Wiesbadener Tsgblck.
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Mittwoch, 27. April 1921.
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Morgen-Ausgabe.
Nr. 193. ♦ 69. Jahrgang.
Der umgekehrte Weg.
KntstTatlichung und Sntkommunalifierung.
Bo?. Brun» Saekel.
„Grau, Freund, ist alle Theorie", — wie oft ist die« Dort gesagt worden, und wie oft hat man es vergessen. Noch immer klingt der Ruf nach Sozialisierung, nach Überführung der Betriebe in Gemeinschaftsbesitz oder — noch schärfer — in den Besitz der Arbeiter. Auch die Sozialisierungskommission tagt' noch, wenn auch sehr im Verborgenen, ilnd gibt Lebenszeichen in Form von Resolutionen, wie kürzlich zur Sozialisierung der Kali- mdustrie, von sich. Freilich zeigt sich dann immer wieder, daß die Verfechter der Theorie sich nicht einmal untereinander einig sind über die Form, nnter der die Vergesellschaftung vor sich gehen soll.
Inzwischen schreitet aber die wirtschaftliche Entwicklung mit unerbittlicher Konsequenz ganz andere Wege, zurück von dem Staats- oder Kommunalbetrieb zur „kapitalistischen" privatwirtschaftlichen Ordnung. Bayern ist vorangegangen in der richtigen Erkenntnis, daß es dem bureaukratischen Staatsbetrieb nicht möglich ist, unter den heutigen Verhältnissen gewinnbringend zu arbeiten, — bereits vor dem Kriege ist es ja schon sehr selten gelungen. Außerdem besitzen die bankerotten Staaten nicht mehr genügend Kredit, um die für den Ausbau und die Erhaltung der Werks nötigen Summen am Kapitalmarkt aufnehmen zu kennen. Daher hat man aus den staatlichen Elektrizitätswerken, die nach großzügigen Plänen im Bau sind und, erst vollendet, fast ganz Bayern und die Pfalz mit Strom versorgen werden, drei große Aktiengesellschaften gebildet. Es sind dies: Walchenseewerke A.-G., Mittlere Isar A.-G. und Bayernwerk Ä.-E. Die beiden ersten Gesellschaften sind mit einem Aktienkapital von 50 bezw. 70 Millionen Mark gegründet worden und haben eine gemeinsame, voll untergebrachte Anleihe von 500 Millionen ausgegeben. Die mit 100 Missionen Mar? Aktienkapital ausgestattete Bayernwerk A.-.G., die im wesentlichen die Verbindung zwischen den zwei stromerzeugenden Werken und den Verbrauchern Herstellen soll, hat gerade jetzt eine Anleihe von 300 Millionen Mark zur Zeichnung aufgelegt. Die rege Beteiligung der Kapitalist-m- kreise an der Finanzierung der Unternehmen beweist, wie glücklich die Form gewählt ist. Für die Obligationen bürgen die umfangreichen Anlagen und die — jetzt allerdings weniger geschätzte — Garantie des Staates, vor allem die durchaus privatwirtschaftliche, also gewrnn- suchende Geschäftsführung. Dabei ist aber der staatliche Einfluß keineswegs ausgeschaltet, denn die Aufsichtsräte der Gesellschaften setzen sich zusammen aus Mitgliedern des Landtags, aus Vertretern der Staatsver- waltuna und aus Persönlichkeiten des freien Wirtschaftslebens.
Wenn der Betrachtung dieser bayerischen Gründungen hier ein verhältnismäßig großer Platz eingsrä.lmt wird, so rechtfertigt es sich damit, daß hier ein Borbild gegeben ist, das man sich auch in anderen Bundesstaaten ulld Kommunen zum Muster nehmen dürfte. Denn überall machen sich Bestrebungen geltend, die vorhandenen gemeinwirtschaftlichen Betriebe nicht zu vermehren, sondern umzuwandeln in prioatwirtschastliche. Im württembelgischen Landtag wurde vor kurzem bei Besprechung der Lage der staatlichen Hüttenwerke (Friedrichstal. Königsbronn, Ludwigstal, Wasseralfingen und Wilhelmshiitte) scharfe Kritik an der jetzigen Geschäftsführung geübt. Bei 86.8 Millionen Wark Einnahmen hat sich ein Überschuß von nur 548 528 M. ergeben, der auch nur durch unkaufmäimi- sche Bilanzaufmachung, z. B. zu geringe Abschreibungen, errechnet worden ist. Der Landtag forderte daher — unter Zustimmung der Mehrheitssozialdemokraten (!) —■ die Umwandlung der Betriebe und Angliederung an andere Unternehmungen. Nach Mitteilung des Finanz- Ministers ist die Umbildung bereits im Gange, doch verweigerte er vorläufig nähere Angaben. Auch die Anhaltische Salzwerke, einst die Goldquelle des Landes, leiden unter schlechten Ergebnissen. Wie der Staatsministcr im Landtag mitteilte, läßt man jetzt durch eine Treuhandgesellschaft die Geschäftsführung nach kaufmännischen Grundsätzen prüfen. Die Mehrheit des Landtags sprach sich dabei für eine eventuelle Wetterführung in privatkapitalistischer Form aus.
