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Freitag, I. Oktober 1920. AheNd-AUSgabS. Nr. 4L». . «». Jahrgang.

Znm BetriebsrStekongretz.

Im August dieses Jahres beschloß der geschäfts­führende Ausschuß und der provisorische Beirat der Äe- triebsrätezeutrale des Allgemeinen Deutschen Gewerk­schaftsbundes und der Arbeitsgemeinschaft freier An­gestelltenverbände zum 5. und 6. Oktober einen Kongreß der Betriebsräte Deutschlands nach Berlin einzuberufen. In der Einladung heißt es unter an­derem, daß sich in dieser Zeit der wirtschaftlichen Krise in der Arbeiterschaft der Drang nach Einfluß und Kon­trolle auf die gesamte Produktion immer mehr geltend mache. „Dieser Einfluß kann nur gesichert werden, wenn eine einheitliche Zusammenfassung der Betriebs­räte vorhanden ist, hinter der ebenso geschlossen die Gewerkschaften stehen. Diese organisatorische Zusam­menfassung der Betriebsräte und die Regelung ihres Tätigkeitsgebietes nach einheitlichen Richtlinien wird durch den Kongreß herbeigefiihrt werden. Dieser hat deswegen nicht nur vorübergehende Bedeutung, sondern wird durch Bereinigung der Betriebsräte zu einheit­lichem Wirken der Betriebsräte die Macht und den Einfluß der Arbeitervertretung in den Betrieben dauernd sichern." In diesem Sinne soll also der Be­triebsrätekongreß eine weithin sichtbare Demonstration werden. Vorgesehen sind ein Referat des früheren Wirtschaftsministers Wissell über die wirtschaftliche Lage Deutschlands, ein Referat Hilferdings über die politischen und ökonomischen Machtverhältnisse und die Sozialisierung sowie Referate über die Aufgaben und die organisatorische Zusammenfassung der Betriebs­räte. Die Zahl der Teilnehmer wird etwa 1100 be­tragen.

Damit wird die Aufmerksamkeit auf eine Frage ge­lenkt, die seit längerer Zeit innerhalb der Arbeiter­schaft sehr eingehend erörtert worden ist. Es ist er­klärlich, daß das Entstehen der Betriebsräte nach der November-Revolution den Gewerkschaften als eine wenig erfreuliche Konkurrenz erschien. Der Räte­gedanke faßte mehr und mehr Fuß, er wurde bekanntlich in der Verfassung „verankert" und das heißumstrittenc Betriebsrätegesetz übertrug den Betriebsräten überaus bedeutungsvolle sozialpolitische und wirtschaftliche Funktionen. So entbrannte ein heißer Kampf, der unter dem Feldgeschrei: „Hie Räte!" „Hie Gewerk­

schaften!" ausgesuchten wurde. Gar bald aber gaben die Gewerkschaften ihren Widerspruch gegen den Räte­gedanken auf, denn sie erkannten, welchen Machtzuwachs ihnen die Rätebewegung bei richtiger Einstellung brin­gen könnte. So veröffentlichten denn schon im Mai dieses Jahres der Vorstand des Allgemeinen Deutschen Eewerkschaftsbundes (abgekürzt A.D.E.B.), dessen Vor­sitzender der Mehrheitssozialist L e g i e n ist und die Arbeitsgemeinschaft freier Angestelltenverbände (abge­kürzt Afa), in der den Vorsitz der Unabhängige A u f- Häuser führt, Richtlinien für das Zusammenarbeiten zwischen den Gewerkschaften und den Betriebsräten.

Rach diesen Richtlinien werden die Betriebsräte „zur Verwirklichung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Aufgaben" in Gemeinschaft mit dem Ortsausschuß des A.D.E.B. und dem Ortskartell der Afa in einer frei- gewerkschaftlichen Betriebsrätezentrale der Arbeiter und Angestellten zusammengefaßt. Die Gliederung er­folgt in 15 örtlich gebildeten Jndustriegruppen. Die Einreihung dieser Gruppen erfolgt nicht nach Berufs-, sondern nach Vetriebszugehörigkeit. Die Betriebsräte jeder Jndustriegruppe bilden die Vollversammlung. Die Jndustriegruppen wählen wieder einen aus 5 Ver­tretern bestehenden Eruppenrat. Den Zentralrat bil­den 2 Vertreter jeder Jndustriegruppe, von diesen muß der eine ein Arbeiter, der andere ein Angestellter sein. Der Zentralrat' wählt sodann aus seiner Mitte einen ögliedrigen Vollzugsrat. Der Eruppenrat leitet die Geschäfte der Jndustriegruppe gemäß den Beschlüssen der Vollversammlung. Der Zentralrat ist der Beirat des Vollzugsrates und entscheidet in technisch-organisa­torischen Fragen selbständig. Der Vollzugsrat ist das ausführende Organ der Generalversammlung der Be­triebsräte. 2?as allgemeine Zusammenarbeiten der Be­triebsräte mit den Gewerkschaften leitet die von den Gewerkschaften in Berlin errichtete Gewerkschaftliche Zentrale der Betriebsräte.

