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Freitag, 10. Dezember 1920.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 577. ♦ 68. Jahrgang.

Wehrmimster und Heeresetat.

Bevor der Haushalt des Reichswehrministeriums in den Ausschuß kam, haben wir hier mancher ernsten Be­fürchtung Ausdruck gegeben. (Siehe den Artikel „Um Heeresetat und Reichswehr" in Nr. 537 des Wies­badener Tagblatts vom 16. November.) Der Auftakt im Plenum, im August schon, und dann, nach der Kasseler Kampfansage, bei der Eeneralaussprache über den Etat hatte nicht eben verheißend geklungen. Es schien fast, als ob die Militärdebatten von ehedem Ur­ständ feiern sollten und unser bißchen Reichswehr, von den eigenen Staatsgenossen weiter verkürzt und zer­stückelt, dabei auf der Strecke bleiben könnte. Die Be­ratungen im Ausschuß sind dann doch anders und er­freulicher verlaufen. Zwar als man begann, erklärte Herr Stück len kurzerhand Herrn Eeßler als eine Gefahr für die Republik. Aber je länger man beiein­ander saß und in sachlicher und sorglicher Erörterung die Bedürfnisse unserer Wehrmacht prüfte, um so mehr schwanden Angriffslust und feindseliger Argwohn da- bin. Zuguterletzt war man nicht mehr weit von einer Einheitsfront entfernt, die von den Deutschnationalen bis zu den Mehrheitssozialdemokraten reichte. Letztere gehen ohne Frage jetzt unbehagliche Wege. Ganz und gar von der lka-ro du nombre beherrscht, von der Sucht, durch die Bereinigung mit den Unabhängigen Mandats­ziffern und Wählerzahl zu erhöhen, opfern sie Tag für Tag und Stück für Stück von den Ergebnissen und Ein­sichten der Entwicklung der letzten Jahre. Die wollen sie offenbar den Brüdern zur Linken als Heiratsgut mitbrinaen und lo sind sie drauf und dran, aus einer staatspolitischen Partei wieder zu einer zu werden, die ausschließlich auf Agitation und Demagogie gestellt ist.

Es ist immerhin beruhigend festzustellen, daß die Reichswehr zu diesen Vermählungsgaben nicht gehören wird. Im Ausschuß blieben die Unabhängigen als Vorkämpfer der unentwegten Utopie allein. Allein mit ihrer närrischen Angst vor diesem deutschen „Militaris- mus", der sich im besten Fall auf ganze 100 000 Mann stützen wird. Auch mit ihren Angebereien und ihrer unwahrbaftigen und unehrlichen Gesinnungsschnüffelei. Die Mehrheitssozialdemokraten zeigten genau wie die anderen Parteien anerkennenswertes Verständnis für die Lebensfragen des Heeres wie für die dauernden Gc- fahren an unseren Ostgrenzen. Und gerade aus mshr- bektssozialistischem Munde vernahm man ein paar hübsche Bosheiten über diese Troßsiegelbewahrer des reinen Glaubens, die erst nach der Revolution und zism- lich unvermittelt ihr republikanisches Herz fanden.

Das Verdienst an diesem wohltuenden Wandel wird man in erster Reihe dem Reichswehrminister selber zu­rechnen dürfen. Herr Dr. Eeßler ist in dem gegen- wartigen Kabinett wie in den früheren, denen er an- gebort?. eine der anziehendsten Erscheinungen. Viel- leicht ist er überhaupt einer der ganz wenigen Männer von Kraft. Eigenwuchs und Bedeutung, die die Wogen der Staatsumwälzung nach oben getragen haben. Er bat den Blick für das Wesentliche, weil er die Menschen steht, nicht bloß die parteimäßig organisierten. Und er bai oas Erbe süddeutschen Blutes — daneben die frische Ursprünglichkeit, die erst Gefallen auslöst und dann Vertrauen. Dieser württembergische Wachtmeisters- jomt, der mit Freimut und Stolz von der häuslichen Enge erzählt, ans der er kam und heraufwuchs, ist kein Mann, der sich „einwickeln" läßt. Auch von General v S e e ck t nicht. Die Erkenntnis teilte sich sichtlich auch ..en anfänglich so Kampflustigen mit und so kam, wie übereinstimmend berichtet wird, im Ausschuß nach und nach eine angenehme Atmosphäre der Sachlichkeit auf. .itan horte Gründe und Gegengründe und ließ sich über­zeugen. Em Beweis dafür, daß auch ein Kriegsminister aus dem Zivilstand seine Verdienste haben kann. Ganz abgesehen davon, daß unter den dermaligen Verhält­nissen ein anderer kaum möglich wäre.

