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Dienstag, 10. Mai 1921.

Förderung des Wohnungsbaues.

Von K. Weih. M. d. R.

Das Gesetz über die Erhebung einer Abgabe zur

t Liderung des Wohnungsbaues ist endlich nach langer eratung im Ausschutz fertig gestellt worden. Selten haben Ausschutzberatungen so viele Hindernisse und Schwierigkeiten gefunden, wie die Erörterung dieses Ge­setzes. Zuerst stritt man sich darum, ob die Regierungs­oder die Reichsratsvorlage zur Grundlage der Beratun­gen genommen werden sollte. Beide unterschieden sich im wesentlichen darin, datz die Regierungsvorlage die Mietsteuer, die Reichsratsvorlage vor allem die Zu­schläge zur Grundsteuer enthielt. Dann schien die Agi­tation der Bodenreformer, welche die notwendigen Mittel durch Ausgabe von Darlehnskassenscheinen zu beschaffen vorschlugen, die Beratungen aus ein ganz neues Gleis bringen zu wollen. Leider erwiesen sich die Vorschläge als nicht durchführbar und der verdiente Vater des Gedankens, Damaschke, der in eingeh rü­den Erörterungen im Ausschuß seine Anschauungen vor­trug, scheint nun selbst sein Kind aufgeben zu wollen. Die Beratungen gingen dann vorwärts, bis wieder die Frage, ob Mietsfteuer oder Zuschläge zur Grundsteuer, eine unheilvolle Differenz zwischen dom Ausschuß und den Vertretern der Einzelregierungen zeigte. Der Aus­schuß gab nach, um später erfahren zu müssen, datz bei Zuschlägen zur Grundsteuer eine Berücksichtigung der sozialen Belange unmöglich sei. Run kündigten die Sozialdemokraten dem Entwurf die Freundschaft und brachten einen Antrag ein, einen Gesetzentwurf vorzu­legen,der den Bau von mindestens 750 000 Wohnun­gen für die minderbemittelte Bevölkerung auf gemein­nütziger Grundlage in den nächsten fünf Baujahren sicherstellt." Rur der einhellige Wille der übrigen Ab­geordneten, die einmal begonnenen Beratungen zum Abschluß zu bringen und nicht neues Mißtrauen in die beteiligten Baukreise zu tragen, führte schließlich zur Durchberatung und Fertigstellung des Gesetzes. Die Plenarberatungen beginnen sehr bald, und wenn die vollendet sein werden, fragt es sich, ob nicht der Reichs- rat das Gesetz durch Widerspruch deshalb zum Scheitern -ringen wird, weil er die Erhebung von Zuschlägen zur Grundsteuer für unbedingt notwendig hält.

Daraus geht schon hervor, welch grundsätzliche Be­denken, denen sich selbst die zustimmenden Fraktionen nicht entziehen könne, sich gegen das Mietsteuergesetz häufen. Die Wohnungsnot wird selbstverständlich aller­seits anerkannt. Überall macht sie sich in erschreckender Weise geltend. Durch den Ausfall der Bautätigkeit während des Krieges und durch den auf ein Mindest­maß beschränkten Bau von Wohnungen nach dem Kriege stellt sich heute der F e h l b e t r a g a n W oh n u n g e n auf eine Million. Das Hilfsmittel, durch Ge­währung von Bauzuschüssen den Wohnungsbau zu för­dern, hat sich als ungenügend erwiesen. Immerhin ist die Zahl der seit Kriegsende begonnenen und fertig­gestellten Wohnungen größer, als bisher geschätzt wurde, ^n Angriff genommen sind rund 210 000 Wohnungen, davon rund 60 000 Rot- und Vchelstvohnungen; fertig- gestellt sind 150 000 Wohnungen.

Das neue Gesetz beruht nun auf dem Gedanken, dem Wertzuwachs der Gebäude zu erfassen und den Ertrag zur Herstellung von Wohnungen nutzbar zu machen. Darum sollen die Länder zur Förderung der Wohnungs- deschaffung und der Siedlung eine Abgabe von den Nutzungsberechtigten solcher Gebäude, die vor dem 1. Juli 1918 fertiggestellt sind, erheben. Die Einkünfte sind in erster Linie zur Verzinsung und Tilgung der Beiträge bestimmt, welche für nach dem 1. Oktober 1920 begonnene Wohnungsbauten verwandt werden. Nur solche Wohnungsbauten sind zu fordern, deren Bauaus­führung der Kontrolle einer öffentlich-rechtlichen Stelle untersteht, die im Eigentum gemeinnütziger Stellen verbleiben oder in ihrer Verwendungsweife so gebunden sind daß weder aus der Vermietung noch aus dem Ver­kauf übermäßiger Gewinn erzielt werden kann Von der Abgabe bleiben befreit: Nutzungsberechtigte von Wohnräumen. wenn ihr steuerbares Jahreseinkommen nicht mehr als 4000 M. in Ortsklasse E, 4500 M. in Orts­klasse v, 5000 M. in Ortsklasse 0, 6000 M. in Orts- Nasse B, 7000 M. in Ortsklasse A beträgt. Die Frei­grenzen erhöhen sich noch für jede zur Haushaltung des Wohnungsinhabers zählende Person, soweit sie nicht selbständig zur Einkommensteuer veranlagt ist, um je 12 000 M Die Abgabe beträgt 5 v. H. des Nutzungs­wertes. Die Gemeinden haben den gleichen Zuschlag zu erheben. Diese sind auch berechtigt, eine besondere Ab­gabe von Wohnungen zu erheben, welche' im Verhältnis zur Zahl der Bewohner oder zur Zweckbestimmung der Räume als übergroß anzusehen sind.