Alle diese Vorgänge haben anscheinend auch das Reichsschatzamt von der Richtigkeit dieses Weges überzeugt. Denn es bat sich für den Plan der Provinz Sachsen ausgesprochen, mit einer vom Provinzial- lan^tag bewilli-tten Summe von 155 Millionen Mark entscheidenden Einfluß auf die für die Elektrifizierung der Provinz maßgebenden Gesellschaften zu gewinnen les bandelt sich vor allem um die Deutsche Contiaental- Eas-Gefellschaft zu Dessau und das Elektrizitätswerk Sachsen-Anhalt). Wenn dabei schamhaft von einer
Form der Sozialisierung gesprochen wird, die die richtige sei, so ist das nicht zutreffend. Es handelt sich doch ratsächlich nur um eine Beteiligung des Staates bezw. der Kommune an den Gewinnen privatkapitalistischer Unternehmungen, wobei der Einfluß auf die Geschäftsführung nichts anderes ist als der jedes Großaktionärs, ein Verfahren ähnlich dem des sicher nicht sozialistischen ungarischen Finanzministers Hegedüs, 15 Prozent des Aktienkapitals aller Gesellschaften — ohne Entschädigung — für den Staat zu verlangen.
Diese Beispiele geben in ihrer Gesamtheit ein gutes Bild, wohin die Entwicklung heute geht, wohin sie gehen mutz. Nicht in Deutschland allein hat man ja die Erfahrung gemacht, daß Staatswirtschaft und Defizit- mirtschaft jetzt fast dasselbe ist. Es sei nur an die Verluste erinnert, die den Vereinigten Staaten von Amerika die sogenannte Kontrolle der Eisenbahngesellschaf- ren und das Schiffahrtsamt, England die staatliche Kohlenwirtschaft eingebracht haben. Ob Verstaatlichung, ob Kommunalisierung, der Effekt war bisher der gleiche: Rückgang der Erträgnisse oder sogar Verluste. Das sollte den Parteidoktrinären zu denken geben! Unsere Wirtschaft ist viel zu geschwächt, um unrationelle Arbeit oder Experimente zu vertragen. Die Mehrheitssozialdemokratie hat wiederholt bereits die Entwicklung durch ihre Zustimmung zur Umbildung staatlicher in privatwirtschaftliche Betriebe anerkannt, in ihrem Programm steht aber immer noch die Forderung der Sozialisierung. Man könnte mir erwidern, Verstaatlichung ist noch keine Sozialisierung, — wie schon erwähnt, sind die Begriffe davon sehr verschieden —, ein Schritt dazu ist sie sicher. Und wenn dieser erste Schritt schon mißlingt, dürften die nächsten noch weniger glücken! __
Ein kommunistisches Schuldbekenntnis.
as. Berlin. 26. Avril. lEig. Drabtbericht.) Von den Kommunisten wird bekanntlich immer mit der Debruviung «verirrt. ikir Märzvutsch sei nichts weiter als eine Ab- webraktion gegen die „Provokation der. GUenreoo- lution" uewesiu mit welch schönem Ausdruck dis Belegung Mitteldeutschlands mit Schunvoltzei bezeichnet wird. Im neuesten Heft der „Internationale cntschluvft dem Kommunisten Paul Fröhlich ein sehr bemerkenswertes Geständnis. Er vertritt nämlich dort den Standpunkt, daß. wenn die Möglichkeit sü einem Stoß gegen sie Regierung besteht, dieser Stoß auch geführt werden muß. Diese Möglichkeit aber bestand nach seiner Meinung.. nach Ostern. Wörtlich beißt cs dann: „Unter dieien Umrtanten beschloß di« 33. K. P D.. die Offensive zu ergreifen. Die Partei wollte die Aktion nach Ottern beginnen lassen. ,sobald oie rolitischen Schwierigkeiten in ihr kritisches Stadium eiNM- trcien waren." Fröhlich bestätigt damit allo. daß die Zentrale die „Aktion" auch unternommen hätte. wenn oas Em- rücken der Schutzrolizei in Mitteldeutschland nicht erfolgt wäre. Rur sollte der Streich dann nach Ostern geführt werden. Das Ziel war der Sturz der Regierung und die Eroberung der völkischen Mack). Es ist erfreulicherweise anders gekommen, als mnn sich in der kommunytDÄen Zentrale die Sacke ausgemalt batte.
