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Sonntag, 8. August 192).
Morgen-Ausgabe.
Nr. 367. ♦ 63. Jahrgang.
Was das Dienstjahr der Arbeit verspricht.
Bo» Kammerpräsident D r. K l e e f e l d.
Die demokratische Reichstagsiraktion hat, wie wir gemeldet haben, die von Kammerpräsident Dr. Kleefeid in seinem richtungsgebenden Wer! „Die Volkswirtschaft des Wiederaufbaus" erhobene Forderung des „Dienstjahres der Arbeit" zu der iyren gemacht und die Vorbereitung eines entsprechenden wefetzes beantragt. Wir geben aus diesem Anlatz Dr. Kleefeld als dem Vater des großen Gedankens das Wort zu einer Darlegung des Programms für das „Dienstjahr der Arbeit."
Die Stellung der Vvlksgesamtheit zur Handarbeit oder körperlichen Arbeit bedarf sowohl der äußeren ?•! k. ei sozialen Aevigon schlechthin. Die körperliche Arbeit Niutz aufhören, eine Klasjenfraze zu sein, und hier bestehende Vorurteile müssen beseitigt werden. Die weittragenden Vorteile einer derartigen Änderung bestehender Auffassungen sind klar zu erkennen. Eine Volksgemeinschaft, in welcher alle geeigneten Kräfte durch gleichgerichtete Arbeit verbunden sind, wird viel eher der Segnungen des sozialen Friedens teilhaftig werden als eine solche, die über unüberbrückbare Gegensätze im Verhältnis zum mensch- lichsten aller Dinge, zur Arbeit, nicht hinwegkommt. Nur auf derartigen Wegen tonnen überhaupt die alten gefühlsmäßigen und auch die real-wirtschaftlichen Gegensätze aus einem der Geschichte angehörlgen Zeitalter organisch abgebaut werden. Es ist dies weder durch Errichtung eines Neubaus proletarischen Kapitalismus erreichbar, noch durch eine Gesetzgebung, die sich wohl bemüht, die Lage des Handarbeiters zu verbessern. dabei aber Begriff und Wesen desselben nicht modernisiert.
Die allgemeine wirtschaftliche Dienstpflicht ist daher zunächst eine eminent soziale Einrichtung, die durchaus auch im Rahmen eines erneuerten Sozialismus liegt. Sie gehört zum Volksstaat der Arbeit. Dazu kommen dann die aus ihr sich ergebenden praktischen Gewinne und Reserven für die Gesamtheit unseres Volkes, welchem das Schicksal wenigstens für eine Zeit die Rolle des Vorarbeiters der Erde — eine schwere, aber möglicherweise am letzten Ende segensreiche Periode der Prüfung — zugeteilt hat. Diese ist immer noch einer Entwicklung vorzuziehen, die nach völliger Zertrümmerung der heimischen Wirtschaft aus dem Wege über Volkssterben und Mastenaus- wanderungen dazu fübren müßte, dis deutsche Arbeiterschaft zum Lohnsklaven fremder Völker zu machen.