Welche Mittel stehen dann, falls das Gesetz zur An­nahme gelangt, zur Verfügung?/ Dr nach Schätzungen

Morgen-Ausgabe.

der Gesamtmietwert 4.5 Milliarden beträgt, aber mit etwa 700 Millionen Mark Steuerbefreiungen gerechnet werden muß, so sind 3,8 Milliarden zu versteuern. Der Betrag hieraus beläuft sich auf 380 Millionen Mark. Rechnet man mit weiteren Ermäßigungen, so kann mit dem verbleibenden Betrag in zwanzig Jahren eine Summe von 3,2 Milliarden Mark getilgt und verzinst werden. Dazu kommen noch die im Voranschlag vorge­sehenen 700 Millionen Mark aus der Kohlenabgabe und ein Reichsvorschuß von 1,5 Milliarden Mark, so daß demnach 5,4 Milliarden Mark zur Verfügung stehen, womit etwa 80 000 Wohnungen finanziert werden können.

Gewiß bedeutend weniger, als es der sozialdemokra­tische Antrag will. Nachdem dieser aber eine Miet­erhöhung um etwa das Zehnfache voraussetzt, darf wohl behauptet werden, daß vrerst das Gesetz den einzig gangbaren Weg eingeschlagen hat, um wirklich Ernst damit zu machen, die Wohnungsnot zu bekämpfen und Arbeit für Erwerbslose zu beschaffen. Der Wohnungs- ausschuß wird den sozialdemokratischen Antrag immer­hin noch weiter eingehend behandeln und alle Mitiel prüfen, die zur Durchführung einer gesunden Wohnungs­politik Helsen. Dazu gehört nicht zum mindesten auch die entschiedene Bekämpfung der Erhöhung der Eisen­bahntarife, soweit der Vorort- und Nahzugverkehr in Frage kommt.

Regierungsbildung und Ultimatum.

Br. Berlin, 9. Mai. (Eigener Drahtbericht.) Im Reichstag setzten heute vormittag die Fraktionen ihre Beratungen fort. In den Vormittagsstunden war die par­lamentarische Lage insofern noch u n o e r ä n de r t, als so­wohl die Deutsche Volkspartei als auch die Demokraten und crn grober Teil des Zentrums nach wie vor die Überzeugung vertraten, datz man die Zustimmung zum Ultima­tum nicht geben könne. Voraussichtlich wird wieder.der interfraktionelle Aus schuh der Regierungspar­teien zusammentreten. Das Plenum des Reichstages ist auf heute nachmittag vier Uhr einberufen. Auf der Tages­ordnung steht als einziger Punkt die Aussprache über die Lage in Oderschlesicn. Es wird angenommen, datz Reichskanzler Fehrenbach oder Autzenminister Dr. Simons dem Reichstag Mitteilung machen wird. Auch die Kabinettskrise ist ihrer Losung noch nicht naher gekommen, doch glaubt man allgemein, datz sie mit der heute erwarteten Entscheidung der Parteien über ihre Stellung­nahme zum Ultimatum gelöst werden wird. Jedenfalls mutz die Frage des Seins oder Nichtseins, die durch das Entente-Ultimatum aufgeworfen worden ist, heute oder morgen ihre Beantwortung erfahren.

Die »elfischen Wünsche.

Br. Hanns»»». 9. Mai. (Erg. Drabtbericht.) Im Pro- rinziallandtag von. Hannover gab der Deutsch Hannoveraner Sagemann eine vrogrammalische Erklärung im Einverständnis mit dem Zentrum ab: Ariffrl 18 der Verfassung sei die restliche Grundlage der welfischen Be­strebungen. deren Ziel nicht ein reichsunmittelbares Hannover in den Grenzen von 1866. sondern ein r e i h s - unmittelbares Riedersachsen unter Anschluß der kleinen Staaten mit niedersächstscher Bevölkerung sei. Der Blick der Parier fei nicht rückschauend auf die Vergangenheit gerichtet, sondern gebe vorwärts aus tiefer Not mutig einer neuen Zeit entgegen.

