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Freitag, 15 . Oktober 1920 . AdbNd-AASgttÄO. Nr. 484 . ♦ 68 . Jahrgang.
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Die Medergutmachmigsfrage.
Das Ententekompromih. — Neue Sachverstöndigen- Konfersnz in Brüssel.
mz. Paris, 14. Okt. (Havas.) Die französisch- englischen Besprechungen über die Wiedergutmachungsfrage dauern fort. Der belgische Ministerpräsident hat London verlassen, nachdem er mit Lloyd Georges ein volles Einverständnis über das neue Vorgehen erzielt hatte, das ein Kompromiß zwischen dem englischen Plan und dem von Millerand und Delacroix am 4. September in Versailles angenommenen Plan darstellt. Danach sollen die Mitglieder des Wiedergutmachungsausschusses in Brüssel Zusammenkommen, jeder mit einem Sachverständigen. Die Deutschen sollen eingeladen werden, zu dieser Sachverständigenkonferenz in Brüssel zwei Delegierte m entsenden, die das Recht voll und ganzer Diskussion haben sollen. Die alliierten Sachverständigen würden dann ihre Entschlüße in einem gemeinsamen Bericht niederlegen und jeder einen Sonderbericht an seine Regierung senden. Die führenden M i n i st e r bet Alliierten sollen dann zur endgültigen Regelung der Frage der deutschen Entschädigungsleistung »ufammenkommen. _
Hm die Dieselmotors.
Br. Augsburg, 14. Okt. Die Bewegung gegen die Zerstörung der Dieselmotors scheint jetzt insofern Erfolg gehabt zu haben, als die Verhandlungen neu ausgenommen worden sind. Die Reise der Entente- kommission, die die am 13. Oktober vorgesehene Zerstörung durchführen sollte, ist nach einer Mitteilung der Regierung an die Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg vorläufig aufgeschoben worden.
Bb. London, 14. Okt. Der Korrespondent der „Times" in Berlin schreibt, daß die Aufregung in Deutschland in der Frage der Dieselmotoren größtenteils k ü n st l i ch sei. Er habe aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß die Motors, die in Frage kommen, lediglich für U-Bootszwecke gebraucht werden können, da sie für Industriezwecke nicht zu verwenden seien. Die „Times" fügt hinzu, daß die Frage durch gutgläubige Käufe des Auslandes, die möglicherweise durch die Kontrollkommission genehmigt werden, eine gewisse Entwicklung erfahren könne. Eine Absicht, die Herstellung von Dieselmotoren für Handelszwecke zu verbieten, habe nie bestanden und sie rät Deutschland, offizielle Erklärung in dieser Frage abzuwarten.
Bb. London, 14. Okt. Im „Daily Telegraph" wird an Hand von Llodys Register eine Übersicht über die Entwickelung der Dieselmotors gegeben. Es wird eine völlige Revolution auf dem Gebiete des Schiffsbaus prophezeit, wie sie nur in dem Übergang vom Segelschiff zum Dampfschiff ein Analogon finde. Der Prozentsatz der Motorschiffe ist seit dem vorigen Jahr von 10,5 auf 16,3 Prozent gestiegen. Das größte Schiff mit Dieselmotorenbetrieb ist der „Erenoble", ein Zweischraubendampfer von 9150 Tonnen. In der Konstruktion der Dieselmotors habe man m der letzten Zeit mannigfache Verbesserungen einge- fuhrt. Die früheren Typen hätten meist noch Preßluft verwandt; heute fei indessen das System der U-Bootsmotore, die keine Luft verwenden, allgemein angenommen worden. Der Artikel schließt mit der Ansicht, daß dem Schiff mit Motorantrieb das Feld der Zukunft gehören werde.
Der Mailänder Kongreß wünscht die unverzügliche Zulassung aller Staaten zum Völkerbund.
n „ r mz - Mailand. 14. Okt. Der Kongreß der internatio i„ i - en Bereinigung für den Völkerbund nahn ^'Emer gestrigen Sitzung mit großer Mebrbeit eine Tages die sich dabin aussvricht. daß alle großen unl Staaten, ohne Ausnahme der ehemaliger rl n 5 unverzüglich zum Völkerbund zugelassen werder Gegen diese Tagesordnung stimmten nur die fran ^Uwen und die russischen Delegierten. In einer weiteren ei 1 .großer Mehrheit angenommenen Tagesordnung svrich Icknrl-^Lugreß für die ökonomische und wirt' uni?n ^ ® E e E l e l ch st e l l u n g aller Staaten in den eirt r m n,®l- Q , n!3at stehenden Gebiete aus. Schließlick bä-a s; "Ä Vorschlag der italienischen Vertreter beschlossen dre Vertreter der Staaten zum Völkerbund durch di- «innen men * e der verschiedenen Länder gewählt werder
Englische Gebete für den Völkerbund.
biotterdam. 14. Okt. Mit Rücksicht auf die bevor' erste Tagung der Völkerbundsversammlung am November in Genf wiesen die Erzbischöfe von Tantel' 3?°** die Geistlichen an. in allen Kirchen Eng' £ m .Sonntag, den 14. November. Gebete für den «ollrrbund zu verlesen.
