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Donnerstag, 19. August 1929.

Abend-Ausgabe.

Nr. 386. * 68. Jahrgang.

Minsk, Soldau, Warschau.

Die Ereignisse im Osten entwickeln sich durchalls nicht mit der Schnelligkeit, die ungeduldige Betrachter für wünschenswert erachten. Noch immer ist es nicht zu der schon seit längerer Zeit prophezeiten Entschei­dung gekommen. In Minsk haben zwar inzwischen die ersten Begegnungen zwischen den russischen und pol­nischen Unterhändlern stattgefunden, aber auch hier­über schwebt vorläufig noch ein etwas geheimnisvolles Dunkel. Es steht nicht einmal einwandfrei fest, wer für die Sowjetregierung diese Verhandlungen führt. Hieß es bislang, daß T r o tz k y dafür ausersehen sei, so weiß dieTimes" jetzt zu berichten, daß Rade! die Leitung der Friedensverhandlungen übernommen habe. Der Gang dieser Besprechungen ist außerordentlich schleppend. Fast scheint es, als ob sich bislang beide Teile keineswegs bemüht haben, schneller zu einer Ver­ständigung zu kommen. Nach den bis jetzt vorliegenden Meldungen hat man sich in Minsk zunächst nur mit der Prüfung der gegenseitigen Vollmachten be- schäftigt und dann die russischen Vorschläge durch einen Kurier nach Warschau gesandt. Zweifellos trägt auch dieses Verfahren nicht gerade zur Beschleunigung bei. Es ist daher kaum zu erwarten, daß vor Ende dieser Woche in Minsk irgend eine Entscheidung fällt, da früher die Antwort der Warschauer Regierung schwer­lich zur Stelle sein kann.

Wie die russischen Bedingungen im einzelnen aus- sehen werden, ist schwer zu sagen, obwohl hierüber die verschiedensten Meldungen verbreitet worden sind. Wenn auch die Sowjetregierung vielleicht nicht verlan­gen wird, daß Polen nach dem rusiischen Muster regiert wird, so kann es doch andererseits keinem Zweifel unter­liegen, daß von rusiischer Seite alles geschieht, um den, Einfluß der polnischen Arbeiter zu stärken. In einer Mitteilung Tschitscherins an den Berliner Vertreter derInternational News Service" wird die Bewaff­nung der polnischen Arbeiter als rusiische Forderung ausgestellt. Diese Arbeitermiliz soll das Gegengewicht gegenüber den polnischen imperialistischen Großgrund­besitzern bilden. Man wird sich vorstellen können, daß Lei diesen bewaffneten Arbeitern die bolschewikischen Agitatoren eine lebhafte Tätigkeit entfalten könnten, und man dürfte kaum im Zweifel darüber sein, wohin die Reise gehen soll. Im übrigen widersprechen sich die Meldungen über die rusiischen Forderungen derart, daß man gut tut. die Erörterung zurückzustellen, bis eine amtliche Bestätigung der Bedingungen vorliegt.

Begreiflich erscheint, daß die Augen der ganzen Welt nach Minsk gerichtet sind, und gerade in Deutschland bringt man diesen Verhandlungen ein ganz besonderes Interesse entgegen. Eewisie Kreise erhoffen von Minsk eine nicht unwesentliche Erleichterung des Friedens von Versailles. Vor solchen weitgehenden Erwartungen zu warnen, scheint uns dringend nötig. Die 12. russische Division ist zwar inzwischen in den sogenannten Korrr- dor eingerückt. Ihre Truppen, haben Sold au ge- nommen und sind dort als Befreier vom polnischen Joch lebhaft begrüßt worden. Der rusiische Kommandeur dankte der Bevölkerung für die Aufnahme und fugte hinzu:Ich schwöre, daß dieses Gebiet nie wieder zu Polen kommt. Wir erkennen nur die Grenze von 1914 an." Man wird gut tun, solche Äußerungen nicht zu hoch zu bewerten, und sich daran zu erinnern, daß auch im Weltkriege mancherlei Äußerungen von Militärs getan und mancherlei Versprechungen gemacht worden sind, die später durchaus nicht eingshalten wurden, überhaupt halten wir es für wünschenswert, all die Äußerungen rusiischer Militärs oder einzelner Poli­tiker, die uns heute in verhältnismäßig reicher Zah. übermittelt werden, mit großer Vorsicht aufzunehmen. Zwar ist von den Rusien wiederholl betont worden, daß sie den Frieden von Versailles nicht anerkennen, andererseits aber wurde auch von ihnen, mebrfach dar­auf hingewiefen, sie würden sich in die llogrenzung Polens und Deutschlands nicht einmischen. Man mutz auch immer wieder nachdrücklich abraten, die Meinungs­verschiedenheiten zwischen England und Frankreich m der russischen Frage, die ja besonders deutlich durch die französische Anerkennung des Generals Wrangel zum Ausdruck gekommen sind, zu, überschätzen. Wenn e-> galt, den Frieden van Versailles zu, sicher^ so haben sich dach stets beide Mächte zu einer einheitlichen, Politik Deutschland gegenüber zusammengefunden Dis An­nahme, daß die deutschen Flaagen. die heute m Soldau weben, dort auch weiter im Winde flattern werdem er­scheint uns daher zunächst als nicht berechtigt Wenn es von aewisien Pariser Blättern freilich so dargestell. wird, als ob die deutsche Regierung mit Rußland l.i Bunde sei. so ist das eine grundlose Erfindung Durch Gewalt kann und wird Deutschland ma,i versuchen, den Frieden von Versailles aus der Welt zu schaffen- Aus eine Machtvolftik hat das deutsche Volk verzichtet. Es

