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Dienstag, 9. November 1920.
Abend-Ausgabe
Nr. 526. ♦ 68. Jahrgang.
K3
Ein Neichswirtschastsmuseum.
In Deutschlands schwerster Zeit wird in Leipzig ein Institut errichtet, das wohl verdient, in weiten Kreisen bekannt und unterstützt zu werden: das Reichswirtschaftsmuseum. Die Grundlage bildet das deutsche Kriegswirtschastsmuseum, das im Jahre 1917 mit Unterstützung der deutschen Erwerbsstände, vertreten durch den deutschen Landwirtschaftsrat, den deutschen Industrie- und Handelstag und den deutschen Eewerbe- und Handelskammertag, gegründet und 1918 eröffnet wurde. Durch die Errichtung dieses Museums sollte eine fühlbare Lücke ausgefüllt werden, indem hier ein Institut geschaffen wurde, das zum ersten Male die Volkswirtschaft in ihren inneren Zusammenhängen, in ihrer Abhängigkeit von der Weltwirtschaft und in der Möglichkeit der Unabhängigmachung von einer Einfuhr in gewissem Umfange darstellt. Der Krieg hat uns gelehrt, daß wir über unsere wirtschaftlichen Schwächen, über unsere Abhängigkeit vom Welthandel, über die Möglichkeit, eine Volkswirtschaft zu führen, nur ungenügend orientiert waren. Wir haben erkannt, daß viele der Maßnahmen, die ergriffen worden waren, zu anderen Zeiten, bei anderen Wlkern, während anderer Kriege schon versucht, als unbrauchbar verworfen oder als zweckmäßig eingeführt worden waren. In vieler Hinsicht wäre die Kriegswirtschaft anders aufgebaut und geleitet worden, falls wir aus „Vorgängen" hätten lernen können.
Wenn die Errichtung eines derartigen Institutes für unsere Volkswirtschaft der Vorkriegszeit wünschenswert, der Kriegszeit zweckmäßig war, so war sie nach dem Zusammenbruch eine Notwendigkeit geworden: Demzu
folge wurde 1919 von den maßgebenden Stellen beschlossen, das deutsche Kriegswirtschaftsmuseum zu einem allgemeinen deutschen Wirtschafismuseum und damit zu dem ersten Wirtschaftsmuseum Deutschlands auszubauen. Um die Bedeutung dieses Institutes auch äußerlich zum Ausdruck zu bringen, wurde ihm das Recht verliehen, sich „Reichswirtschaftsmuseum" zu nennen.
Auf Grund der großen Sammlungen, die noch während des Krieges geschaffen waren, und derjenigen, die ihm» auf Veranlassung der Reichsregierung überwiesen wurden, wird nunmehr von den zuständigen Wissenschaftlern und Wirtschaftlern ein Wirtschaftsmuseum aufgebaut, das in der Lage sein soll, dem lebenden Geschlecht ein Bild der deutschen Volkswirtschaft in ihren Hauptwirtschaftszweigen und von den Veränderungen, die durch die Kriegswirtschaft notwendig waren, zu geben und den kommenden Geschlechtern ein Führer durch schwierige Zeiten zu sein.
Da es das erste Institut seiner Art sein wird, ist die Frage berechtigt: Wie soll dieses Ziel erreicht werden? Dreierlei Aufgaben sind dem Museum zunächst gegeben: Forschung — Belehrung — Anregung. Abgeschnitten vom Weltverkehr und Welthandel, hat Deutschland fast fünf Jahre lang eine eigene Innenwirtschaft, eine Volkswirtschaft im alten Sinne geführt. In welchem Umfange uns in absehbarer Zeit der Weltverkehr wieder möglich sein wird und wie weit sich vielleicht in späteren Zeiten wieder die Notwendigkeit einer Volkswirtschaft ergeben wird, läßt sich nicht übersehen. Daher müssen wir aus den Lehren der letzten Jahre lernen und sie verwerten. Demzufolge ist es Aufgabe des Museums, festzustellen, in welchem Umfange eine Umstellung in der Volkswirtschaft erfolgt ist. Inwieweit sind wir von der Weltwirtschaft abhängig und wie ist es uns gelungen, uns selbständig zu machen?
