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Berliner Abteil«», de, «ie^admer SagUtHi: Berlin NW. 40, gflrjt SiEsrÄstrag» 2. ßrrnhrecherr «M H«ms« 1271-1273.

FrettOg, 24. Dezembrr 1920.

Feuer unter der Asche.

Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß der zwischen der litauischen Regierung und dein „meutern­den" polnischen General Zeligowski abgeschlossene Waffenstillstand, für den letzten Endes auch die Warschauer Regierung Verpflichtungen einging, weder dem Kampf um Wilna noch der litauisch-polnischen Auseinandersetzung ein Ende bereitet. Auch hier han­delt es sich mehr um eine „Atempause" als um einen endgültigen Abschluß der Kämpfe. Bekanntlich hat sich zwar auch der Völkerbund mit der Wilnaer Frage be­schäftigt. zu deren Lösung er eine der jetzt so beliebten Llolksabstimmüngen vorschlug, doch ist diese Entschei­dung auf heftigen litauischen Widerstand gestoßen. Der litauische Delegierte Professor Waldemar hat sich einer solchen Abstimmung, zu deren Sicherung bekannt­lich Truppen der verschiedensten Länder herangezogen werden sollten, widersetzt. Er hat die Verlegung der Absiimmungsgrenze beantragt und auch für die von den Polen besetzten Gebiete des Gouvernements Smvalki eine Abstimmung verlangt. *

Zur Erörterung der schwebenden Streitfragen haben sich nun litauische Vertreter nach Warschau begeben. Es wurde bereits berichtet, daß diese Verhandlungen zu einer Föderation zwischen Polen und Litauen geführt hätten. Bezeichnenderweise kamen diese Meldungen aus Warschau. Daher scheint hier wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen zu sein. Tat­sächlich erstrebt man in Warschau nicht erst seit heute eine derartige Föderation mit Litauen. Durch Indis­kretionen hat man auch erfahren, daß man sich eine Vereinigung nach dem Muster der Schweizer Kantone vorstellt, so daß es dann einen Wilnaer, einen Kownosr und, vorausgesetzt, daß Menrel einem so vergrößerten Polen zugeteilt würde, einen Memeler Kanton geben würde. Die polnischen Ausdehnungsbestrebungen sind zum Teil begreiflich. Der polnische Staat ist wirt­schaftlich schwer bedrängt, denn seine Schulden erdrücken ihn. Anstatt nun aber eine Konsolidierung in den jetzigen Grenzen zu erstreben, hofft man durch immer neue Ausdehnung zur Besserung der Lage beizutragen. Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts leidlich ent­wickelte polnische Industrie ist durch den Krieg fast lahmgelegt, vor allem aber hat sie ihr früheres Haupt- absatzgebiet Zentral-Rutzland und Westfibirien ver­loren. Einen Ersatz hierfür könnte Litauen bieten, das überdies im Austausch gegen Polens Jndustrie- erzeugniffe landwirtschaftliche Produkte, vor allem auch Flachs, Häute und Leder liefern könnte. In Litauen will man aus sehr begreiflichen Gründen von einer sol­chen Föderation mit Polen nichts wissen. Erst kürzlich hat im Stockholmer „Aftonbladet" ein Litauer sehr energisch gegen solche Pläne Stellung genommen. Mit guten». Gewissen wird man daher die Meldungen über eine solche Föderation als falsch bezeichnen muffen.

Aufgegeben hat man in Polen den Gedanken aller­dings keineswegs. Was man auf dem Wege der Ver­ständigung nicht erreichen kann, wird man möglicher­weise durch Gewalt zu erringen versuchen. Die litauische Telegraphenagentur wußte denn auch dieser Tage zu berichten, es feien wieder bedeutende polnische Militär­transporte, Munitionszüge usw. nach Wilna im An­rollen. Da sich Zeligowski der polnischen Regierung offiziell unterstellt hat. so dürste das neue Unternehmen nicht von ihm ausgehen, sondern, wie man in Kowno vermutet, von seinem Eeneralstabschef, dem Obersten Lobicki. Aber nicht nur von dieser Seite scheint Gefahr zu drohen. Die Sowjetregierung intereffiert sich eben­falls lebhaft für die Wilnaer Frage und Tschitscherin har erst in diesen Tagen aus diesem Anlaß eine Note nach Warschau gerichtet. Auch in Kowno beruft man sich darauf, Litauen habe in seinem Friedensvertrag mit Sowjetrußland die Verpflichtung übernommen, keine fremden Truppen auf seinem Gebiete zu dulden. Der litauische Delegierte Professor W o l d e m a r hat selbst auf die Gefahr einer ruffischen Intervention lnnge- lviosen. Hartnäckig erhält sich auch das Gerücht, bolsche- wikische Truppen würden in Polozk konzentriert. Mit -Hilfe dieser Truppen soll der Kommunistenfiihrer K a p s o k a s einen selbständigen Feldzug gegen Wilna planen. Sonst kommen noch mancherlei andere Alarm­nachrichten aus dem Osten. Nicht nur bei Polozk, son­dern auch bei Witebsk und Smolensk sollen bolschewiki- sche Truppen zusammengezogen werden, die den Vor­marsch auf Litauen beabsichtigen für den Fall, daß die Polen die Herausgabe von Wilna verweigern.

