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Dienstag. 18. Januar 1921.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 27. «> 68. Jahrgang.
Zum 18. Januar 1921.
Bon Senator Dr. Petersen. M. d. R.
Träger der deutschen Geschicke und der deutschen Geschichte ist von jeder das ganze Volk gewesen. Das bleibt ricytig. auch wenn man. wie wir von unserer liberalen Weltanschauung aus. den Wert der Persönlichkeit hoch, ja entscheidend für die Entwicklung eines Volkes einstellt. Denn es ist wie eine einzelne Persönlichkeit: es waren und werden sein di« vielen tüchtigen Persönlichkeiten, deren Zusammenwirken im Volke den Stand von Politik, Wirtschaft und Kultur bestimmt.
Die Gründung des Reiches 1871 verdanken wir in erster Linie der Masse des Volkes, welche von den Befreiungskriegen ab in wachsendem Mähe ein einheitliches deutsches Reich gefordert und erstrebt bat. Bismarck war der geniale Gestalter dieses Volkswillrns. Kaiser Wilhelm I. der verständige Fürst, der sich dem Sehnen des Volkes zur Verfügung stellte und dem klugen Rat des verantwortlichen Staatsmannes folgte. So hat das deutsche Volk nicht allein ein Recht, sondern die Pflicht, der Reichsgründung zu gedenken. Weder die Fehler noch der unglückliche Ausgang der «taatsform von 1871 dürfen uns daran hindern.
Denn das Volk ist geblieben. Das Volk allein muh und kann nach dem Zusammenbruch der alten Staatsform das neue Reich politisch, wirtschaftlich und kulturell wieder auföauen.
Gerade seine Leistungen in der Vergangenheit. seine immer wieder bewiesene Kraft. Schickialsjchläge zu überwinden. aus Unterdrückung und Unglück neue Kräfte wachsen zu lassen, gibt uns die Gewähr für eine gute Zukunft. Könnten wir nicht auf die Tüchtigkeit unseres Volkes aus seinen Taten in der Vergangenheit heraus vertrauen, wir wären verloren. So ist es in erster Linie Pflicht der demokratischen Parteien, dem deutschen Volk am 18. Januar 1921 die Taten unserer Väter ins Gedächtnis zu rufen und es zu inabnen. sich dieser Taten in der neuen Staatsform der Nevublik würdig zu erweisen, in der es selbst Träger und Bildner seines Geschickes geworden ist.
Deutsche Einigung.
Fünfzig Jahre trennen uns am 18. Januar 1921 von jenem Tage, an dem im Spiegelsaal zu Versailles die weltgeschichtliche Proklamation des deutschen Kaiserreiches stattfand. Seitdem verlebten wir, nach einem jahrzehntelangen unvergleichlich raschen und blühenden Ausstieg, Jahre der tiefsten Demütigungen, wie sie Deutschland nur selten im Laufe 'seiner Geschichte erlitten hat: „Hoffnung ist ein grüner Stab und Geduld ein Reisekleid", sagt ein kerndeutscher Dichter, Martin Opitz, der ähnliche Zeiten des Niederganges miterleben mutzte! Auch wir wollen nicht verzweifeln. Können wir auch heute, wie wir wohl wünschten, nicht sestes- froh sein, so wollen wir doch einen Blick auf die Ereignisse jener Zeit zurückwerfen.
Am 18. Januar 1871 fand zu Versailles ein schlichtes, jedoch ganz seiner hohen Bedeutung entsprechendes Fest statt. Alle in Frankreich anwesenden deutschen Fürsten,
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. rinzen und hohen Offiziere, die nicht notwendig durch den Dienst bei den Truppen gefesselt waren, hatten sich in dem prächtigen Festsaal des großartigen Schlosses versammelt. Der König-Kaiser Wilhelm, dessen einfach würdevolles Wesen auch wieder bei diesem Feste tiefen Eindruck bei allen Anwesenden machte, richtete zunächst das Wort an die Fürsten:
„Durchlauchtigste Fürsten und Bundesgenossen! In Gemeinschaft mit der Gesamtheit der deutschen Fürsten und freien Städte haben Sie sich der von des Königs von Bayern Majestät an mich gerichteten Aufforderung angeschloflen, mit Wiederherstellung des Deutschen Reiches die deutsch« Kaiserwürde für mich und meine Nachfolge an der Krone Preußens zu übernehmen. Ich habe Ihnen bereits schriftlich meinen Dank für das mir kundgegebene Vertrauen und meinen Entschluß ausgesprochen. Jhvr Aufforderung Folge zu leisten. Diesen Entschluß habe ich gefaßt in der Hoffnung, daß es mir unter Gottes Beistand gelingen werde, die mit der kaiserlichen Wurde verbundenen Pflichten zum Segen Deutschlands zu erfüllen. Dem deutschen Volke gebe ich meinen Entschluß durch eine heute von mir erlassene Proklamation bekannt, zu deren Verlesung ich meinen Kanzler auffordere."