Die allgemeine wirtschaftliche Dienstpflicht hätte sich auf sämtliche Betriebe der Handarbeit zu erstrecken. Sie müßte in erster Linie den lebenswichtigen Zweigen der Wirtschaft, nämlich Verkehr, Bergbau und Landwirtschaft, zugute kommen. Hier handelt es sich in der Tat um Angelegenheiten des gesamten Volkes. Auf der Gewinnung der heimischen Rohstoffe beruht unser Leben. Nach Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht mutz jeder taugliche Mann zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr ein Iabr der praktischen Arbeit in einem lebenswichtigen Betriebe widmen, wobei auf die geistige und körperliche Eignung des Individuums für die einzelnen Arbeitsgebiete besonderes Gewicht zu legen ist. Vielfach erfolgen ja bei uns die Überlegungen. was die Berufswahl angeht, in Zeiten und unter Umständen, welche einer objektiven Erledigung dieser auch für die Cesamtwirtschaft wichtigen Frage nicht gerade günstig sind. Für die allgemeine wirtschaftliche Dienstpflicht muß aus dem Grunde eine Altersstufe zwischen 20 und 30 Jahren in Aussicht genommen werden, weil in dieser Periode bester menschlicher Kraft noch auf je 1000 der Bevölkerung eine relativ große Zahl von Menschen kommt. Bei einer Bevölkerunasziffer von 30 Millionen Menschen ist mit gegen 8 Millionen zwischen 20 und 30 Jahren zu rechnen. Im Deutschen Reich wurden im Iaüre 1900 durchschnittlich auf 1000 Männer 1032 weibliche Personen gezählt. In obigen Altersperioden überwiegt das weibliche Geschlecht nur unerheblich. Ferner ist es von Wichtigkeit, daß der Prozentsatz der Verheirateten in den Altersverioden von 20—25 Jahren bei der männlichen Bevölkerung nur 14 desjenigen der weiblichen Bevölkerung betragt, im Älter von 25 bis 30 Iakrsn nur noch v u Auch die Sterblichkeit und di^ Sterbenswahrscheinlichkeit hält sich gerade in diesen Jahren ziemlich stabil. Bedenkt man nun, daß die Friedenspräsenzstärke des früheren Heeres im Jabrs ,1910 etwa U, Million Mann ohne Offiziere, Ärzte. Beamte und Einjährige betrua. so tritt die Bedeutung der Einführung einer allgemeinen wirtschaftlichen Dienstpflicht, welche nahezu 1 Million neue^ Arbeitskräfte bringen könnte, besonders hervor.^ Sie würde beim 8-Stunden-Tag mindestens eine jährliche Ar- beits"ermehrung von ungefähr 3000 Millionen Arbeitsstunden bedeuten mit einer Steigerung der Pro
duktion im Werte von Milliarden. Wenn man den Wert der gewonnenen Arbeitsstunden kapitalisiert, so kann man wohl mindestens 10 Milliarden der Steuer unterliegende Vermögensmehrwerte annehmen.
Unüberwindliche, organische Hinderniste stehen der Durchführung meines Gedankens nicht im Wege. Wer an der Rettung des deutschen Volkes und seiner Wirtschaft Mitarbeiten will, muß allerdings Hürden zu nehmen wissen. Bei genauer Durchdenkung der Fragen schwinden die Spezialschwierigkeiten, mögen sie sachlicher oder organisatorischer Art fein. Weder die Bestimmung der einzelnen Betriebe, welche für die Dienstpflicht in Betracht kommen, noch Anlernung, Entlassung oder Kontrolle der Pflichtigen sind unlösliche Angelegenheiten. Alles dies muß in die praktischen Hände der Betriebsleiter gelegt werden, weshalb auch die Durchführung des Vorschlags ohne nennenswerte, bureaukratische Neueinrichtungen und Ämter vor sich gehen kann. Die Praxis überwindet alle Schwierigkeiten viel leichter als noch so gelehrte Theorien.
Für die weibliche Jugend müßte ebenfalls ein Jahr praktischer hauswirtschaftlicher Arbeit im weitesten Sinne im Anschluß an die Schule obligatorisch eingeführt werden. Jede Frau sollte im Notfall durch eigene Führung der Hauswirtschaft dazu beitragen, sich und den Ihrigen eine gewisse Unabhängigkeit zu schaffen. Man kann von den weiblichen Angehörigen aller Stünde verlangen, daß sie irgendeinen Berus über den Dilettantismus hinaus erlernen, damit auch sie an ihrer Stelle den Wohlstand der Nation durch geeignete Arbeit vermehren. Im Intsresie der Vertiefung der für die Entwicklung eines Volk» bedeutungsvollen Harmonie des Familienlebens würde die Tätigkeit der Frau auch die seelischen Distanzen dieser zu der meist schwer arbeitenden Männerwelt vermindern.
Drr Urlaub des Rutzenministers.
Br. Sarkin. 7. Aus. (Ctg. Drahtbericht.) Entgegen den Nachrichten, die gestern abend wissen wollten, daß Dr. Simons W**«*! XWcm* -inkr-meben habe, wmf, uns von -«ständiger Stelle mitgeteilt, daß er bei einer Verwandten zur Erholung weilt, deren er nach den groben Anstrengungen der letzten Zeit dringend bedarf. Es ist kein voli- tischer Urlaub.
Der Reichskommissar für Entwaffnung.
in-. Berlin. 7. Aug. Staatssekretär Dr. Peters wurde vom Reichspräsidenten zum Reichskommissar für Entwaffnung ernannt.
