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Dienstag, 13. Juli 1S2v.

Das morsche Vollmert. -

Alle Nachrichten, die über die Vorgänge an der russisch-polnischen Front zu uns gelangen, zeigen, daß die Lage der Polen außerordentlich ernst ist. Stach dem polnischen Vormarsch auf Kiew ist für die Polen ein schwerer Rückschlag eingetreten. Ihre Heere befinden sich jetzt auf der ganzen Front im Rückzug, dessen Tiefe im Zentrum bereits 100 Kilometer überschreitet. Die Bolschewiken haben die Offensive'an verschiedenenStel- len der Front ergriffen, sie haben sich nicht damit be­gnügt, etwa nur in der Gegend von-Kiew die anfangs, erlittene Schlappe wieder gutzumschen. Die große russische Offensive geht in drei Richtungen, und zwar auf Tarnopol-Lemberg, Lemberg-Lublin — und wenn auch die Nachrichten vom Fall Lembergs den Tatsachen oorauseilen dürften, so liegt doch das alte Festungs- dreisck Röwno-Dudno-Luck schon jetzt ohne Schutz und die Eroberung Rownos durch die Bolschewiken wird be­reits von den Polen beftätipt — ^ der dritte und an­scheinend stärkste Stotz aber ist angesetzt auf die Linie Mosyr über Pinsk, Brest-Litowsk, Richtung Warschau

In Warschau ist man sich über den Ernst der Lage durchaus nicht im unklaren. Der Stabschef P i l- sudski hat einen Aufruf an das Heer und Volk er­lassen, der auf die Gefahren für Polen hinweist, und die polnische Presse aller Parteirrchtungen hat die Worte Pilsudskis in Arrikeln meist unter der Stichmarke' „Das Vaterland ist in Gefahr" unterstrichen.. Diese Ausführungen sind nicht ohne Erfolg geblieben. Rach neueren Nachrichten sollen zahlreiche Meldungen für die FreiwMgenarmee des Generals Haller eingelaufen fein. Warschauer Nachrichten besagen, datz sich allein während der ersten drei Tage rund 300 000 Freiwillige gemeldet hätten. Ob diese Freiwilligen die militärische Lage irgendwie werden beeinflusien können, mutz aller­dings bezweifelt werden, zumal es Polen an dem noti- Dtzen Ausrüstungsmaterial und auch an der Munition fehlt. Es ist mithin leicht erklärlich, datz man sich in Warschau nach anderer Hihfe umsah und sich nach Spa wandte. Das polnische Ministerium hat an die Konfe­renz eine Note gerichtet, in der darauf hingewiesen wird, datz das polnische Heer Europa vor der bolsche- wikischen Woge geschützt habe, datz es aber dringend aus­giebiger materieller und moralischer Hilfe derAlliierten bedürfe, wenn es den Kampf fortfetzen solle. Nach langen Verhandlungen in Spa haben die Alliierten denn auch die Sowjetreaierung zum Abschluß oines Waffenstillstandes mit Polen anfgefordert. Allem Anschein nach ist man in Moskau unter gewissen Be­dingungen dazu bereit. Diese neue Niederlage der Polen beweist wieder, datz ihren Staatsmännern das Augenmaß für das Erreichbare und Mögliche völlig verloren gegangen ist. Es scheint geradezu, als hätten sie niemals' etwas von 'politischer Konsolidierung ge­hört. Gewiß wird es den Polen niemand verdenken, wenn ihr Sinnen auf die Errichtung ihres National­staates gerichtet ist. Was aber Polen erstrebt, ist kein Nationalstaat, sondern ein Nationalitätenstaat. Ein neu erstandenes -Österreich. Vielleicht zieht ipan in Polen aus den Rückschlägen an dex russischen Front .und.aus dem Ergebnis der Abstimmung in Ost- und Westvreusten am Sonntag, wo 97 9 bezw. 92 Prozent für Deutschland stimmten, eine Lehre und stellt die Länderaier ein. Auch in Oberschlesien dürfte trotz urller skrupellosen Agitation kein günstiges Ergebnis für die Polen zu erzielen sein.

