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Settt & wowimtg, 12. Dezember 1928.

Wiesbadener TagLlatL.

Morqen-Ausga-e. Erstes Blatt. Nr. 881.

Der demokratische Parteitag.

_ Rr Nürnberg, 11. Dezember. ((Eia. Drahtbericht.)

Den Auftakt zum demokratischen Parteitag bildete eine Lagung des Reichsbundes deutscher demokratischer Stuben- >e n. 20 Unwersitüten waren vertreten, darunter besonders herzlich begrünt die Vertreter von Wien, des besetzten Ge­bietes und Ostvreubens. *

3m übrigen gehörte der Freitag den V orb eso re ch un- k?.n zahlreicher Sonderorganisationen de: Partei. Am frühesten mar die Jugend aut dem Plan. Unter Vorsitz des Redakteurs W i e s n e r beriet der Reichsjugendtag über Organyatwn und Stellung der demokratischen Jugendbe­wegung zur Partei und zu den übrigen Bestrebungen der modernen äugend. Nach einer Begrüßung durch den Partei- vorntzenden Dr. P e t e r s e n sprachen Koch (München) über den Persönlichkeitsgedanken uird Denker (Hamburg) über otv Stellung des Reichsjugendtages in und zu der modernen Jugendbewegung.

Der Parteiausschu« war unter Vorsitz von Senator Dr. P e t e r i e n nur kurz beisammen, um nach den Vorschlägen des Abg. Jansen das Bureau des Parteitages und die «Zahlen vorznbereiten.

- < Eine reich beschickte Vertretertagung der demokrati­sch e n Angestellten und Arbeiter tagte unter Vorsiitz von Graf (Berlin). Reichstagsabg. Ziegler hielt einen mit lebhafter Teilnahme aufgenommenen Vor­trag, über Arbeitnehmer und Demokratie. Er lehnte mit ausnihrlicher Begründung unter lebhaftem Beifall und wiederholten Zwisäienruten der Versammlung eine Fusion zwischen Bolksvartei und Demokratischer Partei ab. Reichs- tassabg. Erkelenz sorach in klaren, überzeugenden Dar­legungen überDemokraiie und Wirtschaft".

.. Ein Ausschuß des Mittelstandes beschäftigte sich unter Vorsitz des Rerchstagsadgeordneten Handwerksmeister Bart- schat (Königsberg) mit den Vorfragen der Gründung eines Liittelltandsausschusses.

Im Saale des Künfflerhauies war eine glänzend besuchte Frauentagung. Der Parteivorsitzende. Senator Dr.

e ü k eßr 'iB* e die Frauen und betonte die kamerad- smaftliche.Zusammeuarbeii von Mann und Frau in der Politik, die in der Demokratischen Partei selbstverständlich see Es folgten Referate von Frau Else Wer (Lüneburg): ..Welwe Schwierigkeiten stehen der Ausbreitung demokrati- >er Gedanken unter den Frauen auf dem Lande entgegen?", wrd von <rrau Emma Brommer (Mannheim). Mitglied des Relchswirtschaftsrates. über ..Wirtschaftsvolitik und Hausfrauen . Beide Referate schärften bei allen Teilnehme- rinnen das Gefühl der politischen Bkitverantwortlichkeit am Wiederaufbau Deutschlands und stärkten den Willen, ge­meinsam mit den Männern dem Vaterland in der Notzeit besonders zu dienen.

Im Beamtenausschutz wurde nach Erledigung von illrganliallonsfragen noch einmal eingehend die Notlage der Beamten und das Auftreten der Demokratischen Partei für Fie innerhalb der Regierungskoalition besprochen. Der Rerchstagsabgeordnete Schuldt berichtete ausführlich über die Besprechungen mit dem Reichsfinanzministei. in der demokratii-ben Reichstagsfraktion und im interfraktionellen NkeKrhellsausschnh des Reichstags. Von allen Seiten wurde anerkannt, datz die demokratische Fraktion nickts versäumt habe, um den Beamten zu belfen. Trotzdem wurden weitere Bestrebungen des Reichstags zur Verbesserung der Lage der Beamten, für notwendig gehalten. In einer Resolution wurde dr« Gliederun« der demokratischen Beamtenschaft im Ortsausschüsse. Bezirtsallsschüss« und einen Reichsausschutz gefordert.

