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Freitag. 20. April 1021.
Abend-Ausgabe.
Nr 188 ♦ 69. Jahrgang.
> Hochspannung.
Die Augen der Welt sind nach wie vor auf Washington gerichtet. Alles hängt davon ab, ob die Regierung Havdings unsere deutschen Gegenvorschläge, wenn vielleicht auch mit einigen Veränderungen, empfehlend an die Häupter der Entente weitergibt.
Nach den neuesten Blättermeldungen scheint in Washington allerdings wenig Neigung dazu zu bestehen. Es wird auch bereits berichtet, Deutschland werde neue weitergehende Vorschläge machen. Offiziell ist indessen von Amerika noch immer keine Antwort in Berlin ein» gegangen.
Das französische Unannehmbar braucht zunächst nicht zu überraschen. Nichts wäre allerdings verhängnisvoller, als wenn man im deutschen Volke auch jetzt noch den ungeheuren Ernst der Lage verkennen wollte. Die Verftärüiigungsmögllchkeiten hängen an einem dünnen Faden, der gerade auch durch die Reichstagsdebatten dis zum Übermaß belastet worden ist. Immerhin müßte mit dem französischen Unanehmbar gerechnet werden. Wer Briands Lage gegenüber dem Bloc national kennt, wird auch wisien, daß eine Verstä.rdi- gung gar nicht anders möglich sein wird, als daß man schließlich den vereinten Druck der Alliierten auf Frankreich wirksam werden läßt, und daß sich dann Herr Briand in die Brust wirft und ein Nachgeben im Inter- esie der Erhaltung der Einigkeit mit den Verbündeten fordert. Dabei ist noch nicht einmal gesagt, daß Frankreich nicht unter allen Umständen zu verschärften Sanktionen schreitet. Es hat seine militärischen Vorbereitungen getroffen. Die Reparationskommission hat 132 Milliarden Eoldmark als Wiedergutmachungsschuld auf Grund des Art. 233 des Friedensvertrages fcltge- ftellt. Hier handelt es sich um einen Gegenwartswert, und die neue Summe soll offenbar in einen öffentlichen Gegensatz zu den von Deutschland angebotenen 50 Attl- liarden Eoldmark treten.
Wir müsien uns nur über eins klar fein: Entsteht bei Amerika, besorckers aber auch bei England auch >mr der leiseste Verdacht, daß Deutschlands Wiedergutmachungswille nicht bis zum äußersten vorhanden ist, dann können die Verbündeten bei der Volksströlming in ihren Ländern nicht auf die Vorschläge Deutschlands eingehen. Wie immer man auch die Chancen neuer Verhandlungen bewertet, an der letztmöglichen Leistungspslicht Deutschlands kommen wir nicht vorbei.
Inzwischen ist es von Wert, die Strömungen in England zu verfolgen. Der englische Botschafter in Berlin, Lord d ' A b e r n o n, ist nach London gefahren, nachdem er vorher mit dem französischen Botschafter Laurent konferiert hat. Auch bei der deutschen Regierung soll er nähere Erläuterungen eingeholt haben. Trifft diese Annahme zu, dann würde es sich um eine Art Rückfrage handeln, die beweisen würde, daß England nicht auf Briands Standpunkt der strikten Abweisung steht.
Die Reichstaasdebatte. die am Donnerstag nach einer nochmaligen Erklärung Dr. Simons' geschloffen wurde, ist in den verhängnisvollen Fehler verfallen, die ganze Frage unter den Gesichtswinkel innerpolitischer Betrachtung zu stellen. Hier haben namentlich die sozialistischen Redner, aber auch Herr Helfferich gesündigt. Eine retrospektive Kritik kann jetzt lediglich schaden. Wenn der Zeitpunkt gekommen fein wird, kann man gewiß auch über die deutsche auswärtige Politik der letzten sechs Wochen allerlei sagen. Jetzt ist es in jedem Falle verfehlt. Die Meinung des Herrn Hermann Müller, daß der Außenminister bei der Absendung des Telegramms an Harding die Zustimmung der Parteiführer hätre einbolen müssen, geht ebenso fehl wie die Kritik nationalistischer Abgeordneter, daß dieses Telegramm der Gipfel nationaler Würdelosigkeit sei. Das parlamentarische Svstcm ist wie die ganze Demokratie von der Voraussetzung getragen, daß die Gleichberechtigung Persönlichkeiten erwachsen läßt. Demokratie und Führerproblem gehören zusammen. Bei der Beschaffenheit der Welt von heute ist es aber notwendig, daß solche Persönlichkeiten auch den Mut zur Verantwortung haben. Daß ihn Dr. Simons gehabt hat, soll man ihm nicht zum Vorwurf machen. Über die Form des Telegramms an Harting kann man gewiß verschiedener Meinung sein Aber die Anrufung eines Schiedsgerichts schließt die Zuncherung, daß man sich ihm unterwerfen wird, einfach in sich. Sonst hätte der ganze Rechtsgedanke seinen Sinn verloren. Es ist jedoch wirklich müßig, diese Betrachtungen jetzt im Parlament und damit vor aller Welt vorzunehmen. Alles kommt darauf an, daß man jetzt mit der Entente und Amerika an den Verhandlungstisch gelangt. Schlägt dieser Versuch fehl, dann wird matt f» wie so vor ehret entsetzlichen Situation stehen!