Als Bollwerk aegen den Bolschewismus scheidet Polen nach den schweren Niederlagen zunächst vötlig aus. Unverbesserliche Optimisten haben geglaubt, datz diese Entwickelung der Dinge itn Osten bei den Ver­handlungen in Spa für Deutschland nicht ungünstig sei, da sich so die Entente bestimmen lassen würde, Deutsch­land' das 200 000-Piann-Heer zu belassen. Der Gang der Ereignisse hat diese Optimisten inzwischen eines anderen belehrt. Wer die Vorgänge genauer verfolgt hat, konnte sich niemals darüber im unklaren sein, datz -innerhalb der Entente über die Stellung zum Bolsche­wismus keine Einigkeit besteht. In Paris ist man immer geneigt gewesen, den Bolschewismus mit mili­tärischen Mitteln niederzuringen. Anders in London! Hier har man sich sehr früh davon überzeugt, datz der militärische Weg nicht zum Ziele führt. Und man hat sich daher für eine friedliche Verständigung, vor allem aber für die Wiederaufnahme des Handelsverkehrs mit Sowjetrutzland eingesetzt. Lloyd George hat durchge­setzt. datz der Oberste Rat schon im Januar und Februar dieses Jahres seine Zustimmung zu dieser Politik gab. Diese Beschlüsse des Obersten Rates wurden in San Remo noch einmal bekräftigt, obwohl sich Frankreich nicht gern zu einer Unterstützung dieser Politik ent­schloß.' Von London aus ist man zweifellos seit langem bemüht, mit den Bolschewiken zu einer Verständigung zu kommen. So sind die Besprechungen, die in Kopen­hagen zwischen dem englischen Unterhausmitglied O'Gradn und dem Vertreter Sowietrublands Litwinoff

Msrgen-Ausgabe

gepflogen wurden, zu werten gewesen. So sind vor allem auch die Besprechungen, die jetzt in London mit Krassin stattgefunden haben, zu beurteilen, wenn auch von der englischen Regierung wiederholt erklärt wor­den ist, daß es sich nur um wirtschaftliche Verhandlun­gen drehe. Es ist außerordentlich charakteristisch, datz Krassin nicht nach London zurückkehren wird, sondern datz nach neueren Meldungen statt seiner der 'russische Außenminister Tschitscherin nach London gehen wird. Damit würden die Verhandlungen einen offiziellen Charakter annehmen. Ihr Hauptziel dürfte sein, eine Grundlage für einen Friedensschlutz zwischen Sowjet­rutzland und den Alliierten zu finden!

Ein Waffenstillstand vorgeschlagen.

W. T.-B. Eva, 12. Juli. (Drabtbericht.) Die Alliierten haben der Sowjetregierung den Abschluß eines W a ffen still st ands mit Polen vorgeschlagen aus Grund der Voraussetzung, datz sich die Polen innerhalb ihrer rechtmäßigen Grenzen zurückziehen. Dem Waffenstillstand wird dann eine Friedenskonferenz aller Rand- staaten folgen. Wenn die Sowietregierung ablehnt. oder wenn sie die Polen innerhalb ihrer eigenen Grenzen an­greift. so werden die Alliierten Polen volle Unterstützung zuteil werden lasten.

mz. Sva. 12. Juli. (Drabtbericht.) Der ..Petit Parisien" meldet: Erabski habe den General Piliudeki telegra­phisch mit notwendigen Weisungen für die Ein­stellung der Kämpfe und die (Einleitung oon Waffen still st andsverbandlungen ermächtigt.

Die russischen Bedingungen für die Einstellung der Offensive.

Dz. Paris, 12. Juli. (Drahtbericht.) Die Morgen­blätter veröffentlichen eine Meldung des ..Daily Graphic", von der Regierung in Moskau sei mitgeteilt wordon, sie sei bereit, die Offensive gegen Polen einzu­stellen. wenn man die Sowietreaierung anerkenne und eine Friedenskonferenz einberufen würde.

Minsk von der Roten Truppen genommen.

Dz. Paris. 12. Juli. (Drabtbericht.) Dem ..Petit Parisien" wird mitgeteilt. Minsk sei von den Roten Truppen genommen worden. ,

Tie Abstimmung in der Ostmark.

mz. Berlin, 12. Juli. (Drabtbericht.) Vorläufige Einzelergebnisse der Abstimmung in Weftpreuhen: Kreis M a r i e n b u r g : 17 437 deutsche, 183 polnische Stim­men: Kreis Stubm: 18 248 deutsche. 4919 polnische Stim­men: Kreis Marienwerder: 22 215 deutsche. 1506 pol­nische Stimmen: Kreis Rothenburg: 53 634 deutsche. 1074 polnische Stimmen. Ostpreußen: Allenstein- Stadt: 16 742 deutsche, 342 polnische Stimmen: Al len­ste in-Land: 30 444 deutsche. 4323 polnische Stimmen: Kreis Osterode: 46183 deutsche. 10W polnische Stimmen: Kreis Reidenburg : 22166 deutsche. 320 polnische Stim­men: Ortelsburg: 43 909 deutsche. 449 volnüche Stim­men: Kreis Jobannisburg: 33627 deutsche. 14 pol­nische Stimmen: Kreis Sensburg: 34 084 deutsche. 25 polnische Stimmen: Kreis Rössel: 33 227 deutsche. 757 polnische Stimmen: Kreis Lötzen : 29 025 deutsche, 9 polni­sche Stimmen: Kreis'Lvck: 335 574 deutsche. 37 polnische Stimmen: Kreis O l etz ko: 28 649 deutsche. 2 polnische