Bei der vollkommenen Abschließung Sowjetrußlands ist es sehr schwer zu sagen, inwieweit solche und ähnliche Alarmnachrichten zutreffen. Nicht nur chauvinistische polnische Kreise haben ein Interesse daran, Nachrichten über umfangreiche Vorbereitungen der bolschewikischen Armee in die Welt zu setzen. Sicher ist aber, daß das Feuer im Osten keineswegs erlssthen ist, sondern unter-

Morgen-Ausgade.

der Asche weiter glimmt und daß es gar keines beson­deren Aufwandes bedarf, um es zur Hellen Flamme zu entfachen. Daher erscheint es begreiflich, wenn man sich in Litauen unter diesen Umständen nicht sehr wohl fühlt. Das offiziöse litauische Blatt „Lietuva" spricht denn auch die Befürchtung aus, Litauen könnte in einen neuen Krieg hiueingezogen werden. Es fordert darum auf, die Waffen zur Verteidigung zu schleifen, denn das Schicksal Aserbeidschans und Armeniens müsse als Warnung gelten!

Die russisch-polnischen Friedensverhandlungen.

v. Wien, 23. Dez. (Eig. Drahtbericht.) Aus Warschau wird gemeldet. Fürst Savieba habe sich über die Friedens- verbandlungen mit Sowjetrutzland dabin geändert. Satz die Verhandlungen einen befriedigenden Verlauf nähmen. Er glaube nicht an eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten. Bezüglich der Stellung Polens zur Kleinen Entente erklärte Sasieba, Polen habe kein Interesse am Frieden von Trianon.

Kämpfe in der Ukraine.

Br. Mobilem, 23. Dez. (Eig. Drahtbericht.) In der Gegend von Schmerinka finden seit dem 10. Dezmber hart­näckige K ä m v i e zwischen ukrainischen Aufständischen und der roten Armee statt. An dem Dnievr ist stets Artillerie- fcuer zu hören und der Feuerschein am Horizont lätzt auf eine Reibe brennender Dörfer schlieben.

Der Rat der Dolkskommkssare fühlt sich in Moskau nicht mehr sicher.

mz. Stockholm, 23. Dez. „Nya Daglight Allebanda" meldet aus Revals Die Erregung in Moskau nimmt mit jedem Tage zu und hat ihren Höhepunkt erreicht, nach­dem der Beschlutz der Sowietregieruns. bstr. die Bewilligung von groben Konzessionen an ausländ i'f che K a v i t a l i ft e n. in der Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Die Erregung ist so stark geworden, datz der Rat der Po-lt.skom mi sfate defHbchfen hat. nach Peters­burg überzusiedeln. Als Grund dieser Übersiedelung gibt der Rat an. datz die erregte Stimmung die ruhige Arbeit der Regierrmg störe. In dem Telegramm beiht es ferner, datz die Volkskommissare sich nicht auf ihre Schuhabteilungen verlassen könnten, iveshalb sie noch vor der beschlossenen Übersiedelung die chinesischen und die lettischen Truppen zu­sammen«« zogen hätten, unter deren Schutz die Übersiedelung stattfinden solle.

