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FrettOg, 24. Dezembrr 1920.
Feuer unter der Asche.
Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß der zwischen der litauischen Regierung und dein „meuternden" polnischen General Zeligowski abgeschlossene Waffenstillstand, für den letzten Endes auch die Warschauer Regierung Verpflichtungen einging, weder dem Kampf um Wilna noch der litauisch-polnischen Auseinandersetzung ein Ende bereitet. Auch hier handelt es sich mehr um eine „Atempause" als um einen endgültigen Abschluß der Kämpfe. Bekanntlich hat sich zwar auch der Völkerbund mit der Wilnaer Frage beschäftigt. zu deren Lösung er eine der jetzt so beliebten Llolksabstimmüngen vorschlug, doch ist diese Entscheidung auf heftigen litauischen Widerstand gestoßen. Der litauische Delegierte Professor Waldemar hat sich einer solchen Abstimmung, zu deren Sicherung bekanntlich Truppen der verschiedensten Länder herangezogen werden sollten, widersetzt. Er hat die Verlegung der Absiimmungsgrenze beantragt und auch für die von den Polen besetzten Gebiete des Gouvernements Smvalki eine Abstimmung verlangt. *
Zur Erörterung der schwebenden Streitfragen haben sich nun litauische Vertreter nach Warschau begeben. Es wurde bereits berichtet, daß diese Verhandlungen zu einer Föderation zwischen Polen und Litauen geführt hätten. Bezeichnenderweise kamen diese Meldungen aus Warschau. Daher scheint hier wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens gewesen zu sein. Tatsächlich erstrebt man in Warschau nicht erst seit heute eine derartige Föderation mit Litauen. Durch Indiskretionen hat man auch erfahren, daß man sich eine Vereinigung nach dem Muster der Schweizer Kantone vorstellt, so daß es dann einen Wilnaer, einen Kownosr und, vorausgesetzt, daß Menrel einem so vergrößerten Polen zugeteilt würde, einen Memeler Kanton geben würde. Die polnischen Ausdehnungsbestrebungen sind zum Teil begreiflich. Der polnische Staat ist wirtschaftlich schwer bedrängt, denn seine Schulden erdrücken ihn. Anstatt nun aber eine Konsolidierung in den jetzigen Grenzen zu erstreben, hofft man durch immer neue Ausdehnung zur Besserung der Lage beizutragen. Die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts leidlich entwickelte polnische Industrie ist durch den Krieg fast lahmgelegt, vor allem aber hat sie ihr früheres Haupt- absatzgebiet Zentral-Rutzland und Westfibirien verloren. Einen Ersatz hierfür könnte Litauen bieten, das überdies im Austausch gegen Polens Jndustrie- erzeugniffe landwirtschaftliche Produkte, vor allem auch Flachs, Häute und Leder liefern könnte. In Litauen will man aus sehr begreiflichen Gründen von einer solchen Föderation mit Polen nichts wissen. Erst kürzlich hat im Stockholmer „Aftonbladet" ein Litauer sehr energisch gegen solche Pläne Stellung genommen. Mit guten». Gewissen wird man daher die Meldungen über eine solche Föderation als falsch bezeichnen muffen.
Aufgegeben hat man in Polen den Gedanken allerdings keineswegs. Was man auf dem Wege der Verständigung nicht erreichen kann, wird man möglicherweise durch Gewalt zu erringen versuchen. Die litauische Telegraphenagentur wußte denn auch dieser Tage zu berichten, es feien wieder bedeutende polnische Militärtransporte, Munitionszüge usw. nach Wilna im Anrollen. Da sich Zeligowski der polnischen Regierung offiziell unterstellt hat. so dürste das neue Unternehmen nicht von ihm ausgehen, sondern, wie man in Kowno vermutet, von seinem Eeneralstabschef, dem Obersten Lobicki. Aber nicht nur von dieser Seite scheint Gefahr zu drohen. Die Sowjetregierung intereffiert sich ebenfalls lebhaft für die Wilnaer Frage und Tschitscherin har erst in diesen Tagen aus diesem Anlaß eine Note nach Warschau gerichtet. Auch in Kowno beruft man sich darauf, Litauen habe in seinem Friedensvertrag mit Sowjetrußland die Verpflichtung übernommen, keine fremden Truppen auf seinem Gebiete zu dulden. Der litauische Delegierte Professor W o l d e m a r hat selbst auf die Gefahr einer ruffischen Intervention lnnge- lviosen. Hartnäckig erhält sich auch das Gerücht, bolsche- wikische Truppen würden in Polozk konzentriert. Mit -Hilfe dieser Truppen soll der Kommunistenfiihrer K a p s o k a s einen selbständigen Feldzug gegen Wilna planen. Sonst kommen noch mancherlei andere Alarmnachrichten aus dem Osten. Nicht nur bei Polozk, sondern auch bei Witebsk und Smolensk sollen bolschewiki- sche Truppen zusammengezogen werden, die den Vormarsch auf Litauen beabsichtigen für den Fall, daß die Polen die Herausgabe von Wilna verweigern.
