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Montag, 18. April 1921.
Abend-Ausgabe.
Nr. 178. ♦ 69. Jahrgang.
Tor dem neuen deutschen Angebot.
Es ist erklärlich, daß die Frage neuer Verhandlungen über die Regelung der Wiedergutmachung in allen beteiligten Ländern im Vordergrund des Interesses steht, ukid dag sich die Zeitungen der Entente eingehend mit diesem Problem beschäftigen. Wenn Londoner und Pariser Blätter allerdings glauben, heute schon Einzelheiten .über die Pläne der ^deutschen Regierung bekanntgeben zu können, wie etwa der „Petit Pattfien", der wissen wollte, daß Deutschland die Erträgnisse verschiedener neuzuschaffender Monopole verpfänden werde, oder wie englische Blätter, die von einer 40prozentigeN Vermögensabgabe berichteten, so braucht wohl nicht be- sonders betont zu werden, daß es sich hier nur um Kombinationen handelt. Fest steht einzig und allein die Tatsache, daß ein neues deutsches Angebot erfolg m wird. Wenn die Ankündigung dieses neuen deutschen Angebotes durch das bekannte Interview, das der Außenminister Simons dem Vertreter des „Matin" gab, in gewissen deutschen Kreisen Aufsehen und Erstaunen hervorgerufen hat. so scheinen diese Kreise völlig zu übersehen, daß Minister Simons wiederholt betont hat, daß man sich natürlich früher oder später wieder an den Verhandlungstisch setzen müsse. So weit sich heute schon die Dinge übersehen lassen, hat sich anscheinend eine neutrale Macht — und wir glauben auf Grund zuverlässiger Informationen versichern zu können, daß es weder die Schweiz noch Spanien ist — an den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten Har- d i n g gewandt mit der Bitte, in dieser außerotdent- lich schwierigen Frage zu vermitteln. Zu einer solchen Vermittlung scheint sich der amerikanische Präsident bereit erklätt zu haben unter der Voraussetzung, daß Deutschland diskutable, vernünftige Vorschläge mache.
Run besteht ja nach einer Erklärung, die das Reuter- Bureau in diesen Tc
lagen veröffentlichte, fern Zweifel mehr daran, daß auch England „ein vernünftiges neues Angebot mit sorgfältiger Aufmerksamkeit" aufnehmen werde.
Ganz zweifellos ist man nämlich auch in London von der Zwecklosigkeit einer Gewaltpolitik überzeugt. Man rechnet in London viel zu gut, um nicht zu erkennen, chie unvotteilhaft die Rechnung abschließt, die die Politiker dieser Art machen. Man hat daher durchaus das Bestreben zu bremsen und man würde ganz zweifellos eine Verständigung mit Deutschland vorziehen. So ist denn auch dre letzte Äußerung Lloyd Georges im Unterhaus zu wetten, nach der kein Abkimmen mit Frankreich über die „Sanktionen" getroffen fei für den Fall, daß Deutschland bis zum 1. Mai seine Verbindlichkeiten nicht erfüllen sollte. Trotzdem wäre es natürlich falsch, hier irgendwie auf eine Meinungsverschiedenheit zwischen den Alliierten p bauen, cd
pohl der „Observer", der oft sehr gut informiert ist, schon vor einigen Tagen eine Krise in den französisch-
englischen Beziehungen wegen der Regelung der Re- parattonsfrage anküudigte. Die deutsche Regierung hat niemals'— und das ist st» erst jetzt wieder betont worden — mit irgend einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Alliierten so gerechnet, daß sie darauf ihre Pläne begründet hätte. Man kennt ja mich andererseits Herrn Lloyd George zu gut, um nicht mit einem neuen Umfall zu rechnen. Und wenn der englische Premierminister auch erllärt, daß fein Abkommen mit Frankreich über die zu verhängenden Sanktionen besteht, so besagt das natürlich noch keineswegs, daß nun etwa England Frankreich an der Ausübung der Sanktionen hindern würde. __ __ ___
Verschiedene Anzeichen lassen auch darnuf schließt daß man siih in London keinen Illusionen über die Wirksamkeit der bislang verhängten Sankttonen hingibt. Die englischen Kolonien sind durchaus nicht gewillt, ohne weiteres die öOprozentige Taxe auf deutsche Waren zu übernebmen. In dem in Frankreich verbreiteten Text der Reuter-Meldung wird z»oar davon gesprochen. daß Deutschland unter dem Druck der Sank
tionen jetzt nachzugeben beginne und neue Vorschläge unterbreite. Es soll durchaus nicht geleugnet werden,
daß die Zwangsmaßnahmen ein äußerst drückender Eingriff in das deutsche Wirtschaftsleben sind. Im übrigen dürfte man aber auch in London doch wesentlich anders denken, als es in der Reuter-Erklärung zum Ausdruck kommt. Der Engländer Dr. Kar r. der Handelsrodak- teur des „Manchester Guardian", erklärte nämlich auf der gelegentlich der Frankfurter Messe abgehaltenen Tagung der Vereinigung deutscher Wirtschaftsinreressen- ten im Ausland: „Da ich in der Lage bin, nicht nur die Psyche der englischen Kaufmannswelt auf das genaueste zu kennen, sondern während der letzten Monate vft Gelegenheit genommen babe, persönlich mit vielen Maßgebenden Herren der verschiedenen Wirtschaftokreise über die Aussichten der sogenannten Sanktionen zu lprecheu, so bin ich zu der Lberzeugnng gekommen, daß
die Sanktionen in spätestens 6 Monaten zusammenbrechen werden." Unter diesen Umständen scheint es besonders erklärlich zu sein, wenn man sich auch in London zu neuen Verhandlungen bereit erklätt.