Br. Berlin, 7. Aug. (Drahtbericht.) In dem parlamentarischen Beirat, den der Reichstag der Ent- waffnungskommisiion zur Seite stellt, ist der Vorsitz dem Abg. Vrüninghaus von der deutschen Volkspartei übertragen worden, der stellvertretende Vorsitzende ist Zentrumsabgeordneter Hofmann; das Ami des Schriftführers hat der Unabhängige Dr. Rosenfeld.
Ein Ostausschuß des Reichstags.
BK Berlin, 6. Aug. Im Reichstag bat sich ein O st - aus! ch u ß gebildet, der der Regierung in allen die östliche Lage betreffenden Fragen dauernd beratend zur Seite stehen soll. Er besteht aus den Abgeordneten Behrens (Dntl.), Dr. Everling (D. Vvt.). Dr. Fleischer (Zentn). Weinhausen (Dem.). Kolzus (Soz.) und Dr.
L ö w e n st e i n (U. S. D.).
Neue llmsturzpläne in Sachsen?
W. T.-B. Chemnitz. 6. Aug. Amtlich wird gemeldet: In der Nacht zum 6: August gelang es der Landesstcherbeits- polizei, auf der Straße EbersbaÄ-Zwickau ein Auto mit 13 bewaffneten Insassen anzuhalten und festzunehmen. Des Auto führte große rote Plakate mit fick, weiche die Aufschrift batten: ..Rieder mit der Regierung. Bewaffnung des P'otetgi-igt-i Ausrufung der Räterepublik!" Die Unterschrift lautete „Der Vollzugsrat."
Br. Berlin. 7. Aug. (Eia. Drahtbericht.) Die Polizei- direkiion von Chemnitz teilt mit. daß von einer Putsch- gefahr dert keine Rede sein kann. Alles ist rubig. Gestern fand, wie ja auch in anderen Orten, eine Kom- mvnistenuer'ammlunc, statt, an der stch ungefähr 1500 Personen beteiligten, die gegen das Entwafmungsgesetz protestieren wollten. Die Versammlung verlies in aller Ruhe. Die Chemnitzer Kommunisten wehrten sich dagegen, daß ein Zusammenhang besteht zwischen ihnen und den bei Zwickau Verhafteten. Die im AnG onoebaltenen Personen hatten rische Fahrtausweise sowie 25 Gewehre mit Munition und vorbereitete Proklaniotionen für die Rätc-evublik bei sich. Die B-ch«rden messen dem Zwischenfall nur lokale Bedeutung bei.
Der Abtransport der italienischen Truppen aus dem Mstim mungsgebiet.
me. Berlin, 6. Aus. Der Abtransport der italienischen Truppen aus dem Abstimmungsgebiet Marien- werder . und Allenste i n wird voraussichtlich am 9. August in drei Zügen stattfinden, die über Schneidemühl, rankfurt a. d. O. Breslau und Odcrberg geführt werden. -Jtc Öffentlichkeit wird hiervon heute in Kenntnis gesetzt, um unliebsame Zwischenfälle bei den Transporten zu vermeiden. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es sich lediglich um den öeimtransvort von Truppen bandelt, nicht aber um irgendwelche Trupvewverichiebungen nach Polen v
Rußland und Polen.
Die polnische Regierung fordert zur Verteidigung Warschaus auf.
Lr. Warschau, 7. Aug. (Eig. Drahtbericht.) Die polnische Regierung hat an die Bewohner Warschaus einen Aufruf erlassen, worin es heißt: Der Feind befindet sich nur einige Werst von Warschau. Zur Verteidigung der Hauptstadt müssen alle Bürger in Reih und Glied treten. Der Tag ist gekommen. Es gibt keine Wahl, entweder Kampf bis zum äußersten und damit Sieg und Freiheit oder Sklaverei. Die Hauptstadt darf sich nicht ergeben. Burger, zu den Waffen! gez. Witos, Ministerpräsi- dent der Polen.
Drr polnische Heeresbericht.
