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SamsLaa.27. November 1920.

Abend-Ausgabe.

Nr. 556. 68. Jahrgang.

Wermulhs Ende.

Der Rücktritt des Berliner Oberbürgermeisters Wermuth ist eine Angelegenheit, die ganz Deutschland angeht. Sie ist mit einem einmaligen Nachruf nicht abgetan und wird noch manche Welle schlagen. Sie zeigt bei den heutigen unruhigen politischen Verhält- liissen, daß die Parteien einer großen Gemeindever­waltung genau wie die Parteien des Staates die Selbst­überwindung aufbringen müssen. an die leitenden Stel­len starke Charaktere, aufrechte Männer zu setzen. Solche Männer sind im Alltag vielleicht unbequem, aber in entscheidenden Stunden werden sie zum rettenden Mittelpunkt, zum Magnetstein, der alle Kräfte anzieht. Wenn solche Männer an die führenden Stellen kommen, dann müssen nicht bei jeder Gelegenheit Erlasse und Kundgebungen der höchsten Reichsstellen in Bewegung gesetzt werden, um eine aus den Fugen gehende Ord­nung wieder ins Geleise zu bringen. Bei dem Streik der 1500 Elektriker, dessen Wermuth nicht Herr gewor­den ist, hat sich gezeigt, daß ein falscher Grundsatz der Auslese gilt. Persönlichkeiten, die dem Ideal der An­versöhnlichkeit möglichst nahegekommen und sich scheuen, Anstoß zu erregen und Verantwortungen zu über­nehmen. können 'mehr Schaden stiften als mancher Draufgänger". Der Lohn für die Vorsicht, mit der sie sich zwischen den verschiedenen Sitzgelegenheiten hin­durch bewegen, besteht schließlich darin, daß sie sich das allgemeine Mißtrauen zuziehen. Dies hat Oberbürger­meister Wermuth noch in der Stunde seines Rücktritts erlebt. Die bürgerlichen Parteien hatten im Anschluß an die traurigen Erfahrungen des Elektrizitätsstreiks einen Mißtrauensantrag in die Stadtverordnetenver­sammlung gebracht. Wermuth wollte den Schlag parieren, indem er die drei sozialistischen Parteien, die Beherrscher Berlins, bewegte, ihm nach wie vor das Vertrauen auszusprechen. Aber in letzter Stunde zogen die neukommunistischen Führer ihre Unterschrift zurück. Wermuth hatte sich die Sympathie der Linksradikalen verdorben, weil er nicht gegen den Stachel des Reiches re^te. Das war also der Lohn dafür, daß er jahrelang eine Anpassungsfähigkeit und Nachgiebigkeit gegen Ein­flüße der äußersten Linken gezeigt hatte, die einfach nicht mehr überboten werden konnte. Adolf Wermuth hat in Vorkriegszeiten, als er noch Staatssekretär des Reichsfchatzanits war, den Ausspruch getan:Jede Re­gierung ist so stark, als sie sein will." Der Oberbürger­meister Wermuth wollte nicht stark sein. Er wollte nur den Willen der Parteienmehrheit ausführen. And der Stoß der Revolution trieb ihn auf die schiefe Bahn. Wermuth glaubte, den neuen Gewalten jede verlangte Konzession machen zu müssen. Auch in Dingen, wo ehrliche Überzeugung und entschlossener Widerstand nur Achtung erzeugt hätten, fehlte der Mut der führenden Persönlichkeit. Der Stimme des Volkes wurde auch da Gehör geschenkt, wo schwere Gefährdung der Eemeinde- ftnanzen und damit auch der kleinsten Steuerzahler die Folge waren. Immer mehr Beobachter wurden an der vom Reichsdienste übernommenen Exzellenz irre. Die Stadtverordneten, die seine Wahl ursprünglich vorge­schlagen und dllrchgesetzt hatten der Fall dieses Über­tritts stand ja bis Scheidemann-Kassel in der Geschichte der deutschen Großstädte einzig da, fühlten sich in einen immer schärferen Gegensatz zu Wermuth gedrängt, zmnler starker wurden Kritik und Widerstand, bis sich der Krach genau wie das Ausscheiden aus dem Reichsamt rm Jahre 1912 unter Donner und Blitz vollzog. J

