deuffchen durch unsere Niederlage abgenommen. Wir sollten dies Privilegium der Ohnmacht ganz anders spüren und zur Geltung bringen. Das ist recht eigent­lich das Meisterstück, das wir zu leisten haben: eine

Politik bewußter Ohnmacht. Aber unmöglich können wir das, wenn wir nicht unter uns Frieden haben. Wenn nicht wenigstens wir Deutschen uns unterein­ander vertragen, eine Sprache reden, einem Zuge des Geistes folgen. Mag der Zusammenbruch unseres alten Staates eine Zoitlang noch unsere Nerven versagen machen. Aber die furchtbare gemeinsame Not müßte uns zwingen, daß wir, was von schwacher Kraft uns noch geblieben, auf einen Hausen legen. Vielleicht wäre es dann gar nicht so wenig und wir könnten dayiit Taten tun. Gewiß, auf die Kommunisten müßten mir dabei verzichten: Was haben sie ihrem schönen Namen zum Trotz mit unserem Volksganzen gemein? Aber die andern müßten sich vertragen und verstehen, mußten begreifen, daß sie ein gemeinsames Leben und Dasein zu verteidigen haben. Keine bürgerliche Einigung wider die Arbeiterschaft, kein Klasseninteresse hüben und drüben, sondern auf dem Wrack, auf dem wir treiben, eine heilige Sammlung der Sinne aller aus das einzige gemeinsame Ziel: Wie retten wir uns? Wre fristen wir nufer Leben, bis die Rettung kommt.

„Not lehrt beten", sagt das Sprichwort. Ist das wahr? Not führt auch zur Verzweiflung, zum Ver­brechen. Es kommt ganz auf die Menschen an. »In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne. Der Smn der Schicksalsstunde, in der wir Deutschen uns heute be­finden, ist der, vb wir uns auf den Weg einer weltiiber- windenden Innerlichkeit zurückfinden. Das Schwert ist uns aus der Hand geschlagen. Den Schmerz über den Machtverlust, der darin liegt, wird man nieman^ >o leicht ausreden können. Aber wenn man den ge­reichen Ausstieg Deutschlands nach 1870 bedenkt: Es

war etwas Glanzendes, Erstaunliches, miss Außere

gesehen, Koer waren wir m der Überwindung der inne­ren Schwierigkeiten, in der Bewältigung der ethischen, sozialen, der ästhetischen und religiösen Ausgaben glück­lich? Und heute — nur einen Blick auf die siegreichen Staaten: Machen die denn den Eindruck gesegneter Zustände, innerer Gewinne, idealer Kraftentsaltung? Ist ernstlich Ursache vorhanden, abgesehen von der Tat­sache des Sieges, sie zu beneiden? „Ehrlos, ehrlos!" hört man heute unter uns klagen. Ja, wem füllte nicht schwere Bitternis das Gemüt, wenn er alle Stunden neu erlebt, wie wir jeder Zumutung ausgesetzt sind? Einst konnten wir unseren Bundesgenossen nicht helfen, die aus uns vertraut hatten; heute müssen wir unsere eigenen Volksgenossen verkümmern und verderben sehen. Schrecklich! Aber darum „ehrlos"? Das versteht sich noch längst nicht von selbst, denn es gibt eine innere Ehrenhaftigkeit und Würde, die von unseren äußeren Geschicken völlig unabhängig ist und die, wo sie ist, über Nacht die Quelle unverhoffter äußerer Ehre wer­den kann vor aller Welt.

Die einzige Chance, die wir Deutschen heute haben, die einzige Möglichkeit, wieder emporzukommen zu neuer Gesundheit und Herrlichkeit, ist eine allgemeine Erneuerung unseres Wesens von innen heraus. Wiedergeburt nennt das die 'Bibel. Ein ungeheurer Gedanke: Bon neuem geboren werden. Noch einmal wieder jung werden. Kein Sinken zum Abgrund. KeinZehren von derVergangenheit, bis die letzte Krume verbraucht ist und wir verenden. Kein ohnmächtiges Fäusteballen. Kein Klirren mit Waffen, die wir nicht haben. Kein blödes Sichsslbsttäuschen über die Not, aber auch kein Verzagen. Nein. Einstellung auf eine neue Zukunft, einen neuen Anfang. Hoffnung, Zuver­sicht, Glaube! Unsere Geschichte ist noch nicht aus, son­dern das Beste kommt noch.