Abends 7.36 Uhr fand im festlich geschmückten großen Saale des. Industrie- und Kulturvereins eine außerordent- lich. zahlreich besuchte ostentliche Versammlung statt. Frau Rerchstagsabgeordnete Dr. Lüders nahm die Wahl Nürn­bergs zum Ort der Tagung als Symbol für die Einigkeit der deutschen Stämme in Nord und Süd. die heute not­wendiger sei denn je zuvor. Wir müssenns klar werden, daß wir an den folgen des Krieges noch lange leiden wer­den. und muffen unlern ganzen Willen in den Dienst der fchweren Aufgabe stellen, um dem wirtschaftlichen und nationalen Leben neues Blut »uzufübren. Nur wenn die Gedamtbeit der Nation den kategorischen Imperativ zur Richtschnur nimmt: demokratisch süblen. demokratisch wollen und demokratisch harrdeln. wird Deutschland in der Welt wieder zur Geltung gelangen.

'Von Beifall begrüßt, erschien dann an Stelle Schiffers Rerchsminister Dr. Koch am Rednerpult. Nachdem er das Verhältnis der Demokraten zur Bolksvartei besprochen batte, erklärte der Minister u. a.: Deutschland ist noch nicht über den Berg, wie manche glauben, und manche Ent- tauichungen werden noch kommen. Ein Gutes bat der Wemsel in,der verantwortlichen Leitung des Staates, daß im Volke Verständnis dafür geweckt wird, daß es nicht allein die Politiker sind, die regieren, sondern mehr als ste die Tat­sachen. Koch verwahrte die Reichsregierung gegen den Vor­wurf der Schwäche. Di« Zukunft des Volkes werde am besten gesickert fern, wenn es sich auf sich selbst besinnt. Gewiß steckt unser parlamentarisches Leben noch in den Kinderschuhen.

aber wie sollte es anders sein bei einer Nation, die so lange am Eängelbande geführt wurde. Der Parlamentarismus ist di« Ausdrucksform der Demokratie, aber noch nicht die Demokratie selbst. Wir sind in jeder Beziehung erst am An­fang einer demokratischen Entwicklung. Wir' müssen unsere Verwaltung mit dem demokratischen Geiste durchdringen. Dr. Koch berührte das Problem der Sozialisierung, die eine Zauberformel von fragwürdigem Werte sei. Er be­leuchtete die Wichtigkeit des Wohnungs- und Ciedelungs- vroblems. Alle diese Ziele sind nur zu erreichen, wenn es uns gelingt, zum Ausland in ein erträgliches Perbältnis zu gelangen. Die Haltung der Demokratischen Partei hat sich in schweren Tagen in inneren und äußeren Fragen als notwendig im Jntereffe des Vaterlandes erwiesen. Man mag die Demokratische Partei schelten und schmähen, so viel man will: die demokratischen Ideen marschieren. Die Rede des Reichsministers des Innern war von häufigem Beifall begleitet, der sich zum Schluß zu einer starken Kundgebung steigerte.

Reichstagsabgeordneter und badischer Minister D i e t r ich gab als dritter Redner der Überzeugung Ausdruck, daß wir uns trotz aller sozialen Schlagworte in einer sozial rück­läufigen Periode befinden Zwei Aufgaben seien heute zu lösen: die Hebung der landwirtschaftlichen Produktion und das Wohnungsproblem. Deutschland brauche eine innere Umwandlung seiner Menschen, die sie zu größerem Opfersinn und größerer Opferwilligkeit für das Ganze und den Staat befähigt.

Namens der Bevölkerung der besetzten Gebiete legte zum Schluß der Versammlung Herr Schefses (Neuwied a. Rb.) ein Treugelübnis der Rheinland er zum Reiche ab.

Eine Erklärung des Veamtenbundes.

mz. Berlin. 11. Dez. (Drahtbericht.) Vom Deutschen Beamtenbund geht uns folgende Erklärung zu: Der Deutsche Veamtenbund stellt fest, daß weder Erlasse noch Ver­fügungen den gewerkschaftlich organisierten Beamten das Beriaffungsrecht nehmen können, lebenswichtige Forderun­gen mit allen gewerkschaftlichen Mitteln zu erkämpfen. Die im Deutschen Beamtenbund zusammengeschloffener, Beamten halten aber die allgemeine politische Lage des k-eutschen Volkes für so ernst, daß ihre pfli^mätzige Wahr­nehmung des ihnen vertragsmäßig obwaltenden Dienstes dem Volke gegenüber es nicht erlaubt, vom letzten gewerkschaft­lichen Mittel Gebrauch zu machen. Der Deutsche Beamten­bund kann unmöglich jedoch aus diesem Entschluß heraus seine bisherigen wirtschaftlichen Forderungen vreisoeben. Er kordert nach wie vor unverzügliche Anvaffung des Dientt- einkommens an die allgemeine wirtfchasiliche Lage und jede Sicherstellung -es Eristenzminimums. das allein die den Staat erhaltenden Grundlagen des Berufsbeamtentums gewährleistet.

