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Dienstag, 1. März 1821.

Abend-Ausgabe.

Nr. 190. H 69. Jahrgang.

Londoner Nebel.

Die Aussichten der Londoner Reparationskonferenz, die am heutigen Dienstag ihren Anfang nimmt, glei­chen dem undurchdringlichen Londoner Nebel. Ls wäre müßig und daher zwecllos, irgend welche Mutmaßun­gen über den Verlauf der Verhandlungen zu äußern, denn es könnte sich hierbei nur um eine freie Kombi­nation handeln. Nun wird die Frage aufgeworfen, ob in London überhaupt eine ernstliche Erörterung unserer Gegenvorschläge stattfinden soll. Hierzu ist zu bemerken, daß die Einladung zu der Konferenz von der deutschen Regierung angenommen wurde „unter der Voraus­setzung, daß die Verhandlungen sich auch auf die noch zu übermittelnden Vorschläge der deutschen Regierung erstrecken werden." Auch Briand hat sich zu der Er­klärung verstanden, Frankreich wünsche die deutschen Gegenvorschläge zu hören. Wenn demgegenüber fran­zösische Blätter meinen, es handle sich in London ledig­lich um die Durchführung der Pariser Beschlüsse, so hat das der Außenminister Dr. Simons bereits zurück- gswiesen. Die deutschen Gegenvorschläge stellen nach der Überzeugung aller Beteiligten das äußerste Maß dessen dar, wozu das deutsche Volk sich verpflichten kann, ohne unter der Last seiner Obligationen zusämmenzu- brechen. Daß Deutschland angesichts der Drohungen mit den „Sanktionen" in London nicht ein leichtherziges oder gar leichtfertiges Nein aussprechen wird, braucht wohl nicht erst betont zu werden. Aber obwohl man bereits wortreich die Zwangsmaßnahmen aufzählt, die im Fall« des Schsiterns der Londoner Verhandlungen zur Anwendung kommen können, wird sich die Lerlincr Regierung dadurch von ihrem reiflich erwogenen Standpunkt nichr abbringen lassen, wenn auch nicht daran zu zweifeln ist, daß die Zwangsnaßnahmen wirk­lich in die Tat umgesetzt werden dürften. Die Alliier­ten muffen sich jedoch darüber klar sein, daß sich in Deutschland keine Regierung — nicht einmal eine un­abhängig-kommunistische — finden würde, welche die Pariser Forderungen unterschriebe.

Die Ankunft der deutschen Delegation.

D. London. 1. März. (Eta. Drahtbericht.) Die deutsche Delegation ist gestern nachmittag 8 Ubr aus dem Victoria- babnbos tu London anaekommen und vom deutschen Bot­schafter und dem Botlckaftsversonal emoinngen worden. Für das englische Außenministerium war Minister Mank er­schienen. Die erste Sitzung mit den Enrentevrrtretern soll bereits beute vormittag beginnen. Über die deutschen Gegenvorschläge wird nock striktes Stillschweigen be- wabrt. Wegen redaktioneller Änderungen war der deutsche Tert erst wäbrend der Reise ins Englische und Französische übersetzt worden. Nunmehr steht definitiv fest, daß die erste Sitzung Dienstagmittag im Lancasterhaus stattfiuden wird.

bb. London. 28. Febr. Die deutsche Delegation ist heute nachmittag hier eingetrofsen. Sie war um 3 Uhr in Dover angelan-'t. wo ein Vertreter der englischen Regierung sie be­grüßte. und letzte ihre Fahrt alsbald mit dem fahrvlan- »iißigen Zuge fort, in dem zwei Wagen reserviert waren. Äünktlich um 4.45 Ubr lies der Zug in London im Dictoria- bobnbos ein. wo der deutsche Botschafter S t b a m e r mit den Mitgliedern der Botschaft und dem Vertreter Lord Curzons zur Begrüßung anwesend waren. Vor dem Bahn- bo? hatten sich zahlreiche Nevaieria« ange^ammelt. Die Delegation beonb sich in bereitstebenden Autos ins Savoy- Hotel. Die Absabrt verlies ruhig und ohne Zwischenfall.

Die erste Vollsitzung.

au. London. 1. Mörz. (Amtlich.) Die erste Vollsitzung der Konferenz, in der die Revarationsfrag« behandelt wer­den soll, findet am heutigen Dienstag, vormittags W4 Uhr. statt, und zwar im Lancaster-Haus. Rerchsminister Dr. Simons wird in der Sitzung sein« Erklärung abgeben. Die Alliierten werden nachmittags darüber beraten. Lloyd George wird am Mittwoch tn Anwesenheit Lord Curzons und Cbamberlains ein« Erklärung darüber abgeben.

mz. London. 1. März. (Drabtbsricht.) Reuter erklärt, die Tatsache, daß Lloyd George eine Sitzung in der Revarationsfrage mit den Deutschen bereits auf 11 Ubr heute vormittag anberaumt habe, beweise, daß keine Zeit mit der Vebandlung dieser Frage verloren gehen solle. Die Sitzung finde im Lancaster-Hause statt, und zwar im log. Staatseckzimmer. Lloyd George werde den Vorsitz führen. Er habe Lord Curzon zur rechten und Briand zur linken Seite. Außer den Sekretären werden noch 43 Per­sonen an der Sitzung teilnehmen.