Die österreichische Anschlußfrage.
mz. Paris, 15. Okt. (Drahtbericht.) Der österreichische Gesandte in Paris Baron Eichhorn setzte einem Vertreter des „Matin" die Gründe auseinander, die Österreich für die Volksabstimmung über den Anschluß an Deutschland ins Feld geführt Habs Die 7 Millionen Österreicher könnten nicht leben und nicht arbeiten, sie hätten keine Nahrung und keine Kohlen mehr. Man habe Österreich keinerlei Möglichkeit gelassen, zu bestehen, deshalb blicke es nach dem größeren Nachbar. der ihm vielleicht doch nur wenig geben könne, aber man möge bedenken, daß die Krone 4 Centimes und die Mark 25 Centimes wert fei. Der Vertreter des „Matin" bemerkt hierzu, man müsse Österreich helfen, wenn man nicht wolle, daß es „Deutschland in die Arme getrieben wird oder sich mit ihm verbünde".
Das offizielle Abstimmungsergebnis in Kärnten.
mz. Klageniurt, 14. Okt. Nach den offiziellen Ergebnissen sind für Österreich 22 025 und für Jugoslawien 15 278 Stimmen abgegeben worden.
mz. Berlin, 15. Okt. Nach einer Meldung der ..Voss. Ztg." aus Klagensurt hat die interalliierte Volksabstimmungskommission für Kärnten einen Erlaß herausgegeben. wonach die südslawischen Behörden am 16. Oktober die Verwaltung der Kärntner Zone an Q st erreich zu übergeben haben. Mit Einwilligung der in Klageniurt stationierten englischen und französischen Vertreter hätten die Italiener Truvven in grober Stärke zwischen Tarvis und Villach zusammenaezogen. um dem Ergebnis der Volksabstimmung gegebenenfalls Nachdruck zu verleiben.
mz. Wien, 14. Okt. Die Blätter drücken ihre große Freude über das Abstimmungsergebnis in Kärnten aus. wodurch dieses Land deutsch und ungeteilt bei Österreich verbleibe. Sie betonen weiter, daß der heutige Tag auch den Signataren des Vertrages von St. Germain bewiesen üabe. wie viel Unrecht dem Volke Österreichs durch den Vertrag geschehen sei. und drücken die Erwartung aus. daß der Vertrag geprüft werde.
Kultusminister Hönisch über die Staatstheater.
mz. Breslau. 14. Okt. Die „Breslauer Ztg." schreibt: Kultusminister Säuisch, der im Stadttheater gestern abend der Aufführung von Smetanas „Die verkaufte Braut" beiwohnte, ließ sich nach der Aufführung das beteiligte Personal vorstellen. dem er mitteilte, daß er hoffe, daß die bis- berigen Hoftheater in Berlin. Wiesbaden. Kassel und Hannover von jetzt ab von den betreffenden Städten selbst unterstützt würden, indem ste ein starkes Drittel ausbrächten. Die E r! v a r n i s s e. die der Staat hierdurch mache, würden anderen Städten zugute kommen. Erhebliche Mittel seien bereitgestellt. Der Oberbürgermeister svrach die Erwartung aus. daß der bedrohte Osten eine fürsorgliche Beachtung bei den leitenden Stellen finden werde: sei doch das Breslauer Opernhaus das einzige im Osten Deutschlands.
Die Berliner Zeitungen erscheinen wieder.
mz. Berlin, 14. Okt. Auf Grund der im Berliner Zeitungsgewerbe gestern abgeschlossenen Vergleiche ist die Arbeit im Laufe des heutigen Tages wieder ausgenommen worden.