Die schwierige Lage der russischen Industrie.

mz. Moskau, 20. Dez. Ein Aufruf der Regie­rung verweist aus die schwere Lage in der M e t a l l i n d u st r i e. Im vorigen Jahre habe nicht ein einziger Hochofen gearbeitet; in diesem Jahre seien fünf Hochöfen in Betrieb, die ungefähr 3 Millionen Pud Metall lieferten, d. h. 3 Prozent der Erzeugung vor dem Kriege. Die Metallindustrie brauche ungefähr 20 000 Arbeiter. Etwas besser sei die Lage in der Textilindustrie, die im vorigen Jahre in Anbe­tracht des Mangels an Baumwolle fast vollständig still­gelegen habe. Heute habe die Rote Armee Turkestan be­freit; Rußland habe ungefähr 3 Mill. Pud Baumwolle zur Verfügung. Die Produktion müffe in allen Zwei­gen mindestes auf die Hälfte der Erzeugung vor dem Kriege erhöht werden.

Bulgarien wünscht keine Beziehungen zu Sowjetrutzland

mz. Kopenhagen, 23. Dez. Die bolschewikischen Zeitun-

m teilen mit. datz die bulgarische Regierung das Ersuchen itscherins um Wiederaufnahme der diplomatischen Be­ziehungen mit Sowjetrutzland zurückgewiesen habe.

Ein Übereinkommen zwischen Rußland und Georgien.

mz. Paris. 23. Dez. (Havas.) Nach einem Moskauer FunTvruch ist zwischen Sowjetrutzland und Georgien ein Übereinkommen zustande gekommen, wonach die Schisse in den georgischen Häfen mit alter oder neuer russi- scher Flagge die in den Häfen Sowietrutzlands eingeschrieben smd. sämtlich zur Verfügung der Moskauer Regierung ge­stellt werden.

Ein armenisches Ultimatum an Georgien.

mz. London. 23. Dez. (Drabtbericht.) Die armenische Svwietregierung richtete ein Ultimatum an die Regie­rung Georgiens, worin die Räumung der neutralen Zone zwischen den beiden Ländern verlangt wird. Die georgische Regierung lehnte diese Forderung ab unter Berufung auf die unter der früheren georgischen Regierung geschlossenen Abkommen.

v mz -J< 23 - Dez. (Drabtbericht.) Nach einer

;Demps -Meldung aus Konstautinopel hat die armenische Sowietregierung nach Abschaffung des privaten Eigentums alle ausländischen Schulden und offiziellen Verpflichtungen annulliert.

Das Befinden der Exkaiserin.

m s. 23- ? c ?- (Eig. Drahtbericht.) Der folgende

Bericht über den Zustand der Kaiserin wird heute ausge- geden: Der Blutandrang ist durch die zunehmende Herz- ichwache vergrößert. Die Rächte sind unruhig: die Lage

bleibt unverändert.

Der Kronprinz bleibt in Holland.

Br Berlin. 23. De,. (Eig. Drahtbericht.) Die Nach­richt. datz bei der holländischen Regierung ein Gesuch des Kronprinzen um Verlassen des holländischen Bodeuseinge- laufen sei. entbehrt jeder. Begründung.

Sir. 601. ♦ 68. S«chrKemg.

Englands OrientpsLMt.

mz. Paris, 23. Dez. (Drahtbericht.) Wie aus Lon­don berichtet wird, erklärte Lloyd George in der gestrigen Sichrng des Unterhauses, daß nach Nach­richten der Regierung aus Konstantinopel Mustafa Kemal-Pascha nach dort unterwegs sei. Falls die beiden Parteien sich verständigen sollten, könnten die Alliierten mit einer Regierung, welche die ganze Türkei vertrete, verhandeln. Man dürfe sich aber nicht ein- bilden, daß es «ine leichte Aufgabe sei, den Vertrag von Sevräs abzuändern. Ohne die Einwilligung Griechen­lands könnten die Alliierten nicht über Smyrna ver­fügen. Er wünsche, datz der Frieds in Klein­asien hergestellt rverdy, er bitte aber das Unterhaus, nicht die ganze britische Politik im Orient zu stören.

Lloyd George über die Ursachen der Arbeitslosigkeit.

mz. London. 22. De«. Im Unterhaus erklärte Lloyd George, di« Regierung sei gewillt, der herrschenden Arbeitslosigkeit zu steuern und bedauere beson­ders. datz in der Bauindustrie 590 000 Arbeitslose zu ver­zeichnen seien, was mit Rücksicht auf die Wohnungskrise sebr unangenehm lei. Die Regierung werde daher den Gewerr-' schäften zur Hebung der Krise geeignete Vorschläge unter­breiten. Er sei aber der Ansicht, datz die autzerordentlichen SckiwreriÄeiten. vor die alle europäischen Staaten gestellt seien, nur gehoben werden könnten, wenn man Mittel und Wege fände, um Mitteleuropa neue Handels­wege zu eröffnen. Der Arbeitslosigkeit könne man nicht nur dadurch steuern, datz man neue Straßen baue: der springende Punkt sei feines Erachtens die W i e d e r b e r-- stellun» des Handels, damit England wieder kaufen und verkaufen könne.