Keine Einigung über die Zwangsmaßnahmen.

mz. Paris. 1. März (Drahtbericht.) Der Sonder­berichterstatter des „Echo de Paris" meldet aus Lon­don: Unglücklicherweise sei er gezwungen, festzustellen, daß die alliierten Minister mit den Vertretern der deutschen Regierung zusammentrafen, ohne sich über die Zwangsmaßnahmen geeinigt zu haben. Aus diesem Grunde sei auch beschloffen wor­den, heute nur Dr. Simons zum Wort zuzulassen und die Antwort Lloyd Georges auf morgen zu ver­tagen. Englifcherseits werde der Artikel 233 des Frie­densvertrages so ausgelegt, daß Deutschland vor dem 1. Mai 1921 eine Regelung der Reparationsfrage nicht cmfgezwunqen werden könne.

Optimistische Beurteilung.

mz. Baris, 28. Feür. Havas meldet aus London: Di« Zeitungen stellen mit Besriedigung fest, daß in den divlomatischen Kreisen eine o v t i m i st i I ai e -c> eu r - tcilung der Revarationsfrage Platz greife. Die Zeitun­gen messen den demnächstigen Entschließungen der Konferenz eine außerordentliche Bedeutung bei. Die ..Times^schrelvt, diese Entschließungen würden für das Schicksal der Welt ent­scheidend sein. — ..Daily Chronic!«' erklärt, die Alliierten würden keinerlei Feilichen und Markten dulden. — ..Daily Mail" ist der Ansicht, die F e st i g k e i t d e r Alliierten würde dieses Mal der härtesten Probe unterworfen Die Stunde sei gekommen. Rechnung aozulegen. — Dre „Times glaubt zu. willen, daß Lloyd George zu erkennen gegeben habe, daß England tatkräftig Mitarbeiten werde, falls die Notwendigkeit eintreten sollte, die Zwangsmaßnahmen in Kraft treten zu lallen

Was wir unterschreiben, wird gehalten.

mz. London. 28. Febr. Der Sonderberichterstatter der Agence Havas meldet, daß Dr. Simons in Ostende auf Befragen durch die „Evening News" sich energisch gegen die Ansicht gewandt habe, daß die Alliierten vermuten könnten, jedes Übereinkommen würde nicht gehalten werden. ..W a s wir unterschreibe n". erklärte er. „wird unsere Regie­rung und unser Volk auch a u s f ü h r e n." "

Änderung der Pariser Beschlüffe?

8b. Paris, 28. Febr. Wie Pertinax im „Echo de Paris" ans London berichtet, lall in den letzten Tagen eine Hm» gestaltung des Abkommens von Paris vorgeschlagen worden sein. Man wolle die 42 Jahresraten umwandeln, ohne allerdings die Gesamtsumme abznändern.

Kundgebungen in Heffen.

Dz. Darmstadt. 28. Febr. Die Liga zum Schutze der deutschen Kultur veranstaltete am Sonntag in ganz Hessen machtvolle Kundgebungen gegen die Pariser Beschlüsse. In Erbach. Erob-Ümstadt, Schlitz. Beerfelden, König. Heppenheim. Benshelm. Alsfeld. Butzbach fand vor vielen Taillenden von Zuhörern aller Kreise der einmütige Wille beredten Ausdruck, di« Forderungen der Entente ab- zulebnen.

Der Lslkerbundsrat.

mz. Baris. 28. Febr. De: Völkerbundsart hat beute vormittag den Entwurf einer Antwortauf die amerikanische Note in der Mandatsfrage ge- prüft. Die Diskussion hierüber wird nachmittags fortgeietzt. Der VLlkerbundsrat prüfte ferner einige auf die Venallung von Danzig bezügliche Fragen und beschloß, der Regie­rung des neuen Staates eine Note zu übersenden, betr- Abänderungen, die an der Verfallung vorgenommen werden sollen.

Die Kosten der interalliierte« Kommissionen.

Nr. Berlin. 1. Mär-z. Der „Vorwärts" macht auf Grund amtlichen Materials Angaben über die ungeheuren Kosten, die die interalliierten Kommisiionen Deutschland ver­ursachen. Danach sind in der Zeit vom 27. November 1919 bis 31. Dezember 1920 für die Unterbringung. Bureaubedarf und Personal der Kommisiionen insgesamt 21 901 521 Mark verausgabt worden.