Bei der vollkommenen Abschließung Sowjetrußlands ist es sehr schwer zu sagen, inwieweit solche und ähnliche Alarmnachrichten zutreffen. Nicht nur chauvinistische polnische Kreise haben ein Interesse daran, Nachrichten über umfangreiche Vorbereitungen der bolschewikischen Armee in die Welt zu setzen. Sicher ist aber, daß das Feuer im Osten keineswegs erlssthen ist, sondern unter-
Morgen-Ausgade.
der Asche weiter glimmt und daß es gar keines besonderen Aufwandes bedarf, um es zur Hellen Flamme zu entfachen. Daher erscheint es begreiflich, wenn man sich in Litauen unter diesen Umständen nicht sehr wohl fühlt. Das offiziöse litauische Blatt „Lietuva" spricht denn auch die Befürchtung aus, Litauen könnte in einen neuen Krieg hiueingezogen werden. Es fordert darum auf, die Waffen zur Verteidigung zu schleifen, denn das Schicksal Aserbeidschans und Armeniens müsse als Warnung gelten!
Die russisch-polnischen Friedensverhandlungen.
v. Wien, 23. Dez. (Eig. Drahtbericht.) Aus Warschau wird gemeldet. Fürst Savieba habe sich über die Friedens- verbandlungen mit Sowjetrutzland dabin geändert. Satz die Verhandlungen einen befriedigenden Verlauf nähmen. Er glaube nicht an eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten. Bezüglich der Stellung Polens zur Kleinen Entente erklärte Sasieba, Polen habe kein Interesse am Frieden von Trianon.
Kämpfe in der Ukraine.
Br. Mobilem, 23. Dez. (Eig. Drahtbericht.) In der Gegend von Schmerinka finden seit dem 10. Dezmber hartnäckige K ä m v i e zwischen ukrainischen Aufständischen und der roten Armee statt. An dem Dnievr ist stets Artillerie- fcuer zu hören und der Feuerschein am Horizont lätzt auf eine Reibe brennender Dörfer schlieben.
Der Rat der Dolkskommkssare fühlt sich in Moskau nicht mehr sicher.
mz. Stockholm, 23. Dez. „Nya Daglight Allebanda" meldet aus Revals Die Erregung in Moskau nimmt mit jedem Tage zu und hat ihren Höhepunkt erreicht, nachdem der Beschlutz der Sowietregieruns. bstr. die Bewilligung von groben Konzessionen an ausländ i'f che K a v i t a l i ft e n. in der Öffentlichkeit bekannt geworden ist. Die Erregung ist so stark geworden, datz der Rat der Po-lt.skom mi sfate defHbchfen hat. nach Petersburg überzusiedeln. Als Grund dieser Übersiedelung gibt der Rat an. datz die erregte Stimmung die ruhige Arbeit der Regierrmg störe. In dem Telegramm beiht es ferner, datz die Volkskommissare sich nicht auf ihre Schuhabteilungen verlassen könnten, iveshalb sie noch vor der beschlossenen Übersiedelung die chinesischen und die lettischen Truppen zusammen«« zogen hätten, unter deren Schutz die Übersiedelung stattfinden solle.
