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Freitag, 9. Juli 1929.

Morgen-Ausgabe.

Nr. 315. ♦ 68. Jahrgang.

Der Kampf um die Ostmark.

Der Frieden von Versailles beendet für Deutsch­land nicht den Kampf um das Deutschtum. Zwar gilt es nicht mehr mit der Waffe in der Hand zu kämpfen, aber es gilt in den großen Abstimmungsschlachten deutsches Land zu schützen gegen fremdländischen An­sturm. Die erste dieser friedlichen Schlachten wurde geschlagen um schleswiasches Gebiet. Am 11. dieses Monats muß nun der Kampf um das o st- und w e st- reußische Abstimmungsgebiet durchge- . ihrt werden. Es gilt diese kerndeutschen Lande gegen polnische Gelüste zu verteidigen!

Bekanntlich sieht der Friedensvertrag von Ver­sailles für die ostpreußischen Kreise Allenstein, Rössel, Osterode, Oertelsburg, Sensburg, Lötzen, Johannis­burg, Lyck, Oletzko und den nördlichen Teil des Neiden­

K

bürg, Etuhm, Marienwerder und Rosenberg eine Volks­abstimmung vor. Die Bewohner dieser Gebiete werden am 11. Juli, welchen Tag die Entente als Termin für die Abstimmung bestimmt hat, zu bekunden haben, ob sie ferner zu Deutschland oder zu Polen zu gehören wünschen. Niemand, der die Verhältnisse kennt, kann sich im unklaren darüber sein, wie das Ergebnis der Abstimmung ausfallen wird. Die Abstimmungsgebiete sind kerndeutsches Land. Zum Beispiel Marienburg mit dem alten Schloß der deutschen Ordensritter soll sein Deutschtum jetzt in einer Volksabstimmung be­kunden! Und wie liegen die Dinge überhaupt in den- westpreußischen Abstimmungsgebieten? In den Krei­sen Marienwerder, Rofenberg und Marienburg macht die deutsche Bevölkerung 88 bis 98 Prozent der Eesamt- bevölkerung aus. Die polnischen Minderheiten fallen kaum irgendwie in das Gewicht. Ein wenig anders liegen die Verhältnisse lediglich im Kreise Stuhni, in dem die Polen zwar auch in der Minderheit bleiben, aber doch immerhin 42 Prozent der gesamten Bevölke­rung erreichen. Es ist dies der einzige Kreis, der bei der jetzigen Abstimmung etwa als gefährdet bezeichnet werden kann. Wirtschaftliche und geographische Ver­hältnisse sprechen aber auch hier für ein Verbleiben bei Deutschland. Eine Zuerkennung dieses »Gebietes an Polen wäre nicht Nlöglich ohne Vergewaltigung der großen deutschen Bevölkerung.

Was über den deutschen Charakter der westpreußi- fchen Abstimmungsgebiets gesagt ist, das gilt auch für die ostpreußischen Kreise. Von seiten der Entente ist wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die Masuren ein Mischvolk seien. Das soll keineswegs ge­leugnet werden, aber das masurische Gebiet hat nie­mals zu Polen gehört. Als dieses Gebiet vom deutschen Ritterorden kolonisiert worden war, begann etwa um die Wende des 15. Jahrhunderts eine Einwanderung slawischer Volksteile. Aus der Mischung dieser mit den angesessenen Deutschen sind die Masuren hervorgegan- gen. Kultur und Sprache verbinden sie mit den Deut­schen ebenso wie die gemeinsame Abneigung gegen Polen. Nach zuverlässigen Angaben sind von den 275 000 Abstimmun'gsberechtigten in Ostpreußen allein 225 000 in den Heimatvereinen, die als Hort des Deutschtums gelten können, zusammengeschlossen. Das zeigt wohl am besten, wie die Bevölkerungsverhältnisse in den ostpreußischen Abftimmungsbezirken liegen.

