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Freitag, 4. März 1821.

Abend-Ausgabe.

Nr. 106. 69. Jahrgang.

Das Londoner Ultimatum.

Frist bis MonLagmitLag 1 Uhr.

In London sind die Würfel am Donnerstagmittag gefallen! Wir stehen unter dem Eisenhammer eures Ultimatums, dessen Frist bis Montagmittag, 1 Uhr, ge­setzt ist. Bis dahin soll Deutschland die Pariser Forde­rungen anerkennen, andernfalls werden die Zwangs­maßnahmen, die in der Besetzung von Duisburg, Ruhr­ort und Düffeldorf, der Erhebung von Abgaben auf den Verkaufspreis von deutschen Waren in den allrrcr- ten Ländern und der Errichtung einer Zollgrenze am Rhein bestehen, sofort ergriffen. In wenigen Tagen soll das deutsche Volk entscheiden, das heißt, durch den Reichstag aussprechen lassen, ob cs annimmt oder ab- lehnt. Merkwürdig an den neuen Beschlüßen der Alliierten ist. daß sie sin Ultimatum mit neuen Vor­schlägen darstellen. Es wird nämlich angedeutet, daß über Modalitäten und Formalitäten noch zu reden ist, nur in bezug auf die Endsumme werde keine Änderung zugelassen. . . _ irr

Die Londoner Entscheidung hat zweifellos in Deutsch­land weniger überrascht als in den Ententeländern. Der deutsche Außenminister hatte bereits in seinen letz­ten Reden vor der Abreise nach London offen ausge­sprochen. daß er wenig Hoffnung herbe, es werde berei.s beim ersten Zusammentreten eine Verständigung er­zielt werden. In Frankreich und England dagegen hatte man trotz aller offen zur Schau getragener Be­sorgnisse doch' immer noch die geheime Hoffnung. Deutschland werde aus Furcht vor den angedrohten Ctrafmaßnahmen die Pariser Propositionen mit eini­gen Vorbehalten und kleinen Abstrichen annehmen. Jetzt steht vorläufig,unannehmbar" gegenunan­nehmbar" und es wird sich bald zeigen, ob in den weni­gen Tagen, die den Deutschen als überlegungsfrist ein­geräumt sind, doch noch Verhandlungen Zustande­kommen, oder ob Herr Simons mit seinen Begleitern unverrichteter Sache nach Hause zurückkehrt. »

Daß in diesem letzten Falle die Lage für Deutschland überaus ernst und schwierig werden wird, bezweifelt niemand. Schon die Rücksicht aus die schweren Störun­gen der noch nicht gesundeten deutschen Volkswirtschaft zwingt zu ernsthaftester Beurteilung der nächsten Zu­kunft. Aber auf der anderen Seite herrscht auch die gleiche Übereinstimmung im ganzen deutschen Volke darüber, daß die härtestenSanktionen" immer noch erträglicher erscheinen als durch Unterschrift gebilligte, unerfüllbare Verpflichtungen. Diese einheitliche Stim­mung mutz unter allen Umständen in den nächsten Tagen gewahrt und gefestigt werden. Es muß jetzt auch an die Bildung der sogenannten Einheitsfront der Regierung, an ein großes Konzentrations­kabinett gedacht werden, in das alle Parteien ohne Rücksicht aus ihre innerpolitische Haltung aufzunehmen sind, die sich bereit erklären, die Verantwortung für das Rein des deutschen Volkes mitzutragen. Dieses Kabinett der Abwehr wird lediglich mit Rücksicht aus die Außenpolitik zusammenzusetzen sein. Niemand kann verlangen, daß es innerpolitische Taten verrichtet. Es soll dem Auslande, aber auch dem deutschen Volke selbst vor Augen führen, daß nicht einzelne Parteien, sondern alle politisch einflußreichen Mächte Deutschlands ge­schloffen zusammenstehen.