erstrebt die Revision des Vertrages nur durch Verstan- , digung. Das gilt auch für den polnischen Korridor, den Pfahl im deutschen Fleische, für dessen Bevölkerung Deutschland stets das Selbstbestimmungsrecht fordern wird. . ....

Während man in Minsk versucht, zu einer Verstän­digung zu kommen, nehmen die Ereignisse au, dem Kriegsschauplatz ihren Fortgang. Die rusiischen Mel­dungen vom Fall Warschaus haben sich als falsch erwiesen. Vielmehr haben die letzten Tage öle Ein­leitung einer polnischen Gegenoffensive gebracht. Dieser polnischen Angriffsbewegung sind zum min­desten im Anfang Erfolge nicht versagt geblieben. Für die Verteidigung von Warschau ist zunächst Lust ge­schaffen worden. Fast will es scheinen, als ob die russi­schen Truppen im Korridor von ihrer rückwärtigen Ver­bindung abgedrängt werden sollen. Man geht wohl nicht fehl, wenn man als Urheber dieser polnischen Entlastungsoffensive die französischen Offiziere an­spricht. Wie die Dinge sich auch weiter entwickeln mögen, der polnische Vorstoß zeigt, daß die polnische, Armee nicht derartig geschlagen worden ist und Nicht so stark demoralisiert ist, wie manche Nachrichten es uns glau­ben machen wollen. Der Zweck des polnischen Angriffes ist natürlich, die Lage der polnischen Unterhändler in Minsk zu verbessern. Man will beweisen, daß Polen noch nicht völlig verloren ist und nicht alle Bedingun­gen der Sowjetregierung auf Gnade oder Ungnade an­zunehmen gezwungen ist. Die nächsten Tage müssen nun Sicherheit darüber schaffen, inwieweit der polni­sche Angriff sein Ziel zu erreichen vermag!

Der Gegenangriff der Polen.

Br. Berlin, 19. Aug. (Gig. Drabtbericht.) Über die Lage im Osten wird uns von militarrfcher Seite berichtet. Der im Hinblick aur die beoorstebenden Waffenstillstands­und Vorfriedensoerbandlungen in Minsk begonnene Eegen- anariff derPolen richtete den Hauptstoß auf den Raum süd­östlich Warschaus bis östlich Lublin nach Norden. Setn3tel ist anscheinend, mit dem reckten Flügel an Bug und Prrvet in Richtung Bjelok durckzubrechen. um dre Russen vor Warschau zu umfassen. Die Polen Singen am 1'. August aus der Gegend nördlich Jwangorod nach Norden und Nord- asten und vom Warschauer Brückenkopf in Richtung Minsk- Masoieky vor. Die Rüsten sollen nach dem polnischen Heeresbericht vom 17. August erhebliche Verluste erlitten haben. Die Rüsten erwähnen bezeichnenderweise die An­griffe an der Weichsel und am Bug nicht. Der Hauvtan- griff der Polen wurde durch den Vorstob gegen Cie- ch a n o w vom 15. und 16. August vorgenommen, der auch die am Warschauer Brückenkopf kämpfenden Polen entlasten sollte. Der Angriff bei Cieckanow stieb auf starken russischen Widerstand. Eiecharow wurde angeblich von den Rüsten wiedergenommen. Dagegen gelang es den Polen, nordomich Serock am Bug zu nehmen. Nordwestlich von Warschau toben beftige Kampfe an der bisherigen Modl,n-Linie. Nördlich von W l o s z l a w e k erreichten russische Kolonnen angeblich die Weichsel durch einen Vorstoß mit starken Kräften zur Umsastuna des polnischen Nordflugels, um den volnstchen Hauvtangriff im Westen zu..varieren... Südlich Eholm und in Galizien sind lediglich örtliche Kampfe im Gange. Grubieszow wurde von den Rüsten genommen.