. kommunalen Verdienste Wermuths werden von den Bürgerlichen nicht geleugnet. Wermuth, der erste Bürgermeister, der fremde Fürstlichkeiten nicht mehr de­mütig und altväterlich im Frack entblößten Hauptes am Brandenburger Tor, sondern wie andere Honora- nonen ganz einfach im Bahnhof empfing, zeigte auch der Staa.sregierung gegenüber Rückgrat und besiegte oen ihm feindlichen Zweckoerband Eroßberlins. Wäh­rend des Krieges milderte er das Los der durch die Hrtegsnoie besonders gequälten niederen Volksfchich- « i* ± Er doch als erster auf die Notwendigkeit der ..hingewiesen haben. Jedenfalls war die u t 1 ein L h^r ersten deutschen Städte, die trotz

r - w nber ar r f Schwierigkeiten die neue Einrichtung

Tr v- B.er dann wurde bei Wermuth das Mit- ' bt i AllMge zur Anbetung der politischen

der Volksschichten, die da glaubten, infolge der öRikvn^"? Anspruch auf Gewaltmittel und Eingriffe zu s c "' zur Schädigung des Volksganzen führen 5 '5?- -2^inuth ist von Anfang an ein Anhänger Eroß-Berlins gewesen, eine Auf- fii-nVHnTn* ^er voller Hingabe seiner Kräfte bis HL- Ob sich dieser Erfolg aller- b ? r Drei-Millionen-Stadt und des Reuues auswrrken stufe, ist sehr die Fra«. Der Nach­

folger Wermuths muß mit den geschaffenen Verhält­nissen rechnen. Aber er darf nicht noch weiter aus der schiefen Ebene der Nachgiebigkeit hinabrutschen. Er darf kein willenloses Werkzeug der herrschenden Sozialisten- Parteien werden. Vielleicht sehen diese Parteien das selber ein und überlassen dem künftigen Oberbürger­meister von Berlin die alleinige Verantwortung für Dinge, an denen sie sich selbst nur die Finger verbrennen würden!

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W. T.-B. Berlin» 26. Nov. Wie wir hören, erwiderte Oberbürgermeister Wermuth auf eine Anfrage, daß er mit Rücksicht auf die ausdrückliche Forderung des Arztes außerstande sei, den Antrag auf Versetzung in den Ruhestand hinauszuschieben und die Amtsgeschäste weiter zu führen. Er erklärte sich jedoch bereit, dem Bürgermeister Ritter für die nächste Zeit bei den Über­leitungsarbeiten, soweit er dazu irgend im­stande ist, mit Rat und Tat außeramtlich zur Verfügung zu stehen. Er bat zugleich, die Neuwahl so sehr als irgend möglich zu beschleunigen.

Kinder in Not.

mz. Berlin. 27. Nov. Zu der morgen in ganz Deutsch­land beginnenden groben Sammeltätigkeit unter der Parole ..Kinder in Not!" hat das vreubische Wohl­fahrtsministerium eine Denkschrift herausgegeben. die durch zahlreiches Material den erschreckenden Tiefstand der Geiundheitsverbältnisse der deutschen Kinder darlegt. Die Schrift enthält eingehende Statistiken über das furcht­bare Wüten der Englischen Krankheit und der Tuberkulose unter den Kindern Deutschlands. Als Beispiel für die nrangelhaste Bekleidung der deutschen Kinder wird angeführt, datz in einer Berliner Gemeindeschule von 650 Kindern 305 kein Hemd oder nur elende Lumpen auf dem Leibe batten. Mehr als die Hälfte der Kinder hat zu Hause keinen Tropfen Milch gesehen. Auch die deutschen Entbindungsanstalten. Mütterbeime. Säuglingsheime und Kinderkrippen ünd aufs äuberste gefährdet, da es ihnen an den notwendigsten Mitteln fehlt. Von den Krippen haben bereits 25 Prozent schließen müssen. Für Sonntag sind in allen Teilen Berlins grobe Volksversammlungen emberuien worden, auf denen hervorragende Mediziner und Vertreter aller Parteien aus die grobe Not der deutschen Kinder Hin­weisen werden.