Als Ziel der Bewegung bezeichnet eine auf einer Konferenz der Berliner freigewerkschaftlichen Ortsaus- ° schliffe angenommene Entschließung „die. Erringung des vollen Mitbestimmungsrechtes und der Vergesellschaf­tung der Produktion." Als Mittel zur Erreichung dieses Zweckes werden unter anderem die Einarbeitung der Betriebsräte in die Warenerzeugung und die Warenverteilung, Ausgestaltung der Geschäftsführung hach einheitlichen Gesichtspunkten, Unterrichtskurse in Wirtschgftsfragen usuu bezeichnet.

Allerdings werden auf diesem Kongreß der Be­triebsräte in Berlin die gesamten Betriebsräte Deutsch­

lands keineswegs vertreten sein, denn eine völlige Einigkeit über die Zusammenfassung der Betriebsräte besteht innerhalb der deutschen Arbeiterschaft nicht. Neben den zahlenmäßig freilich bedeutendsten freien Gewerkschaften beginnen sich auch die anderen Gewerk­schaftsrichtungen mit der Zusammenfassung der ihnen zugehörigen Betriebsräte zu beschäftigen. So wurde erst in diesen Tagen gemeldet, daß der Eewerkschafts- ring deutscher Arbeiter-, Angestellten- und Beamten­verbände eine Betriebsrätezentrale in Berlin begrün­det hat. In welchem Maße den Gewerkschaften die Zu­sammenfassung der Betriebsräte gelingt, bleibt zu­nächst abzuwarten. Die Kämpfe um die Organisations­form können noch nicht als abgeschlossen gelten. Eine Klärung darf aber vom Kongreß der Betriebsräte er­wartet werden. Die Frage ist außerordentlich schwierig und mit ihr sind eine Fülle von Problemen verknüpft, von deren Lösung Gedeih und Verderb des deutschen Wirtschaftslebens abhängt!

Reichsfinanzminister Dr. Wirth in Hamburg.

i8r. Hamburg, 1. Okt. (Eig. Drahtbericht.) In einer Besprechung mit dem Reichsfinanzminister Dr. Wirth in der Hamburger Handelskammer wurde die Frage der Errichtung einer Reichswirtschafts­bank besprochen und den Bedenken der hiesigen Wirt­schaftskreise. gegen die Verquickung geschäftlicher Kredit- erteilung mit den finanziellen Interessen des Reiches und des Kommunalsparkaffcnwesens Ausdruck gegeben. Anschließend daran wurde die Frage der Einfuhr von Nahrungs- und Genußmitteln erörtert. Der Minister erklärte hierzu, daß ihm an der Erlangung enger Fühlung mit den beteiligten Kreisen der Privatwirt­schaft sehr gelegen sei. Auch die Frage der behördlichen Regelung der Ausfuhr wurde behandelt und von den beteiligten Kreisen der Überzeugung Ausdruck gegeben, daß für den Wiederaufbau' der deutschen Wirtschaft in erster Linie die möglichste Freiheit des Ausfuhrhandels von allen behördlichen Kontrollen und sonstigen Maßnahmen dringend. notwendig sei. Die Konferenz der Finanzminister ist ver­schoben worden. Die Nichtinnehaltung des ursprüng­lichen Termins steht im Zusammenhang mit der Reise des Reichsfinanzministers Dr. Wirth. Nach seiner Rückkehr dürfte der Termin der Konferenz festgesetzt werden. Die Tagesordnung der Besprechungen steht noch nicht fest. Wie mitgeteilt wird, dürfte neben der Beratung über das Reichsnotopfer, dessen beschleunigte Durchführung der Reichsfinanzminister für dringend notwendig hält, die Reichsbesoldungsreform im Mittelpunkt der Erörterung stehen.

Weitere Ministerbesprechungen in München.

mz. Berlin, 1. Okt. Wie verschiedenen Blättern aus München berichtet wird, werden dem dortigen Be­such des Reichskanzlers noch Besprechungen mit anderen Reichsministern folgen.

woerr uver vte WieSeraufrichtnng Deutschlands.