In einer Erklärung des Arbeitgeberverbandes für das Berliner Zeitungsgewerbe über den Abschluß des Streiks im Zeitungsgewerbe heitzt es u. a.: In der Unterredung, zu der die Vertreter dev Arbeitgeberverbandes nach dem Reichsarbeitsministerium eingcladen waren, wies Unter- staatssekretär Hirsch im Aufträge des Eesamtministeciums die Vertreter der Zeitungsoerleger darauf hin, datz das Nichterscheinen der grotzstädtischen Presse von der Regierung mit Be s o r g n i S empfunden werde. In außen, politischer Beziehung mache stch dies dadurch bemerkbar, datz das Ausland feine Berichte in einseitiger Darstellung erhalte und auf weitgehende Arbeitsrunruhcn schlöffe, eine Tatsache, die in wirtschaftlicher Beziehung auch aus die Entwickelung der Valuta ungünstig einwirke. In innerpolitischer Beziehung müffe cs als unerwünscht bezeichnet werden, wenn gerade in der jetzigen Zeit, in der wichtige Parteitage abgehalten werden, jede Berichterstattung aussnlle. Die Arbeitgeber erklärten sich schließlich bereit, auch in finanzieller Beziehung nachzugcben, und sie akzeptierten auf Drängen der Vertreter des Reiibsarbeitsministe- riums und des Reichswiitschaftsministeriums, welches zuletzt noch in die Verhandlungen eingriff, schließlich di- neue finanzielle Belastung der Bezahlung der ausgefallenen Tage in der Weife, datz die Arbeit«! nur einen Ausfall von 25 Proz. ihres Lohnes erleiden. An der Forderung eines Schiedsgerichts aber hielten ste im allgemeinen Interesse fest, und es gelang schließlich dem Unteistaatssekretär Hirsch, die Arbcitervertictcr zur Annahme dieses Vorschlages zu bewegen.
Aus dem besetzten Gebiet.
mz Berlin, 14, Okt. Amtlich wird folgendes mitgeteilt: Die Hobe Interalliierte Kommission für das besetzte Rheinland gab ihre Zustimmung dazu kund, daß im besetzten Gebiet nunmehr ebenfalls Überwachung s st eilen eingerichtet werden, die unter Leitung der Reichsfinanzverwaltung den Postverkebr zur Verhinderung der Kapital- und Steuerflucht überwachen. Die neuen Stellen werden am 1. November in Köln. Eleve und Ludwigsba f e n in Tätigkeit treten. Es bedarf hier noch kaum der Erwähnung, daß die Einrichtung von Postüberwachungsstellen rm besetzten Gebiet in keiner Weise mit der Besatzung zusammenhangt und insbesondere nicht von der Hoben Kommission veranlaßt worden ist. Nach der Einrichtung der neuen Postüberwachungsstellen wird sich vre Möglichkeit bieten, m Erfüllung zahlreicher Wünsche aus Industrie- und Sandwerkerkreilen den Wertbrief- und Wert- vaketverkebr mit Frankreich. Belgien und England zuzu- lassen. Räbere Mitteilungen hierüber werden seinerzeit von der Noitverwaltung ergebe«.
Parteitag der H. S. P.
Die Aussprache über die Dritte Internationale.
W. T.-B. Halle, 14. Okt. Auf dem Parteitag der Unabhängigen Sozialdemokraten begann heute die Aussprache über die Dritte Internationale. S i n o w j e w . Vorsitzender des Exekutivausichuffes der Dritten Internationale, wurde von den linken Unabhängigen lebhaft begrüßt. Er verglich den gegenwärtigen Parteitag mit dem der Bolimewrken und Menschewiken vor der Oktoberrevolution 1917. Sinowiew hob hervor, datz weder Crisvien noch Dittmann das Wort „Weltrevolution" ausgesprochen hätten, was beweise, daß die Rechtsunabhängigen die Weltrevolution als eine überwundene Idee betrachteten. Niemand fordere, daß die Weltrevolution morgen kommen solle. Die erste Pflicht sei aber die Propaganda der proletarischen Revolution. Diese Aufgabe könnte nur von den Kommunisten durchgeführt werden. Als Sinowiew sagte, die Amsterdamer Gewerkschaftsinternationale sei das letzte Bollwerk der Bourgeoisie und der Strick um den Hals der Kommunisten. erhob sich brausender Beifall der Linken und entrüstete Abwehr der Rechtsunabhängigen. Der Lärm war w groß, daß die Sitzung unterbrochen werden mußte.
Nach Wiedereröffnung der Sitzung sagte Sinowiew: Wenn man der Auffassung sei. daß die Weltrevolution möglich sei. dann müsse man es aussprechen. Weil über die drei Schicksalsfragen des Proletariats: Demokratie. Weltrevo- lution und Taktik, in Moskau keine Einmütigkeit mit den Unabhängigen erzielt worden sei, gebe es für die Kommun i st e n keine Möglichkeit, mit den Unabhängigen zusammen zu gehen. Die Bolschewiken seien in der Theorie Terroristen gewesen, in der Praxis der Revolution aber zu gutmütig. Bei der Besprechung der Aufnahmebedingungen sagte Sinowiew. das Vollzugskomitee werde, wenn es sich nicht um Prinzipiensragen bandle, große Duldsamkeit üben. Die Unabhängigen sollten die Bedingungen formulieren, die sie für angemessen hielten. Er erklärte im Auftrag des Vollzugsausschusses, daß Moskau zu
Unterhandlungen bereit lei. Moskau fordere nur systematische Propaganda und Vorbereitung auf die Weltrevolution. Moskau sei bereit und in der Lage, das deutsche Proletariat finanziell zu unter- stützen. Es handle sich nicht um die Vernichtung der U. S,.E: nur wer Nichtkommunist sei. müsse.abgeschüttelt werden. Die Partei müsse alle Krnnistunkften der K. P. D.