Auf Grund dieser Feststellungen wird das Museum autgebaut und ausgebaut werden. Das Verständnis für die Volkswirtschaft und die einzelnen Wirtschasts- zwelge soll geweckt werden. Durch Darstellung der ein- zeli^i Wirtschaftszweige, der Abhängigkeit der einzelnen Wirtschaftszweige untereinander und der Abhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft vom Weltverkehr wird die Möglichkeit gegeben, sich über die einfachsten und selbstverständlichsten Dinge Kenntnis zu verschaffen. Wer das Institut betritt, soll Aufschluß erlangen können über die Rohstoffe und ihre Herkunft, die Anfertigung und ihre Schwierigkeiten, von alle den Dingen, die er trägt, die er sieht, die er ißt usw. Er soll lernen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Sein Blick soll geschärft, sein Verstand geweckt werden. Er soll erkennen lernen, was aus Deutschland stammt und inwieweit wir vom Auslande abhängig sind. Die Schwierigkeiten der Einfuhr, des Transportes, die Notwendigkeit der Bevorzugung des deutschen Materials soll gezeigt werden. Im engen Zusammenarbeiten mit den Forschungsinstituten aller Wirtschaftszweige werden die Ergebnisie der Forschung, sobald sie für die Praxis verwertbar sind, zur Darstellung gelangen.
Infolgedessen wird sich den Besuchern eine neue Welt erschließen. Das, was sie vergeblich aus Büchern zu lernen versucht haben, wird ihnen hier, von Wissen
schaftlern und Wirtschaftlern aufgebaut, durch Modelle oder Bilder ergänzt, vor Augen geführt werden. Ein neues Geschlecht soll erzogen werden, das weltwirtschaftliche Zusammenhänge verstehen lernt, da es die Kraft seines Vaterlandes, aber auch die großen Schwächen und Abhängigkeiten gesehen hat.
Durch diese Arbeit wird dem Institute Anregung von außen gegeben werden, die es teils selber verwerten, teils an die Forschungsinstitute weitergeben kann. Auf diese Weise soll eine gegenseitige Befruchtung und Unterstützung erfolgen. Ein Nebeneinanderarbeiten muß vermieden, ein Zus-mmenarbeiten der Kräfte dagegen erreicht werden. Und das „Reichswirtfchafts- museuin" wird — in schwerer Zeit, aber in vollem Vertrauen zu Deutschlands Stärke und wirtschaftlicher Kraft geschaffen — mit dazu beitragen, daß wir dann ein Geschlecht besitzen, das mit offenen Äugen, kaltem, klaren Verstände und frischem Wagemute den Kamps mit dem Leben zu bestehen weiß!
Die Kommunalisierung von Wirtschaftsbetrirben.
8b. Berlin, 8. Nov. Die Sozialisierungskommisiion hat, wie gemeldet wird, den im Reichsministerium de- Innern ausgearbeiteten Entwurf eines Gesetzes über die Kommunalisierung von wirtschaftlichen Betrieben beraten. Sie ist der Meinung, daß der Entwurf des Reichsministeriums die Kommunalisierung nicht in den, gebotenen Maße ermögliche und hat in Anlehnung an seinen Wortlaut einen Gesetzentwurf ausgearbeitet. Die Sozialisierungskommission vertritt den Standpunkt, die Kommunalisierung sei Sache der Kommunen. Sie will nicht verkennen, daß Mißgriffe und Mißerfolge einzelner Gemeinden leicht möglich seien. Aber sie hält den Ausweg, den die Regierung vorschlägt, für unzweckmäßig. Überdies fei z. B. die Frage, ob die Lebensmittelversorgung kommunalisiert werden dürfe, von so grundsätzlicher Bedeutung, daß sie nach Meinung der Sozialisierungskommission durch Gesetz und nicht durch die Reichsregierung entschieden werden soll. Für einzelne EntschÄdungen außerhalb der sogen. Freiliste wünscht die Sozialisierungskommisiion die Landesregierungen eingeschaltet zn sehen, da nur diese über die geeigneten Organe zur Prüfung der gemeindlichen Kom- munalisierungsanträge verfügten.
Die Berhandlungen über die Sozialisierung des Bergbaus.
W.T.-B. Essen, 8. Nov. In der vorigen Woche haben liier zwischen dem vom Reichswirtschastsrat eingesetzten Unterausschuß für Sozialisierung des Kohlenbergbaues und den Vertretern des Bergbaues, unter denen sich neben llnterrebmern auch Bergarbeiter befanden, die Verhandlungen begonnen. Das Ergebnis dieser Beratungen wird am Mittwoch in einer gemeinsamen Sitzung des Reichswirl- schaftsrats und des Reichskoblenrats mitgeteilt. Da die bisherigen Verhandlungen als streng vertraulich galten, sind alle über die Beratungen bisher verbreiteten Nachrichten nur Vermutungen.