Die schwierige Lage der russischen Industrie.
mz. Moskau, 20. Dez. Ein Aufruf der Regierung verweist aus die schwere Lage in der M e t a l l i n d u st r i e. Im vorigen Jahre habe nicht ein einziger Hochofen gearbeitet; in diesem Jahre seien fünf Hochöfen in Betrieb, die ungefähr 3 Millionen Pud Metall lieferten, d. h. 3 Prozent der Erzeugung vor dem Kriege. Die Metallindustrie brauche ungefähr 20 000 Arbeiter. Etwas besser sei die Lage in der Textilindustrie, die im vorigen Jahre in Anbetracht des Mangels an Baumwolle fast vollständig stillgelegen habe. Heute habe die Rote Armee Turkestan befreit; Rußland habe ungefähr 3 Mill. Pud Baumwolle zur Verfügung. Die Produktion müffe in allen Zweigen mindestes auf die Hälfte der Erzeugung vor dem Kriege erhöht werden.
Bulgarien wünscht keine Beziehungen zu Sowjetrutzland
mz. Kopenhagen, 23. Dez. Die bolschewikischen Zeitun-
m teilen mit. datz die bulgarische Regierung das Ersuchen itscherins um Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Sowjetrutzland zurückgewiesen habe.
Ein Übereinkommen zwischen Rußland und Georgien.
mz. Paris. 23. Dez. (Havas.) Nach einem Moskauer FunTvruch ist zwischen Sowjetrutzland und Georgien ein Übereinkommen zustande gekommen, wonach die Schisse in den georgischen Häfen mit alter oder neuer russi- scher Flagge die in den Häfen Sowietrutzlands eingeschrieben smd. sämtlich zur Verfügung der Moskauer Regierung gestellt werden.
Ein armenisches Ultimatum an Georgien.
mz. London. 23. Dez. (Drabtbericht.) Die armenische Svwietregierung richtete ein Ultimatum an die Regierung Georgiens, worin die Räumung der neutralen Zone zwischen den beiden Ländern verlangt wird. Die georgische Regierung lehnte diese Forderung ab unter Berufung auf die unter der früheren georgischen Regierung geschlossenen Abkommen.
v mz -J< 23 - Dez. (Drabtbericht.) Nach einer
;Demps -Meldung aus Konstautinopel hat die armenische Sowietregierung nach Abschaffung des privaten Eigentums alle ausländischen Schulden und offiziellen Verpflichtungen annulliert.
Das Befinden der Exkaiserin.
m s. 23- ? c ?- (Eig. Drahtbericht.) Der folgende
Bericht über den Zustand der Kaiserin wird heute ausge- geden: Der Blutandrang ist durch die zunehmende Herz- ichwache vergrößert. Die Rächte sind unruhig: die Lage
bleibt unverändert.
Der Kronprinz bleibt in Holland.
Br Berlin. 23. De,. (Eig. Drahtbericht.) Die Nachricht. datz bei der holländischen Regierung ein Gesuch des Kronprinzen um Verlassen des holländischen Bodeuseinge- laufen sei. entbehrt jeder. Begründung.
Sir. 601. ♦ 68. S«chrKemg.
Englands OrientpsLMt.
mz. Paris, 23. Dez. (Drahtbericht.) Wie aus London berichtet wird, erklärte Lloyd George in der gestrigen Sichrng des Unterhauses, daß nach Nachrichten der Regierung aus Konstantinopel Mustafa Kemal-Pascha nach dort unterwegs sei. Falls die beiden Parteien sich verständigen sollten, könnten die Alliierten mit einer Regierung, welche die ganze Türkei vertrete, verhandeln. Man dürfe sich aber nicht ein- bilden, daß es «ine leichte Aufgabe sei, den Vertrag von Sevräs abzuändern. Ohne die Einwilligung Griechenlands könnten die Alliierten nicht über Smyrna verfügen. Er wünsche, datz der Frieds in Kleinasien hergestellt rverdy, er bitte aber das Unterhaus, nicht die ganze britische Politik im Orient zu stören.
Lloyd George über die Ursachen der Arbeitslosigkeit.
mz. London. 22. De«. Im Unterhaus erklärte Lloyd George, di« Regierung sei gewillt, der herrschenden Arbeitslosigkeit zu steuern und bedauere besonders. datz in der Bauindustrie 590 000 Arbeitslose zu verzeichnen seien, was mit Rücksicht auf die Wohnungskrise sebr unangenehm lei. Die Regierung werde daher den Gewerr-' schäften zur Hebung der Krise geeignete Vorschläge unterbreiten. Er sei aber der Ansicht, datz die autzerordentlichen SckiwreriÄeiten. vor die alle europäischen Staaten gestellt seien, nur gehoben werden könnten, wenn man Mittel und Wege fände, um Mitteleuropa neue Handelswege zu eröffnen. Der Arbeitslosigkeit könne man nicht nur dadurch steuern, datz man neue Straßen baue: der springende Punkt sei feines Erachtens die W i e d e r b e r-- stellun» des Handels, damit England wieder kaufen und verkaufen könne.