Die Aussichten auf eine amerikanische Vermittlung wenig günstig.
vr. Berlin, 29. April. Wie das „Verl. Tageblatt" zu wissen glaubt, herrscht in Berliner d i p l o m a- r r scheu Kreisen die Auffassung vor, daß die Aus- gchten auf eine amerikanische Vermittlung wenig Künftig seien. Es werde als unzweifelhaft angenommen, daß Präsident Harding und die amerikanische Regierung den lebhaften Wunsch hätten, zur Beilegung des Konfliktes und zur Verhinderung der Ee- waltmaßnahmen beizutragen. Es erscheine auch ziemlich sicher, daß die deutschen Vorschläge in Washington für eine mögliche Grundlage zu Verhandlungen gehalten würden, obgleich man bei einigen Punkten gern eine klarere und bestimmtere Fassung gewünscht hätte, was zu Rückfragen in Berlin Veranlassung gegeben haben dürfte. Dagegen werde bezweifelt, daß die amerikanische Regierung angesichts der ablehnenden Haltung der französischen und nunmehr auch der englischen Regierst n g ihre dankenswerten Bemühungen werde fort- führen können.
, gz. London. 28. Avril. Den von der englischen Prelle veröffentlichten Berichten, wonach Frankreich die reuen Revarationsangebote abl ebnen neroc. stehen Meldungen der Blätter gegenüber, dass man m amtlichen britischen Kreisen durchaus abgeneigt ist. eine endgültige Alsscbt über die deutschen Vorschläge zum Ausdruck ,u bringen.
m, J*£> er die Haltung der Vereinigten Staaten lauten die Meldungen der englischen Blätter widersprechend. Von nanzMcker Sorte l«l dem Reuterschen Bureau erklärt worden. dag di« neuen deutschen Vorschläge augenscheinlich voller Unklarheiten seien. Cie seien nichts als eine vlumve Aufwärmung der Londoner Vorschläge und skien ebenso, wie diele, unannehmbar. Die Politik der deuticken Regierung könne tn die Worte eim.-s deutschen Ministers »usammengetadt werden, die augenblicklich in Londoner alliierten diplomatischen Kreisen die Runde machten: In London batten wir den Fächer zu. setzt haben wir >bn offen. In divlomatischen Berichten des ..Daily Telegraob bstsst es: Der erste Eindruck, den die deutsche Note am Dienetoanackmiittaa in London gemacht habe, lei ein günstiger gewesen. Eine näbere Prüfung der deutschen Vorschläge babe aewille Zweifel auskommen lallen, und die Unbestimmtheit gclwiller Paraguapben,. insbesondere des 8_1. sei als unbefriedigend, vielleicht sogar als verdächtig angesehen worden. Daher sei der britische Botschafter rn Berlin beauftragt worden, auf sofortige Aufklärung der unklaren Punkte zu dringen.
Noch keine Entscheidung in Washington.
DL. Paris, 29. April. (Drahtbericht.) Wie der „Chicago Tribüne" aus Washington gemeldet wird, äußerte Staatssekretär Hughes gestern abend, daß er von den verbündeten Regierungen bis jetzt noch keine endgültigenErklärungen über ihre Stellungnahme zu den deutschen Vorschlägen erhalten habe. Der französische Botschafter I u s s e r a n d lehnte eine Äußerung über die Nachricht ab, daß in Paris die deutsche Note fiir unannehmbar gehalten werde. Der englische Botschafter hat Hughes gestern nicht gesehen und er hat auch keine Instruktionen aus London erhalten. Unter den unversöhnlichen Senatoren des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten besteht eine gewisse Neigung zur Kritik an dem Vorgehen Hardings, da man neue Verwicklungen in den europäischen Angelegenheiten befürchtet dadurch, daß die amerikanische Politik sich mit der Reparationsfrage befaßt. Die Ausarbeitung eines Friedensprogramms wurde für die Dauer der Verhandlungen über die Reparationen aufgefchobon.
