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Montag, 11. April 1921.

Ministerpräsident Stegerwald.

Die preußische Kabinettskrisis ist zu fünfzig Prozent beigelegt -worden. Wir haben einen Ministerpräsiden­ten, aber noch kern Kabinett. Herr Stegerwald soll erst die „Armeen aus der Grde stampfen" oder vielmehr die Portefeuilles. Die Samstagssitzung des Abgeordneten­hauses, der die Qual der Wahl oblag, brachte eine starke Überraschung, nämlich eine ungewöhnlich große Mehrheit für Stegerwald, aus den 332 von 388 abge­gebenen Stimmen fielen. Die Unabhängigen hatten sich den Luxus eines eigenen Kandidaten, ihres Frak- tionsvorsitzenden Ludwig, geleistet, der „25 bekam". Die Kommunisten gaben, da es rote Zettel nicht gab, weiße ab, anscheinend um sinnig die Farbe der Unschuld zu dokumentieren. Mer Stimmen waren zersplittert, wobei sich ein Witzbold den Scherz machte, für einen nicht vorhandenen „Apfelbaum" zu stimmen.

Die große Mehrheit für Stegerwald wirkte um so erstaunlicher, da die Mehrheitssozialisten bis zuletzt dieser Kandidautr erhebliche Schwierigkeiten bereitet hatten durch die Aufstellung der Bedingung, daß der Ministerpräsident nicht mit der Deutschen Volkspartei wegen eines Eintrittes in die Koalition verhandeln dürfe. Es gelang indessen, ihnen klar zu machen, daß ihre Taktik der Bedingungen und des kaudinifchen Jochs für keine Partei annehmbar ist und sie letzten Endes „bündnisunfähig" machte. Sie zogen denn auch ihre Bedingungen zurück und verpflichteten sich, für die Wahl eines Zentrumsmannes „mit freier Hand bei der Kabinettsbildung" einzutreten, wenn die Regierung nicht ohne die Sozialdemokratie gebildet würde. So war Herrn Stegerwald eine große Mehrheit sicher. Sie vergrößerte sich noch dadurch, daß auch die Deutsch- nationalen ihre Stimmen für ihn abgaben, ein Schach­zug, der für die Mehrheitssozialisten insofern unange» nehm mar, als ihnen dadurch zu Gemüts geführt wurde, daß es auch ohne sie gehen könnte. Freilich nur könnte,' denn Stegerwald hat keinen Zweifel daran gelassen, daß er den Auftrag zur RegiArungsbildung nur durch­führen werde, wenn keine der alten Koalitionsparteien die Teilnahme an der Regierungsbildung ablehnen würde.

Der neu« Ministerpräsident konnte übrigens nicht sofort eine formelle Erklärung darüber abgeben, ob er den Auftrag annehme, da er nicht im Hause anwesend war. Denn er hat sich bei der letzten Landtagswahl nicht mehr aufstellen lassen, so daß also der Minister­präsident nicht Mitglied des Landtags ist. Selbst nr- ständlich ist aber die Wahl nach oorhergegangener Ver­einbarung mit ihm erfolgt, und er wird den schweren Versuch der Kabinettsbildung unternehmen „in voller Freiheit und auf Grund eines Programms" — so weit diese Freiheit nicht eben durch die gegebenen Partei­verhältnisse eingeengt wird.

Sein Versuch geht dahin, das zu verwirklichen, was bei den Verhandlungen der letzten Wochen mißlungen ist, nämlich die Vier-Parteien-Koalition (Zentrum, Demokraten. Deutsche Volkspartei und Mehr­heitssozialisten). Die Mehrheitssozialisten haben aller­dings durchblicken lassen, daß sie das Zusammenarbeit:n mit der Deutschen Volkspartei noch immer von ihren mehrfach erörterten Bedingungen abhängig machen wollen (Bekenntnis zur republikanischen Verfassung, Demokratisierung der Verwaltung usw.), aber mancher­lei Anzeichen lassen darauf schließen, daß sie mit lich handeln lassen werden. Haben sie doch auf eine Bedin­gung, nämlich die Besetzung des Ministerpräsidiums, be­reits verzichtet, dagegen fordern sie die Ministerien des Innern und der Landwirtschaft als Tribut. Auf der anderen Seite bat die Deutsche Volkspartei erklären lassen, daß ihre Ablehnung der vier sozialdemokratischen Bedingungen, deren etwas ultimative Form allseitig gemißbilligt wurde, keineswegs die grundsätzliche Ab­lehnung einer Zusammenarbeit mit den Mehrheits- sozialistrn in sich schlösse.