Wie lange die Prüfung dauert, vermag natürlich niemand zu sagen. Wir dürfen uns nicht etwa darauf verlassen, daß Amerika unter seinem neuen Präsidenten Harding der Entente in den Arm fallen werde. Unsere Bundesgenoffen sind vielmehr die gesunde Vernunft, die der Entente sehr bald die Nutzlosigkeit und Zweckwidrig­keit ihres Handelns aus der Praxis Nachweisen wird, sowie die Not Frankreichs, Italiens und der neutralen Staaten, die unter den gegenwärtigen unerträglichen Verhältnissen schon aufs schwerste leiden. Die finan­zielle Lage in Frankreich und Italien ist außerordent­lich bedrohlich, und die wirtschaftlichen Verhältniffe in Holland, in Dänemark und den nordischen Staaten so­wie in der Schweiz und selbst in Amerika, sind unhalt­bar Deutschlands Zusammenbruch würde ganz un­mittelbar den Zusammenbruch der genannten Länder im Gefolge gaben

An unsere Nerven sind nie so starke Anforderungen gestellt worden als jetzt. Darum ist es in den Entschei­dungsstunden die Aufgabe aller Parteien und darüber hinaus aller guten Deutschen, das Ihrige zur Aufrechi- erbaltung der Ordnung, Ruhe und Sicherheit in Deutschland zu tun. Die Kommunisten suchen bereits aus der Notlage des Reiches Nutzen zu ziehen und for­dern zum Sturz der Negierung auf. Ihnen und der Entente gilt es jetzt zu zeigen, daß das deutsche Volk

geschlossen hinter den Männern steht, die tue schwere Pflicht übernommen haben, seine Rechte zu verteidigen. Das Wort des englischen Admirals gilt heute mehr denn je:Das Vaterland erwartet, daß jedermann seine Pflicht tut!"

Lloyd Georges Erklärung.

mz. London, 3. März. Nach einer Harms-Meldung gab Lloyd George heute in der Konferenz eine Er­klärung ab, in der es heißt:

Die deutschen Vorschläge verdienen keine nähere Prüfung. Er erinnerte an die Nichterfüllung von Verträgen, brtr. die Kohlenlieserungen, die EntWaffnungsLedingnngcn, die Zahlung von 29 Mil­liarden und die Bestrafung der Kriegsbefchuldigten. Wenn die Deutschen bis Montagmittag, 1 Uhr, nicht die Grundsätze des Pariser Abkommens annehmen» werden sofort folgende

ZwSNgSMKtzRKhMSN ergriffen werden:

Befetzu ng von Duisburg, Ruhrort und Düsseldorf.

Erhebung von Abgaben auf den Berkanss- preis von deutsche» Waren in den alliierten Ländern,

Errichtung einer Zollgrenze am Rhein.

Hrnzugefügt wird, daß etwaige Abänderungen der Pariser Bedingungen nur in der Art der Zahlungen angewendet werden dürsten, wie etwa in der Herab­setzung der Jahreszahlungen von 42 auf 38 Jahre.

mz. London, 3. März. Havas meldet: Die Sitzung der Konferenz endete um 2,10 Uhr nachmittags. Sie war ausschließlich von der Rede Lloyd Georges in Anspruch genommen, die durch ihre Klarheit und Festigkeit einen tiefen Eindruck hervorrief. Lloyd George erklärte, die deutschen Gegenvorschläge bedeute­ten einen Hohn; er hielt die gänzliche Verant- wortlichkeitDeutschlandsfür die Kriegs­erklärung aufrecht und versicherte, daß die Alliier­ten entgegen der allgemeinen Ansicht in Deutsch­land nicht die Absicht hätten, das Reich zu vernichten: im Gegenteil, die Vorschläge der Alliierten seien in freundschaftlichem Sinne gehalten und entsprächen der Zahlungsfähigkeit Deutschlands. Lloyd George zählte dann die von den deutschen Heeren ausgeführten Zerstörungen auf und wies auf die Not­wendigkeit der Wiederherstellung der zerstörten Gebiete Frankreichs hin.