Br Düsseldorf, 9. Nov. (Giß. Drahtbericht.) Das im Nuhrgebiet in der vergangenen Woche umgehende Gerücht, wonach der Unterausschuß des Reichswirtschaftsrates zur Beratung der Sozialisierungsfrage, die sog. Siebenerkommission. bei einer Sitzung in Essen eine gewisse Einigung in der Sozialisierungsfrage erzielt habe. wird, wie die „Westdeuts*e Tagesztg." versichert, aus eingeweioten Kreisen als der Wahrheit entsprechend b e st ä t i g t. Die Grundlagen zu der Einigung sollen Gedanken sein, die Hugo S t i n n e s mehrfach über die Sozialisierungsangelegcnheit entwickelt bat. Es handelt sich dabei bekanntlich einerseits um eine nach gemeinschaftwirtschaftlichen Eesichtsvunkten organisierte Verteilung der Kohle, andererseits um eine Beteiligung der Arbeiter an dem finanziellen Ergebnis der Produktion.
Ein allgemeines Überschichtenabkommen in Oberschlesten.
im. Beuthen. 8. Nov. Nach einer Mitteilung des Reichskohlenkommissars, die er in einer Vesvrechung mit Vertretern der baneriichen Industrie in München gemacht bat. wird wahrscheinlich noch Ende dieses Monats ein allgemeines Liberschichtenabkommen in Oberschlesien unterzeichnet werden, das allen Reichsteilen zugute kommen soll.
Die Breslauer Konsulatsstürmer vor dem Schwurgericht
W.T.-B. Breslau. 8. Nov. Vor dem Schwurgericht begann unter dem Vorsitz des Landgerichtsdirektors Möller die Verhandlung gegen 20 Personen, die an der Plürderung und Zerstörung des volniichen und französischen Konsulats am 26. August teilgenommen haben, wegen L a n d f r i e - densbrucks. Für die Verhandlungen sind etwa zwei Wochen in Aussicht genommen.
Aus dem Hauptausfchuß des Reichstags.
W.T.-B. Berlin, 8. Nov. Im Sauotausschuß des Reichs- erllarte auf eine Anfrage Selfferichs (D.-Natl.) Ministerialdirektor v. C > m s o n . was die Milchkühe angebe. ,o musie betont werden, daß die Ziffer 810000 die Endsumme der in den vorläufigen Listen der Entente aufgenommenen Kühe bedeute. Eine amtliche Mitteilung dar- uder.daß auf Lieferung dieser 810 000 Milchkühe unter allen Umstanden bestanden werde, liege bisher nicht vor. Hierüber wurden, ebenso wie über die anderen in den Listen ver- ^miwten ^Gegenstände, noch nähere Verhandlungen erior-
Der Streik in Berlin.
Br. Berlin. 9. Nov. (Eig. Drabtbericht.) Obwohl die gestrige U r a b st i m m u n g der Berliner städtischen Arbeiter eine geringe Mehrheit für die Fortsetzung des Streiks ergab, bat die Plenarversammlung der Arbeiter sich fui die Wiederaufnahme der Arbeit entschlossen. Der Beschluß lautet:
..Die Plenarsitzung beschließt, den Arbeitnehmern die Aufnahme der Arbeit unter folgendem Eesichtsvunkt zu empfehlen: Der Schiedsspruch ist zu verwerfen wegen der darin enthaltenen Klassifizierung. Als Sozialisten gibt es mr uns nur eine einheitliche Lohnaufbesserung oder keine. Wir, verzichten im Hinblick auf den gegenwärtigen Stand auf rede Lohnaufbesserung und verlangen auf Grund dessen erneute Verhandlungen über eine gleichmäßige Lohnzulage für alle Arbeitnehmer."
. Zu welchem Zeitpunkt die Wiederaufnahme der Arbeit erfolgt, ist noch nicht bestimmt.
mz. Berlin, 8. Nov. Bei den Verhandlungen mit den Elektrizitätsarbeitern vor dem Tarifeinigungsamt wurden den Arbeitern nicht unerhebliche Zugeständnisse gemacht. Differenzen waren deshalb entstanden. weil man den Elektrizitätsarbeitern zwar die Stundenzulage von 00 Pf. für die Tagesarbeit bewilligte, ihnen aber einen Zuschlag von 60 Prozent sür die Nachtarbeit abziehen wollte. Inzwischen gab die Stadt nach und bewilligte die Zulagen sür die Tages- und Nachtarbeit. Der Verband der Heizer und Maschinisten berief deshalb für heute vormittag eine Versammlung der Betriebsräte und Vertrauensleute ein. in der diese Zugeständnisse bekanntgegeben und die Wiederaufnahme der Arbeit vorgeschlagen werden >oll. Man rechnet damit, daß die Elektrizitätsarbeiter nach Annahme der Vereinbarungen mit dem Magistrat die Arbeit noch beute nacht wieder aufnehmen.