Unter diesen Umständen rechnet man, wenn auf allen Seiten einiges Entgegenkommen gezeigt wird, doch noch mit der Möglichkeit einer Verständigung und dem Zu­standekommen der Vier-Parteien-Koalition. Es er­scheint dies um so notwendiger, da sowohl das Zentrum wie die Demokraten die Fortsetzung der derzeitigen Drei-Parteien-Regierung ihrer unzulänglichen parla­mentarischen Grundlage wegen als zwecklos betrachten. Die jüngsten innerpolitischen Ereignisse, wie vor allem der Kommunistenputsch, haben gezeigt, wie bedenklich das Fortwursteln mit einer Regierung ist, die nicht einen starken Rückhalt an der Volksvertretung hat. Sollte die Kabinettsbildung auf Grund der Vier- Parteien-Koalition gelingen, wobei man sehr viel von der zweifellos großen taktischen Gewandtheit Stegrr- walds, der sich bekanntlich vom Schreinergesellen bis zum Wohlfahrtsminister heraufgearbeitet hat. erwar­tet, so würde das natürlich auch die politische Konstella­

tion im Reiche beeinflussen und hier Möglichkeiten für ein« Erweiterung der Koalition durch Hinzuziehung der Mehrheitssozialisten eröffnen. Bis zum Donnerstag, wo der Landtag Wiederzusammentritt, hofft Steger­wald sein Kabinett zusammen zu haben — wenn s ge­lingt! ^

Der neue preußische Ministerpräsident Adam St e g e r w a l d ist am 14. Dezember 1874 in Ereußew heim bei Würzburg geboren. Er war ursprünglich Holzarbeiter, hörte jedoch nebenher national-ökonomi­sche Vorlesungen in München. Der Zentralverband christlicher Holzarbeiter wurde von ihm begründet, und in der christlichen Gewerkschaftsbewegung errang Stegerwald rasch eine führende Stellung. Er wurde Vorsitzender der christlichen Gewerkschaften Deutschlands oder, wie sie sich jetzt nennen, des Deutschen Gewrrk- schaftsbundes, er war auch Präsident des Ehristlich- nationalen Arbeiterkongresses und leitete als inter­nationaler Sekretär feit 1908 die christlichen Arbeiter­organisationen. Im Kriege betätigte er sich als Vor­standsmitglied des Kriegsernährungsamtes, wurde Mitglied des Preußischen Herrenhauses und in der ersten Preußenregierung nach dem Zusammenbruch Minister für Volkswohlsahrt. Er gehört übrigens nicht dem Landtage, sondern nur dem Reichstage als Mitglied an.

Stegerwalds Pläne.

W. T.-B. Berlin, 9. April. Der neue preußische Ministerpräsident Stegerwald erklärte einem Mit­arbeiter der Zentrums-Parlaments-Korrespondrnz über seine nächsten Pläne bezüglich der Bildung des Kabinetts, daß er beabsichtige, ein Eeschäftsministerium zu bilden, worin aber nicht nur Beamte sitzen werden, sondern auch Parlamentarier. Er werde zunächst Ver­handlungen mit einigen bisherigen Mitgliedern des Kabinetts führen. So beabsichtige er, den bisherigen Iustizminister AmZehnhoffzu bewegen, das Justiz­ministerium zu behalten und den bisherigen Handels- Minister Fischbeck ebenfalls um sein Verbleiben im Amte zu ersuchen. Das Finanzministerium beabsichtige Stegerwald dem bisherigen Verkehrsminister D e f e r anzubieten. Sollte die Sozialdemokratie geneigt sein, Mitglieder in das Kabinett eintreten zu lassen, so werde Stegerwald den bisherigen Minister des Innern S e v e r i n g bitten, im Amte zu bleiben. Das Kultus­ministerium und das Landwirtschaftsministerium werde der Ministerpräsident mit Beamten besetzen, das von ihm selbst bekleidete Wohlftrhrtsministerium wolle er behalten. Dieses geplante Geschästsministerium sieht Stegerwald nur als Provisorium an, währe id- dessen eine tragbare Regierungsmehrbeit für ein politi­sches Kabinett zu bilden versucht werden soll.

