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Freitag, 23. Juli 1920.

Abend-Ausgabe.

Nr. 340. ♦ 68. Jahrgang.

Der Kri^g gehl weiter!

Die Hoffnungen, bqj Europa, durch das dis Kricgs- furie noch immer rast, endlich zur Ruhe kommen würde, haben sich als eitel erwiesen. Der Krieg im Osten geht weiter. Die Zeit, da ganz Europa an dem Wiederauf­bau arbeiten und dafür sorgen kann, daß die Wunden, die all die langen und bösen Kriegsjahre gefchlacmn haben, verheilen und vernarben, ist noch nicht gekom­men. Noch ist es nicht möglich im Osten Europas an Wiederaufbau zu denken, noch rast dort die Kriegsfune.

Die außerordentlich schwierige Lage, rn der sich Polen durch die glänzenden Erfolge der Sowjet- truppen befindet, gab bekanntlich den Alliierten An­last. Moskau einen Waffenstillstand vorzuschlagen. Die Vorschläge für diesen Waffenstillstand waren folgende: Die polnische Armee soll bis zu einer Linie zurückge­zogen werden, die vom Obersten Rat im letzten Jahre als Polens ethnographische Grenze festgestellt worden ist. Das entspricht ungefähr einer Linie, die von Erodno über Brest-Litowsk bis zu einem Punkt südöstlich von Przemysl verläuft. Fünfzig Kilometer östlich dieser Linie sollten die Sowjettruppen Halt machen. Eine Konferenz für den Abschluß des Friedens sollte dann in London abgehalten werden, an der Sowjetrußland, Polen, Fiimland, Lettland, Litauen teilnehinen sollten. Sollte aber Sow;etruß- land es ablehnen, diese Waffenstillstandsvorschläge an­zunehmen und dazu übergehen, das eigentliche Polen anzugreifen, so würde Polen die volle Unterstützung der Alliierten erhalten. England hatte überdies bei diesem Spiel noch einen Trumps in der Hand. Es hat nämlich gleichzeitig mit der Übermittelung dieser Wafsenstill- standsbedingungen Moskau wissen lassen, daß die Wirt­schaftsverhandlungen, die zuletzt von Kr assr n geführt worden waren, als gescheitert zu betrachten seien, wenn die Sowjetregierung das Wasfenstillstandsangebot ab­lehnen würde. Ganz zweifellos besaß hiermit England ein gutes Druckmittel, denn die Sowjetregierung hatte ein außerordentliches Interesse daran, Handelsbeziehun­gen mit den Westmächten anzuknüpsen, durch die vor allem das gänzlich zerrüttete russische Transportwesen wenigstens einigermaßen gehoben werden sollte. An der Fortführung dieser Wirtschastshebung sind die Russen durch den polnischen Angriff verhindert worden. Denn es ist zweifellos, daß es sich hier zunächst um pol­nische Angriffe, man denke nur an Kiew, gehandelt hat, die nun allerdings eine sehr kräftige Gegenoffensive der Russen ausgelöst haben. Die großen Siege der Sow;et- truppen sind dabei zweifellos nicht auf das Gewalt­regiment Lenins zuruckzuführen, sondern sie beruhen auf dem Erwachen des nationalen Instinktes rind Lenin hat alles getan, um diese Leidenschaft auszu­nutzen. Man tonnte Zweifel daran haben, wie die Antwort der Sowjetregierung auf das durch England überrnittelte Wasfenstillstandsangebot ausfallen wurde. Mancherlei Momente sprachen dafür, daß man es in Moskau nicht zum Äußersten kommen lasten wurde und daß man sich mit der für Sowjetrußland gar nicht un­günstigen Linie, wie sie das Wasfenstillstandsangebot vorsah, begnügen würde. Aber schon vor einigen Tagen schrieb das amtliche Organ der Moskauer Regierung, dis „Prawda": „Wir befinden uns mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten Tfchitscherin m voll­kommener Übereinstimmung über die Notwendigkeit, zunr Zwecke der Wiedsraufrichtung Rußlands eine ge­meinsame Grenze mit Deutschland zu haben. Die Offen­sive aeaen Polen wird erst ihr Ende finden, wenn dieses Ergebnis erreicht sein wird." Die Antwort, die Mos­kau nach London sandte, war so gehalten daß sie dort als eine Ablehnung auf das Waffen tillstandsangebot betrachtet werden mußte. Die englische Antwort an Rußland bezeichnet denn auch die Note der Sowie-- regierunq als ungenügend, laßt stch aber, so weit sich das wenigstens aus den vorliegenden Nachrichten er­sehen läßt die Möglichkeit für weitere Verhandlungen offen. In ihrer Notlage mußten sich die Polen wohl cde? übel bereit erklären, dem russischen Wunsche nach direkten Verhandlungen, ohne Vermittlung der En­tente, zu entsprechen. ^