Dennoch ist es nicht ganz obne Streichungen abge- die Bftlitärseelsorge ist trotz den sozia- ikstisckmn Anstürmen der Reichswehr erhalten oeblieben. .i'n-d für die Militärmusiken haben sich schließlich sogar die Mehrbeftssoziasdemokraten eingesetzt. Auch die For­derungen für die Truppenübungsplätze, die nun, wo es ^ue Übungen im Gelände mehr geben darf, zur uner- .aßuchen Notwendigkeit wurden, sind im wesentlichen bewilligt worden. Aber von den insgesamt 265 Mil­lionen für.Beschaffung von Waffen, Gerät und Instand­setzung des Materials hat man 65 gestrichen und das ist gerade setzt, wo wir das Heer neu aufzubauen und den vielerlei Kriegsersatz auszuwechseln haben, schwer genug -JAch^rzlicher vielleicht noch sind die Ab- striche beim Oftizierkorps. wo man auf Kosten der Gene- «dsoAziere die Zahl der Leutnants ver- JSß b! c2 lr ! rmb bie Beförderungsmöglich-

A^cküEert worden und der leidende Teil werden wohl gerade die aus dem Unteroffizier­

stande hervorgehenden Offiziere werden. Darum wäre es zu wünschen, daß sich im Plenum milde Hände fän­den, die zurechtrücken und lindern, wo der Ausschuß noch unnachgiebig sein zu müssen glaubte. In einem Stück wird freilich auch die Erörterung in der Vollversamm­lung keine Abhilfe zu bringen vermögen. Diese Etats­beratung kommt zu früh. Die Verabschiedung des Reichswehrgesetzes hätte ihr voraufgehen müssen. Das ist durch die Geschäftslage des Reichstags unmöglich ge­worden und nun steht unsere Heeresverwaltung vor der Aufgabe, die Offiziere auf 25, die Mannschaften auf 12 Jahre zu verpflichten, ohne ihnen zugleich doch über Rechte, Obliegenheiten und Aussichten irgendwelche Garantien geben zu können. Ob es unter diesen llm- ständen möglich sein wird, zum 1. Januar den vollen Bestand von 100 000 Heeresangehörigen zu erreich'«, mag zweifelhaft erscheinen. Wennschon man vielleicht den Ablauf der Dinge in der Kommission in dieser Be­ziehung als günstiges Omen nehmen darf!

Ein Merkblatt zum Wehrmacht-Bersorgungsgefetz.

... Berlin. 9. Dez. Die rechtzeitige Verabschiedung der kur die W e hrmacht grundlegenden Gesetzentwürfe war nach Lage der Verhältnisse nicht möglich. Andererseits mutz gemätz dem Diktat von Cva vom 1. Januar 1921 ab die Verpflichtung zu 12- und 25jäbrigem ununterbrochenem Dienst gefordert werden. Es war daher notwendig, den «rreiwilligen die geplanten und von der Regierung vorge- Magenen Bedingungen bekannt zu geben. Nur aus diesem Grunde bat das Reichswehrminifterium im Einvernebmen mit der Regierung ein Merkblatt veröffentlicht, welches Auszuge aus den Entwürfen zum Wehrmacht-Versorgungs- gesetz enthält sowie Hinweise auf Veförderunasaussichten, Ausbildung. Urlaub. Versetzung. Besoldung. Bekleidungs- und Verpflegungsgebübrniffe. Die Vorbemerkung zu dem Merkblatt weist ausdrücklich darauf hin. datz die erwähnten Gesetzentwürfe erst der Genehmigung durch die gesetzgebenden Körperschaften bedürften.

Bayern und die oberschlefische Frage.

, mz. München, 9. De,. (Drabtbericht.) Der Katto- witz er Gesangverein. der heute in München einge­troffen nt. hat im Odeon ein Konzert abgehalten, zu dem auch der Ministerpräsident v. Kahr erschienen war. Die Zanger ernteten stürmischen Beifall des überfüllten Saales. Namens der bayerischen Staatsregierung hietz Staatssekre­tär S ch w e y e r in einer kurzen Ansprache die oberschlesi- ;wen Gaste willkommen, wobei er u. a. ausführte: Die ober- fchlefifche Frage ist die deutsche Frage im vollsten Linne des Wortes. Bayern, das Schulter an Schulter vier -fahre mit den anderen Ländern für die gemeinsame gute Sache gekämpft bat. wird auch in dieser Frage mit den anderen Ländern Schulter an Schulter zusammenstehen. Wir Bayern sind nicht gewillt, uns hierin von irgend einem anderen Land ubertreffen zu lassen. Wir sind in diesem Kampf auf unsere schwache Kraft allein angewiesen, wäh­rend das Nimmersatte Polen die Unterstützung der Entente geniest. Darum heitzt es. alle unsere Kräfte zusammen­nehmen. zu verdoppeln und zu verdreifachen und Zahlen zu schaffen, die auch bei unseren Gegnern nicht unbeachtet bleiben durften. Der Staatssekretär trat für das Stimm­recht der Ober'chlefier im eigenen Lande ein und schloß seine oftmals von stürmischem Beifall unterbrochenen Ausführun­gen mit den Worten des Dichters: ..Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Rot uns trennen und Gefahr. -