Verhandlungen KraMns mit englischen Petrolerrmfirmsn.
mz. LostAi>n.i23. Dez. Die „Mornins Bost" will von zuständiger Seite erfahren haben, datz die Delegation Krassen mit groben eualischen Petroleumfirnnen Verhandlungen über dir Gewähruus von. Konzessionen in den Vetroleumfeldern von Baku und Grosnyr anseknünit habe. Die in Frage kommenden Petroleumielder lieferten 95 Prozent der Gesarrntpetroleumerzengung Rutzlands.
Aus -er h-lländischen Kammer.
mz. Hass. 23. Dez. In der Zweiten Kammer erklärte gestern bei der Beratung des Haushalts des Ministeriums des Aubern Minister van Karnebeek, die Resierung lege der Aufnumne der Handelsbeziehungen mrt Ruhland keine Hindernisse in den We«: aber ste könne auch keine Verantwortung für diese Handelsbeziehungen auf sich nehmen. Bezüglich des Zwischenfalls mit Serbien betonte der Aiinister. die Regierung habe grobes Wohlwollen gezeigt: aber dieses Wohlwollen sei durch die Würde des Staates begrenzt. Er rate der Kammer, abzuwarten, wie die Angelegenheit sich entwickeln werde. Die Verirr tu« g Hollands in der Rbein- schiffahrtskommission fei noch nicht in solcher Weise geregelt, die dem niederländischen Staate volle Ge-" nustuung gebe. Der Minister versprach, der Kammer eine Denkschriit vorzulegen über die Haltung der mederländi- schen Delegation bei der Völkerbundsveriammlung in Genf.
Eroßmachtspolitik der Tschechoslowakei.
mz. Prag, 23. Dez. Bei der Beratung der Verträge von Trianon. Reuilly und Sövres im Senat erklärte der Christlich-Soziale, Led ebo ur-^Wi ch els . seine Partei lcbne oiese Vorträge ab. weil die tschechoslowakische Revublik viel zu viel Erotzmacktssolitik treibe, was auch die Hohe des Betrages von 2 Millionen Kronen für Auslands- vrovaganda beweise. -
Mac Cormick in Warschau.
v. Warschau. 23. Dez. (Eig. Drabtbericht.) Der amerikanische Staatssekretär Mac Eormick ist auf seiner Ia- tormationsreise durch Europa hier eingetroffen und voin Ltaatschef empfangen worden. Zum Empfang waren ferner Vertreter des amerikanischen Syndikus erschienen. Eormick verhandelte mit Wittweedencze über dir Möglichkeit eines Kredits für die polnische Industrie und die polnische Landwirtschaft.
Bildung bewaffneter Vertridigungsabteilungcn in Italien.
Mailand. 23. Dez (Eig. Drahtbericht.) Ein« von Vertretern der sozmlistischen Gemeinden Italiens angr- nommeue Tagesordnung richtet an die Sozialisten die Äui- forderung. bewaffnete Verteidigungsabteilungen zu bilden.
Exkönig Nikita verzichtet auf die Zahresrente.
v. Basel, 23. Dez. (Eig. Drabtbericht.) Nach Mitteilungen aus Montenegro bat König Nikita die ihn, von südslawischer Seite angebotene Jahresrentr von 300000 Franken abgelehnt.
Die vereinigte kommunistische Rcichstagsfraktion.
Br. Berlin, 23. Dez. (Eis. Drabtbericht.) Die beiden Gruppen der Llnksunabhängisen und Kommunisten haben sich. letzt auch im Reichstag zu einer Fraktion ve^ einrgt. Ihre Stärke beträgt 16 Mitglieder.
Arbeitslofenausschreitungen in Auerbach.
mz. Berlin. 22, Dez. Wie dem „B. L.-A." a ',0 Dresden berichtet «rrd. zog gestern ein Trupp Erwerbsloser lm Logäiand vor die Amtsbauvtmannschai und vollsuhrte dort emen . grotzvren Tumult. Sicherbeits- volisei stellte tcfeaft bald dre Ordnung »jeder der -
