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Samstag, 14. Mai 1921.

mmaßxsex:

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Kunde aus Sowjet-Rußland.

Verhältnismäßig selten kommt eine zuverlässige Kunde aus der Sowjetrepublik, sieht mau von den Telegrammen ab, die das offizielle Bureau der Sowjets, die Rosta, verbreitet und die die „Rote Fahne" mit be­sonderer Liebe und Eifer nachdruckt. Man hat allen Grund, diesen Nachrichten zu mißtrauen, ebenso wie jenen, die aus Helfmgfors kommen und dort meist frei erfunden weiden, oder jenen antibolschewikifchen mit der schönen Ortsbezeichnung „Bon der russischen Grenze". Die Wahrheit über Sowjet-Rußland ist nur allzu schwer zu ergründen. Jetzt nun liegt ein Buch vor, dem man wohl rückhaltlos trauen darf. Es heißt „Drei Monate in Sowjet-Rußland" und hat als Verfasser Arthur Holitscher (Verlag S. Fischer, Berlin), dem wir u. a. auch ein treffliches Buch über Amerika danken. Holitscher hat sich in der letzten Zeit zum Anhänger kommunistischer Ideen entwickelt. Als Gläubiger ist er rach Moskau gefahren, wie etw-a kurz vor ihm Dr. Alfons Eoldschmidt, x dessen Tagebuchdlätter „Moskau 1920" im Werke von Holitscher zum größten Teil ihre Bestätigung finden. Eoldschmidt freilich zog es nach Moskau, weil er dort die Verwirklichung der von ihm verfochtenen volkswirtschaftlichen Lehren zu sehen hoffte. Dem Volkswirtschaftler, der alles auf eine Formel bringen möchte, folgt nun der Ethiksr, der die Gemeinschaft der beseelten Vernunft erträumt. Holitscher, ein Poet, der sich von der Idee hat bestechen lassen, ging nach Rußland, um eine Religion zu suchen. ^Zu den vier Kelchen", so sagt er, „aus denen die Menschheit bisher Beseelung, überirdisches Labsal ge­trunken hat: dem Feigensaft Buddhas, dem Wein Roms, dem Honig des Davidsohns Christus, der Milch Mohammeds, fügt sich der fünfte — 'bis an den Rand ge­füllt vom heilenden Wasser des Kommünismus."

Gerade, weil Holitscher als Gläubiger in das rote Mekka pilgerte, ist sein Zeugnis um so wertvoller, denn diese Gläubigkeit hindert ihn doch nicht, di« Wahrheit zu suchen, und die einmal gefundene Erkenntnis auch offen auszusprechen, auszusprechen mit einer Lebendig­keit und Eindringlichkeit, wie wir sie schon in seinem Amerika-Buch schätzen gekernt haben. Holitscher be­stätigt völlig das, was uns eigentlich jede aus dem ver­schlossenen Lande kommende Kunde wissen ließ: In dem heutigen Rußland sieht es trostlos aus. „Rußland krankt, an einer Unterproduktion des Notwendigsten. Das traurigste Wort, das ich in Rußland gehört habe, war das Wort Remont. Remont bedeutet Reparatur, und wenn manRemont hört, bedeutet es, daß etwas kaput ist, das nicht repariert werden kann." Holitscher führt eine Reihe von Beispielen hierfür an. von den zer­platzten Heizungsröhren und dem geborstenen Leitungs­rohr bis zu den großen Dingen der öffentlichen Einrich­tungen und Notwendigkeiten. „Überall auf Schritt und Tritt Verwüstung. Unersetzbarkeit, Ruin. Damit ugleich Resignation, Gehenlassen, Verlotterung, Sich- linlegen und Sterben." Ist es ein Wunder, daß unter solchen Umständen selbst die großen Städte in einen Todesschlaf verfallen. Petersburg „ist eine erschlagene Stadt oder besser gesagt,, eine tief eingeschlafene, die aus Erwachen kaum noch hofft."