Graf Bismarck verlas daraufhin die Proklamation, m der der Kaiser die Hoffnung aussprach, daß es ihm und seinen Nachfolgern vergönnt sein möge, das Reich nicht durch kriegerische Eroberungen, sondern durch die Güter des Friedens auf dem Gebiete der nationalen Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung zu mehren.
Mit dem Zusammenschluß des Deutschen Reiches war für Bismarck der Zeitpunkt gekommen, zur Verwirklichung des schon unmittelbar nach KLniggrätz gefaßten Planes, an Stelle der Heaemonie Österreichs über Deutschland ein enges Freundschaftsverhältnis zwischen beide treten zu lasten In Österreich zögerte man nicht in die dargebotene Hand einzuschlagen und so wurde damals der Grundstein gelegt, auf dem sich der
Dreibund erhob. -
Rach jahrzehntelangem Frieden und nachdem Europa
durch einen Krieg erschüttert worden ist, wie chn die
Welt noch nie gesehen hat. brach das deutsche Kaiserreich zusammen und die Republik trat an seine Stelle. Ihre Aufgabe muß es fein, aus den Trümmern des alten Reiches Deutschland den Platz wieder zu erringen, der ihm in Europa zukommt.
Ein Appell des alten Bergarbeiterverbandes.
mz. Berlin. 15. Jan. Der fast 509 000 'Mitglieder zahlende Verband der Bergarbeiter Deutichlands hat f sende Entschließung angenommen:
Die am 15. Januar in Berlin tagende Konferenz des lvesamtnorstandes und der Bezirksveriretung der Bergarbeiter Deutschlands macht die der Bergintcrnatro- n ale angehörenden Bergarüeiterverbände in Frankreich. Belgien. Großbritannien und die Leiter der allgemeinen Gewerkschaftsinternationale in Amsterdam dringend daraus aufmerksam, daß nach Ablauf des Abkommens von Sva über die Kohlentiefernngen Deutschlands non uns eine noch höhere Lieferung gefordert wird, außerdem aber die Fünf-Goldmark-Prämie nicht mehr gezahlt werden soll. Dagegen müssen wir entschieden protestieren. Der Kohlen Mangel in Deutschland ist letzt weit gröber als in anderen großen Jnduirriestaaten. Die Erfüllung des Sva-Abkommens war nur möglich durch die ausgedehnte llberschicktenarbeit der deutschen Bergarbeiter. Diese arbeiten beute mehr Stunden wöchentlic... als nach dem Beschluß der internationalen Arbeitskonferenz in Washington zulässig ist. Der gefährdete Gesundheitszustand der Bergarbeiter verlangt gebieterisch den Ab bau der Überschichten, wäbrenv von uns noch hoysre Kohlenlieferungcn gefordert werden. Der Fortfall, oer Funf-Eoldmark-Prämie. mit der die Verbesserung der Ernährung der Bergarbeiter bezahlt wird, würde ihren Ernährungszustand derart verschlechtern, daß ein unabsehbarer Rückgang der Leistungsfähigkeit einträte. Ohnehin muffen wir die Sva-Koblcn zu Preisen liefern, die tief unter den Weltmarktsvreikcn liegen. Dadurch sind der deutschen Volkswirtschaft schon Milliarden Vertu ste entstanden. Wir bitten die Kameraden in der Bergarbeiter- und in der groben Gewerkschastsinternatio- nale. uns energisch zu Unterstützen in den, Bemühen, zu einem Koblenabkommen zu kommen, das di- deutsche Berg- arbeiterschaft nicht noch stärker belastet, sondern human entlastet und der deutschen Volkswirtschaft die Lebens- moglrchkeit gibt.
Feierschichten infolge Wagenmangels.
Sr. Mer in Westfalen. 17. Jan. (Eig. Drahtbericht.) Infolge Wagenmangels mußten 4000 Arbeiter einer Beleglchaft zum zweitenmal in einer Woche unfreiwillig feiern. Die auf Laser untergebrachten Koblen- mengen (10900 Tonnen) sind verbrannt.
Die verzweifelte Lage Österreichs.