Inzwischen setzen ,bie Heere Trotzkys und ' Lenins ihren Siegcsmarsch fort und oedrohen - reits Warschau, mit dessen Evakuierung von der Zivilbevölkerung bereits begonnen worden sem soll. Heute schon sind die Spitzen der bolschewikischen Nordarmee auf ungefähr 40 Kilometer an die Grenze Ostpreußens herangekommen. Es ch.uß also damit ge­rechnet werden, daß bereits in den nächsten Tagen russi­sche Truppen an der ostprcußischen Grenze aus­marschieren. Selbstverständlich erscheint daß dre deut­sche Rcaieruna alles tun wird, um die Neutralität zu wahrem Polnische Truppen, die etwa über die Grenze abgedrängt werden sollten, wüsten entwaffnet werden um so den Rüsten ieden Vorwand zu einem Einmarsch . sUtifchtM d>- V-n d'-d,-.

lang woblgeglückte Umfassung der polnischen Trupp,«

voiu Norden her südlich der deutschen Sudgrenze Ost­

preußens weiterhin fortsetzen, wobei sie den Dorteil haben, daß die deutsche Grenze ihnen als Flankenschutz dient. Für Deutschland bedeutet das, daß diese Grenze in eine recht intensive und dauernde Fühlungnahine mit den russischen Truppen geraten wird. Daß hier Gefahren vorliegen, bedarf wohl keines weiteren Hin­weises. Weniger wahrscheinlich ist, daß die Siege über die Polen den Russen den Mut verleihen, deutsches Ge­biet anzugreisen. Der Berliner Vertreter dex Sowjet­regierung, Wigdor K o p p, hat, wir wir berichtet habep, auch erklärt, die russischen Truppen dächten nicht daran, in Deutschland einzumarschicren, denn einmal wolle Rußland mit Deutschland im Frieden leben und die wirtschaftlichen Beziehungen sobald wie möglich wieder aufnehnren und dann würde ein Einsall in Ostpkeutzen die schärfste nationale Reaktion in Deutschland Hervor­rufen, woran die Sowjetregierung gewiß kein Interesse habe. Hätten es die russischen Truppen auf Ostpreußen abgesehen, so würden sie nicht Litauen geräumt haben, das doch der nächste Weg nach Ostpreußen sei. Aus jeden Fall wird man bei uns gut tun, die Entwicklung des polnisch-russischen Krieges, dessen Auswirkungen sich heute keineswegs übersehen lasten, mit dsr größten Auf­merksamkeit zu verfolgen!

Der deutsche Grenzschutz.

ffd. Berlin, 22. Juli. Der Wortlaut der gestern vom Staatssekretär erwähnten deutschen Note an den Ver­band wegen des Grenzschutzes im Osten wird noch be­kanntgegeben werden. Sie hat den Inhalt, daß die deutsche Regierung beabsichtige, einen Grenzschutz aus Einwohnern zu bilden und in den Abstimmungsgebieten unsere Grenze militärisch bewachen zu lassen. Dem Verband wird dies mitgeteilt werden, damit dieses Vor­gehen richtig bewertet werden kann. Von zuständiger Seite wird nochmals hervorgehoben, daß unsere Neu­tralitätserklärung gleichmäßig an Polen wie an Ruß­land gerichtet ist. Sie wird auch gleichmäßig gegen beide Teile streng durchgeführt werden.

Ein direktes polnisches WasfenstillstanÄsangebot.

mz. Berlin. 23. Juli. Wie die ..Vossiicbe Zeitung" aus Warschau meldete bat der volniickie Landesvertei- digungsrat beschlossen. den Alliiertenrat zu befolgen und ein Waffen st ill st andsangebot direkt nach Moskau zu richten. Um dem Angebot Nachdruck zu verleiben, ioll ein Koalitionskabinett aus allen Parteien gebildet werden unter besonderer Berücksichtigung der Bauernpartei und der Sozialisten.

. Beunruhigung in Polen. »

mz. Rotterdam. 22. Juli. Die ..Times" .melden aus Warschau: Der Umstand, datz eine Antwort der

Bolschewiken aus das polnisch-'

bot noch n ich i ein getroffen ist. verursacht in Bolen Beunruhigung. Die Polen glauben, datz die Bolschewiken möglichst grotze Vorteile aus der militärischen. Lage ziehen wollen, die im Augenblick sehr günstig ist. Amtliche polnische Kreise sind sich darüber klar, datz die vonEngland zu leistende Hilfe nur aus Kriegsmaterial bestehen würde.