Zn Erwartung weitergehender deutscher Vorschläge.
v. London. 29. Avril. (Eia. Drabtbericbt.l In hiesigen politischen Kressen bosft man noch immer aus die Zusendung einer wesentlich weiteraebendcn deutschen Note, um den Obersten Rat am Samstag zu einem Ein- lcnken zu veranlassen.
Dz. London. 29. April. (Drahtbericht.) „Daily Telegraph" meldet aus New York, in Amerika fei man allgemein der Ansicht, daß es Hughes gelingen werde, Deutschland zu beeinflussen, das R e p a r a - tionsangcbot in einer für die Alliierten befriedigenden Weise abzuändern.
Dz. London, 29. April. (Drahtbericht.) Der diplomatische Mitarbeiter des „Daily Telegraph" schreibt: Die Rettung für Deutschland liege nur darin, daß es bis zur morgigen Sitzung des Obersten Rates direkt nach London ein neues aufrichtiges und annehmbares Angebot schicke, das eine Klarstellung und Ergänzung der in Washington unterbreiteten Vorschläge bedeute. Das Washingtoner Angebot weÄe von verschiedenen amtlichen Kreisen als ein Fortschritt gegenüber den früheren deutschen Vorschlägen angesehen, da sich Deutschland darin bereit erklärt hat, die Entscheidung einer internationalen Körperschaft oder der «Mrrrtamschen Regie rang zu untrr-
D!e Aufgaben des Obersten Rates.
Dz. Baris. 29. Avril. Nach einer Havasmeldung aus
n d o n ergebe fick nach Reuters Erkundigungen in briti- mnn Kressen, daß die deutsche Note in den Bereinigten Staaten ew:n i« br schleckten Eindruck gemacht habe, insbesondere, da die deutschen Vorschläge nur als einfache AnrelMng sich gäben, was teilweise wohl ihre Dunkelheit erkläre. Wie man versichere, sei es möglich, daß Berlin aus eigenem Entichluss weitergehende Erklärungen lstnrn werde. Der britische Standvunkt gebe dabin, daß. wenn Deutschland keine wirklich durchführbaren Vorschläge »>, st rraelmassige Znblungen vorbringe, die in vernünftiger- Wei'e auf eine entsprechende kurze Zeit aestaiicll seien, es "jstdr zweifelhaft lein dürfte, ob man mit einer befriedigen-
SA.wung der Dinge rechnen könne. Da die Regierungen ^fr, Alliierten weder von Deutschland noch von den Vereinigten Staaten eine amtliche Mitteilung praktischer Anregungen erbalten batten, lei es sebr unwabrscheinl'ch. daß die deutschen Vorschläge auch nur den Gegenstand einer Benotung bei der nächsten Sitzung des Obersten Rates bildest wurden. Infolgedessen würde sich die Aufgabe des Obersten chsttcs einfach darauf beschränken, über die Maßnabmeir sich schlüssig zu werden, die angesichts des Verzuges Deutschlands getroffen werden müssten.
Lloyd George über die Ausdehnung der Besetzung.
Dz. Paris. 29. Avril. Im Unterbaus erklärte Lloyd George auf verschiedene Anfragen über die letzten Zu-! ! a m m e n k ü n s t e betreffs der Erzwingung des Versailler! i* und der geplanten Aktion der britischen und der Mlnzonichen Regierung gegen Deutschland, die allgemeine, Haltung der britischen Regierung gegenüber der geplanten Besetzung des westfälischen Koblengebietes sei in seiner Antwort vom letzten Montag ausnn.rndergeletzst Was die genauen Pläne für die Besetzung betceffe. so wür», den diese augenblicklich von den alliierten Sachverständigen, geprüft. deren Bericht der interalliierten Konferenz am Samstag unterbreitet werden würde. Lloyd George sagte ferner, er bade dem. was er dem Unterbaus bereits mitge- tcilt babe. nichts binzuzufüaen.