•W-T.-B. London, 16. Jan. (Reuter.) Maßgebende englische Kreise haben keine Bestätigung der Absicht der österreichischen Regierung erhalten, die Verwaltung des Landes aufzugebrn. Nach den letzten, in englischen Kreisen eingetrosfenen Nachrichten sei jedoch die Lage in Österreich verzweifelt. Ein im erwähnten Sinne gehaltener Schritt der österreichischen Regierung könne daher ieden Augenblick erfolgen. Die Gewährung eines großen Kr ed i t s durch die Alliierten einschließlich der Vereinigten Staaten an Österreich durch Übernahme verschiedener Regie- rungsmonovole m Österreich würde grobe Schwierigkeiten so-
Mirthl fit rt itm+f Xi» a«/-. o? - —
«w ..uuuLvci iwicioi. jjiictieuu mime wreoer ou I 3 er ich t e t werden, wenn die Fäulnis nicht von einem Ende Europas zum anderen dringen solle.
Ausweisung der Ostjuden aus Wien.
. 17. Jan. (Eig. Drahtberickt.) In der Ge-
melnderatssibung brachte der Führer der Christlich-Sozialen ernen Dringlichkeitsantrag ein. der die Ausweisung ".Iler Ost luden aus Wien verlangt. Es entlvann sich eine stürmische Debatte. Der Antrag wurde angenommen, ur ihn stimmten außer den Christlich-Sozialen auch die ozialdemokraten.
Errichtung einer persischen Sowjetregierung.
- v- London, 17. Jan. (Eig. Drahtbericht.) In Er- ganzung der Meldung aus Teheran über den Wortlaut des russisch-persischen Vertrages wird noch bekannt, daß die «owietregierung von Moskau neben den für Persien außerordentlich günstigen Bedingungen stch vorbehält, weiterhin in Persien intervenieren zu können. Daraus kann gefolgert werden, daß die Errichtung einer persischen Sowietregierung bevorsteht. Die Meldung, daß der Schah m,t dem ganzen Sof Persien verlassen werde, kann dahin ab- geandert «erden, daß er bereits abgedankt habe «bmed Schah Kadiar ist erst 22 Jahre alt. Am 16. Ju'i
1909 Tfllafe er fptnom Wln+o* dir; _ i
M englische Trmwen D^noch^berffcht tm Jnnerndie Anarchie. Der Ministerpräsident Urs uff einem Attentat zum Opfer. 1UTT ii
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Reue Unruhen in Ägypten.
D. London. 17. Jam (Eig. Drahtbericht.) In Ägypten sind neue Uniuhen ausgebrochen, infolge der Erbitte, ruus der Bevölkerung über di« Haltung der ägyptischen Delegation in London.
Der Streik der indischen Studenten
Die Brüsseler Fragen.
W.T.-B. Berlin. 16. Jan. Aus der deutschen Ant wo rr auf die 41 Fragen, die die Entente in Brüssel den deutsigen Sachverständigen vorlegte, wird weiteres bekannt:
Die Frage 5 nach den Zahlen, welche die Besteue- r u n g 1. für bekannte große Privatverinögcn und 2. für bekannte grobe Gesellschaften zeigen sollen, wird durch eine Reihe von Beispielen beantwortet, da die Zahlen über die tatlächlich 51t entrichtenden Steuern bestimmter Prmatver- lonen oder Gesellschaften nach den Steuergeietzen in Deutsch- land nicht bekannt gegeben werden dürfen.
Die Frage 23 bittet um eine zahlenmäßige Aufstellung der Reichsbeamten für das laufende Jahr, verglichen mit dem Jahr 1913, und zwar für 1. Eisenbahn. 2. Post- und Telegravhcnamt. 3. andere Betriebs des Reiches und 4. Verwaltung.
Die Antwort weist darauf hin. daß durch den Übergang der Finanzverwaltung auf das Reich im Jahr 1919 dir erforderlichen Beamten aus den bisherigen Landesfinanz- verwaltungen in die Reicksfinanzverwaltung übernommen worden sind.
Der Personalaufwand bei der Reichseisenbahn- Verwaltung weist 1920 gegen 1813 ohne Elsaß-L'oth- ringen einen Mehr best and an planmäßigen Beatmen, von 104 052. außerplanmäßigen Beamten 44 755. an Angestellten. Hilfsüeamten und Arbeitern von 155 053. an der Gesamtkopfzahl also von 303 877 auf.