Jedenfalls find die Vorarbeiten für die deutschen Vorschläge in vollem Gange. Es ist bekannt, daß der Reichstagsausschuß für auswärtigeAngelegenheiten Anfang der Woche zusammentreten wird und man darf annehmen, daß Minister Simons hier schon genauere, Angaben über die deutschen Vorschläge machen wird. Soviel kann aber heute wohl schon gesagt werden, daß einmal in diesen Vorschlägen besonders der Gedanke der deuffchen Beteilignng an dem Aufbau der zerstörten Gebiete eine Rolle spielen wird, und daß andererseits versucht »vird, Wege zu finden, um den Hauptgeschädig- ten, nämlich Frankreich, in den Besitz der nötigen baren Mittel zu setzen. In dem nach Washington übermittelten deutschen Memorandum sind diese Fragen ebenfalls angeschnitten worden. Darüber, welcher Aufnahme diese neuen deutschen Vorschläge begegnen werden, läßt sich heute natürlich noch nichts sagen. Trotz des scheinbaren englischen Entgegenkommens dürfte zu einem Optimismus kein Anlaß vorliegen. Ein Teil der französischen Presse glaubt heute schon die Vorschläge ablehnen zu müssen, ehe noch irgendwelche Einzelheiten bekannt geworden sind. Diese Blätter machen auch kein Hehl daraus, daß Frankreich die Sanktionen auch ohne die Hilfe Englands durchführen werde, wenn es sein müsse. Deutschland, und nicht nur Deutschland, sondern Europa steht jetzt vor folgenschweren Entscheidungen. Möge die Stimme der Vernunft in diesem Augenblick nicht wieder ungehört Verhallens
Die Entente und das deutsche Gold.
Ein unerfüllbares Verlangen.
Br. Berlin, 18. April. (Eig. Drahtbettcht.) Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, ist seitens der Reparationskommission in Paris an den Vorsitzenden der Kriogslastenkommisfion mündlich, jÄoch in offizieller Form die Aufforderung gettchtet worden, die Goldbestände der Reichsbank und der übrigen deutschen Notenbanken bis zum 1. Mai uachPlätzenim besetzten Gebiet, etwa Köln oder Koblenz. zu überführen. Diese Maßnahme soll eine Sicherheit für die deutschenLeiftungen nach dem 1. Mai darstellen. Dit deutsche Negierung soll sich verpflichten, ohne Zustim- nrung der Reparationskonrmission über diese Goldbestände nicht zu verfügen. Die schriftliche Übermittlung dieser Forderung steht noch aus. Jedenfalls kann kein Zweifel darüber bestehen, daß dieser Forderung von deutscher Seite nicht entsprochen werden kann. Der Stand der deutschen Regierung in dieser Frage ist wiederholt dargelegt worden und geht davon aus, daß es sich bei diesen Goldbeständen um Privateigentum handelt, das der Reichsbank gehött. und nicht dem Staat.
Eine neue interalliierte Konferenz in Paris?