Es ist Pfingsten! Da soll die Kirche predigen! Einen neuen Mut. und wie ein geschlagenes Volk es machen soll, den zu gewinnen. Ein Gott, ein heiliger Wille lebt. „Er stößt die Gewaltigen vom Stuhl und erhöhet die Niedrigen." Den ersten Teil dieses Spruchs haben wir erfahren. Was wir nie für möglich gehalten hätten, diese militärische und politische und moralische Niederlage. Machen wir uns nun gefaßt und wert, den anderen Teil zu erleben! Es gibt Erhebung vom Fall, Aufstieg nach der Niederlage. — Die Bedingungen? Der Wahrheit die Ehre geben, sich nichts vormachen, sich auf sich selber besinnen, die Verantwortung für sein eigenes Geschick aus sich nehmen, aus der Not eine Tugend machen, seine tiefsten, besten, heiligsten Kräfte tapfer entfalten. Heißen wir nicht „das Volk der Dichter und Denker"? Seien wir es. Dichten, denken, erfinden, entdecken wirl Arbeiten wir in Wissenschaft, Kunst, Handel und Acker­bau, wie nur Deutsche arbeiten können. „Sklavenarbeit" sagt man. Immer besser, gesund und stark, Sklavenarbeit tun, als die Arme sinken lassen und verzagen. Denn einmal kommt dann schon die Zeit, wo die Sklaven- ketten sinken. Und sodann: Jede Arbeit hat ihren inne­ren Adel; diese Erfahrung hängt nur ab von dem, der sie tut. • „Der Mensch ist frei, und war' er in Ketten geboren." '

Und also, wer die Sprache des Pfingstfestes versteht, kann eins nicht: Verzweifeln. Denn das ist die Sünde wider den heiligen Geist. Ein Gott hat die Welt ge­schaffen. Nun geht es in dieser Welt wunderlich zu, das Dt wahr. Aber er hat den Atem feines Geistes hineingehaucht. Den gilt es zu spüren. Dann merken wir gerade, auch in den schwersten Zeiten: Es muß doch ein Sinn sein im Gang der Dinge! Da ist nichts ver­geblich, nichts planlos. Auch nicht diese gegenwärtige Weltkatastrophe. So wie es einst war, konnte es doch nicht fortgehen. Was kommt, was werden soll, weiß freilich niemand. Was kann der Mensch!? Auch der bedeutendste, auch der Gewaltmensch!? Was kann die Maste!? Schließlich muß sich alles einem höheren Willm beugen: Nur Geduld! — Aber die Leute haben keine Geduld. Wie sollen sie auch? Was sie drückt, ist der Augenblick. Aber sie wären glücklicher, wenn sie weiter schauten, ihrem Wollen und Hoffen längere Fristen steckten. Was sind zweiundeinhalb Jahre Weltgeschichte seit der Katastrophe? Wie anders wird es nach hun­dert. nach fünfzig, nach dreißig Jahren aussehen! Me anders wird dann, von einem ganz neuen Standorte geschaut, unsere trübselige Zeit sich ausnehmen! Ge­danken, Bestrebungen. Anläufe, die wir heute gering achten, kaum spüren, können dann dastehen als die An­fänge einer neuen Zeit. Nur eins ist sicher: Dem Feigen nicht, sondern dem Mutigen gehört die Zukunft. Und es gibt nichts Mutigeres, Stärkeres, Unüberwindlicheres als den Geist. Den kann mau mit keinen Sanktionen zwingen, mit keinem Ultimatum uns rauben.

Vielleicht hat unser Volk noch niemals ein Pfingsten erlebt, wo es diesen heiligen, tapferen Geist so nötig gehabt hätte wie heutel

Der Reichskanzler über die Politik des neuen Kabinetts.

2d. Berlin, 14. Mai. Der Vertreter der Agentur Est- Gurove batte eine Unterredung mit dem Reichskanzler Dr. W l r t b. in deren Verlauf der neue Kanzler zunächst an die schwierige Aufgabe seiner Kabinettsbildung erinnerte. Dann fubrte er weiter aus:

Nicht auf die Personen und die Parteien kam es zunächst an. sondern es handelte sich allein um die Frage: Wo sind die,Kräfte. die das Ja tragen werden? Bei der Mehr­heit s so z ia ld e m o kr a 1 i e wie bei den Umab- danglge.n Sozialdemokraten war die Lage bald klargewor- den. Auch im Zentrum war die Lage ebenso einheitlich wie klar. Die Fraktion des Zentrums batte sich zum Ja be­kannt und war eMchlossen. die Politik unbeirrt vorwärtszu- Nihren. schwieriger war die Lage bei den Demokraten. Die Fraktian ging ungefähr in zwei Hälften auseinander, und es bat überreiche Mühe gekostet, die Fraktion zu dem Entschluh zu bewegen, an de: Kabinettsbildung teilzunebmen. Die Demokraten baben aber in letzter Stunde das schwere Opfer gebracht und stehen beute in der Regierung. Vielleicht batte sich auch die Möglichkeit ergeben, einen Mann des Jas aus oer Deutschen Volksvartei zu gewinnen. Die Partei erklärte aber von vornherein daß auch nicht einmal ein Mitglied ihrer Fraktion als Person dem neuen Kabinett angehören könnte. Somit schied bei der Regierungsbildung das manchmal vorgeichwebte Ziel, eine Regierung von den Sozialdemokraten bis Srreiemann zu bilden, von vornherein aus. Wir sind uns der Schwere des Jaworts durchaus be­müht. Es war ein aufrichtiges Ja. getragen »vom ernsten Willen, den Forderungen nach allen Kräften zu entsprechen. Die wirtschaftliche Auswirkung des Jas wird bald beginnen, selbstverständlich muh dieses getragen fein vom besten Willen aller Kreise des deutschen Volkes. Leistungen zu vollmbren. die über das gewöbnliche Maß hinausgeben. Von heute am morgen ein Prograinm vorzutragen, ist nicht möglich. Das deutsche Volk hat im Kriege wirtschaftlich Gigantisches ge­leistet. Es wird, io hoffen wir. auch in diesem Falle das an­scheinend Unmögliche vollenden können. Jetzt aber sagen wir: Legt die Flinten weg! Legt die Waffen nieder! Der Geist der Wahrheit soll unsere Politik führen. Dabei ist es erne selbstverständliche Grundlage, daß das deutsche Volk in der oberschlesischen Frage nicht schmerzlich enttäuscht wird. Eine Entscheidung auf dem Boden des Friedensver­trags und unter Würdigung der Volksabstimmung wird die Geister in Mitteleuropa versöhnen. Unsere Politik zielt auf Verständigung und Versöhnung Wir strecken die Hand aus und verlangen Verständnis für unsere Lage und. wie wir hoffen, nach groben Leistungen auch Anerkennung unseres guten Willens.