Bei der R e i ch s p 0 st und Telegravbenoerwaltung be
im
sie in die Reichsfinanzverwaltung übernommen worden sind, ergaben nach den Saushalten der Lairder von 1913 bis 1914 oder nach Schätzungen 55 380. Bis 1919 hatte das Reich keme eigene Finanzverwaltung. Es übte lediglich eine Kontrolle über die Erhebung der Reichsabgaben durch dis Länder mittels besonderer Kontrollorgane aus. Der Haushalt 1913 weist 66 Beamte dieser Art nach. Planmäßige Beamtenstellen stnd bei der Reicksfinanzverwaltung Haushalt für 1920 eingestellt: 55 529. Die Gesamtzahl planmäßigen Beamten nack den Haushaltsplänen betrug ff 1913 189 918 und beträgt für 1920 688 023.
Me Reparationsverpflichtungen Deutschlands.
Dz. Berlin, 15. Jan. In der franzüstscken Presse ist btt Behauptung aufgestellt worden, daß deutscherseits angeregt worden sei., von der Festsetzung der gesamten Re,varatronsverpflichtung Deutschlands aü-
sten äen
unterzüs'chieLen. ist' unwahr.^ Deutscherseits ist im Gegenteil immer der Standpunkt vertreten worden, daß Jahres- animitciten nur festgesetzt werden könnten, nachdem über die Höbe der Verpflichtungen Deutschlands eine Einigung erzielt worden sei.
Pariser Pressestimmen über das Kabinett Briand.
daris, 17. Jan. (Drahtbericht.) Wer das neue Mmrstermm sagt der „Mann : Trotz gewisier Schwieiig- keiten. d,e auch Briand zu überwinden gehabt üat. hat es den Anschein, daß die Kammer dem neuen Ministerium raen giften Empfang bereiten wird. — ..Echo de Paris sagt, das große Ministerium der nationalen Vereinigung. das man uns versprochen bat. ist zr> einem bescheidenen Ministerium mittlerer Klaffe »ulammengc- sÄrumvft, Wir können uur wünschen, daß das Programm des Ministeriums dem Ernst der Stunde und den WuniSen des Landes entspreche. Wir wünschen weiter, klare und einfache Taten zu sehen. — Der „Petit Parisien" schreibt: Wir
nicht mehr ausreicht. Ministerium stelle eine wer
„Journal
.—. '.wv- v ..v ~dt8eljea5e Zulalluna
ru "flen der republikanischen Meinung dar. Das
.. Das neue aller Schattsis-
leben meiner Zeit, in der selbst die geschickteste Redekunst Das „Journal" sagt: T aller
mKa-csTsa Sf firsi
Kroger Kredit zu gewähren sei. ohne den er nichts unternehmen kann. — Das „Petit Journal" schreibt: Die Stunde gehöre den großen Taten, den großen Gedanken und deren großen Verwirklichungen. Für den Nachfolger eines Poin- cars und eines Clemenceau und an der Seite eines Mille- rand, der eine so hohe Auffassung von seinem Amte habe bleibt m der Geschichte der Platz frei. Wir wünschen ganzem. Herzen, daß Briand den Platz einnimmt. Dabei darf niemandes Unterstützung fehlen. Kammer und Senat werden die neue Regierung gut aufnebmen. aber es genügt liicht. daß das Parlament sein Vertrauen am üblichen Tag« des ersten Zusammentritts ausivricht. sondern dieses Ver- ?l?ueT Muß weiter andauern. Dieses gewähren, muffen die fcrle Absicht, haben, es auch nach der ersten Prüfung niÄt wieder zuruazuziehen..— Die ..HumanitS" schreibt: Das neue Ministerium ist ern M,n,steriumderReaktion M',d.es ist von der Art des Vertrages von Versailles C* ttaei m sich den Kern der Ohnmacht und des Verfalls — Der..Figaro lagt: Das neue Ministerium ist nicht'das Minutermm. das man sich wünschen kann, denn der erste Mann, den man. wollte. PorncarS. ist ausgeschloffen, aber icdenfalls nicht iur lange, denn um von längerem Bestand« zu kem. muß das Kabinett Briand dieselbe Politik treiben die man von fernem Kabinett erwartet hätte. Das ist aber unmöglich, denn Vrrand ist im Gegensatz zu Pomcaro. d-sse» Hestlgkert man geiurch et hatte, gewählt worden.
Ausschiebun.,; des Vertrags o«n Rapallo?
■ X.P- London. 17. Jan. (Eig. Drahtbericht.) Rach Nach, rrchten aus. Agram hat die italienische $ e nie’ rjiitß die lugoilawische Regierung gebeten, die Aussübrunn des Vertrags von Rapallo bis zum Frühjahr aufschieben ^u dürfen. Di« Grunde für dieses Gesuch sind nicht bekannt und es verlautet nichts darüber, ob die jugoslawische Ren>e - run» darauf emgehen. wird.. Gin Aufschub in der AusfüG