Dz. Paris. 18. Avril. (Savas.) Im „Echo de Paris" bält B e r i i n a r eine neue interalliierte Komerenz für leor wahrscheinlich und meint, sie dürfte voraussichtlich in Paris stallfinden: über den Zeitvunkt sei tedock nock nrckts bekannt. Pertinar befürwortet als Zeitvunkt Anfang Mai: man müsse nämlich darauf achten, dass die Der- bandsmäcktr im Falle eines Zusammentritts der Konferenz vor dem 1. Mai den Eindruck erwecken wurden, als wollten sie besonders di« deutschen Vorschläge beraten. Wenn man dagegen die Beratungen erst »rach dem genannten Tage festste so werde man den Deutschen bis ,um letzten Augenblick die Zeit zur Eriüllung ibier Vervflicktungen geneben habe». Das Programm der Sitzung lebe in erster Lrnie die Besprechung der Revarationsfrage vor. und vor allem wurden die Berbandsregierunnen sich mit dem reirlich durchdachten Entwurf der französischen Regierung über die Besetzung und Ausnützung des. Rubrae b, e t es ..befassen müssen. Außerdem wurden die Verbandsmacht« stch über die Festsetzung der zukünftigen volnisch - deutschen Grenze in ldterschlesien anszuivrecken baben. Auch der nrie-Bisch-türkische Krim und die Beantwortuim der amerikanischen Rote, betr die Insel Pav und die Mandate über die Kolonien, dürfen nicht vernachlässigt werden.
Frankreich lehnt die deutschen Vorschläge ab.
1 ) 2 . London, 18. April. (Drahtbericht.) „Daily Mail" meldet aus Pari s. daß Frankreich die erwarteten deutschen Vorschläge auf Übernahme der Alliiertenschulden an die Vereinigten Staaten, Ausgabe einer langfristigen, von den Alliierten garantierten Anleihe, Beteiligung der Alliierten an der denr>chen Industrie und Unterstützung des Wiederaufbaus Frankreichs durch Rohstoffe und Arbeiter ablehnen wird.
1 ) 2 . Paris. 18. Apttl. (Drahtbettcht.) Rach einer Meldung der „Information" aus Lille ist gestern die Einberufung der Jahresklassen 1918/19 des ersten Armeekorps hier eingetroffeu. Man glaubt, daß es sich um eior Übung handelt. --
Der Landtag über den Aufruhr in Mitteldeutschland.
^ Br. Berlin. 16. Avril. (Eia. DraStbettckt.) Im. vwutzi- schen Landrag wurde beute die Aussprache über die U n- rvben in Mitteldeutschland fortgesetzt. Weder di« Beteiligung der Abgeordneten noch die der üffeiültgitcu war besonders stark. Der zuerst svrechende Mebrdertsiozmlm Okterrotb. ein ebemaliaer Bergarbeiter. der stch durch «rosse Cchlagfertigkeit ausseiÄnet. versammelte aber eine grobe Zabl von aukmerksamen Hörern im Haus, Der Redner gina mit scharfer Satire gegen die Komnuiusten vor und trachte durch feine drastischen Vergleiche das Haus oft zu stürmischer Heiterkeit Abg. Osterrotb legte dar. dass die Kommunisten die Weltwirtläraft und den Versailler Frieden ignorieren und in Deutschland ein Ebaos schaffen wollen. Durch das Elend würde Verzweiflung und Ratlosigkeit erweckt. und dann glauben die Kommunisten ernten zu können. Ti« Arbeiterschakt stehe aber wie ein Wall gegen den Kommunismus.
Der nachfolgende Redner Dr. v. Druander (D.-Natl.)
geriet mit den Mebrbcitsiozialisten ru Zusammenstössen. weil sozialistischen Regierungsmitglieder febr i.Äarf an-
- — S. ; . •f- - * i -t -— AMer7\riiiT! im ruf
griff, während er die bürgerlichen Minister ausdrücklich für ihre Tätigkeit lobte. — Der nächste Redner, der Abg. Seidenreich lD. Vvt.). warf den Kommunist n vor. dass ssc geübte Geldschrankknacker ru ihren Parteimitgliedern zäblen müssten. Ein Beweis dafür feien. die .zahlreichen Bankberaubungen wäbrrnd des Butsches rn Mittell>euts.o- land. — Der Abg. Schumann- Salle (V. K. B. D) versuchte nachzuweisen, dass das Verbrechen eine Begleiterscheinung des Kapitalismus fei und datz sich aus orefem Grunde derartige Zustände in MitteldeutslÄrnd brr aus- gebildet bätten. Er sprach unter dauerndem statten Widerspruch der anderen Patteien. — Der Abg. Nagold (ll, 8.1 rückte energisch von den Kommunisten ab. Der Putsch m Mitteldeutschland habe mit der Arbeiterbewegung nichts.zu tun. Die ..Rote Fabne^ babe zu einer Zeit, als noch sozialistischer Geist in ihren Räumen gewebt babe. die Anwendung von Schteborüaeln und Handgranaten als „Eieiet de-
Da'rauf vertagte das Saus dis Wttterbrratmm atf Montta 12 llbr. — Schluss 6 llbr.