Stimmen.

Die Ablieferung des Luftschiffes „8. 72".

mz. Maudens«, 11. Juli. (Ho-as.) Das deutsche lenkbare Luitschifs .,2. 7 2“ ist um 4.15 Ilhr beute früb angekcmmen. Nack einem woblgelungenen Landungs­manöver wurde es um 5.55 Uhr ohne den geringsten Z-vi- ichenfall verankert. Es batte gestern abend 9^5 llbr Friedrichsbafen verkästen und war mit deutscher Be­mannung ouiaeOiegen: außerdem befanden sich auch zwei französischech Offiziere (Leutnant Vaisteau-Duvlessis und Ingenieur Sene) an Bord-

Admiral Fisher f.

mz. London. 10. Juli. Admiral Fisher ist an den Folgen einer Operation beute morgen 7.15 Ubr gestorben.

*

Mit Admiral Fisher ist der hervorragendste Ervonent der englischen Flottenpolitik dabingegangen. Fiiber ist zweifellos derjenige Engländer gewesen, der unermüdlich daran arbeitete, die Flotts seines Vaterlandes für den von ihm bestimmt vorausgesebenen und berbeigewünschten Zu­sammenstoß mit der iunaen deutschen Flotte auf das sorg­fältigste vorzubereiten. Bier wichtige Reformen in der eng­lischen Flotte sind mit Fishers Namen eng verbunden: er bat das Vräzisionsickießen bei der schweren und mittleren Ar­tillerie einaeführt und durchgebildet. die moderne wisten- ichaftliche und technische Schulung des englischen Marine­offiziers ist nach feinen Angaben ausgestaltet worden, die Verwendung des Rohöls als Hcizmittel für Kriegsradr- zeuge ist von ihm erkannt und durchaefetzt worden (er war Vorsitzender der Enavi^ekommistion über Bereitstellung von Rohölzuiubrevihre Arbeit hat letzt bekanntlich zu der Bil­dung eines englischen Rsbölweltmonovols geführt), und er bat den Dreadnought-Typ des Kroßkamvifchiffes ent­worfen und ieinen Bau bei der englischen Regierung nach langen Kämpfen erzwungen.

John Fiiber war im Jabre 1841 als Sobn eines Sauvt- manns im 78. Hochländer-Regiment geboren. Mit 13 Jahren trat er als Fäbnrich in die Flotte ein. Bon 1854 bis 1886 bat Fiiber in der Krim. China und in Ägypten an Kämpfen der englischen Flotte teilgenommen. Von 1886 bis 1904 war er mit kurzen Unterbrechungen, in denen er Geschwader­oder Küstenstationen kommandierte, in ministeriellen oder Stabstellunacn in der Heimat tätig. Als erster Lord der Admiralität trat er zum erstenmal im Jahre 1904 an die Sviüe der Flotts.

Nr. 321. ♦ 68. Jahrgang..

Die Lage.in Spa wieder kritisch!

Br. Berlin, 12. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Aus Sva liegen beute nachmittag neue Meldungen nicht vor. Die Sitzung, in der über die Kohlenfrage endgültig entschieden werden sollte, hat heute vormittag angefaygen. Nach.'Nachrichten, die an hiesigen unterrichteten Stellen ein­getroffen sind, ist die Stimmung für uns nicht be­sonders günstig. In dieser Beziehung scheint es in Sva überhaupt ein beständiges Auf und Ab zu geben, und so mutz man leider dauernd aus neue Zuspitzungen gefaßt bleiben.