mz. Berlin. 26. Nov. Vor Vertretern der Presse gab Geheimrat Krohne ein Bild über das Elend der deut­schen Kinder. Durch die Hungerblockade so erklärte er hat Deutschland 800 000 Menschen verloren und hatte außerdem einen Verlust an Geburten von 4 Millionen. Seit Kriegsende hat sich der allgemeine Ernährungszustand nicht gebessert. Geradezu erschreckend ist er bei den Kindern, wobei, die Verhältnisse bei den Kindern von 2 bis 6 Fahren und bei den Schulkindern geradezu katastrophal find. Besonders vier Krankheiten treten in erschreckendem Maße auf: Anämie. Skrofulöse. Tuberkulose und Rachitis, wobei sich der Mangel an Milch besonders ungünstig bemerkbar macht. Be­sonders die Tuberkulose wirkt in grauenhafter Weise. -Hatte Deutschland 1913 eine Sterblichkeit von 13 auf 10 000 an Tuberkulose, io hat diese Sterblichkeit jetzt erschreckend zugenommen und betrug 1919 2,3 auf 10 000. Sie wird auch in diesem Jahre nicht geringer sein. Beson­ders traurig ist die allgemeine Durchseuchung mit Tuber­kulose. wobei die schlechten Wohnungsverhältnisse entschieden Mitwirken. Neuerdings kommt bei den Kindern besonders Rachitis hinzu. Man beobachtet Knochenbiegungen und Knochenbrüche bei Kindern bis zum 18. Lebensjahr. Im Wachstum sind Tausende von Kindern zurückgeblieben. Die Blutarmut bat auch zur Folge, dab die geistige Veranlqgung der Kinder zum Teil schwer gelitten bat.

Die Arbeitslosenversicherung.

mz. Berlin. 25. Nov. Das Reichsarbeitsministerium teilt mit: DieD. Allg. 3tg." hat am 21. November die Nachricht gebracht, der Gesetzentwurf über die Arbeits­losenversicherung sei in dielen Wochen von den zu­ständigen Ausschüssen des Reichsrates beraten worden und weiter, das Reichsarbeitsministerium habe den Entwurf zurückgezogen. Die Mitteilungen sind nicht zutreffend. Der Entwurf wurde bisher im Reichsrat nickt beraten. Er liegt dem Reicksrat noch nickt vor. Richtig ist nur. dab im Reicksarbeitsministerium die Frage geprüft wird, ob es bei der allgemeinen wirtickaitlicken Lage überhaupt angängig iTt, die Arbeitslosenversicherung in der Form, wie sie der Entwurf vorsieht, durchzufübren oder nickt oder ob zunächst für die Übergangszeit die Erwerbslosenffüriorge im Sinne der Vorbereitung der Arbeitsloienversickerung nmzu gestalten und aus eine gesetzliche Grundlage zu stellen ist. Die Ent­scheidung in diesen Fragen liegt zunächst bei dem Reichs­kabinett. das fick bald damit beschäftigen wird. Von dieser Entscheidung wird es abhängen, ob der Entwurf, der gegen­wärtig im Reichsrat vorliegt, zurückgezogen oder weiter- beratsn wird.

Freigabe des Benzins.

Br. Berlin. 26. Nov. (Eig. Drabtbericht.) Für Benzin wird die Einfuhr grundsätzlich freigegeben und die Bewirtschaftung aufgehoben werden. Es soll ein Einfuhr­kontingent festgesetzt und die Preiskontrolle ausgeübt wer­den. indem di« Einfuhr nur zu bestimmten Preisen gestattet wird. Der Verkauf im Inland ist frei, jedoch wird der Markt beobachtet und evtl, neue Bestimmungen getroffen. Für Benzol bleibt die gebundene Wirtschaft, doch wird die bisherige Dewirtschaitungsstelle. die Mmeralverwertungs- itelle. die bereits in Liciuidation befindlich ist. auf keinen Fall weitergeführt. Als künftige Verteilungsitelle ist der Teerwirtichaftsverbavd als Selbstverwaltungskörper vor- geseben.

ZK Stitet« » Wwr MlirWlsiireil.