Gesprengte Versammlungen.

mz. Berlin. 11. Dez. Eine gestern abend vom Berliner Kartell der christlichen Gewerkschaften in der Dtavtballe emberufene Versammlung, in der Reirbsvost- minffter Eiesberts sprechen sollte, wurde durch radikale Elemente derart gestört, daß die Versammlung geschloffen werden mußte. Eine deutsch-nationale Versammlung in Svandau. in der Erat Westarp sprechen sollte, wurde durch radikal« Elemente gesprengt.

Das Abkommen über die Schweizer Goldhypotheken.

W.T.-B. Berlin, 10. Dez. Der Austausch der Ratifikationsurkunden über das Abkommen zwischen der Schweiz und Deutschland, betreffend die Schweizer Goldhypotheken an Deutschland, und gewisse Arten von Frankenfordernngen an deutsche Schuldner hat heute in Bern stattgefunden. Damit ist das Ab­kommen in Kraft getreten.

Die internationale Donaukommiffion.

. Wien. 10. Dez. Die internationale Donau-

kommiffion be.chloß. die nächste Versammlung der Kom- mrffion am 8. Mai 1921 in Paris stattfinden zu lasten. Morgen soll die Unterzeichnung der Protokolle und die vckliehung der diesjährigen Tagung erfolgen.

W. D.-.8 Wien, 10. Dez. Die Mitglieder der inter­nationalen Donaukommiffion wurden gestern im Ratbaus von Bürgermeister Neu mann empfangen. Der englische Admiral. Tr oub ri d ge erklärte hierbei in einer Ansvrache: FZ ist dr« Pflicht der Donaukommiffion. den internationalen Ebarakter der Donau aufrecht zu erkalten. Sacke der Donau lande: ist es. selbst aus dem Ergebnis unserer Arbei­ten den höchsten Vorteil zu ziehen. Das kann nur erreicht werden, wenn die Volker aller Staaten, der neuen wie der altem, jene wirtschaftlichen Beziehungen wieder aufnehmcn. Die kur dre Wohlfahrt der Gesamtheit der Völker Mittel- und Sudosteurovas vollkommen unerläßlich sind.

Ungarn und Deutschland.

Von Dr. Richard Bahr.

Es gibt vielleicht kein zweites Volk, bei dem der poli­tische Nerv so entwickelt ist wie bei den Magyaren. Mag sein, datz das vornehmlich von jener dunen Oberschicht gilt, dem Magnatadel und der Gentry, die trotz allen Wahlrechtsreformen bis zum großen Zusammenbruch vor zwei Jahren die Herrschaft geführt haben und nun, nach dem der Bolschewikenrausch verflogen, sie wieder führen. Die aber jedenfalls ist politisiert bis in die Fingerspitzen und da die bis auf den heutigen Tag nicht abgelöste Komitatsverfassung alle tatsächliche Macht in ihre Hand gibt, kommt es im Grunde allein auf diese 6- bis 6000 Familien an. Sie bringen für ihren Herrscherberuf ganz ausgezeichnete Eigenschaften mit: Gewandtheit und Zähigkeit, einen selten irrenden poli­tischen Instinkt und einen ursprünglichen und einge­borenen Elan, der sich in ein nationales Wollen von leidenschaftlicher Einmütigkeit umsetzt. Solchen Be­gabungen haben in den letzten rund 100 Jahren die Magyaren ihre Erfolge zu verdanken gehabt. Sie saßen in der ehemaligen Dopxelmonarchie zu oberst ctn der Tafel und sie hatten aus ihr den vielleicht am straff­sten organisierten Nationalstaat zu machen gewußt. Das wurde ihnen dadurch erleichtert, daß sie, die sonst nicht immer zur Mäßigung neigten, in einem Stück Matz zu halten gelernt hatten: diese Oligarchie war niemals exklusiv. Sie öffnete sich mit kluger Weitherzigkeit jedem, der sich mit treuem Eifer in ihren Dienst stellte. Dem reich gewordenen jüdischen Bankmann. Advokatm, Parlamentarier und einflußreichen Publizisten. sDie sitzen auch heute alle noch im Sattel. Woraus sich er­gibt, daß das sozialdemokratische Gezeter über den weißen Terror" und die fortdauernde Pogromstim- inung auch nach der Richtung starker Einschränkung be­darf.) Und genau so dem Rumänen, Serben, Slowaken und Deutschen, der sein Volkstum abschwor und, mit oder ohne Namensänderung, sich zum Magyarentum be­kannte. Möglichkeiten des Aufstiegs, von denen zu unserer Schande muß das gesagt werden von allen ungarländischen Nationalitäten die Deutschen den ver­schwenderischsten Gebrauch machten. Dazu kam dann noch eins: die bestechende Liebenswürdigkeit des Ver­