Trostlos sind die Ernährungverhältnisse. Man weiß aus anderen Berichten, daß die Sowjets ihre Gäste nicht am schlechtesten verpflegen und es ist daher doppelt interessant, was Holitscher über die Ernährungsverhält- msse berichtet. „Wir bekamen in unserem Haus, in dem wir allerdings frierend, aber in sehr schönen Räumen untergobrachi waren, tagaus, tagein, nichts anderes zu essen als torfartiges Brot, sehr wenig Butter, schmutzige Zuckerstückchen, die sich seit Ausbruch des Krieges an allen Fronten herumgewälzt haben mochten, und die man in die Backe schieben mußte, um den dünnen Tee über st- zu spülen, einmal am Tage ganz durchsichtige Gemüsesuppe und außerdem Kascha, Kascha, Kascha. Kascha ist Grütze. Ich weiß nicht, aus was für -oül,en von Hülsenfrüchten die Kascha hergestellt war. die, wrr in Moskau monatelang zu, essen bekamen, fruchte waren es nicht, sondern Hülsen; es mag aver auch Baumrinde gewesen sein. Unsere Kascha hatte zuweilen eine Färbung, deren Ursprung in der Botamk nur schwer zu lokalisieren sein dürfte. Fleisch uM> Kartof­feln gab es äußerst selten, noch seltener eine Konserven­büchse mit Fisch oder ein Stück Käse." Aoer nicht nur m den großen Städten herrscht bittere Rot. Eine Reihe von Gouvernements hat Mißernten gehabt und die hungrige Landbevölkerung strömt nun nach Moskau, in dieselbe Stadt, die sie. „wenn daheim die Ernte gut und üppig ausgefallen ist, gern verelenden laßtt . -D e Industrie, soweit von einer s°lch-n uberhaup noch die Rede sein kann, mnß zugeben. daß sich E Teil deo Be tricbspersonals halbe tagelang unentschuldigt auf Feldern umhertreibt, um Rüben, Kartoffeln und u crdfrüchte einzuheimsen, „da die Lebensmittelbeliöse-

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Morgen-Ausgabe.

rung oft eine gänzlich ungenügende war und zumal die Arbeiterinnen vor Unterernährnng und Müdigkeit raum mehr zu arbeiten vermochten". Dazu Mangel am Nötigsten. Bei Beginn des Winters zeigen die Ar­beiterinnen auf ihre Baftfchilhe, in denen sie laufen müssen, wtzil Moskau anderes Schuhzeug nicht zu liefern vermag.

Aber alle diese Entbehrungen, so_ sagen uns ja immer wieder unsere Moskau-Jünger, läßt dis Freiheit in Sowjet-Rußland, die einzige grandiose Befreiung der Massen ertragen. Ja, wie sieht es denn nun mit dieser goldenen Freiheit aus? „Diese Befreiung der Massen", so kündet Holitscher, „ist nicht wörtlich zu nehmen. Denn wenn man unter Freiheit Selbstbestim­mung, Leichtigkeit der Bewegung, ein gemütliches Hin- vegetieren versteht, so kann man diese Freiheit in Ruß­land allerdings nicht finden. An ihrem Mangel leidet jederurann (nicht allein der Intellektuelle!), am aller­meisten aber der russische Arbeiter." . Auch das beweist, was man ja schon seit geraumer Zeit wußte (Freiheit ist ein Dorurteil der Intellektuellen, steht bei Lenin irgendwo), daß diese Diktatur des Proletariats in Wahrheit doch nicht anderes ist als die Gewaltherr­schaft weniger, mit anderen Worten, diese Diktatur ist eine Diktatur ii b e r das Proletariat.

Die verhältnismäßig kleine Partei der Kommunisten hält ihre Herrschaft nur durch rücksichtslose Anwendung von Gewalt — siehe Kronstadt — aufrecht, und ver­sucht, durch eine gewaltige Propaganda Anhänger zu werben: Die Seelen der Masse haben die Bolschewiken aber trotzdem nicht zu erobern vermocht.' Schon Eold- schmidt hat uns von der ungebrochenen Macht der Kirche in Sowjet-Rußland erzählt. Die Masse hält trotz aller Propaganda auch heute noch an ihrem Glauben fest, Holitscher gibt ein lehrreiches Beispiel hierfür. Die Bolschewiken, so erzählt er, hatten die Särge der Heili­gen geöffnet und in einem Propagandazug diese Särge durch ganz Rußland gejagt. Aus den Dörfern „ströir­ren die Bauern zu den Stationen herbei, um biejc Sarge zu bestaunen. Was aber sagte der Muschik? Daß die Heiligen schlauer gewesen seien als die Bolsche­wiken, daß sie sich nämlich im Oktober samt und sonders ans dem Staub gemacht hätten, d. h. jetzt im Himmel säßen und in ihren Särgen Mist zurückgelassen hätten".