Die Sozialisierungsverhandlungen vertagt.

Br. Esten. 9. Dez. (Gig. Drabtbericht.) Die Verhand­lungen der Verständigungskommission in der Sozialisse- rungsfrage des Bergbaus sind vorläufig aufvierWochen vertagt worden, nachdem sich eine einheitliche Stellung­nahme zu, den vorliegenden Anträgen nickt ermöglichen lieh. Die Anträge scheiterten an dem Widerspruch der Arbeitgeber oder dem der Arbeitnehmer. Auch wurde ihre Durchführ­barkeit. aus finanziellen und bureaukratifchen Gesichtspunkten bezweiielt.

Das Arbeitsnachweisgefetz.

W.T.-B Scrtin. 8. Dez. Der Entwurf eines Arbeits- nachwelsgesetzes wird zurzeit im Reichsarbeitsministerium iertiogestellt. , Vermutlich wird er in den nächsten Wochen der Reichsregierung zur Entschließung zugehen.

Groß-Thüringen.

r , , 2r. Berlin, 9. Dez. (Eig. Drabtbericht.) In rechts­stehenden Kreisen Thüringens macht sich eine Bewegung be­merkbar. die auf eine schleunigste Beseitigung der noch bestehenden thüringischen Einzelregierungen und Parlamente hmzielt.

Die Teuerungszulagen der Beamten.

1V.D.-B. Berlin. 8. Dez. Zur Beratung über die Teue- rungszulagen der Beamten traten heute vormittag die Fraktionen der Deutschen demokratischen Partei und der 4. eullchnationalen Volksvartei im Reichstag zusammen. Aus den Kreisen der letztgenannten Partei erfährt der „33. L.-A." da« gewünscht wurde, auch denjenigen Beamten die Zulage zukommen zu lasten, die unverheiratet stnd oder keine Kinder haben. Die Deustchnationalen würden einen Antrag ein- bringen, ln dem auch die Kinderlosen Berücksichtigung finden losten.

Eine günstige Zuckerernte.

. - Berlin. 8. Dez. Im wirtschaftspolitischen Aus-

chutz des Relchswirtschafisrates machte Kommmzienrat Untncht Mitteilungen über die Zuckerernte. Im vorigen Jahr habe sie knapp 14 Millionen Zentner betragen, in diesem Jahre dagegen 23. vielleicht sogar 2 4 Millionen Zentner. Diese Ernte genüge für die Bedürfnisse des Inlandes. Eine weitere Steigerung bringe uns dem Zeit­punkte naher. da. wir Z u ck e r a u s f ü h r e n und damit einen Teil der Einfuhr ausgleichen könnte».

Die Völkerbundstagung in Genf.

, mz. Genf, 9. Dez. Die Zweite Kommission genehmigte NN Proiekt über die Budgets der verschiedenen techni- m'en Organisationen. Die Dritte Kommission vertagte die artikelweise Diskussion des Projekts über einen ständigen internationalen Gerichtshof auf Donnerstag. A ' e llnterkommistion der Dritten Kommission beriet über die t'vn der Haager Juristenkonferenz ausgearbeiteten und von dem Volkerbundsrat in Brüssel abgeänderten Projekte, c j-x mz - 0- Dez. Der italienische Delegierte S ch a n z e r lltzte gestern abend den Pressevertretern Italiens m r- v u n ß mit Bezug zum Völkerbund und die italienische Auffassung von der Notwendigkeit der wirtschaftlichen Soli- earitat auseinander. Mit Bezug auf den Pariser Pakt sagte ". dieser sei natürlich verbesserungsbedürftig. Auch die aufschrebung der Abänderungsanträge sei zu bedenken, da man vorstchtig Vorgehen und Erfahrungen sammeln müsse. -Me Hauptaufgabe der Liga müsse die Schaffung wirtschaft- licher Solidarität sein. Durch gereckte Rohstoffverteilung muffe man die Industrie aller Länder zur Arbeit aneisern, damit die Lage der Arbeiterschaft nicht gefährdet werde.