mz. Baris. 18. Aua. Der Sonderberichterstatter. des ..Petit Journal" in Warschau telegraphierte seinem Blatte am 17. August: Die Lage an der volnistben Front habe stch bedeutend gebessert. Die von den Polen unter Mitwirkung französischer Offiziere unternommene Gegen­offensive entwickelte fick mit grobem Erfolg. Die Bolschewiken seien aus der ganzen Nordfront zuruckgeschlagen worden. Warschau sei entlastet und a u h e r G eia h r.

Der Korrespondent desEcho de Paris gibt Einzel­heiten über die siegreiche Gegenossenslve der Polen. Hanvisöchlich an drei Punkten entwickelte sich der Gegenangriff. Im Zentrum drangen die Polen bis zum Zusammenfluh von Bug und Rarem vor. In der Nacht zum 16. August brachen dre Polen aus Modlin (Nowo- georgiewsk) hervor und warfen die Bolschewiken auf den Narew zurück. Der Brückenkopf von Sareck wunde ge­nommen. Der Berichterstatter fugt hinzu, der einstweiliae Erfolg der Gegenaktion sei die Entlastung Wars-^aus. Sie könne aber auch die Einschließung der Bolsche­wiken. welche stch in der Gabelung von Bug und Rarem befinden, zur Folge haben. Gleichzeitig mit, der Ent­lastung Warschaus leitete General Pilfudski auf dem rechten Flügel die Gegenoffensive rn Richtung Brest- L i to w sk

Die Schlacht vor Warschau.

mz. London, 18. Aug. (Savas.) Die Schlacht vor Warschau scheint stch zugunsten. der Polen zu ent­wickeln. die das Fort Rowo-Minsk genommen haben.

mz. Warschau. 18. Aug. (Polnischer Pressedienst.) Nacy- dem man die bolschewikischen Truvoen des mittleren Teiles der Kampffront bis an die Forts von Warschau hatre heran- kommen lasten, machten die P o l e n auf den beiden Flügeln Gegenangriffe. Der eine gebt von Lublin aus m der Richtung auf Brest - Litowsk und steht unter dem Kommando des Eensralstabschefs: der andere gebt von

R o w o g e o r g i e w s k aus den N a r e w aufwärts. Andere volni'che Truppen entwickelten stch von der Bahnlinie ffiar- fchau-Danzig aus in der Richtung auf M l a w i. Den Truvoen des Marschalls Pilfudski gelang es. den Feind auf der ganzen Linie zwischen Levinger und Rarem 40 bis 8V Kilometer weit in der Richtung auf Brest- o ; t o m s f znrückznwerfen. Die Operationen erreichten eine vollständige Entlastung des Nordufers des unteren Narew urd die Wiedereinnabme der Stadt Sareck am Zusammen­fluß von Bug und Narew. Damit ist die natürliche Ver­bindungslinie nach Warschau wiederhergestellt. An der Bahnlinie nach Danzig haben die Polen G i s ch a n e w. das

Der Vormarsch »As Eraudenz.

mz. Berlin, 19. Aug. Uber den Vormarsch der RotenTruvven auf Graudenz und den Beginn des Kampfes gegen Eraudenz wird derVost. Ztg. aus Deutsch-Eylau berichtet: Der polnische Korridor von

Strasburg bis Deutsch-Eylau ist.von.polnischen Truppen frei. Auf dem linken Flügel ruckt, eine starke

ZöaDimme IIUUJ » WMWJU »tu»,

25 Kilometer nördlich von Mlawa liest, überschritten.

kämpft bereits vor dem Eisenbahnknotenpunkt Eo siers - Hausen. Der Nordteil von Bischofsw exo er ist noch von starken polnischen Truppen besetzt. Nachdem me pol­nische Grenzwache zurückgezogen war. Haben einige oeuticye Bürger aus der deutschen Stadt Vischofswerder die Grenze überschritten, wo sie von einem polnischen Panzerzug über­rascht wurden, der sie beschoß und einen Teil von ihnen fett­nahm. Im allgemeinen ist die Lage vor Eraudenz für die Russen günstig. ^ ,

mz. Paris. 18. Aug. (Savas.) Dre aus Polen kommen­den Nachrichten über die Lage Polens sind beruhigen­der. Die zur Entlastung der Stadt . Eraudenz unter­nommene Gegenoffensive ist geglückt. Dre Verbindung mit Danzig ist nicht mehr bedroht, und dre Züge verkehren wieder bis Strasburg. Die aus Tborn eingetroffenen Truppen haben gegen Osten bin weitere Fortschritte gemacht.