Dr. Simons erwiderte nur:Wir werden am

nächsten Montag unsere Antwort mitteilen. Wir können Ihnen jedoch jetzt schon erklären, daß Sie die wahren Gefühle der Deutschen verkennen. Folglich wird es nicht nötig sein, zu Zwangsmaßnahmen seine Hilfe zu nehmen. iLovsöauemment 0 ne sera pas necessaire de recourir ä des mesures coercitives.i

Nach einem vorliegenden Originaltelegram n von Havas babe der deutsche Mini st er des Äußern in seiner kurzen Antwort u. a. gesagt: Meine Delegation wird ihre Antwort vor Montag bestimmt erteilen. (Fravzosi- jcher Text: dta d616gation donnera sa r6pon.se avant lnndi.)

Der Verlauf der Schrmg.

W.T.-B. London. 3. März. (Amtlicher deutscher Be­richt.) Die bentige Sitzung der Konferenz fand um 12 Uhr im St. James-Palast statt. An ihr nahmen außer der deut­schen Delegation die englische, französische, italienüme. lavanische und belgische Delegation teil. Bon deuycher Leit« waren anwesend: Reichsminister Dr. Simons, die Siaatsiekretäre Bergmann. Schröder und L e w a l d . die Ministerialdirektoren v. Simion und Le Suite, der Bollchaiter Ctdamer sowie Landesvertreter Preußens und Bayerns. Eeheimrat E l l i n g e r und Staatsrat v. Memel

Lloyd George ergriff sofort das Wort, um die Ant­wort der Alliierten aui die deutschen Gegenvorschläge zu

t eben. In längere'' Rede sührte er aus. daß die ocutschrn -ouchläge einen Aigriif gegen den Grunogeoaiiten des Periack'er Frlebeiisvertrages darstellen. Es liege durchaus nicht in der Absick» der Alliierten. Deutschland zu unter drucken. Im Gegenteil, sie seien überzengt, daß ein ireie-». zufriedenes und üluhendes Deutschland eine notwenviae Vorbedingung für den Frieden sei. Deutschland habe im Friedensvertrag seine Berantwortlichlcit für den Krieg an­erkannt und müsse deshalb für die Knegsschäden Repa­ration leisten. Es !«r bereits ein weitgehendes Ent­gegenkommen der Alliierten, daß sie im Gegensatz, zu dem Frankfurter Friedensvertrag von 1871 aus einen Ersatz der Kriegskosten verzichtet hätten. Er sei der Meinung, daß das dcutÄe Volk noch nicht genügend den Umfang der Zerstörung würdige, welche durch gen von dem kaiserlichen Deutschland beraufbeschworenen Krieg verursacht sei. In längeren Aus­

führungen hierzu schilberte Lloyd George dre Derwustungen und Zerstörungen in den alliierten Landern. M befand er in «rrantreick. Sie nur zum geringen Teil von kriegern^en Operationen herrührten. Die Alliierten waren Durchaus bereit gewesen, die deutscherseits vorgebraLten Einwanoe Segen die Pariser Beschlüsse mit vollem Ernst SU prüfen, wenn Deutschland zum Beispiel eine Verkürzung.der Zam lungsfrist von 42 Jahren gefordert oder an Stelle der i2vrozentigen Ausfuhrsteuer eine seinen Bedürfnissen vesie. entsprechende. aber gleichwertige Maßnahme vorgeschmgen hätte. Darüber hätte gesprochen werden können. Dem­gegenüber müsse er aber feststellen. ,daß die brutschen Vorschläge als Grundlage einer Deivrechurm oder Prüfung nicht geeignet seren. Im Gegenteil seien sie eine Beleidigung und rrausforde­rn ng der Alliierten. Berücksichtige man. daß Deutschland im übrigen schon in vielfacher Hinsicht den Friedensvertrag von Versailles verletzt habe, so müsse man zu derFolgerung kommen, daß die deutsche Regierung ihrer Verpflichtung nicht Nachkommen wolle oder, was noch schlimmer sem wurde, nrcht die Kraft habe, ihren Willen durchzusetzen.