Ein englisch-französisches Abkommen.

BK Berlin, 10. April. Rach Mitteilungen eines aus­ländischen Gewährsmannes, dessen Zuverlässigkeit und Informationsmöglichkeiten nicht zu bezweifeln seien, be­richtet die „Vossische Zeitung", daß zwischen der Lon­doner Konferenz und der Briandschen Kammerrede ein umfangreiches Abkommen zwischen E n g- land und Frankreich getroffen worden sei. In diesem Abkommen sichere England den Franzosen jede notwendige militärische Hilfe gegen Deutsch­land zu. Für diese Garantie habe Frankreich folgen­den Preis bezahlt! Es desinteressiere sich in den wesent­lichen Teilen Vorderasiens, gebe also vermutlich vor allem gewisse Widerstände in Syrien aus, es verzichte ferner auf eine eigene Politik in Rußland und sichere endlich dem britischen Reich Waifenhilfe mit seiner gan­zen Flotte für den Fall eines Konfliktes Englands mit irgend einer überseeischen Macht zu.

Der Staatssekretär für die besetzten Gebiete.

Bo. Berlin. 11. April. (Eig. Drahtbericht.) Wie neuerdings verlautet, soll jetzt der Kölner Regierungs­präsident V r u g g e r für das Amt eines Staatssekre­tärs für die besetzten Gebiete in Aussicht genommen sein. Diesbezügliche Besprechungen zwischen B r u g g e r und dem Reichsminister Koch haben bereits stattgefun­den. ' Jedoch ist es noch fraglich, ob der Kölner Regie­rungspräsident' diesen Posten annehmen wird.

Dr. Simons in Bern.

W. T.-B. Bern. 9. Avril. Der Reichsminilttr Dr. Simons stattete am Samstag anlässlich leinn Anvesm- beit in Bern dem Ebel des oolitilcben Drvucte nents Motta. dem Vizevrässdenten Saab und dem Bnndescat Sckulthess einen Höflichkeitsbesuch ab. Wie oie Schweizerische Deveschenagentnr eric-brl. bildete der Gegen­stand der Erörterungen in erster Linie die die beiden Länder interessierenden Fragen, sveziell auch die kam nrczt 'ller Natur: indessen wurden auch im Laufe des Geiv.äches die groben Taaesfraaen berührt. Dr. Simons betonte hinsicht­lich der R e v a r a t i r- ns f r a g e seinen entschiedenem Willen, innerhalb der Grenzen des Möglichen zu der Wie­dergutmachung deizutraLen.

Nr- 168. ♦ 69. Jahrgang.

Kaiserin Augusta Viktoria f.

Dz. Berlin. 11. Avril. (Drabtbericht.) Aus Saus Doorn Nt folgendes Telegramm ein- aetrviien: Die Kaiserin Auauita Viktoria Nt beute morgen 6.15 Ubr sankt entschlafen.

Wilhelm II. ist Witwer geworden. Die Frau, die sein Glück geteilt hat (wenn es eines war) und tapfer und treu nun auch sein Unglück, ist heimgeganqen. Augusta Viktoria — der stolze Name hat nie eigentlich zu ihr gepatzt — ist keine politische, nicht einmal eine bedeutende Frau gewesen. Aber auch das Schicksal der Unpolitischen und Unbedeutenden hat, wenn schon der wilde, mitleidslose Daseinskampf, den man die deutsche Freiheit heißt, für derlei Empfindungen nicht medr viel Raum läßt,- Anspruch auf unsere Teilnahme. Schließlich ist diese Frau doch durch bald ein Menschen­alter die deutsche Kaiserin und Königin von Preußen gewesen. Millionen haben sich vor ihr gebeugt, Tau­sende sie umschmeichelt. Auch in aller ihrer Begrenzt­heit hat sie ungezählte Einflußmöglichkeiten gehabt und man wird ihr immerhin nachrühmen dürfen, daß sie die niemals mißbraucht, niemals über den nicht gar weiten Bereich hinansgestrebt hat. den die Zustände unseres Landes und die Natur ihres Gatten ihr gewährten.