Verhandlungen KraMns mit englischen Petrolerrmfirmsn.

mz. LostAi>n.i23. Dez. Die „Mornins Bost" will von zu­ständiger Seite erfahren haben, datz die Delegation Krassen mit groben eualischen Petroleumfirnnen Ver­handlungen über dir Gewähruus von. Konzessionen in den Vetroleumfeldern von Baku und Grosnyr anseknünit habe. Die in Frage kommenden Petroleumielder lieferten 95 Prozent der Gesarrntpetroleumerzengung Rutzlands.

Aus -er h-lländischen Kammer.

mz. Hass. 23. Dez. In der Zweiten Kammer er­klärte gestern bei der Beratung des Haushalts des Ministe­riums des Aubern Minister van Karnebeek, die Resierung lege der Aufnumne der Handelsbeziehun­gen mrt Ruhland keine Hindernisse in den We«: aber ste könne auch keine Verantwortung für diese Handelsbe­ziehungen auf sich nehmen. Bezüglich des Zwischen­falls mit Serbien betonte der Aiinister. die Regie­rung habe grobes Wohlwollen gezeigt: aber dieses Wohl­wollen sei durch die Würde des Staates begrenzt. Er rate der Kammer, abzuwarten, wie die Angelegenheit sich ent­wickeln werde. Die Verirr tu« g Hollands in der Rbein- schiffahrtskommission fei noch nicht in solcher Weise geregelt, die dem niederländischen Staate volle Ge-" nustuung gebe. Der Minister versprach, der Kammer eine Denkschriit vorzulegen über die Haltung der mederländi- schen Delegation bei der Völkerbundsveriammlung in Genf.

Eroßmachtspolitik der Tschechoslowakei.

mz. Prag, 23. Dez. Bei der Beratung der Verträge von Trianon. Reuilly und Sövres im Senat erklärte der Christlich-Soziale, Led ebo ur-^Wi ch els . seine Partei lcbne oiese Vorträge ab. weil die tschechoslowakische Revublik viel zu viel Erotzmacktssolitik treibe, was auch die Hohe des Betrages von 2 Millionen Kronen für Auslands- vrovaganda beweise. -

Mac Cormick in Warschau.

v. Warschau. 23. Dez. (Eig. Drabtbericht.) Der ameri­kanische Staatssekretär Mac Eormick ist auf seiner Ia- tormationsreise durch Europa hier eingetroffen und voin Ltaatschef empfangen worden. Zum Empfang waren ferner Vertreter des amerikanischen Syndikus erschienen. Eormick verhandelte mit Wittweedencze über dir Möglichkeit eines Kredits für die polnische Industrie und die pol­nische Landwirtschaft.

Bildung bewaffneter Vertridigungsabteilungcn in Italien.

Mailand. 23. Dez (Eig. Drahtbericht.) Ein« von Vertretern der sozmlistischen Gemeinden Italiens angr- nommeue Tagesordnung richtet an die Sozialisten die Äui- forderung. bewaffnete Verteidigungsabteilungen zu bilden.

Exkönig Nikita verzichtet auf die Zahresrente.

v. Basel, 23. Dez. (Eig. Drabtbericht.) Nach Mit­teilungen aus Montenegro bat König Nikita die ihn, von südslawischer Seite angebotene Jahresrentr von 300000 Franken abgelehnt.

Die vereinigte kommunistische Rcichstagsfraktion.

Br. Berlin, 23. Dez. (Eis. Drabtbericht.) Die beiden Gruppen der Llnksunabhängisen und Kommunisten haben sich. letzt auch im Reichstag zu einer Fraktion ve^ einrgt. Ihre Stärke beträgt 16 Mitglieder.

Arbeitslofenausschreitungen in Auerbach.

mz. Berlin. 22, Dez. Wie dem „B. L.-A." a ',0 Dresden berichtet «rrd. zog gestern ein Trupp Erwerbsloser lm Logäiand vor die Amtsbauvtmannschai und vollsuhrte dort emen . grotzvren Tumult. Sicherbeits- volisei stellte tcfeaft bald dre Ordnung »jeder der -