kehrs mit dem Landfremden und die breite, schon schier erstickende Gastfreundschaft, die jedweden umfing, von dem man annahm oder hoffte, daß er nach seiner Heim­kehr zu einem Mehrer magyarischen Ruhms werden könnte.

Es scheint, daß diese beachtenswerten und an sich vortrefflichen Eigenschaften auch den Hexensabbat Samuelys und seiner dunklen Gesellen überdauerten. Wer immer in den letzten Monaten aus Ungarn wiederkommen mochte (auch wenn er nicht zur öster­reichischen Karlistcngemeinde gehörte und jenen paar phantastischen Reichsdeutschen, die von Budapest nach München und dann nordwärts ein Netz zu spannen trachten), pries, worin er recht hatte, die Ordnung, die mit weiser Stärke Admiral Horty wiederherstellte. Und inbrünstig wiederholte er die alte, im magyarischen Tiefland ersonnene Formel: die Magyaren wären von Haus die direkten Freunde des Deutschen Reichs und des deutschen Volkes Nur den Deutschösterreicher könnten sie nun einmal um den Tod nicht leiden. Das aber ist leider noch immer nicht wahr. Und darnm kranken die Visionen mancher sogenannten Außen­politiker Uber die künftige Stellung Ungarns, das fein eigenstes Interesse an die Seite Deutschlands zwänge, an dem nämlichen Fehler wie die reichsdeutsche Be­trachtungsweise auswärtiger Probleme überhaupt: man sitzt über Landkarten gebeugt an seinem häuslichen Schreibtisch und dekretiert von dort, was die Leuts, draußen als ihren Vorteil empfinden müßten. Einst­weilen hat Rest-Ungarn seine auswärtige Orientierung offenbar noch nicht ganz gefunden.

Die Abneigung gegen das Deutschtum als solches

«5. Fortsetzung.)

Nachdruck verboten.

Das Marienkind.

Roman von A. Noel.

Aber die Folge war nun, daß Walli Rheinprecht ihm auf den ersten Blick ausgesprochen häßlich erschien, und das machte ihn bestürzt und raubte ihm für den Moment einen Teil seiner sonstigen Weltgewandtheit.

Die?" dachte er.Was fällt Mama nur ein?"

Dis gräflich-freiherrliche Familie mochte nun gar glauben, er fei befangen, und es ärgerte ihn, zu denken, datz er diesen Eindruck erwecken könnte.

Auguste Rheinprecht, der die Eeheimrätin ihren Sohn zuerst vorführte, da ihr die Baronin entgegen­getreten war, empfing Rolf wohl nicht ganz mit ver­wandtschaftlicher Herzlichkeit, doch mit der glatten Liebenswürdigkeit der Weltdame.

Ich bin sehr erfreut, Sie kennen zu lernen, lieber Rolf, denn ich hörte schon so viel Schönes über Sie."

Aber von wem haben Sie es gehört, Baronin", wandte Rolf ein, nachdem er der Dame die Hand geküßt hatte.Von Mama. Das gilt nicht."

O doch!" widersprach die Baronin freundlich.

Liebe Gräfin", wandte sich die Eeheimrätin zu der alten Dame.

Diese unterbrach ihr Gespräch mit dem alten Herrn, hob ihre Lorgnette an die Augen und besichtigte Rolf mit einer Unbefangenheit, die an Unverfrorenheit

grenzte.

Da ist es also, Ihr liebes Söhnchen?" fragte sie

spitz lächelnd.

Ich denke, Mama, Verkleinerung ist da nicht am Platz", meinte die Baronin.

Well, ja, ich glaube, er hat sein Maß. Und auch sonst." Sie nickte Zufriedenheit und reichte Rolf die Hand zum Kusse.