Der deutsch-russische Handelsvertrag.

Bi. Berlin. 9. Mai. (Eigener Drahtbericht.) Das zwischen Deutschland und Rubland abgeschlossene Handels­abkommen regelt die vorläufigen Handelsbe­ziehungen. U. a. wird für die deutschen Staatsange­hörigen, die sich zu Handelszwecken unter Beachtung der pafr gesetzlichen Vorschriften nach Rußland begeben, die Unver­letzlichkeit ihres gesamten mitgefiihrten sowie des in Rußland erworbenen Eigentums gewährleistet. Die Unver­letzlichkeit des Eigentums wird durch besondere Schutzbriefe der Sowjetrepublik sichergestellt. Für die in Deutschland abgeschlossenen Rechtsgeschäfte und deren wirtschaftliches Er­gebnis unterwirft sich die russische Regierung den deutschen Eesetzen. ____________

Gegen die Politik Lenins.

D. Rewal, 9. Mai. (Gig. Drahtbericht.) Der russische Volkskommissar S i n o w i e w hat demissioniert, weil er die neu« Politik Lenins nicht billigt. Gleichzeitig mit ihm demissionierten auch die Kommissare Z o r i n und Edokimoff sowie auch die drenden Mitglieder der Tscheka. Lenin hat bekanntlich schon vor längerer Zeit an- gefangen. Verbindungen mit fremden Staaten, so vor allem mit Deutschland und England, zu versuchen, um dem in Rußland herrschenden Warenmangel abzuhelfen. Hinzu kamen die Ausstande in verschiedenen Teilen des russischen Reiches. Weniger machte der Sowjetregierung der Krieg gegen Wrangel. gegen Kronstadt ufw. zu schaffen, mehr die Bauernaufstände, so besonders der noch andauernde große Kampf gegen den Bauernführer Antonow. weil durch die Bauernaufstände oie Versorgung der Städte und Industrie­zentren stets gefährdet ist. Auch versagte der bolschewistische Apparat bei der Verteilung der Lebensmittel und der biegenstände des täglichen Bedarfs. Lenin bat inzwischen zwei großen G-:tre>d«firmen die Versorgung von Moskau und Petersbuir»! übertragen. Wichtiger als Stnowiews Rücktritt ist der Rücktritt der Führer der Tscheka, d. h. der außerordentlichen Kommission.

Nr. 213. 69. Jahrgang.

Der polnische Aufruhr in Oberschlesien.

Ein Kompromiß mit Korsanty?

Br. Breslau, 9. Mai. (Eigener Drahtbericht.) Nach Nachrichten aus Oppeln spricht man in oberschlesischen Kreisen von der Tatsache eines Kompromisses zwischen der interalliierten Kommission und Korfanty. Die interalliierte Kommission hat heute morgen der Oppelner Presse die Mit­teilung zugehen lassen, es könne sich für sie nur noch darum bandeln, die Proviant- und Flüchtlingssursorge in di« Hand zu nehmen. Für das übrige sei in dem jetzigen Stadium der Dinge nur noch die Votschafter-Konse- renz zuständig.

Polnische Kundgebungen für Oberschlesten.

Dz. Warschau, 9. Mai. Gestern fand auf dem Theater- platz eine von mehreren tausend Personen besuchte Versamm­lung der polnischen sozialistischen Partei statt, in der die Sympathie für den Amstand in Oberschlesien und der Wille, den letzten Blutstropfen für Oberschlesten zu per­gießen. kundgegeben wurden, -öm Anschuß daran wurde ein Umzug durch die Stadt veranstaltet. Ebemalls wurde vor dem Schloß Belvedere eine Studenteiiveciammlung .abge­halten. die die Kundgebungen für Oberschlesten beschlog und bei derNieder mit Deutschland" gerufen wurde.

Englische Pressestimmen zu dem Ernst der Lage.

Dz. London. 9. Mai. Die Blätter befassen sich mit dem Ernst der Lage in Oberschlesien und weisen auf die Gefahr eines Krieges zwilchen Deutschland und Polen mn. Daily News" meldet aus Berlin, der Ernst der augen­blicklichen Lage in Deutschland könne nicht unterschätzt wer­den. Das Blatt schreibt in einem Leitartikel, die durch die Aktion der Polen in Oberschlesien entstandene Lage sei noch ernster geworden durch Berichte aus Berlin, nach denen die deutsche Regierung ihre Truppen gegen Polen mobilisiere. Tie Folgen einer solchen Entwicklung seien unübersehbar. Der einzige Weg. um Deutschland zu hindern., sich m den Ab­mund zu stürzen, sei für die Alliierten, rasch einzagreisen. Die polnischen Aufständischen müßten aufgeloit werden. Die polnische Regierung müste gezwungen werden, rasckestens gegen die Aufstandsbewegung einzuschreiten. .