Die Evakuierung Warschaus.

w. T.-B. Paris. 22. Öuli. Nach einer Meldung der ..Chicago Tribüne" soll die Evakuierung War­schaus von der Zivilbevölkerung schon begonnen baden. Ein großer Teil der Bevölkerung sei zur Abreise bereir.

Die »Entente-Missionen.

W. T.-B. Paris. 22. Juli. Die französische Mis­sion. die zur Prüfung der Lage nach Bolen entsandt wird, besteht aus dem französischen Vollcharter m Wasbina- ton. Jusserand.- der sich augenblicklich am Urlaub in Paris befindet, dem Generalstabschei des Marschalls .rock sowie dem Botschastsrat Vianon vom Kabinett Mille- rand. Die englische Misston besteht aus dem englischen Bot­schafter in Berlin Lord Abernon. dem General Rad- cliffe und Sir Maurice Hankey.^dem Leiter des poli­tischen Sekretariats Lloyd Georges.

Viktor Kopps Ansicht.

Br. Berlin. 23. Juli. (Eig. Drabtber.) Herr Viktor K 0 v v . der inosfizielle Sowietrutzland-Eeiun.dte. lant stch weiter interviewen. Einem Mitarbeiter des,..B. T . .er­klärte er. die Russen wollten den Polen nicht ihre Sowret- verfassung aufdrängen. Die polnische Militarvartei müsse niedergeschlagen werden, damit Runlano nun endlich zur Ruhe komme. Polen müsse eine Brücke für den Wirt­schaftsverkehr Rußlands mit Deutschlands sein, ^zn den etwaigen Friedensoerbandlungen werde in dreiein Sinne auch die Frage des polnischen Korridors geregelt weroen.

Litauens Bedingungen.

mz Korvno. 22. Juli. Die Litauische Telegravbenagen- tur meldet: Um alle möglichen Konflikte.zwischen den

in den von den Polen geräumten Eeoreten Litauens weilen­den russischen Truppen mit der litauischen Regierung zu ver­meiden. verlangte der litauische Minister des Äuvern non der Moskauer Regierung die Annahme besnmmter Be­dingungen. Danach dürfen die russischen Truppen die von den beiderseitigen Heeresleitungen nock iestzusetzende Demarkationslinie nicht übe r s ch r e i t e n. Die Zivilverwaltung soll vollkommen in den vanden der Litauer liegen. Die Russen dürften nur die in militärischer »instÄt unbedingt erforderlichen Verkehrslinien benutzen und Mui- tärdevots und andere Gebäulichkeiten beschlagnabmen. Wei« ter wird gesagt, datz nur durch unbedingte strenge Befolgung dieser Bedingungen alle Konflikte zwischen den beiden Re- aieiunaen vermieden werdest könnten.

Graf Sforza über Spa.

me. Nom. 22. Juli. (Stefan!.) Ter Minister des Äußern. Graf Sforza, erklärte in Beantwortung mehrerer Anfragen über die auswärtige Politik: In der

Koblenfrage hätte Italien Deutschland das Darleben verweigern können, das stch durch den Unterschied zwnchen dem im Friedensvertrag festgesetzten Mindestpreis und dem wirklichen Preis ergibt. Aber dann würden die deutschen Bergarbeiter nicht gearbeitet haben und man hätte das Rubrgebiet besetzen müssen, um Koblen zu erbalten. Dies ist durch seine Vermittelung oerbindert worden. Wei­ter sagte er: Um zu einem Urteil über Sva zu gelangen, mutz man vor allem an die Abgründe denken, die sich vor der Konferenz ausgetan hätten, wenn sie plötzlich abge­brochen worden wäre, wie man es einmal denirckstete. Mein ganzes Bestreben lag darin, diese Gefahr -'' verm-üoewiins Europa auf einen fruchtbareren Weg zu führen. Ich lwne. datz das Werk von Sva Frucht tragen wird. Niemand ist vollkommen zvfriedengestelli von Sva weggegangen. Aut jeden Fall sind aber die Grundlagen zu dem euro­päischen Zusammenarbeiten gelegt worden. Es fehlte auch nicht an neuen Erscheinungen in den Annalen der Diplomatie. So wurde ein Vertreter der Bergarbeiter zugelassen. um den Standpunkt seiner Arbeitsgenossen dar­zulegen. Indessen glaube ich sagen zu dürfen.^da« Italien mit Sva zufrieden sein kann, und datz wir die Konferenz als eine Glück verbeißende Etavve auf dem Wege zu einer europäischen. Regelung anseben können.