Das Prinzeßchen. aus nicht gerade begütertem Haus, das aufgewachsen war wie andere Landedelfräuleins auch, war an den damals beinahe mächtigsten Hof ge­kommen und war bald die erste Dame des Reichs. Es ist der Verstorbenen nicht ganz leicht geworden, sich in die Verhältnisse der großen Welt hineinzufinden. Sie zu meistern ist ihr wohl nie gelungen. Immer ist sie, schon weil sie selber keine starke Persönlichkeit war, voy ihrer Umgebung, den Oberhofmeistern und ähnlichen Funktionären beiderlei Geschlechts, abhängig geblieben und deren Att hat auch auf sie und ihre Betätigung in der Öffentlichkeit abgefärbt. Sie war zeitlebens eine fromme, schlichtgläubige Frau, aber von jener beson­deren Frömmigkeit der Hochgeborenen, die durch eine gewisse äußerliche Betonung beispielgebend wirken zu müssen glaubt. Das hat, besonders wenn ein bigotter Oberhofmeister ihr zur Seite stand, mitunter zu man­chen unerfreulichen Zwischenfällen geführt. Auch da aber war's nur redlicher Eifer, der übers Ziel schoß, oder guter Wille, der sich über die rechten Mittel täuschte oder selber getäuscht ward. Mit den Jahren wurde sie stiller. Das scheinbar heftige Drängen von früher hörte, vielleicht weil sie nun besser und weiser geleitet wurde, auf und die guten Werke lösten den Wunsch, andere zum rechten Glauben zu bringen, ab. Die christliche Charitas fand an der Heimgegangenen eine warme Förderin: nicht, was zuweilen Vorkommen soll, um den Pflichten der Repräsentation zu genügen, die mit der Stellung nun einmal verbunden waren, sondern aus einem inneren Triebe ihres gütigen Her­zens. Die Kaiserin ist immer eine fürsorgende Mutter gewesen, an der ihre längst zu Jahren gekommenen Kinder mit Verehrung und hingebender Zärtlichkeit binnen. Das Mütterliche war der stärkste Zug im Wesen dieser Frau.

Dann kamen die Hammerschläge des Geschicks. Der Krieg, unter dem die Verewigte je länger, je mehr litt und hinterher der fürchterliche Sturz in die Tiefe. Viel­leicht hat sie, bald von der schweren Krankheit nieder­geworfen. die vorher schon an ihr gezehrt hatte, den ganzen Umfang dieses Sturzes nicht ermessen können, nickt alles erfahren, was seither die Häuser ihrer Söbne zerwühlt. Aber vor unseren Augen spielte es sich ab. Wer das als fühlender Mensch mit ansah, hat mitunter doch erschauernd an Tantalus' Geschlecht denken müssen. Es war viel echte, große Tragik in dem Schicksal dieser gar nicht großen Frau. Und nur die Roheit wird unbewegt und unergriffen an ihrem Sarge stehen!

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Auauita Viktoria, die ehemalige deutsche Kaiserin, wurde geboren am 22. Oktober 1858 zu Dölzig als Prin­zessin Auguste Viktoria Friederike Luise Feodora Jenny, älteste Tochter des am 14. Januar 1880 verstorbenen Herzogs Friedrich zu Schleswig-Solstein (Zweig Sonder- burg-Augustenburg). Die Mutter war eine geborene Prin­zessin zu Hohenlobe-Langenburg (gestorben 25. Januar 1900). Ihre Vermählung mit dem damaligen Prinzen Wilhelm von Preuhen. lväterem Kaiser und König, fand am 27. Februar 1881 zu Berlin statt. Es ist wohl kaum notwendig, weitere Personalien über die hinreichend bekannte und hier in Wiesbaden durch den alljährlichen Maiaufentbalt in beson­derer Erinnerung befindliche Gestalt der verstorbenen Kaiserin zu geben. Cie ist ihrem Gatten seinerzeit nach Solland gefolgt und jetzt dort im Alter von 32)4 Jahre» verstorben.