Dazu erfährt die ,.B. Z." aus Sv a : jJie deutschen Dele­gierten und noch mehr die deutschen Sachverständigen ver­hehlen nicht, datz die Lage der Konferenz wieder sehr kritisch geworden ist. Sie behaupten, die Ententevreste habe die Schwenkung zum Besseren, die am Samstag er­folgt war, absichtlich übertrieben. Der Umschwung erfolgte am meisten * deshalb, weil Millerand und die Entente- delegierten aus allem ersehen, datz die deutschen Delegierten das vorgelegtx Kohlendiktat nicht einfach unterschreiben würden, sondern auf den Abbruch der Konferenz vorbereitet waren. Einen solchen Abbruch wegen eines Diktats ohne Verhandlungen wollte Millerand aber vermeiden, und des­halb lenkte er ein. Die deutschen Sachverständigen sind aber überzeugt, datz cs sich nur um ein Einlenken in der Form handelt, und datz-die Konzessionen von Verhandlungen nur zum Schein sind. Die Franzosen blieben rm übrigen auf ihren Forderungen bestehen. Die Deutschen erwarteten da­her. datz in der heutigen Sitzung Milkbrand die Kohlen­frage endgültig wieder diktatorisch lösen werde. Man mutz deshalb mit der Möglichkeit rechnen, datz sich die Deutschen beute von der Konferenz zurückziehen.

Die deutschen Pläne für den Wiederaufbau.

mz. Spa, 12. Juli. Unternehmungen für die Durch­führung des Wiederaufbaus der zerstörten Gebiete:

a) Die Wiederherstellung der im Kriege zerstörten Gebiete bildet ein gemeinschaftUchesInteresse derVölker, da die Erfahr besteht, daß die Gefühle des Hasses und der Schrei nach Rache nicht verschwinden, solange sie nicht durchgeführt ist. Die deutsche Regierung hat des­halb, obwohl nach dem Friedensvertrag eine Verpflich­tung zur unmittelbaren Beteiligung Deutschland am Wiederaufbau nicht besteht, alsbald nach der Unter­zeichnung des Friedensvertrages ihre Bereitwilligkeit erklärt, an'den Wiederaufbauarbeiten mitzuarbeiten und der Frage erneut näherzutreten. Dabei berück­sichtigt sie auch die bei den bisherigen deutschen Liefe­rungen für die Zwecke des Wiederaufbaus gemachten Erfahrungen, daß die Materiallieferungen nicht aus­schließlich dazu Verwendung finden, um den früheren Zustand der zerstörten Gebiete wiederherzustellen, son­dern von den Geschädigten teilweise auch zum Aufbau einer neuen Existenz an anderen Orten benutzt werden.

b) Die deutsche Regierung gibt daher die Anregung, die Unternehmung des Wiederaufbaues der zerstörten Gebiete durch ein großes internationales Siedelungunternehmen vornehmen zu lassen.

Der Plan ist folgendermaßen gedacht:

1. Es wird ein internationales Syndikat von Unternehme rn gebildet, in dem allen Staa­ten die Beteiligung offen gehalten wird.

2. Das Syndikat erhält die Aufgabe, im einzelnen mit den unmittelbar beteiligten Regierungen die Auf­räumung der zerstörten Gebiete durchzuführen, die industriellen, landwirtschaftlichen und Verkehrs-An­lagen wiederherzustellen und neue Heimstätten für die bisherigen Bewohner dieser Gebiets oder andere Sied­ler, die" aus sonstigen Gebieten der beteiligten Länder sich dorthin wenden, zu schaffen.

3. Das Syndikat zieht Unternehmer und Arbeiter aus den alliierten und den neutralen Ländern sowie aus Deutschland zu diesen Arbeiten heran.

4. Das Siedelunasunternehmen ist nach geschäft­lichen, nicht nach bureaukratischen Grundsätzen zu leiten und so zu führen, datz aus ihm keine übermäßigen Ge­winne erzielt werden.

5. Alle- Organisationen sind aufzubauen auf ' der Grundlage paritätischer Arbeitsgemein­schaft von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Bei grundsätzlichem Einverständnis über diese Pläne würde alsbald eine Besprechung über die praktische Durch­führung unter HinWziehung von Vertretern der Regie­rungen der Staaten, die sich an dem entsprechenden Syndikat beteiligen wollen, ferner von Vertretern der Bevölkerung der zerstörten Gebiete sowie von Arbeit­gebern und Arbeitnehmern zu veranlassen sein.

Beratungen über die Umformung der Sicherheitspolizei.

Br. Berlin, 12. Juli. (Eig. Drabtbericht.) Am Mitt­woch kommen sämtliche Ministerpräsidenten und die Leiter der Sicherbcitsvolizei- formationen beim 'Minister Severing zusammen um über die Umformung der Sicherbeitswcbren ru beraten.