Rolf ärgerte sich ein wenig über ihre Manier. Sie sah allerdings aus wie eine regierende Fürstin, diese alte Engländerin, aber sie spielte sich auch anscheinend auf eine solche Hinaus.

Guten Tag. Vetter Rolf", sagte Walli Rheinprecht.

als an sie die Reihe kam. ihn zu begrüßen. Freundlich und unbefangen bot sie ihm die Hand, und als er ihren Augen begegnete, die in so überraschender Weise an die Farbe des Meeres erinnerten, fühlte er zu seiner Be­ruhigung, daß Walli Rheinprecht ganz voraussetzungs- los an die Bekanntschaft mit dem neuen Verwandten herantrat und nichts von den Plänen seiner Mutter ahnte.

Ja, die waren wohl im allgemeinen ganz einseitiger Natur. Die alte Gräfin und die Boronin wären sicher sehr erstaunt, wenn sie den Ehrgeiz seiner Mutter ahn­ten. denn Walli Rheinprecht galt als große Partie und stellte Gott weiß welche Ansprüche.

So widerspruchsvoll ist die männliche Natur, daß Rolf, der Walli unschön fand und den Plan seiner Mutter nach dem ersten Blick auf die von ihr Bestimmte verwarf, sich dennoch unangenehm berührt fühlte, als er sich sagen mußte, die drei Damen würden vielleicht die Idee einer Werbung seinerseits für anmaßend hal­ten, weil er ihnen nicht ganz für voll galt.

Das ist nett. Walli, daß du meinen Sohn gleich als Vetter begrüßest", lobte die Eeheimrätin.

Ach. warum nicht? Wir sind doch Vetter und Base, und ich leide von jeher an einem Mangel an Vettern, besonders an netten."

Trauen Sie es mir zu, daß ich ein netter Detter sein werde?" fragte Rolf.Da muß ich mich ja be­danken."

Oh, ich denke von den Leuten anfangs immer das Beste", versicherte Walli.Bis auf Widerruf. Ich bin eine geborene Optimistin."

Kunststück!" sagte der lange Herr, mit dem sie ^vor­her gesprochen hatte und der beim Sprechen noch viel klaviertastenmäßigere Zähne entblößte als sie.Wenn man so vom Himmel begünstigt ist wie Sie, gnädiges Fräulein!"

Ich kann mich wahrhaftig nicht beklagen", gestand ste lachend.

Wie meint sie das?" fragte sich Rolf. In bezug

auf Lebenslage, Rang. Glanz und Reichtum hatte sis gewiß recht; sie schien aber diese Zufriedenheit auch auf ibre Person auszudehnen, und das fand Rolf weniger berechtigt.

Allein, kam einem verwöhnten jungen Mädchen der oberen Stände wohl je zum Bewußtsein, daß ihr etwas fehlte?

Ich möchte wissen, ob sie sich für schön hält", dachte Rolf.

Im Grund hatte sie ja recht, wenn sie sich auch mit Hinsicht auf ihre Persönlichkeit für gut ausgestattet hielt. Man konnte nicht leugnen, daß sie eine hocharistokrati­sche Erscheinung war, einen blendenden Teint und ein wundervolles Kolorit hatte. Sie schien auch eine voll­kommene Gesundheit zu beützen, strahlte von Lebens­kraft. von heiterem, lebensfrohem Temperament.

Aber er, der sie bei sich mit der Erscheinung von der Landungsbrücke gestern abend verglich, er sah nur die wulstige Unterlippe, die zu gewölbten Augen, die roten Wimpern.

Walli Rheinprecht stellte Rolf dem langen Blonden vor, den sie Attache v. Silius nannte.

Wenn die beiden einander etwa heiraten, was für Zähne werden ihre Kinder haben?" dachte Rolf, als Herr v. Silius in verbindlichem Lächeln fein herrliches Gebiß enthüllte.

Es schien ihm, daß Herr v. Silius Walli etwas den Hof mache.

Vielleicht schien es ihm nicht nur so. Bisher hatte Herr v, Silius sich innerlich nicht sehr angelegentlich mit Walli Rheinprecht beschäftigt, obgleich er wußte und anerkannte, daß sie eine große Partie war. Aber er hatte sie nie sehr anziehend gefunden. Run aber, da dieser Assessor von Merkbuysen auftauchte, erschien ihm die Sache in einem anderen Lichte.

Aha", sagte, er sich, dieZitrone", so nannte er die Eeheimrätin bei sich,hat Absichten für ihren Sohn!"

Nicht umsonst gab sie sich so viele Mühe, liebens, würdig zu fern.