~ mz. Kopenhagen, 7. Aug. (Drahtbericht.) Nach einem Telegramm aus W a r i ch a u meldet der polnische Heeresbericht vom 7. August: An der Serethlinie keine Veränderung- In der Gegend von Brody verläuft unsere Eegen-
aktion günstig An der mittleren Front griff der Feind aus der Linie Koden-Kowel-Lyck erfolglos an. Bei Wizn« zer- wir zwei bolschcwikische Regimenter. _ machten
5000 Gefangene und erbeuteten mehrere Geschütze. ' Die'gegen die Stadt Lomscha gerichteten Angriffe wurden zurückge- wiesen.
Die Londoner Konferenz findet statt.
mz. Amsterdam, 7. Aug. (Drahtbericht.j Der Korrespondent des „Evening Standard" erfährt, daß die englische Regierung trotz des unbefriedigenden Charakters der russischen Antwort den Vorschlag angenommen hat, dennoch in London eine Konferenz abzuhalten, auf der alle Fragen, dre zwischen Moskau und Warschau zu regeln sind, behandelt werden sollen, ohne daß dabei die eigent- liche Friedensbesprechung stattfindet. Deutschland und die Ostseeländer werden wahrscheinlich auf dieser Konferenz vertreten sein. — Das Blatt bringt die Nachricht mit dem Vorbehalt der Zustimmung Frankreichs, die bisher noch nicht eingetroffen ist.
Besprechungen zwischen Millerand und Lloyd George.
Bi- Paris. 7. Aug. fEig. Drahtbericht.) Millerand und Lloyd George werden im Laufe des morgigen Sonntags eine neue Zusammenkunft in H y t h e haben, um die polnisch-russische Frage zu besprechen. Foch und Wilson werden an den Besprechungen teilnehmen.
Zwei Möglichkeiten, die nicht mehr in Frage komme«.
Br Paris. 7. Aug. (Eig. Drahtberickt.) Der ..Matin" bemerkt zu der Nachricht der neuerlichen Zusammenkunft des englischen und franz-Men Ministerpräsidenten: Zwei Möglich,keiten kamen nicht mehr in Frage: Erstens die Ent-
jfndung verbündeter Truppen nach Polen, zweitens die Unterstützung Polens durch die Nachbarstaaten.
Protest der französischen Sozialisten.
Paris, 7. Aug. (Drahtbericht.) Die französische sozialistische Partei hat mit dem allgemeinen Ar- beiterverband nach der „Humanite" Besprechungen gehabt, um gegen alle Schritte zu protestieren, die die französische Regierung in Bezug auf Sowjetrußland unternimmt.
- Die englischen Arbeiter gegen eine polnische Bundesgenosscnschaft. j
W. T. B. London, 7. Aug. (Drahtbcrichi.) Ein von 8 Mitgliedern der Arbeiterpartei des Unterhauses und hervorragenden Gewerkschaftsführer^ unterzeichnetes Manifest warnt das englische Publikum vor der Möglichkeit, daß das Land in einen neue» Krieg hineingeleitet wird. Polen wird beschuldigt, daß es sich von Ländsrgier habe leiten lasten. Das Manifest erklärt feierlich, die englischen Arbeiter lehnen es ab. bei dem Kriege Polen als Bundesgenossen zu Helsen.
Die Erregung der Bevölkerung in Posen.
Dz. Berlin, 7. Aug. Die „Deutsche Allgemeine Zeitung gibt einen Bericht des „Oberschlesischen Wanderers wieder, wonach die Erregung der Bevölkerung in der früheren preußischen Provinz Posen sich verschärft habe. Nicht nur Deutsche, sondern auch National-Polen hätten sich der Bewegung angeschlosten, die auf eine Rückkehr zum Deutschen Reiche hrnziele.
Ein österreichisch-russischer Eeheimvertrag.
.. mz. u Amsterdam. 7. Aug. (Drahtbericht.) Wie di, „Times aus New York erfährt, hat der amerikanische Staatssekretär Co Id y einen Geheimvertrag veröffentlicht, der angeblich zwischen Österreich und Sowietruß- ffi"* ."beschlossen werden soll. Nach dem Vertrag verpflichtet sich Österreich zur vollkommenen Neutralität bei ledern neuen Krieg gegen Sowjetrußland und zur Ver- me.idung der Durchfuhr von Kriegsmaterial zugunsten der yelnde Rußlands. Ferner soll der Vertrag Ermächtigung über die Wiederherstellung finanzieller, wirtichaitlicher uu- diplomatischer Beziehungen enthalten.