Die Ausgaben für die Entfestigung.

mz. Berlin. 1. März. Wie das ..B. T." hört, werden die Ausgaben zur Entfestigung auf Grund des Friedensver­trages im Reichshausbalt für 1921 auf 25 0 Millionen Mark geichätzt.

Die Fliichtlingsfür'orge.

mz. Berlin. 1. März. Zur Deckung der Kosten für die Fürsorge für Flüchtlinge aus den abgetretenen besetzten preußischen Gebieten werden im Relchsdausbalt 80150000 Mark angefordert werden. Von letzterer Summe sollen 20 Millionen Mark zur Beschaffung von Unterkunfts- möglichkeiten für Flüchtlinge verwendet werden.

Polen und Oberfchlefisn.

v. Paris. 1. März. (Eia. Drahtberichi.) Die polnische Regiermm erklärte in einer Note an die Entente, daß sie die Entscheidung in Oberschlesien nur anerkenne, wenn die Abstimmung in verschiedenen Zonen erfolge.

v. Lurios ins Auswärtige Amt berufen.

8r. Berlin. 1. März. (Eig. Drabtbsricht.) Der frühere deutsche Gesandte in Stockholm. Frhr. v. Lucius, ist ins Auswärtige Amt berufen worden. Er dürfte für besonders Aufgaben dem Minister des Äußern attackiert werden. Legationsrat Dr. v. P r i t t w i tz. der als Konsul nach Triest ging, ist der deutschen Botschaft in Rom zuerteilt wor­den. Er versiebt dort die Geickäft« des Botschaiterrates. Der bisherige Botschaftsrat in Rom. v. Hassel, ist vor­übergehend rm Auswärtigen Amt beschäftigt. Er wird in einiger Zeit einen anderen Posten übernehmen.

Unser vorläufiger Geschäftsträger in Warschau.

8r. Berlin, l. März. (Ela. Draktberickt.) Wie dem Vertreter der ..Köln. Ztg." mitaeteilt wird, ist an Stelle des bisberigen Gesandten in Warschau. Grafen Oberndorf, der Legationsrat v. D i r k f e n zum vorläufigen Eefchäfts- träger in Warschau ernannt worden.

Ein verunglückter Staatsstreich in Lichtenstein.

mz. Berlin. 1. März. Laut „B. T." berichten die „Basler Nachrichten", daß man in Liechtenstein einem Staats- st r e i ch auf die Sour gekommen fei. bei dem die Entfüh­rung des vorläufigen Landesverwekers Dr. Peer beay- sichtigt gewesen fei. Das zur Entführung bereitstehende Auto habe unverrichteter Sacke die Flucht ergreifen muffen. Die Führ« der Bewegung seien unauffindbar.

Das Entrvaffnungsgesetz vor dein Reichstag.

8r. Berlin. 28. Febr. (Eig. Drabtber.)

_ Auf der Tagesordnung für die heutige Sitzung stand de> Gesetzentwurf für die Verlängerung der Gültigkeitsdauer des Entwaffnungsgesetzes mri dem Zlliatzant.ag Aderhold und Genossen, die Aktion aucv auf oie emzeltz liegenden Gehöfte und Gemeinden auszndebnen. und Du bayerischen Einwohnerwehren sofort zu en« wafknen und aufzulösen. Diese Forderung wurde unterstatzi ron den Linksparteien, von den Abgg- So ld maun (u. «-1. Vogel (Soz.). Dr. Levi (Komm.) und Rofenfeld

Reichsminister Dr. Koch gab eine Erklärung ab. in der er u. a. sagte: Die Reichsregierung bat die sur ein wanen- stolzes Volk so schwer erträgliche Aufgabe der Entwaffnung entsprechend den Bedingungen des Friedensvertrages m, die

S and genommen und in einem Umfang und ont einer chnelligkeit gefördert, die bei dem Erlas des Entwan- nungsgesetzes niemand für möglich gehalten hatte. Sie wird auch die schleunige Durchführung des Gesetzes innerhalb der gesteckten Fristen bewerkstelligen: dies gilt auL für Bayern. Dem Reichstag wird bis zum 15. Marz em Ge­setz über dir dem Friedensvertrag wrderwrechenden Organisationen zugehen. Am. Vorabend der Kon­ferenz von London will die Äeicksregierung eine eingehende Darlegung vermeiden, sie erachtet es aber für ihre drin­gendste Pflicht, die Einheit d-s Volkes gegenüber ihm drohenden Gefahren aufrecht zu erhalten.