Positive Erfolge des Bolschewismus weiß auch Holitscher nicht zu buchen. Eoldschmidt hat uns be­schworen: „Die Beseitigung der Prostitution und die Berjagung des Schnapsteufels könnt ihr doch aner­kennen. Mehr verlangt Moskau von euch nicht." Aber auch hier scheint ein Abstrich nötig. Denn auch die Prostitution ist, nach Holitscher, geblieben „unter­irdisch und unkontrolliert, und es gibt sogar, es ist schaurig zu sagen, Kinderprostitution." Bliebe also die Vertreibung des Schnapsteufels als einzige Errungen­schaft auf der Habenseite stehen!

Heute also sieht es trostlos in Sowjet-Rußland aus. Wer das jetzt noch nicht sehen will, dem ist nicht zu helfen. Allen Moskaugläubigen dient als Entschuldi­gung der Krieg, die Blockade. Wenn die „prächtige:? Burschen" von der Front heimkehren, dann wird alles besser, meint Holitscher. Das ist ein Glaubenssatz, der sich nicht beweisen läßt. Alle Gründe der Vernunft sprechen dagegen und alle Anzeichen deuten darauf hin, daß der Kommunismus abwirtschaftet. Er hat kapitu­liert vor der russischen Bauernschaft, er hat den freien Handel bis zu einem gewissen Grade wieder zugelassen und den privaten Besitz zum mindesten auf dem Lande anerkannt. Die Bestrebungen Lenins gehen soweit, daß er kürzlich der Sowjetpartei angedroht hat, er würde den Vorsitz der Partei niederlegen, falls sie ihm noch weitere Schwierigkeiten mache. Die Moskaujllnger sagen, diese Konzessionen erfolgten nur,um nachher die Lehre um so reiner verwirklichen zu können. Man wird gut tun, es hier mit dem Lessingschen Gedicht zu halten:

„Ich flieh', um öfter noch zu streiten!

Rief Fix. der Kern von tapfern Leuten.

Das hieß (so übersetz' ich ihn):

Ich flieh', um öfter noch zu flieh'n."

Neutralität Konstantinopelv und der Dardanellen.

v. Konstantin»»«!, 13 Mai. (Eig. Drabtbericht.) Hie mteralli'.rrte,' Ob-rtonimissare. Admiräle und Grurräle traten gestern zu einer gemeinsamen Beratung zusammen und beschlossen, die Neutralität Konstantinovels. der Dar­danellen und des Bosporus zu erklären.

llnabhängigkeitsverlangen Koreas.

v. Paris, 13. Mai. (Eig. Drahtbericht.) Die Lon­doner Telegraphen-Ageniur des Erchanae Telegraph erfährt aus Washington, daß Korea eine Kundgebung an Amerika gerichtet habe, in der es als unabhängige Ration anerkannt zu werden verlangt, Korea beginnt aho bereits, den latenten Konflikt zwischen Japan und Amerika iür leine Emanrivationsvolitik dienstbar »u machur

Nr. 221. ♦ 69. Jahrgang.

Oberschlesien.

Dz. London, 13. Mai. lDrahtberickit.) Im Unterhaus erwiderte sowohl Lloyd George als auch v arm j - worth auf eine Reihe °°n Antras-n üoer Ober-

veraurworiung iu,r oie rnrrion, uuu, unternommen werde. Es sei Icbmer. iestzustellcn. was in Oberschlesien vor sich gehe, denn dre Berichte lautet-m sehr- widersprechend. — Wedgewood fragte, obdre f ic.nzo- siscken Truppen tatsächlich irgend einen Anteil an dem den Aufständischen in Obeischlesien entgeaengeietztm Wber- stand genommen hätten? — Harmsworth gab darauf

keinerlei bAptwort.^ ^ (Drahtbericht,) Im Untrrbrus erklärte Harmsworth, die interalliierte Kommission in Obe.- schlesien erwäge die Möglichkeit, eine B er.'t.arkun g der Strcitkräfte der Abstimmungskommission rur Ber-- ficgung zu stellen. __

Die Finanzierung Deutschlands.

Daily Tele-

rung Deutschlands lei der Plan für die deutschen Repa­rationen undurchführbar.

England und die Reparationen.

sene. oag. wenn ore ennuuue .uraniu™ ™ gesetz weiter in Kraft läßt, um zu ermöglichen. datz die von Deutschland geschuldete R e v ar a t io n s s u mme. wenn ec- wünschenswert ist. im Vereinigten Königreich statt in Deutschland eingesammelt werde, die englische Regierung in bezug aui die Reparation nicht ore Absicht habe, mehr als die vom Ultimatum vorgeichriebenrn 26 Proz. einzusämmeln.