Neue kommunistische Umtriebe in Mitteldeutschland.
W.T.-B. Berlin. 25. Avril. Zu den Meldungen aus Mitteldeutschland über neue kommunistische Umtriebe wird den Blättern von unterrichteter Seite erklärt, daß di« Nachrichten zurzeit einer eingebenden Prrifuna unterliegen. Di« bisher eingetroffenen Nackrichten nötigten zur starken Bor- sickt. Die Schußvolizei in Mitteldeutschland werde daher zunächst in der Stärke bleiben, in der sie jetzt ist. insbesondere werden die Leuna-Werke von de: Polizei weiterhin beschützt bleiben. ~
Nack Mitteilung der „Roten Fabne ist am vaust.m- nachmittag tcr Vorsitzende der Groß-Derliner Organisation der 33. K. P. D.. Friesland, erneut verhaftet worden. Die Gründe der Verhaftung sind dem Blatt unbekannt.
Die Maifeier der zweiten Internationale.
Br. Berlin. 26. Avril. (Eie. Drabtbericht.) Das Ere- kutivkomitce der 2. Internationale fordert die Genossen auf. die Feier des 1. Mai zu einer nie dagewesenen Demonstration für die Solidarität der Arbeiterschaft ,u macken. In dem Aufruf wird u. a. die Revision des Friedensoertrages. Abschaffung des Militarismus in allen Ländern. Freilassung der vclitifchen Gefangenen. Sozialisierung der 'Produktionsmittel und Erfevvng des Kapitalismus durch das sozialistische Gemeinwesen gefordert. An die Arbeiter ergebt der Ruf zur Eroberung der volitifchen Macht.
Ferry.
Dz. Berlin. 25. Avril. Die Polizei bat ermittelt, daß F e r r u. der nach Ansicht der Verteidigung in dem Prozeß gegen den Siegessäulen-Attentäter den Anschlag auf die Siegessäule als Polizeisvitzel angezettelt baben soll, ein Deckname für den Reisenden Wilhelm Hering ist. der wegen Beteiligung an den mitteldeutschen Märrunrrchen seit dem 1. Avril zu Salle im Gefängnis sitzt. Hering gibt zu. den Anschlag auf die Siegessäule in die Wege geleitet zu baben. und zwar auf Anregung eines gewissen Piever.
Die Sprengstoffattentate gegen die Landgerichte in Dresden und Freiberg.
W.T.-B. Dresden. 25. Avril. Das Sonderserickt Dresden beschäftigte sich Samsrag mit den Sorengstotfattmtaten gegen die Landgerichte Dresden und Freiberg. Der Betonarbeiter Karl Schulz, der den Anschlag in Dresden, und der Arbeiter Jobann Franke, der den Amchlra in.Frer- berg verübte, wurden zu je 10 Jahren Zuchthaus, drer wertere Angeklagte zu 8 Monate« Gefängnis bis zu 3 Jahren Zuchthaus verurteilt
Das neue deutsche Angebot.