Neichskohlenrat und Reichskohlenverband.

mz. Berlin. 22. Juli. Den Abendblättern zufolge wer­den der Re i ch s kö b l e nra t und der Re ichs koblen - verband in gemeinsamer Sitzung die durch das Abkom­men von Sva geschaffene Lage erörtern.

Zum internationalen Clearing-

mz, Berlin. 21. Juli. Amtlich wird bekannt gemacht: Die Ausgleichsämter von Großbritannien. Frankreich usrd Belgien erteilten ihreiHustimmung dazu, datz hinsichtlich der am Aussleichsoersabren leilnedmenden Forderungen und Schulden britische.'französische und belgische Gläubiger und Schuldner' mit ihren deutschen Gläubigern und Schuldnern in unmittelbaren Schriftverkehr treten, um die Höhe ihrer Forderungen und Schulden sowie die Einzel­heiten dieser Forderungen und Schulden klarzustellen, ins­besondere auch die Kontenauszüge mit einander zu ver­gleichen. Da die deutschen zuständigen Stellen von teber ganz allgemein einen rein informatorischen unmittelbareil Verkehr zwischen den am Ausgleichsverfahren beteiligten Gläubigern und Schuldnern als zulässig erachteten, tu Hont dem unmittelbaren Schriftverkehr zwischen deutschen Schuld­nern und Gläubigern und denjenigen der genannten Staa­ten innerhalb des bezeickmeten Rahmens kein Hindernis im Wege. Über diesen Rahmen binausgebende Verhandlungen Über eine Bezahlung oder sonstige Regelung der Schulden dürfen dagegen nach wie vor nur durch die Vermittelung der Ausgleichsäniter erfolgen. Den deiitschen Gläubigern und Schuldnern. die mit gegnerischen Staatsangebvrigen m hier­nach 'zulässigem Briefwechsel sieben, wird m wrem eigenen Interesse dringend empfohlen. Kopien ibrer Emreiben und die Unterschriften und Antworten des Gegners amzuoe- wabren. um sie auf Verlangen dem Reichsausgleichsamt vorzulegen.

Vor einer Preissenkung sür Lebensmittel?

mz. Berlin. 23. Juli. Einer AbordnungvonEr- werbslosen. die in Berlin wegen der schlechten Le­bensmittelversorgung Dresdens vorstellig ge­worden war. wurde mitgeteilt, datz eine Preissenkung be- vorstebe. Die Reichsregierung boffe. auf Grund der von der Entente zu leistenden Vorschüsse die ausländischen Ein­fuhren von Lebensmitteln zu verbilligen und dadurch auch eine Senkung der in ländischen Lebensmittel berüeizuführen.

mz. Berlin. 23. Juli. Aui dem in H e i l i g e n st a d t abgebaltenen Eichst elder Bauern tag ^wurde be­schlossen. die K a r t 0 f i e l 0 r e 1 > e auf 2 2 M a r k und die E i e r v r e i > e auf 1 Mark beraozusetzen.

Aufhebung der Zwangswirtschaft in Anhalt.

IV. T.-B. Berlin. 23. Juli. Wie das ..Berliner Tage­blatt" meldet, beabsichtigt die anbaltiniiÄe Regierung die Zwangbewirtschaftung für Fleisch und K a r t 0 t t e l » aufzubeben. __,_

Protestkundgebungen im Weichselgebiet.

W T.-B. Marienwerder. 22. Juli. Gestern fanden im ganzen W e i chf e l g e b i e t M a i s e n!u n d a e b u »q e n der Bevölkerung statt, um gegen die von Polen erhobene Forderung auf Abtretung dieses L andstre,iens an Polen P r 0 t e st zu erheben. Es wurde eine Erklärung angenommen, die von 4000 Frauen und Männern unterzelM- net ist und in der es heißt:

Die wirtschaftliche und geogravbiscke Lage der an der Weichsel gelegenen Gemeinden verbieten eine gewaltsame Auslösung einzelner Gemeinden aus dem natürlichen wirtschaftlichen Zusammenhang und dem bestehenden Reichsverband. Einig mit dem gesamten west- und M- vreutzischen Abstimmungsgebiet, erklären die am 21., Jul, versammelten Bewobner der Weichselmederung. da« ste auch die kleinste Gebietsabtretung an Polen als Verge­waltigung des von den alliierten und assoziierten Nächten feierlichst verkündeten Selbitbestimmungsrechtes der Völker und als Verletzung des Geistes des Friedens- Vertrages von Versailles anieben werden. Ebenso wie die deutsche beteiligte sick auch die polnische Bevölkerung, am t l. 2uli tür Voten stimmte-Ln. dieser Erklärung,

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