aiineöme oder die Vorschläge zu unterbreiten. die eine gleichwertige Ausführung der aus dem Friedensvertrag Deutschland obliegenden Verpflichtungen sichern konnte. Andernfalls würde 1. Duisburg-Ruhroit und Düsseldorf io» fort besetzt werden. 2. die Alliierten von ihren Parla­menten die Genehmigung einholen, von jeder Zahlung für Waren aus deutschen Lieferungen einen Abzug für Reparationszwecke einzubehalten. 3. die an der Wcstgrenze eingehenden Zolleinnahmen unter Aut- eechterha!1ung des deutschen Tarifs zu beschlagnahmen und eine neue Zollgrenze am Rhein zu errichten, an welcher nach Festsetzungen der interalliierten Rbemlands- lommission Ervo't- und Jinvortsätze erhoben werden wurden. Lloyd George schloß leine Rede mit der ocrage., ob Dr. Simons gleich eine Antwort «eben könnte oder erne neue Sitzung heute nachmittag vorzieh«.

Reichsminister Dr. Simons entgegnete. die Rede von Herrn Lloyd George werde sehr s o r g s ä I t i g geprüft werden, wie cs ihrem Umfang und ihrer Bedeutung zu- komme. Die deutsch« Delegation werde die Antwort bis Monlasmittag erteilen. Im übrigen legte Dr. Simons da­gegen Verwahrung ein. daß Lloyd George die Absichten der deutschen Regierung verkenne und betonte, daß für die von den Alliierten anaedrohten Zwangsmaßnahmen nach Ansicht der deutschen Delegation keinerlei Anlaß vorliege.

Die Strafmaßnahmen.

mz. Paris, 4. März. Havas meldet aus London, eine besonders berufene Persönlichkeit der französischen Abordnung habe erklärt, es gebe Strafmaß­nahmen, die auf die öffentliche Meinung mehr Ein­druck machen würden, aber vielleicht weniger wirksam wären. Wenn Frankreich nach seinem Willen einen militärischen Spaziergang durch Europa machen wollte, gäbe es niemand, der es daran hindern könnte. Aber zu diesem Zwecke brauche man Soldaten, und das gehe nicht ohne Unkosten ab. Die gewählten Sanktionen sind nicht dieser Art, sagte die Persönlich­keit. Wir haben keine imperialistzischen Zjele; wir be­zwecken nur Gerechtigkeit und Billigkeit. Wir wollen den Weltfrieden nicht stören, sondern ihn im Gegen­teil endgültig wiederherste^en, und wir paff u unsere Handlungen diesem Hauptzweck an. Rach diesem welt­geschichtlichen Tag wird ganz Frankreich Lloyd George für seine Rede dankbar sein, von der Briand sagen konnte: Ich hätte die Rechte Frankreichs Deutschland gegenüber nicht bester wahren können.

T>. Paris, 4. März. lEig. Drahtbericht.) Nach fran­zösischen Blättermeldungen aus London ist das Ultimatum auf das Drängen Briands zurückzu­führen. Lloyd George soll in der gestrigen Sitzung in der Downingstreet die deutschen Gegenvorschläge zwar für unannehmbar erachtet, aber gleichzeitig die Ansicht geäußert haben, es sei nicht statthaft, vor dem 1. Mai Zwangsmaßnahmen zu ergreifen. Die japanischen und italienischen Delegierten schloffen sich dieser Ansicht an; Briand aber machte darauf aufmerksam, daß es sich nicht um eine einzelne Frage handle. Man müffe heute alle Verletzungen des Versailler Vertrages im ganzen genommen betrachten und als ein Ganzes behandeln, um den Ausdruck des schlechten Willens der Deutschen zy erkennen. Briands Schlußfolgerung war. daß die (kntente heute vor einem Entweder-Oder stehe, entweder müffe man jetzt zu den Zwangsmaßnahmen greifen oder ein- für allemal darauf -verzichten. Eine Möglich­keit und Gelegenheit, wie sie heute bestehe, werde sich später nicht wieder bieten. Briand schloß mit der Er­klärung, daß Frankreich unmöglich länger in einer so demütigenden und unerträglichen Lage bleiben könne, die nur dem schlechten Willen des Besiegten zuzuschcei» ben sei. Die italienischen und japanischen Delegierten waren gegen Briands Auffaffung, Lloyd George gab jedoch den Ausschlag, indem er sich auf die Seite Briand» und gegen die Italiener und Japaner stellte.