Die WaffenstillstandsverhanÄlungen.

mz. London, 18. Aug. (Havas.) Nach einer heute in London eingegangenen offiziellen Nachricht aus Moskau hat die russisch-polnische Wasfenstillstmlds- konfsrenz am Dienstagnachmittag 7 Uhr begonnen und sich auf heute vertagt.

rar. London, 18. Aug. (Havas.) Eine offtzrelle Moskauer Depesche über die polnisch-russische Waffen st ill st andskonferenz besagt, daß nach Austausch der Vollmachten Danischewsky, der Vorsitzende der rusiischen Delegation, eine Rede hielt, in der er die r u s s i s ch e Friedenspolitik be­stätigte. insbesondere die Absicht Sowjetruhlands, die Souveränität und Unabhängigkeit Polens sowie auch desien Recht, sich eine Regierungsform selbst zu bestim­men. Gleichzeitig erklärte er, daß Rußland Polen größere territoriale Vorteile als die En­tente bieten würde.

W.T.-B. Amsterdam. 19. Aug. (Drahtbericht.) Der ..Telegraph" meldet aus London, dab der Vorsitzende der rutschen Delegation in Minsk in seiner Eröffnungsrede erklärte, dab die Bolschewiken von den polnischen Großgrundbesitzern Bürgschaften verlangen müßten, die sie von den volniscoen Arbeitern und Bauern nicht gefordert baben würden.

W. T.-B. Amsterdam. 19. Aug., (Drahtbericht.) Der Mitarbeiter der ..Evening Standard' erfährt aus guter Quelle, daß die polnischen Delegierten stch wei­gerten. der Bestimmung, betr. E n t w a f f n u n g d e s polnischen Heeres, zuzustimmen.. wenn die Rüsten nicht ebenfalls zur Entwaffnung übergeben. Ferner sollen die Polen nicht gewillt sein. Erleichterungen für den Verkehr zwischen Rußland und Deutschland durch polnisches Gebiet zuzugesteben.

NtftMchs Berklarkumgen «egen

IV. T.-B. Haag. 19. Aug. (Drabtbericht.) . Meldungen aus Warschau zufolge seben stch die Rüsten genötigt, wegen der vermehrten Tätigkeit General Wrangels mindestens eine Division von der polnischen Front zu - rückzunehmen, um diese Truppen nach der Sudfront zu entsenden.

Keine separatistische R«8?erunq in Posen.

W. T.-B. Warschau. 18. Aug. (Drabtbericht.) Reuter berichtet: Die Meldung über eine separatistische Regierung in Posen wird amtlich dementiert.

Die Konferenz in Genf.

mz. Berlin. 19. Aug. Wie wir von zuständiger Seite erfabren. wird nach neuerdings eingegnngenen Nachrichten die Konferenz in Genf voraussichtlich erst in der zweiten Hälfte des Monats September stattfinden.

Die Einladungen zur Brüsseler Konferenz.

mz. Rotterdam. 18. Aug. Der Generalsekretär des Völkerbundes hat. ebenso wie an Deutschland, auch an Österreich und Bulgarien Einladungen zur Brüsieler Finanzkonferenz ergeben lasten.

Abreise Lloyd Georges nach Luzern.

mz. London. 18. Aug. Lloyd George ist morgen nach Luzern a b g e r e i st.

mz. Berlin. 19. Aug. Bei den bevorstehenden Verhand­lungen in Luzern werden laut ,.B. T." nicht nur poli­tische Fragen, sondern auch solche von finanzieller und wirtschaftlicher Natur zur Erörterung sieben.

beute

Die Spannung ra Saargebiet.

mz. Berlin, 19. Aug. Die Spannung i m Saa gebiet hat. wie aus Meldungen verschiedener Blätter h vorgeht, noch keineswegs nachgelassen, und es ka mit dem neuerlichen Ausbruch des Genera ft r e i k s gerechnet werden.

mz. Saarbrücken, 18. Aug. Die beiden Redaktei Francke und Krug haben den Befehl erhalten, d Saargebiet innerbalb 48 Stunden zu verlassen.

Proteststreik gegen den Steuerabzug.

mz. Dortmund, 18. Äug. Die Belegschaft > Eisen- und Stahlwerks Hösch der Dortmunder Union