Über den Ausfall der Volksabstimmung gibt man sich denn auch in Polen keinerlei Täuschung inehr hin. Man hoffte zunächst durch eine mit allen Mitteln ar­beitende Agitation die Entscheidung zugunsten Polens zu beeinflussen. Alles das ist vergeblich gewesen. Trotz­dem hält man es in Warschau für gut, noch heute erue Politik des Zwanaes und des Rechtsbruches fortzu­setzen. Täglich kaufen Meldungen ein über Zwischen­falle im sogenannten polnischen Korridor. Trotz des Protests der Ententeoffiziere reißen die Polen Ab­stimmungsberechtigte aus den Zügen, beschlagnahmen Äbftimmungsausweise, beschießen deutsche Flugzeuge, die der Beförderung Abstimmungsberechtigter dienen und versuchen mit allen Mitteln die Abstimmung zu sabotieren. Allein das wird die Bevölkerung nicht ab­halten. am 11. Juli ein Bekenntnis zum Deutschtum ab­zulegen. Selbst die Bewohner polnischer Abstammung scheinen nicht zum neuen polnischen Staat zu wollen. Die Deutschpolcn des Allensteiner Bezirkes haben sich jedenfalls offen auf die deutsche Seite gestellt.

Das Abstimnlungsergebnis wird also ganz ohne Zweifel eine schwere Niederlage der Polen bringen, die nicht einmal auf einen Achtungserfolg, wie ihn etwa das Deut^htum in der ersten schleswigfchen Zone er­rang. rechnen dürfen. Aber auch hier ist nicht allein die Volksabstimmung entscheidend. Vielmehr räumt der Vertrag von Versailles der Ententekommimon das Recht ein. bei der Abgrenzung auch die wirtschaftlichen Verhältnisse zu berücksichtigen. Man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß diese Bestimmung nur des- üalb in den Vertrag ausgenommen wurde, um den

Polen auf jeden Fall einen gewissen Erfolg zu sichern. Denn wenn auch gerade die wirtschaftlichen Verhält­nisse für ein Verbleiben der Abstimmungsgebiete bei Deutschland sprechen, so ist nach den Erfahrungen, die Deutschland bereits gemacht hat, leider die Annahme nicht von der Hand zu weisen, daß diese Bestimmung zuungunsten Deutschlands ausgelegt wird. Nicht nur handelt es sich darum, daß Teile der deutschen Bevölke­rung unter ein fremdes Joch gezwungen werden sollen, auch die Ernährungslage Deutschlands würde eine be­deutende Verschlechterung erfahren. Die Abstimmungs­gebiete sind Überschußgebiete für landwirtschaftliche Er­zeugnisse, wie Getreide, Kartoffeln, Zucker. Hülsen­früchte usw. Wir alle wisien, wie schwierig schon heute die Ernährungsverhältnisse in Deutschland sind. Roch mehr als bislang würden wir nach der Abtrennung solcher Überschußgebiete auf ausländische Zufuhren, die wir beim Stand der deutschen Valuta zu erschwingen kaum in der Lage sind, angewiesen sein.

Ein jeder, der am Abstimmungstage seine Pflicht tut, trägt sein Teil dazu bei, daß der Kampf mit einem Siege Deutschlands endet. Der außerordentlich starke Zustrom Abstimmungsberechtigter, die trotz des weiten und beschwerlichen Weges herbeieilen, um ihre Pflicht zu tun, bestärkt uns um so mehr in der Hoffnung, daß der 11. Juli den Polen ein schwarzer Tag werden wird, daß sie an diesem Tage, wie man mit Recht gesagt hat, ihr „Tannenberg" erleben werden. Der 11. Juli muß den Sieg der gerechten Sache des Deutschtums bringen!

Vo» der Botschafterkonferenz.

W. T.-B. Paris, 8. Juli. (Drahtbericht.) Die Bot­schafterkonferenz hielt heute unter dem Vorsitz von Jules C h a m b o n eine Sitzung ab. Sie beschäftigte sich zunächst mit der Volksabstimmung in Marienwerder und Allenstein. Die Kom­mission an Ort und Stelle bekam.die Vollmacht, alle Einzelfragen, dieVolksabstimmung betreffend, zu regeln. Der deutsch-polnischen Kommission, die die Aufgabe hat, die Schwierigkeiten des Transit-Verkehrs zwischen Deutschland und Ostpreußen durch den Korridor zu regeln und die im Artikel 98 des Versailler Vertrages vorgesehenen Abkommen zu regeln und auszuarbeiten ist als Schiedsrichter LefHvre zugeteilt wor­den.