D. Paris. 14. Mai. (Geig. Drahtbericht.) Der deutsche. Reichskanzler Dr. Wirth hat dem Berliner Vertreter des „New Bork Herald" eine Unterredung gewährt und dabei seine Ansicht über die o b e r sch l e s i s che F r a a c und das Wiederherstellungsproblem geäußert. Dr. Wirth erklärte, wenn Amerika am europäischen Frie­den interessiert sei. so könnte es sich auch sofort an der ge­rechten und rasaien Regelung der oben chlesii che n Frage be­teiligen. Es fei dringend nötig, daß die Entente rasch handelt, sonst könnten die Deutschen nicht mehr zurück- gehalten werden. So lange die Feuer im polnischen Kriegs- lager nicht ausgelNcht find, könne es keinen Frieden »eben. Und alle anderen Probleme. ,. B. das Programm der Wie­derherstellung, bange davon ab. dah man dem deutschen Volke seine Rechte aus der Volksabstimmung nicht verkürze. Deutschland könne nicht arbeiten, wenn ein polnischer Diktator wie Korfantp auf keinem Boden steht. Co lange die Entente nicht schleunigst ihre Aufgabe beendet, wird es äuhsrst schwierig fern, dir deutsche Bevölkerung In der oberschlesischen Provinz abzuhalten, sich selbst zu Helsen.

Poincars ist unzufrieden.

schreibt

Dz. Paris. 14. Mai. (Drahtbericht.) VoincarS übt in der „Revue der deux mondes": Die Londoner Kcn-

fi'Wn NUr hei genauem v^iuv-uui vci 4 .’umiueme tÜ.-UUOUU Ee sei nicht nur die zwölftägige Frist, sondern es lei noch

>„4. U-l'U/l 11441 im OWVI|UU):lWt (JUH, fUtlUCtll C» 'IOUJ

eine Menge klug ausyedachter Milderungen der Be­dingungen einaefügt worden. Zur E n t w a s f n unas-

v » u b u n » x- u tumviuui u»u iütii. out Ai- ui ui u || u U il H

frag« bemerkt PoincarS, Deutschland habe nichts getan, um d'e Entwaffnung vorzubereiten. Die Vorgänge in Oberschlesien zeigten dies. Die französische Regierung habe mit Reckt Deutschland benachrichtigt, sah iie jede Aktion deutscher Truppen in Oberschlesicn als Verletzung des Friedensvertrages ansehen würde. Frankreich müsse jeden­falls die Augen offen halten, damit es nicht eines Tages / einem wieder zu Kräften gekommenen Deutschland gegen- übersteh«.

Die amerikanische Ansicht über die Reparationsfragc.

Dz. Washington, 13. Mai. (Hamas.) In amtlichen Kreisen gibt man der Ansicht Ausdruck, dah die Lage hin­sichtlich der Reparationsfrage nunmehr befriedigend sei. und dah ein grober Schritt zur Wiederherstellung nor­maler Verhältnisse getan worden sei. Man ist der Auf- fassuM dah einer der Vorzüge des jetzigen Abkommens darin bestehe. üak die Verbandsrcgierungen die ihnen zu- stebenden Reparationsleistungen erhalten werden, während es gleichzeitig Deutschland ermöglicht werde, die Zahlungen entsprechend ferner Leistungsfähigkeit zu regelii.

Ein Vertreter des Ausgleichsamtes in London.

D. London. 14. Mai. (Eigener Drabtbericht.) Dr. Ma« in richten, der Leiter des Reichsausgleichsamtes m

^amburs. weilt seit einiger Zeit in London, um im Namen des Reichsausgleichsamtes durch unmittelbare Ver­handlungen mancherlei S ch w i e r i g k e i r e n. die sich bei der Behandlung von Ausgleichverfabren ergeben, nach Möglich­keit zu beseitigen. Diese Entsendung war notwendig, weil aus der Verzögerung eine willkürliche Verschlevvuug von seitens Deutschlands gefolgert wurde. Es scheinen nun Miss­verständnisse geklärt worden zu sein, so dah eine rascher« Abwicklung verbürgt wird.