In Erwiderung auf eine Anfrage bestätigte Lloyd George, dass es Sache der Revarationskommillion sei. diö Bestimmungen des 8 12 Absatz 2 des Artikels 8 des Versailler , Vertrages auszulegen. Lloyd George fügte hinzu, erne einzelne Regierung könne nicht obne Zustimmung der anderen alliierten und assoziierten Mächte bandeln und nickt auf eigene Faust zu einer Ausdebnung der Be« letzuna deutsch-n Gebietes schreiten.
Die Vorbesprechungen kn London.
Dz. Paris. 29. Avril. Nach einer Haoas-Meldung aus, London batte der belgische Minister des Äußern Jalvar gestern mehrere Besprechungen mit Lloyd George/ Loucheur. T b e u n i s und Plänkelt setzten ihre Besprechungen fort. Bei dielen Beratung haben sich — Havas zufolge — die drei alliierten Vertreter mit allen finm- ziellen Problemen befasst, die bei einer Besetzung des Rubrgebietes in Frage kämen. Besonders hätten sich die alliierten Vertreter mit den eventuell zu erwartenden Betragen bei der Besetzung des Rubrgebietes beschäftigt und seien zu dem Schluss gekommen, dass aus dem Rubrgebiet eine Summe von 1H bis 2 Milliarden Goldmark jährlich erwartet werden könne.
Übereinstimmung unter den Alliierten?
Dz. London, 29. April. (Drahtbericht.) Das Reuterfche Bureau erführt von französischer Seite, daß die Übereinstimmung unter den Alliierten in den Beratungen zwischen Lloyd George, Thurchili, Loucheur, Ja spar und T h e u l n'e s immer vollstüstdiger werde. Auch bei den Verhandlungen mit den.alliierten Sachverständigen nähme'das Einverständnis zu.
Briands Reife nach London.
D Paris. 29. Avril. (E,g. Drabtbericht.l Briand n,rd beure m Begleitung non Bertbelot. Marlb-rll Fock. General W e y g a n d und einem divlomaiiscken und sackvcrstandrgen M-rarbeiterftab Paris um die Mittagszeit verlassen und um 7'/- Ubr abends in London ein* treffen. Die ersten Beivreckungen auf der Londoner Kon- ferenz werden stck um die Eiuwäude drehen, welche die eng- liicke Rea.erung gegenüber einer sofortigen Amveidung der gevlanton Zwangsmatznabmen erhoben bat. Es scheint, dass dae englische Reg-errina vorher die letzten Möglichkeiten einer freundschaftlichen Verständigung mit Deutschlund erschöpfen mockte. Llond George würde auch offenbar ein Syst-m von dauernden Garantien wirtschaftlicher Natur vorzieben. denn die Besetzung des Nubrreviers scheint ihm nur rein territorial Gewähr zu leisten und infolgedessen vorübör- aebenden Charakter zu haben. Diese Auffassung Lloyd Georges, dauernde Garantien zu nehmen, soll durch den Wortlaut der neuen deutschen Vorschläge, d. h. namentlich durch die deui'che Forderung des Verzichtes auf gewiss« Zwangsmassnahmen bestärkt worden lein.
D. Baris. 29. April. (Eig. Drabtbericht.) Ein Ministcr- rat hat gestern stattaefunden. Briand berichtete über die äussere Laae und die Art in der er den französtichen Standvunkt in London vertreten werde. Es ist keine Tat- lcheidung getroffen worben, auch nicht über die Einberufung der Jabresklasse DB9. Wenn, was mehr als wahrscheinlich ist. eine solche Massnahme aetroff:n werden wird, io wird dies nicht vor der Tagung des Obersten Rates erfolgen. die am Samstag in London beginnt.
Italiens Haltung.
nilche Press« verhält sich zu den deutschen wartend. Der .Secolo" bebt die günsti Vorschlag« in Amerika und England bervo
Voricklägen a b - günstige Aufnahme der
D. Mailand. 29. Avril. (Eig. Drabtbericht.) Die italie-
-- - - - - ■" ~ schlag
lufna. ...
, , _ ... — ..- hervor, wo sie als ge
eignete Grundlage für r:eue Verbandlungen betrachtet würden. Deutschland brete auf jeden Fall mehr, als Frankreich mit Zwangsmassnahmen erzielen könne. -- „Pooulo d Italia schreibt, di« französische Drohung mit neuen Besetzungen.kt nach den deutschen Vorschlägen unangebracht. Letzt «Utk!« auch dl« Stimme Italien» berücksichtigt werden.