Die Polen verkaufen ihren Besitz.

mz. Allenstein. 7. Juli. Die Führer der polnischen Bewegung im ostpreußischen Abstimmungsgebiet füblen. daß der Boden unter ihren Füßen wankt, und suchen schon letzt ihren Besitz in Sicherheit zu bringen. So verkaufte der dem Ententekontrolloffizier als Vertreter der polnischen Interessen beigegebene Gutsbesitzer Barwinsky rn den letzten Tagen sein Gut.

Ein „Militärkorridorzug" angehalten.

-? r - Werlin. 8. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Durch das Parner Abkommen vom 19. November 1920 ist zur Beförde­rung von Material für unsere Truvven im Osten ein Zug woaientlra, zugestanden worden, der den Namen ..Militär- Korrrdorzug" erhalten hat. Am 6. Juli ist der erste dieser ouge, der beurlaubte Offiziere und Mannschaften beför­derte, von den Bolen angebalten worden mit der Begrün­dung, daß die Offiziere und Mannschaften die Abstimmungs­zuge benutzen könnten.-

Die neuen Forderungen der EifenSahner.

Bb. Berlin. 8. Juli. Seit einigen Tagen liegen der Reichsregiernng neue Forderungen sämtlicher Organi­sationen der, Eisenbahner vor. Die Bewilligung dieser For­derungen würde die Finanzen des Reiches abermals um mehrere Milliarden belasten. Die Eisenüabner verlangten, daß ihre Forderungen noch vor der Konferenz von Sva bewilligt würden. Der Reichsfinanzminister Wirtü bat das ab gelehnt. Vorgestern fanden nun im Reichs­tag Verhandlungen zwischen den Vertretern der verbände und den Fraktionen des Reichstags statt. Wie verlautet, werden die vier Regierungsparteien in dieser Angelegen­heit gemeinsam vorgehen. Es haben schon Besprechungen zwischen ihnen stattgefunden. Einmütigkeit bestand von vornherein darüber, daß die Bewilligung der Forderungen vor der Konferenz von Sva ein Ding der Unmöglich­keit lei.

Eine spätere Meldung besagt: über die Eebalts- und Lohnforderungen der Eisenbahner und Etaatsarbeiter fanden zwischen Vertretern der Organisationen und der Barteien erneut Verhandlungen statt. Der Verlauf dieser Verhand­lungen eröffnete die berechtigten Hoffnungen, daß die Ver­treter der Beamten- und Arbeiterorganisationen die Er­füllung ihrer Forderungen zunächst zurück st ellen und sich mit den von den Vertretern -der Barteien abgegebenen Erklärungen zufrieden geben werden. Damit dürfte die Ge­fahr eines Generalstreiks im Verkehrswesen, wenigstens vor­läufig. behoben fein.

Die Schlichtungsordnung.

Br. Berlin. 8. Juli. (Eig. Drabtberickt.1 Die seit langem angekündigte Schlichtungsordnuna. welche die gesetzliche Regelung von Streitigkeiten vorstebt. ist jetzt im Entwurf fertiggestellt worden. Es werden folgende Schlich­tungsorgane gebildet: 1. Schlichtungsausschülle. 2. Landes- schlichtungsausschüffe. 3. ein Reichseinigungsamt. Oberstes Organ ist das Reicksarbeitsministerium. Die wichtigste Be­stimmung ist. daß weder Aussperrungen vorgenommen noch Streiks begonnen werden dürfen, bevor der Scklichtungs- ausschuß angerufen worden ilt. Di« SM-Lfc«» Streiks sind überbaust verbot««.