Der Kampf vm das Kabinttt in Preußen.
Br. Berlin. 18. Avril. (Eig. Drab(bericht.) Das ,..V. T." berichtet: Ministerpräsident Stegerwald hat leine. Be- niübungen. einGesckäfts- und ü 6 e 19 o n g s m t n nt e* riitm zu bilden, im Verlause des Samstags fortgesetzt und ist mit einer Reibe prominenter Persönlichkeiten zwecks Übernahme von Ministervosten in Verhandlung getreten. Man darf annebmen dass die Bildung des Kabinetts letzt schnell zustande kommt. In diesem Kabinett, wird die Sozialdemokrat te nicht vertreten lern. Stegerwald hofft, bis zum Beginn der Woche 'ach mit dem neuen Kabinett dem Landtag vorstellen ru können. Dem. neuen Kabinett werden voraussichtlich drei Parlamentarier und mer Beamte anaebören. _, . „ A ,,
Laut „B. L.-A dürfte stÄ das Kabinett um die bis
herigen Minister Stegerwald. Präsident und Volks- woblfabtt. Fischbeck. Handel, und Am Zebnüoii
.Justiz, gruvvieren.
Der „Vorwärts" erklärt in feinem Sonnt rgsleitartikel: Den Kampf, der durch die Bildung des Geschäftsministe- riums unvermeidlich wird, bat die Sozialdemokratie nicht gesucht, aber sse wird ibn iübcen in der kicheren Überzeugung, dass er letzten Endes ssck »um Schaden der bürgerlichen Mitteloarteien selbst entwickelt: ste wird ibn führen mit dem Ziele, so stark zu werden, dass ihr nickt nock einmal passieren kann, was ihr jetzt in Preußen »»assirrt ist.
Die Zersetzung der V. K. P. D.
as. Berlin. 18. Avril. (Eig. Drahtbettcht.) Der missglückte Märzvntsch der Kommunisten scheint mit einer Zersetzung der Vattei enden zn sollen. Der bisherige Führer der Pattei. Dr. Levi. bat bekanntlich eine Broschüre Unser Weg — wider den Puksckismus" veröffentlicht, in
der er die Anzettelung und die Durchführung des kommunistischen Butsches einer, vernichtenden Kritik unterzog, “*
. . Run
erfährt man auch durch dir unabhängige „Freiheit", dass Klara Z etki n ebenfalls den Putsch auf das schärfste ge- minbilliat und ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen hat in einem Antrag, den allerdings der Zentr.rlausschuss der Partei mederäettimmt bat. Es ist begreitlcch. dass der .Roten Fahne" bei solchen Angriffen nicht sonderlich wohl ist. Das Blatt, das feine Hetzarbeit fortletzt. obvobl von der Siartsanwalilchafi Maschinenteile der Rotutions- masckin« entfernt stnd. um einen weiteren Druck unmöglich zu macken, hat eist einmal einige Zeit gebraucht, um sich von dem Schrecken der Levilrben Broschüre zu erholen. Jetzt aber greift es Lerä. der inzwischen aus der Vart-ei ausgeschlossen worden ist in der schärfsten Form an. L:oi dürfte steilick wobl kaum das einzige Ovter bleiben, sonsern er wird ssch mindestens in Gesellschaft von Klara Zetkin. Brass. Däumia und einiger anderer befinden. Damit würde die Partei den letzten Rest von geistigen Führern verlieren und es würden nur noch die grossen Mäuler und die Berbreäier zurückbleihen. So lcbr man aber auch Levi und der Zetkin
mit ihren Änarisfen ans die Partei recht geben muh. so wird
- -feit —*- *"- v t ! -
man andererseits nickt verkennen können, dass ste immer gläubig nach Moskau aewrefen und so für das vergossen« Blut einen grossen Teil der Mitschnsd auf kick geladen Laben.
Wünsche pm Nationaktrauettac».
Br. Berlin. 18. Avril. (Eig. Drahtbettcht- Der Reichs, tag wird lick erneut mit der Einführung eines nationalen Trauettaaes »u beschäftigen baben. Zahlreiche Anträge liegen zu diesem Zweck bereits vor. So wird aus Nürn- bcra gebeten, den Nati o na!trauertag auf einen Wochentag zu verlegen. Ein Berliner schlägt vor. den 1. Mai als Gedenktag kür die im Kriege Gefallenen zu bestimmen. Aus Württemberg kommt die Anregung, den Sonntag vor oder nach der Leimiger Messe auszuwählrn. Aus Breslau wird gewünscht, die Entscheidung über den Eedenktao Lerck eine Volksabitün«nna LorbeizuHihren.