und die besseren Elemente 8er K. Ä. mz. Halle. 14. Okt. Auf dem
D. umfassen, arteitag der Unab
hängigen Sozialdemokraten teilte der Vorsitzende D r a ß mit. daß nach einem Telegramm des Auswärtigen Amtes den russischen Vertretern die Ausenthaltserlaubnis verlängert worden sei. _
Vom Kasseler Parteitage.
mz. Kassel. 14. Okt. Auf dem sozialdemokratischen Parteitag hielt der vreußische Ministerpräsident und Landwirt- schaitsminister Dr. Otto Braun zur Begründung seines Antrags aus schleunige Überleitung der Fabrikation der künstlichen Düngemittel aus privat-kapitalistischem Besitz in den Dienst der Allgemeinheit eine längere Rede, in deren Verlauf er sagte, unter seiner vollen Verantwortung müsse er bemerken, es sei ein unbehagliches Gefühl, daß in der Abteilung des Reichsministers, die die Stickstoffpreise zu kontrollieren habe, an einflußreicher Stelle ein Beamter säße, von dem er positiv wisse, daß er bestechlich sei. lEroße Bewegung.) Dieser Beamte sei gegenwärtig in Urlaub, und er wisse nicht, ob er zurückkehre.
IV. T.-B. Berlin, 14. Okt. Zu den Ausführungen des preußischen Ministerpräsidenten Braun auf dem Kasseler Parteitag über die Bestechlichkeit eines Beamten des Reichsernährungsministeriums wird bemerkt, daß der betreffende Beamte sofort beurlaubt worden ist. nachdem die Angelegenheit zur Kenntnis der Behörde gekommen war. Nach Prüfung des Sachverhalts ist sein Ausscheiden aus dem Reichsdienst veranlaßt und bereits erfolgt.
mz. Kassel. 15. Okt. tDrabtbericht.) In der gestrigen Nachmittagssitzung des sozialdemokratischen Parteitages wurde die von Dr. Adolf Braun zur Sozialisierungsfrage eingebrachte Entschließung angenommen. Die großzügige, wenn auch schrittweise Vergesellschaftung der Produktionsmittel wird durch diese Entschließung verlangt. — Meerseld (Köln) berichtet über den internationalen Sozialistenkongreß in Genf und begründete feine von ihm eingebrachte Entschließung, nach der der Parteitag stch auf den Boden der Genfer Beschlüsse stellt. Er empfahl die Entschließung der Frau Jucharetz. die sich gegen die
neue Ententesordrrnng von 81808 Milchkühen richtet. Beide Entschließungen wurden einstimmig äuge- n o m m e n.
Ein Mißtrauensvotum gegen den Ernährungsminifter. mz. Kassel, 15. Okt. In der gestrigen Nachmittagssitzung des sozialdemokratischxn Kongresses wurde der Antrag Heilmann, dem Ernährungsminister Hermes ein Mißtrauensvotum auszuivrechen. mit 138 gegen 137 Stimme« angenommen.
Zur Neuordnung der Länder.
v. Berlin. 13. Okt. Die vom Neichsministerium des Innern zuiannnenberusene Kommission zur Neuordnung der deutschen Länder wird, wie wir erfahren, voraussichtlich im Laufe dieses Monats ihre Arbeiten aui- nebmen können. Sie ist augenblicklich noch nickt arbeitsfähig. da ihre Mitglieder noch nicht vollzählig sind. Sobald die Verhandlungen über die Teilnahme einzelner Persönlichkeiten. mit denen die Regierung noch in Besprechungen steht, abgeschlossen sein werden, sollen die Arbeiten sofort beginnen.
Kommunistische Kandidaten für die Preuhenwahlcn.
mz. Berlin, 15. Okt. Rach einer Meldung der „Kreuzzeitung" haben die Kommunisten beschlossen, in allen Wahlkreisen Preußens für die bevorstehenden Landtagswahlen eigene Kandidaten aufzustellen und den Sozialisten »nd Unabhängigen jede Unterstützung zu verweigern
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