M7:. Masdrburg. 1. Okt. Reichspräsident Ebert richtete an die Leitung, der ..Mitteldeutschen Ausstellung für Siede- lung. soziale Fürsorge und Arbeit in Magdeburg 1921" foI= aendes Schreiben:. Die Bestrebungen der Mitteldeutschen Ausste?ung für Sredelunü. soziale Fürsorge und Arbeit be- cü: w?«M erfreuliches Zeichen dafür, dah im deut-

smen Volke die Kräfte des Wiederaufbaus immer stärker und tätiger werden und die Erkenntnis der Notwendigkeit eines Schaffens zur Wiederaufrich- tung Deutschlands sich in weitesten Kreisen Deutsch- v. bin gern bereit, dem Unternehmen rede mögliche Forderung zu gewähren. Ebert."

- - ver rrorrsparrer.

, W. Weimar, 30. Sspt. Die Reichstagsfraktii der Deutschen Volkspartei trat in Weimar zu ein zweitägigen Sitzung zusammen und beschäftigte sich a

55 ^" ?^"^"6stage ausschließlich mit der Frage d Sozialisierung.

Ern Gedenktag.

Die Blätter erinnern daran, das .)eute vor 30fahren das Sozialistengesetz ge

Ar/ikeln "^?rwärts" veröffentlicht eine Reibe vor

^nhren" *® teß der. Sozialdemokratie vor dreihh

fahren. Eduard Bernstein iaat dak sich ><m S;,

«ÄnanN ^'T,d"^iei und Stärkung ihrer Widerstandskraft Verdienst erworben habe als Auguss Bebel. Molkenbubr schreibt über den ..Sieg der Einigkeit".

Die Verhandlungen über die Krregsvevbrscheu.

V Im „23. T." bezeichnet es Erai finnMiinn«» ;iw ü L s - dringend wünschenswert, dah die Ver- besinnen^" Es^. die Krlegsverbrechcn in Leivzig recht bald L s 5 „A anMe bch aber auch darum, vor einem die. ganze Welt hören müsse, den Nachweis 1° s leI immer auf deutscher Seite “F® 8 Wlt worden sein möge, auch das Schuld- k o n t o der Gegner erheblich sei Die Strobe iür die Volkerversobnung könne nur dann re n werde,! wenn vor den Toren sämtlicher Häuser gekehrt werd?.

Die Brüsseler Finanzkonferenz.

. mz, Brüssel, 1. Okt. Bon unserem Sonderberichterstatter wird uns über die gestrige Sitzung der Finanzkonferenz be­richtet: Der heutige Sitzungstag war der allgemeinen Besprechung der Frage der internationalen £ and elsbeziehunaen gewidmet. Hierbei hielt Vize- vrandent de Wouters (belgischer Handelsminister) die einleitende Rede. Er stellte die wirtschaftlich starken Kon- tmente. zu denen er Amerika und Asien zählte, dem wirt­schaftlich geschwächten Kontinent Europa gegenüber. Die Wirkungen des Krieges und die noch anhaltenden tatsäch­lichen Eingriffe in das Wirtschaftsleben gäben dem inter- nauona.en Handel eine ganz neue Richtung. Es unterliegt keinem Zweifel, dah der internationale Handel hierbei durch die industriell starken und damit führenden Staaten beein- klubt werde. Äks wichtigste Voraussetzung für die Wieder- aufrichtung des internationalen Handels bezeichnete der Redner die Freiheit des wirtschaftlichen

Lebens. Einschränkende Mahnahmen mühten abgebaut werden.

Die anschliehende Aussprache brachte keine wesent­lich neuen Gedanken zum Ausdruck. Ein Vertreter -otallens betonte das Recht aller Staaten auf R o h st o ff e. Ein spanischer Delegierter sprach sich für die Erleichterung der Vah- und sonstiger Grenzvorschriften aus. Bemerkenswert ist noch, dah der amerikanische Vertreter bemüht war. die von dem belgischen Handels- minrster gekennzeichnete günstige Wirtschaftsverfassung

Amerikas abzuschwächen. Auch für die Fragen des inter­nationalen Handels wurde ein besonderer Ausschuh gebildet, der über alle Einzelheiten zu beraten bat. Diesem Aus­schuß gehört von deutscher Seite Bankdirektor 1l r b i g an.