Die gestrige Sitzung des Reichstages brachte eine große Kraftprobe zwischen den sozialistischen Parteien auf der einen und allen übrigen Parteien aus der anderen Seite. Den Anlaß bot eine Interpellation der Deutschnationalen, die unter Bezugnahme auf den letzten Streik der Berliner Elektrizitätsarbeiter Maß­nahmen gegen ähnliche Streiks forderte. Verbunden mit dieser Besprechung der Interpellation wurde die Beratung eines Antrages der Linksunabhängigen, der die Aufhebung der Verordnung des Reichspräsidenten gegen die Stillegung lebenswichtiger Betriebs verlangt. Die Regierungsparteien hatten dazu einen Abände­rungsantrag eingebracht, diese Verordnung erst dann aufzuheben, wenn die mit aller Schnelligkeit einzubrin­gende Schlichtungsordnung Gesetz geworden sei. Eigen­artig ist die Stellung der Mehrheitssozialdemokratie, die zwar den Erlaß der Verordnung billigt, aber trotz­dem ihre sofortige Aufhebung verlangt, da Ordnung und Sicherheit inzwischen wieder hergestellt seien. Die deutschnationale Interpellation wurde von dem Abge­ordneten B e r n d t in einer zweistündigen, verhältnis­mäßig maßvollen Rede begründet. In seiner Antwort legte der Reichsminister Koch in trefflicher, oft von lebhaften Bravorufen begleitenden Ausführungen den Standpunkt der Reichsregierung dar. Es wurde ihm leicht, die Vorwürfe des deutschnationalen Redners fx widerlegen. Unter diesen Vorwürfen befand sich selbst­verständlich die alte Leier von der Schwäche. Der Minister wies den Vorwurf wirkungsvoll zurück. Seine Versicherung, daß die Regierung in Zukunft allen Ver­suchen einer Handvoll Unruhestifter, unser Wirtschafts­leben um politischer Ziele willen zu zerrütten, mit star­ker Hand entgegenwirken werde, machte sichtlichen Ein­druck im ganzen Hause. Die Unabhängigen natürlich quittierten darauf mit Oho-Rufen, die aber durch den stürmischen Beifall der Mehrheit des Hauses übertönt wurden. Daß es sich hier nicht um leere Worte han­delte, bewies der Minister durch seine Erklärung, er werde sich der Wiedereinstellung der Elektrizitäts­arbeiter energisch widersetzen, falls diese sich noch ein­mal zu einem Anschlag aus das Wirtschaftsleben ver­leiten lassen sollten. Der Abg. H a r t l e i b mußte die undankbare Aufgabe erfüllen, die zweideutige Haltung der Mehrheitssozialisten zu verteidigen. Er stellte die kühne Behauptung auf, daß die Rechte die moralische Schuld an dem Streik trage und wollte in der Verord­nung des Reichspräsidenten eine Gefährdung des Streiksrechts erblicken. Leider vergaß er, wie der nächste Redner, der Zentrumsabgeordnete Fleischer, ihm init Recht entgegenhielt, zu verraten, wie denn dieSozia- listen, die auch von ihnen mißbilligten politischenStreiks verhüten wollen. Der Rechtsunabhängige Brühl be­gann mit einer Rechtfertigung des Elektrizitätsstreiks, mußte sich aber schließlich doch zu der Erklärung auf- sckwingen. daß die Berliner Arbeiterschaft mit den neuen Streikhetzereien der Kommunisten nichts zu tun hätte. Es wäre zu wünschen, daß er damit wirklich im Namen der Berliner Arbeiterschaft sprach. Dann redete noch der Linksunabhängige Rühle in gewohnter Weife. Darauf erhielt in später Abendstunde der demokratische Arbeiterfübrer Ziegler das Wort, der in ettrdrucks- vollen Worten den Standpunkt der Demokraten ver­trat. Dis weitere Besprechung der Interpellation wurde dann abgebrochen und auf heute 11 Uhr vertagt Die Abstimmung über die Interpellation und die dazu vorliegenden Anträge, denen eine große politische Be­deutung zuzusprechen ist, soll am nächsten Dienstag vor- genommen werden.

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, Sitzungsbericht.

W. T.-B. Berlin. 26. November.

Am Ministertisch: Reichsmivister Koch.

Ani der Tagesordnung stehen zunächst kleine Anfragen. Nach Erledigung einer Reibe von weiteren Anfrage« be­gründet Abg. Berndt die deutschnationale Interpellation wegen des Berliner Elektrizitätsitreiks.

Reichsminister Koch verliest eine Regierungserklärung in welcher der wilde Charakter des Streiks betont, die schweren Folgen für Krankenhäuser uiw.. die Gefährdung von Häusern und die zahlreichen Eiienbahnuniälle erwähnt werden. Als die Stadtverwaltung nicht einichritt. hat sich d:e Reichsregierung in Verbindung mit der preußischen aus Enurd des Art., 48 der Vettassuna außerordentliche Voll­machten ausstellen laben. Die Technische Nothilf« wird m Verbindung mit den freien und christlichen Gewett- Ichaiten ausgestaltet werden. Ein Schlichtunasaesetz ist m Vorbereitung und wird an die Stelle der Schlichtungs­verordnung treten. Erst nachdem die Selbstverwaltung in Berlin versagt hatte, konnte die Regierung eingreiien Wenn aber dann schließlich die Selbstverwaltung auf den Druck der

noch ausgeraiit und den Streik Zum Abschluß gebracht bat. so ist das doch erfreulich. Mit nr?1f. r Aufhebung der Ausnahmeverordnung, die auch von dev Mehrbeitssozialisten verlangt wird, kann ich um so weniger einverstanden sein, als noch gestern in der Berliner Stadt- verordneten-Versammlung der Stadtverordnete Leupold mit eurem neuen Streik gedroht hat. Jedenfalls gebe ich mich