Der Berichterstatter derTimes" meldet aus Cosnowice. wo er mit Korfanty zusammentraf. Korfanry stehe so­wohl der polnischen Regierung als auch den Alliierten gegen­über sehr stark da. Östlich der Oder könne er heute tum was ei' wolle. Selbst wenn die Alliierten das polnische Gebiet blockieren, würde Korfanty wahrscheinlich seinen Strei- kräften genug Lebensmittel beschaffen können, so lange die Alliierten und die Deutschen bereit seien, den Kohlenoerlust hinzunehmrn. Korfanty und seine Anhänger seien der Über­zeugung, daß der Oberste Rat in ein oder zwei Tagen klein beigeben werde. Der Berichterstatter ist davon überzeugt, daß der polnische Aufstand lind die Zeitungsmeldungen, die der unmittelbare Anlaß dazu waren, von Korfanty vor- . fätzlich in Szene gesetzt worden stnd. und daß die Schnelligkeit des polnischen Aufstandes weniger der Macht der Stimmung in der Bevölkerung als einer wWältigen Vorbereitung und Organisation zuzuschreiben ist. Im Falle eines Krieges zwischen Deutschland und Polen würden die Litauer Polen angreifen. und es fei sehr wahrscheinlich. daß die Bolschewiken die Lage ebenfalls ausnutzen würden. Die Vermeidung eines Krieges hänge davon ab. inwieweit dem polnischen Volk der Ernst der Lage klar gemacht werden könne. Wie derTimes -Berichterstatter weiter meldet, besagen die aus Warschau ein getroffenen Nachrichten, daß die polnische Regierung die Kontrolle über das Land vol.l- kommen verloren hat. In Warschau iand eine groire Demonstration statt, in der verlangt wurde, daß den polni­schen Truppen Befehl gegeben werden solle, sich oen Auf­ständischen in Oberschlesten anzuschließen. Es sind verant­wortliche Persönlichkeiten vorhanden, die bereit sein sollen, die Volksabstimmung in Oberschlesten. ohne Rücksicht auf deren Folgen, ausz-.'.nlltzen. D,e polnische Regierung soll auch nicht in der Lage sein, die Schließung der Grenzen gegen

Ober^ch.esien^ durchzu.eueNi^ mit ^ em Vertreter desDaily

Erpreß" erklärte Fürst Hatzfeldt. es sei äußerst wichtig, daß d«e Kommission wenigstens 30 60!) Mann zur Wieder­herstellung der Ordnung in Oberschlesten entsende. ..Daily

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iärert Truppen andererseits die Entschuldigung geben werde, die Frage unter sich auszufechten. Zu einem richtigen d e u t f ch - v o l n i sch e »fit je g 'ei es dann nur ein kurzer Schritt. Das Blatt erklärt, die Ansmelung Lloyd Georges rii seiner Rede vom Samstag dürfe nicht übersehen werden. Lloyd George habe erklärt, daß, wie die Alliierten Deutsch­land gezwungen lütten, abzurüsten, sie ebenso verpflichtet seien Deutschland davor zu bewahren, durch diese Entwaff­nung das Opfer eines militärischen Ein­greifens durch eine dritte Partei zu werden.

Zusammenstöße mit Kommunisten in Paris.

iammen st äßen mit der republikanischen Garde ge­kommen. Nach demPetit Parisien" wurden 10 Polizisten und Gardisten verwundet. Es wurde mit Reoolocru ge- ichoüen. ferner wurden Steine gegen die Polizisten geschleu­dert Ein Polizist ist vor Aufregung gestorben. 20 Ver­haftungen wurden vorgenommen, doch wurden nur 3 kn Haft gehalten. DerPopulaire" schreibt von etwa 50 Ver­wundeten.

Unruhen in Palästina.

Dz. Paris, 9. Mai. (Drahtbericht.) Nach einer Mel­dung aus Jaffa ist der englische KreuzerEalipso" in Jaffa angekommen. Das Standrecht wurde verhängt. Drei weitere englische Schiffe sind zur Verstärkung einge- troffen. Man meldet von einer grogen Erregung in Navlus. Dort seien Juden getötet worden. In der Gegend von N i l e a b o s und E s s a b i e h soll der Kampf fortdauern Die Zahl der Getüteten und Verwundeten wird mit,35h angegeben.