mr. Berlin, 8. Nov. In den Eisenbahnwerkstatten beschlosien die Arbeiter mit Zweidrittelmehrheit die E i n st e l l ung der Arbeit. Eine Gruppe will neue Lohnforderungen stellen und die Arbeit bis zum 10. Nov. nicht wieder ausnehmen. Das Reichsverkehrsministerium denkt den Eisenbahnbetrieb morgen aufrecht erhalten zu können.
m;. Berlin. 8. Nov. (Amtlich.) Der Polizeipräsident von Berlin, Richter, erläßt folgende Bekanntmachung: Der Magistrat von Berlin fordert auf meine Anforderung sämtliche Angestellten der Elektrizitätswerke auf. ihren Dienst weiter zu versehen und sichert ihnen den Schutz gegen Maßregelungen oder irgendwelche wirtschaftlichen Nachteile su. Ich werde dafür iorgen, daß die Angestellten gegen siede Belästigung und Bedrohung mit allen polizeilichen Mitteln nachdrücklichst geschützt werden.
Die Lehren für die Regierung.
W. T.-B. Berlin, 8. Non. Der Minister des Inner« S e v e r i n g äußerte sich gegenüber einem Vertreter der „B. Z. a. M." folgendermaßen: Die Negierung zieht aus den Berliner Vorgängen und dem Elektrizitätsstreik die Lehre, daß sie Maßnahmen ergreifen mutz, die geeignet fein werden, künftighin das wirtschaftliche Leben der Städte vor Gewalttat und Willkür un- difzipliniertxr Gruppen zu schützen.
Die Potsdamer Garnison in Alarmbereitschaft.
Br. Berlin, 9. Nov. (Eig. Drahtbericht.) Seit Samstagnachmittag liegt die gesamte Potsdamer Garnison wegen der Zuspitzung des Berliner Streiks in höchster Alarmbereitschaft. Falls es hier zu irgendwelchen Unruhen kommen sollte, wird das Potsdamer Militär nach Berlin abrücken.
Eine Demonstration vor der Reichsdruckerei.
W.T.-B. Berlin, 8. Nov. Am Samstag fand eine Ver- ammlung der Borstg-Arbeiter statt, worin über die Vor- chläge der Firma abgestimmt worden ist. Die Vorschläge gelangten einstimmig zur Ablehnung. Der Streik geht infolgedessen weiter.
Ein Truvv von etwa 600 Arbeitslosen demonstrierte beute nachmittag am Moritzvlatz und zog dann nach der Reichsdruckerei. Hier konnten noch rechtzeitig die Eingangstore geschlossen werden. Es wurde aber nicht verhindert. daß die Demonstranten durch den Eingang in der Kommondantenstraße in das Innere der Reichsdruckerei eindrangen und die Arbeiter zum sofortigen Streik aufsorderten. Es gelang schließlich den Arbeitern der Reichsdruckerei, dir Demonstranten von dem Grundstück zu verdrängen.
Der 9. November in Berlin.
mz. Berlin. 8. Nov. Die Berliner Gewerkfchaftskom- mi!sion hat beschlossen, den 9. November als Jahrestag der Revolution durch Arbeitsein st ellung zu feiern. Die Berliner Zeitungen werden infolgedessen beute abend und morgen früh nicht erscheinen.
Die Berhandlungen über die künftige Schule.
, .,,^-^-'2. Vr^lin. 8. Nov. Das Ministerium des Innern teilt uns mit: Die von mehreren rechtsstehenden Blättern gebrachte Mitteilung, daß die Retchsregierung zurzeit über den Entwurf eines Gesetzes über Bekenntnis-, weltliche und Kemeimchaftsschulen mit katholischen Kreisen eifrig verhandle. dagegen die evangelischen Kreise vernachläsiige. ist durchaus unzutreffend, über den Entwurf wird zurzeit nur m:t den Unterrichtsverwaltungen der Länder verhandelt.
Die Einwohnerwehren in Bayern.
8l>. München, 8. Rov. In der Frage der Entwaffnung der Einwohnerwehren in Bayern läßt sich die „Augsburger Volkszeitung" aus Berliner parlamentarischen Kreisen melden, daß direkte Bcsprechun- g e n zwischen einem führenden Mitglied der bayerischen Regierung, dem Reichskanzler und Geueral Rollet be- gbflchtlgt feien. * ~