Dz. Berlin. 25. April. (Giß. Drahtbericht.) Dem amerikanischen Geschäftsträger in Berlin ist am 24. April eine Note übergeben worden, in der sich Deutschland bereit erklärt, zum Zwecke der Reparation eine ^ ^
Eesamtoerpflichtung von 50 Milliarden Goldmark- Eegenwert
«nzuerkennen. Deutschland ist auch bereit, den Wert dieser Summe in Annuitäten zum Gesamtbetrag von 2 00 Milliarden Gold mark zu zahlen. Deutschland legt sofort eine internationale A n leihe auf und wird sich an dieser Anleihe beteiligen. Der Betrag der Anleihe wird den Alliierten zur Verfügung gestellt. Den Betrag der zu bezahlenden Summen, der durch die internationale Anleihe nicht gedeckt ist, wird Deutschland nach Maßgabe seiner Leistungsfähigkeit verzinsen und amortisieren. Deutschland ist ferner bereit, der Reparatronskommission alsbald den Betrag von 1 Milliarde Eoldmark zur Verfügung zu stellen in Form von Gold, Silber und Devisen. Gegebenenfalls würde Deutschland gewillt sein, nach Maßgabe seiner Leistungsfähigkeit Verpflichtungen der Alliierten aus ihrem Schuldverhältnis zu den Vereinigten Staaten auf sich zu nehmen. Mit der Annahme dieser Vorschläge erlöschen sämtliche andere Verpflichtungen Deutschlands zu Reparationszwecken. Auch werden dadurch die deutschen Privatvermogen im Ausland frei. Deutschland hält seine Vorschläge nur für durchführbar, wenn das S y st e m d e r Sa n k t i o n e n a l s b a l d a u f h ö r t und die gegenwärtige Basis der deutschen Produktion nicht noch weiter verringert, dl« deutsche Wirtschaft zum freien Weltverkehr zugelassen und von unproduktiven Ausgaben entlastet wird. Deutschland verpflichtet sich, die gutachtliche Ent- scheidung einer internationalen Sachverständigenkommission über sein« Leistungsfähigkeit als bindend «nzuerkennen. Die deutsche Regierung erklärt sich bereit. Änderungen oder Erschlüge oder andere Vorschläge der amerikanischen Regierung bereitwillig anzunehmen.
Die Resolution Knox.
Dz. Washington. 25. Avril. Die Senatskom- Mission für auswärtige Angelegenheiten erstattete einen Bericht, der sich zugunsten der Resolution Knor über die Herstellung des Fnedenszustandes mit Deutschland erklärt.
Das Auslreferungsbegehrsn der RheinlandkomMission.
Bb. Köln. 25. Avril. Die Frist, innerhalb welcher die Interalliierte Rbeivlandkommission die Auslieferung von 14 ins unbelebte Gebiet geflohenen deutschen Staatsangehörigen verlarmt. lauft am 28. Avril.ab. Daher ist Staatsstkretär Lewald vom Reich-Mlnisterium des Innern nach Kohlen, gereist, um eme Verständigung mit der Rbeinlandkommission zu versuchen.
Die Zwischenfälle in Bozen.
Dz. Rom. 26. Avril. Zu den Zwischenfällen in Bozen wird gemeldet: Der »estrige Umzug der. Deuiscken in Bozen wurde von den U a s z i st e n entgegen ihren Versprechungen gestört. Eine Person wurde getötet. 12 wurden verletzt. Die Regierung ordnete an. daß alle Teilnehmer an dem Überfall verhaftet werden und eine sehr strenge Untersuchung eingeleitet werden ,oll. um festzustellen, ob seitens der obersten Gewalt Fehler begangen worden sind. Di« Regierung will, daß so beklagenswerte Zwiichenfalle sich nickt wiederholen können. Die Schuldigen und Verantwortlichen werden unverzüglich bestraft.
Verminderung der amerikanischenAusfuhr.
Di. Paris, 25. April. (Drahtbericht.) Nach einem Kabeltelegramm der „Chicago Tribüne" aus Washington ist die amerikanische Ausfuhr im März 1921 im 105 Millionen Dollar gegen den Monat Februar dieses Jahres gefallen. Insgesamt betrug sie 384 Millionen Dollar gegen 820 Millionen im März des Vorjahres. Die E o l d e i n f u h r betrug im vergangen Monat 106 Millionen Dollar, die Eoldausfuhr 700 Millionen Dollar.
Verschärfung der Lage in Indien.
D. Basel. 26. Avril. lEm. Drabtbericht.t Die „Momins Post" meldet aus K a l k» t ta: Der Vizekonig von Indien teilte amtlich nach London mit. daß dce Lage in Indien sich verschärft babe. In mehreren Distrikten nehme dre Bs- wegung gegen die Engländer,zu. Kalkutta und Bomow sichen unter dem Slusnabmezmtnnd. In den ersten Tagen des Monats Ma! wird ein englisches Geschwader nach den indischen Gewässern abgebcn.
Wiederansleben des deutschen Handels in Japan.
Dz. London, 25. Avril. Dis „Times" meldet aus Tokio, daß Berichten aus O>aka und Kobe zufolge der deutsche Handel Japan wieder auflebe, ersten Vierteliabr 1931 ketrug die Einiubr in Javau 437 500 Pfund Sterling, während Iavans 'Ausfuhr nach Deutschland iebr gering sei.