Der Abg. Gräfe (D.-Natl.) wandte sich se?en die Un- abhängigen Anträge, ebenso der Abg. Dr. venu von der Baycrijchrn Volksvartei. _ _ . , ....

Daraus wurde der Etat des Reichs Ministers der Finanzen angenommen. Von dem BerichEatter Herz (ll. S.) wurde die Erzdergersche und van den Kcrkhoss sche Steuerbinterziehungsanäre.gestreift. .,

Reichsfinanzminister Dr. Wrrtb erklärte, daß das Rem> 2 - f'nanzministerium mit aller Energie gegen Sie Kapitalflucht und gegen die Stcuerbinterziehunsen emlchreit.e. daß das Unteriuchunssverfahren gegen sie an der Ainire Grnscr- PhilwosoSn beteiligten Mitglieder des Sauf:s Sohenzollcrn noch nicht abgeschlossen sei. ,

Die «Sitzung wurüc darauf um 6.10 Uhr geschloffen, die nächste Sitzung wird morgen nachmittag 1 Ubr stattnnden. Auf der Tagesordnung siebt der Haushaltsplan des Reichs­ministeriums für den Wiederaufbau sowie der Gesetzentwurf zur Entlastung der Gerichte.

Handwerkertagc im Reichstag.

Br. Berlin. 1. März. (Eig. Drahtbericht.) Die Hand- werkerabgeordneten im Reichstag haben das lebhafte Be­streben. alle Handwerkersragen mehr als bisher in den Vordergrund des allgemeinen Jntersffes zu stellen. Sie fordern, daß in jeder Tagung ein Tag aus-

Die kommunistische Mörderzentrale.

W.T.-B. Berlin, 28. Febr. In der schriftlichen Beant­wortung der kleinen Anfrage des Abg. D ü w e l l bezüglich der Erklärung des Abg. Ledebour über das Besteben emer „kommunistischen Mörderzentrale teilt der Reichs- minifter des Innern mit. daß die Ermittlungen keinen A n b a l t s v u n k t für das Bestehen einer solchen Zentrale ergeben hätten. Obwohl sich die Reichsregierung die Be­hauptung Ledebours nicht zu eigen machen könne, halte sie es für ihre Pflicht. Organe zur Nachprüfung solcher Behaup­tungen zu schaffen. Bei der offenen Aufreizung der Kom­munisten zur Gewalttätigkeit sei di« Schaffung solcher Organe eine dringende Notwendigkeit.

Das Reichsmietsgesetz im Reichswirtschaftsrat.

W.T.-B. Berlin. 28. Febr. Der vorläufige Reichswirt- schaftsrat erledigte beute in einer Einzelberatung die erste Lesung des Reichsmietsgefotzes. Dir zweite Lesung findet morgen statt.

Die Sozialdemokraten lehnen das Ansammerrgeherr mit der Volkspartei alb.

mz. Berlin, 1. März, über die Sctltung der foziald«ino- kratischen Partei in der Frage der Regierungsbil­dung in Preußen schreibt die Scjzialistische Korrefpou- denz. daß der einmütige Enrjchlutz der Partei dahin gebe, eine Verbindung mit der Deutschen Volks- oartei abzulehnen und die alte Koalition aufrechtzu- erbalten: andernfalls müffr man den bürgerlichen Parteien di« Bildung der Regierung überlasten. Es fei gewiß, daß auch die sozialdemokratische Landlagsfraktion so entscheiden werde.

W.T.-B. Berlin, 28. Febr. In der Sitzung des Bezirks­vorstandes der sozialdemokratischen Partei Mittelschlesiens in Breslau erklärte der Vorfftzende unter allgemeiner Zustimmung, daß die Mehrheit der alten Koalition ausreiche, um die Regierung zu bilden, zumal die 28 Unabhängigen im Landtag sicherlich sich nicht immer gegen eine Regierung der Sozialdemokraten, der Demokratie uns des Zentrums wenden würden. Die Ausnahme der Lclksvartei in die bisherige Koalition komme nach den Dablergeüniffen nicht in Frage. Eine rein bürgerliche Regie­rung. der zuzustimmen man ke>n Interesse habe, wäre nur unter Einschluß de: Deutschnationalen möglich.

Eine süddeutsche Ministerkonserenz.

8r. Stuttgart. 1. März. (Eig. Drahtbericht.) Zur Be­sprechung politiicher Fragen findet hier von heute bis Mitt­woch eine Konferenz von Ministern von Bayern. Beden. Hessen und Württemberg statt.

Tiflis von der Roten Armee genommen.

mz. Baris. 28. Febr. (Drahtbericht.) Wie ein Plivat- telegramm des „Echo de Paris berichtet, meldet eine Dcoe,ch« aus Konstantinopel. Tiflis sei in di« Hände der

Roten Armer gefallen.