W.T.-B. Baris. 30. Sept. Nach einer Havasmeldung aus Bruhel sei es möglich, dah die Konferenz noch wenig­stens sieben Tage brauchen werde, um ihre Arbeiten zu vollenden. Noch zwei wichtige Probleme seien zu prüfen: die <rrage des internationalen Handels und des internationalen Kredits. Die Arbeiten der

Kommissionen würden nicht vor Anfang kommender Woche beendet fein.

. E:,,London, 30. Sept. ..Daily Telegraph" schreibt zu

der Brüsseler Finanzkonferenz: Alle diejenigen, die konkrete Ergebnisse in Gestalt der Emission einer grossen l n t e rn a t i o n a l en Anleihe zur Flüssigmachung der von Deutschland zu zahlenden Entschädigungssumme er­warteten. werden gewiss enttäuscht sein.

Das französische Finanzerpos«.

W- T.-B. Paris. 30. Sept. Nach einer Havasmeldung ans Brussel ist den Mitgliedern der Finanzkonferenz heute vormittag das französische iFinanzexpose zuge- stellt worden. Das EW>se lenkt die Aufmerksamkeit der Konferenz auf die Wiederaufbaufrage. Dieses Werk, welches sich nach den in dem Friedensvertrag vorge­sehenen Bedingungen vollziehen müsse, habe ein so beträcht­liches Interesse für> die wirtschaftliche Wiederaufrichtung der Welt, dah der O b e r st e Rat am 8. März erklärt habe er erkenne die besondere Lage der verwüsteten Gebiete namentlich in Frankreich an und er stelle in Rechnung, dass weite Gebiete Frankreichs gelitten hätten und dah sich dar­aus eine Verminderung der sofortigen Hilfsauellen ergebe und Ausgaben gemacht werden mühten, um die zerstörten Gebiete wieder aufzubauen. Dieser Wiederaufbau sei von grundlegender Bedeutung für die Wiederherstellung des wirtschaftlichen Gleichgewichts in Europa. Die französische Regierung haoe aber geglaubt, nicht auf die von Deutsch­land zu Beginn der Wiedergutmachung zu liefernden Silss- auellen warten zu sollen: der von Frankreich geleistete Vor­schuh könne nur durch eine Anleihe gesichert werden. Frank­reich halte ssch zu der Hoffnung berechtigt, dah das Ergebnis dieser Anleihe znm grohen Teil dazu verwendet werden könne, die schwebende Schuld zu konsolidieren und einen Teil der von der Bank von Frankreich dem Staate geleisteten Vorschüsse abzutragen. Das Expose hebt zum Schlüsse her­vor. daß trotz der durch den Krieg erlittenen Verluste Frank- reich das einzige Land sei. das die Ausmerzung der Kriegs- schüden in Angriff genommen habe. Die Lasten seien schwer: aus jedem französischen Steuerpflichtigen ruhe eine Last von Steuern, die im Verhältnis viel höher sei als bei anderen Ländern.

Eine zweite Brüsseler Konferenz?

I). Brüssel» 1. Okt. (Eig. Drahtbericht.) Eineni Vertreter des „V. T." gegenüber äußerte das französi­sche Konferenzmitglied Avenot, daß mit einer zwei­ten Konferenz durchaus zu rechnen fei, und daß das Problem der Durchführung der Wiedergutmachung diese zweite Konferenz beschäftigen würde.

Millerands Gegenbesuch beim deutschen Botschafter

W. T.-B. Paris, 30. Sevt. Der Präsident der Revublil M i l l e r a n d stattete beute nachmittag dem deutschen Bot­schafter Dr. Mayer den nach dem Amtsantritt des Staats­oberhauptes üblichen Besuch ab. Präsident Millerand Hai nach 10 Minuten das Botschaftsgebäude wieder verlassen.

Die Verteilung der deutschen Flotte, mz. Paris, 30. Sept. Zu dem Beschluß des Vot- chafterrates über die Verteilung der deutschen Schiffs­einheiten berichtet Havas noch, daß Frankreich er­hält: vier große Unterseebootskreuzer, nämlich U 105, 108, 172 und 178; drei kleine Unterseebootskreuzer. U 94, 99 und 105, den großen Minenleger U 119, den kleinen Minenleger II 79, das Unterseeboot II 139, die fünf leichten Kreuzer „Regensburg", „Königsberg", „Stralsund", „Kolberg" und „Navarra" und die Zer­störer 8 113 und 147, 6 130, F 134, 135 und 136, V 41, 42, 49. 8 135 und H 146.

mz. Brest, 1. Okt. (Havas.) Der durch den Frie­densvertrag Frankreich zugefprochenc deutsche Kreuzer „Kolberg" ist in Brest angekommen.