, Die Danziger Grenzen.

9 -, Dez. (Eig. Drabtbericht.) Die für den Abschnitt Danzig festgesetzte GrenzkomMission bat jetzt die Erergen der freien Stadt Danzig endgültig festgelegt, und zwar sowohl gegen Polen als auch gegen Deutschland. Es und nur unmerkliche Veränderungen gegen d>e urwrunglcche, Erenziestsetzung erfolgt. Bemerkenswert iJr ,2 9ft Weichselbrücken bei Dirschau den Polen und die Rogatbrucken bei Marienburg Deutschland zugesprochen sind. Lft. Danziger Grenze verläuft unmittelbar an den beiden Brückenköpfen.

Der militärische Schutz Danzigs.

^ Danzig. 9. Dez. Heute wird sich der Danziger senatsprasident Dr. Saint nach Genf begeben, um vor dem Völkerbund den, Standpunkt des Danziger Senats in der urage des militärischen Schutzes von Danzig zu erörtern.

Harding und der Völkerbund.

mr. London. 9. Dez. (Drahtbericht.) Wie aus Washington gömeldet wird, hatte Harding eine Reihe von Unterredun- Len mit seinen Ratgebern über die Völkerbundsfrage. Dss- gseichen fand ein Gedankenaustausch über die Zusammen- fvtzmig des neuen Kabinetts statt.

Wilson und der Friedensvertrag.

mz. London. 9. Dez. (Drabtbericht.) Die „Times" aus New Bork: Die Tatsache, datz Wilson in seiner Botschaft an den Kongreh auf den Friedensvertrag keinerlei Bezug nehme, wird seiner bereits erwähnten Absicht zuge­schrieben. den Vertrag von Versailles nochmals dem Kongreh vorzulegen mit dem dringenden Ersuchen an den Senat, den Vertrag im Interesse des Weltfriedens zu ratifizieren. Zu diesem Zweck wird Wilion eine neue Botschaft an den ^richten, nachdem die innervolitischen Fragen er­ledigt sind.

Eine Ententenote Wegen der Hohenzollern-Abfindung.

Br. Berlin, 9. Dez. (Eig. Drahtbericht.) Eine neue Rote der Entente an Deutschland steht unmittelbar bevor. Frankreich und England würden von der deutschen Regie- rung erschöpfende Rechnungslegung darüber fordern, welche Summen Deutschland seit dem 9. November 1918 ftwob! an den Erkaiser als auch an andere Mitglieder des vauies Hohenzollern gezahlt habe. Die Entente wird genaue Aufklärung über die Titel verlangen, unter welchen die Gelder zur Auszahlung gelangt find.

England und die Rheinkanalisation.

v. London. 9. Dez. (Eig. Drahtbericht.) Im Unter b a u s lenkte ein Abgeordneter die Aufmerksamkeit der Regierung auf Plane, die auf eine Kanalisation des Rheins zwischen Basel und Strasburg abzielen. Während die deutsche und französische Regierung diesem Plan sympathisch gegenubersteben. mache sich in der Schweiz schärfste Kritik bemerkbar da durch dieses Proiekt die Schiffahrt behindert werde. Lloyd George erklärte unter Berufung auf den Fri^- dcnsvertrag. datz alle Projekte auf dem Rhein der Billigung der Rheinkomnilstion unterworfen sind.

Der päpstliche Vertreter für OSerschlefien. mz. Rom. 9. Dez. (Drahtbericht.) Die „Agenzia Stefani" meldet: Infolge der Bewegung, die innerhalb der polnischen Geistlichkeit im Zusammenhang mit der Kundgebung des Fürstbischofs Bertram entstanden ist, entschloß sich der Vatikan, nach Oberschlesien den Wiener Geschäftsträger des Hl. Stuhles Msgr. Ogne zu entsenden. Msgr. Ogne, der hier erwartet wird, reift nach den Konferenzen mit dem Papste und dem Kardi- nalsstaatssekretär nach Oberschlesien ab und verbleibt bis zum Abschluß der Volksabstimmung dort.

Die Rückkehr König Konstantins.

mz. Athen, 8. Dez. (Drahtbericht.) Die Regierung kabelte heute an den ehemaligen König Konstantin das ErgebnisderAbstimmung und stellte ihm an­heim, die Bestimmungen bezüglich seiner Rückkehr nach Griechenland zu treffen. In politischen Kreisen er­fährt man. daß der König nächsteWocheinAtben e i n t r e f f e n wird.

Der englische Arbeiterführer Vizekönig von Indien?

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