Englische Zeugen für Leipzig.

Dz. Paris. 13. Mai. (Havas.) Der „Matm" meldet aus London, datz der Eeneralstaatsanwa.lt Sir Ernst Pollock am. 26. Ma: unter Begleitung von einer großen Anzahl Zeugrr, und mit einer ansehnlichen Menge Schnft- ' ' - ' "' ' zig begeben wird, um den

stücken versehen sich nach

Verlaus der Debatten über den Prozetz . die Kriegsverbrecher zu verfolgen, so weit dre Opfer brrt Herkunft sind.

Kein Rücktritt Sforzas.

W.T.-B. Paris, 12. Mai Nach einer Meldung der Abendmesse aus Rom wird di« Nachrichl der Demission des Grafen Lscrza dementiert. Sie entbehrt jeder Begründung. ___

Der Reichspräsident an Minister Koch.

W.T.-B. Berlin. 12. Mai. Der Reichspräsident r-chtete an den scheidenden Reichsminister des Innern K o ch ein Haichlschreiben. in dem es,heisit:

Sie haben das Relchsministerlum des Innern mit Um­sicht und Geschick geleitet und sich den umfassenden Auf­gaben Ihres Dienstbereiches, namentlich auch am orgam- satortschem Gebiete, mit Tatkraft und Pflichttreue unter

atkra.. ......

Bei der Bedeutung Ihres Reisorts und als Vize­kanzler der vorigen Reichsremerung haben Sie auch an der allgemeinen Leitung der Reichsgeschäste bestimmenden

Anteil gclmbt. Es ist mir eine angenehme Pflicht. Ihnen für Ihre hingebende Tätigkeit meinen aufrichtigen Dank und meine Anerkennung auszusvrechen und ich füge den Wunsch hinzu, dah Ihre Fädigkeiten bald ein werteres reiches Feld ersprießlicher Tätigkeit finden mögen.

Ein Gruß Dr. Wirths an Freiburg.

Dz. Freiburg. 13. Mai. (Drahtbericht.) Reichskanzler Dr. W i r t h hat auf di« Begilückwünschung durch den O S e r- bür germ e i ste r und d en Stadtrat von Frei-, bürg zur Übernahme des Reichskanzleramtes wlsmdes

herzlichsten Dank für dis Die Grütze

Telegramm gesandt:

Ihnen und dem Städtra»,

Wünsche zu meiner Ernennung. Die Grütze meiner Heimatstadt haben mir wohlgetan. Wenn Nord und Süd und alle deutschen Stämme zusammenhalten. dann mutz das schwere Werk der Wiederausrichtung des Vaterlandes gelingen. Worte,uns Proteste können

söhnung ^ ,

Ziel mstner Arbeit.

Riicktrittsabsichten Dr. Eoepperts.

W. T.-B. Berlin, 12. Mai. Ministerialdirektor De. Goeppert stellte fein Amt als Vorsitzender der Friedens^ abteilung des Auswärtigen Amtes zur Verfügung.

Tagung der deutschen Wohnungsämter.

Br. München, 13. Mai. (Eig. Drahtbericht.) In der hier gestern begcnnentn Tagung der deutschen Wohnungs­ämter teilte der Vertreter des Reichsarbeitsministniums mit. es werde eine Verlängerung der Gültigkeit des Gesetzes über di« Mahnahmcn gegen den Wobnungsmangel erfolgen müssen. Auch der Direktor des Münchener Woh­nungsamtes teilte mit. der Höhepunkt der Wohnungsnot sei noch nicht überschritten.

Rücktritt der deutschen Stadtverordneten in Hadersleben

Dz. Kopenhagen. 12. Mai. Die deutschen Mitglieder der Hadeslabener Stadtverordneten veriammluna habsn! ihr Amt niedergelegt. ..Seimdal" zufolge begrün­dete der deutsche Stadtverorvnete Meyer seinen Schritt

damit, datz dte Haltung der Dänen, besonders ikire Stellung­nahme in der Pensionsfrase für die verabschiedeten deut­schen Beamten, ein,weiteres Zusammenarbeiten, zwischen

den Dänen und den Deutschen unmöglich mache. Die Stadt» setzte am Mittwoch ihre Beratun-

vrrordnetenversammluno setzte am gen fort, n-ichdem di« deutsche Parteigri

ülieder zählte, den Saal verlassen hatte

ruooe. die acht Met,