MMerands Zuversicht.

mz. Paris, 8. Juli. (Drabtberickt.) M i l l e r a n d er­klärte dem Berichterstatter des ..Jntranstgeant" in Sva. er glaube, daß die Dinge jetzt einen reckt schnellen Ver» lauf' nehmen werden. Man würde in Sva nur die größeren Linien festsetzen. Einzelheiten würden erst iväter kommen. Man würde aber nickt abreisen. bevor man nickt den Hauvtounkt der Tagesordnung ausreichend erörtert hätte und bevor die Deutschen nickt darüber ein Proto­koll unterzeichnet hätten.

IV. T.-B. Sva. 7. Juli. General Lorend. der Vor­sitzende der interalliierten Kommission in Oberschlesien, traf gestern abend 6 Uhr im Automobil hier ein. Der General wurde noch gestern abend von Millerand empfangen.

Die Frage der Sicherheitspolizei.

Br. Berlin, 8. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Eebeim- rat B r i e s d o r f, der Präsident für die Sicherheits­polizei, ist nach Aachen abgereist. , Er verbleibt dort, um. falls die Besprechungen in Spa die Anwesenheit weiterer Sachverständiger für die Frage der Sicher­heitspolizei erforderlich machen sollten, unverzüg­lich dorthin abzureisen.

Der polnische Ministerpräsident in Spa.

Br. Berlin, 8. Juli. (Eig. Drahtbericht.) Die gestrige plötzliche Abreise des polnischen Mmister- präsidenten E r a b s k i nach Spa wurde, wie der „B. Z." aus Warschau gemeldet wird, in der vorgestri­gen Sitzung des Landesverteidigungsrates beschlossen, der sich gestern eine Sitzung des polnischen Kesaint- labinetts anfchlotz. Unmittelbar vor der Abreis: Graüskis richtete die polnische Regierung eine Note an die Konferenz in Spa, deren Inhalt sich auf die Handelsbeziehungen und die sich daraus er­gebenden Konsequenzen bezog. Die gestrige Lemberger Meldung, daß eine südeuropäische Großmacht sich bereit erklärt habe, über einen Frieden zwischen Warschau und Moskau" zu konferieren, wird bestätigt mit der weite­ren Angabe, daß dis polnische Regierung die Antwort auf diesen Vorschlag von den Beratungen Erabkis in Spa abhängig macht.

T--B I-"*. 7. Juli. Wie ..Sntr“ meldet, beschäftigten stck Marschall noch und Marschall Wilson lebhaft mit den kurzlichen militärischen Ereignissen an der v o l n i s ck e n F r oit t. 'Das Blatt glaubt zu wissen, daß Bolen in Sva von den Alliierten keine Unterstützung und nickt die Ent- sendung von Truvven. sondern die Entsendung von Munition und Waffen erbitten werde.

Korfantys Hoffnungen.

mz. Berlin, 8. Juli. Im Auftrag des volnischen Ministeriums des Äußern hat kick laut ..Voll. Zts." auch der Vorsitzende des polnischen oberschlestichen Äbstimmungs- kommissariats. K o r f a n t v. nach Sva begeben. Er hofft dort zu erreichen, daß Deutschland strikte Neutralität während des Volksentscheids anferlegt werde, und erwattet wirtschaftliche Vorteile für Bolen aus den Verhandlungen in Sva.

Eine amerikanische Privatanleihe für Europa?

Bb. Zürich. 7. Juli. Der Korrespondent der ..Neuen Zürcher Ztg." in Sva meldet, obschon die Vereinigten Staaten nicht an der Konferenz teilnübmen. wäre es falsch, deren Bedeutung zu verkennen. Wenn man in Sva zu einem Abkommen gelange, werde Amerika bereit sein. Europa mittels einer Vrivatanleibe zu Hilfe zu kommen. Im anderen Falle aber werde die Geneigtheit da­zu abnebmen. weil das Vertrauen in die wirtschaftliche Zu­kunft Europas verschwinden würde. Llood George beachte das wohl und auch Belgien gebe sich darüber Rechenschaft.

Die Krregsschäden in Frankreich.

mz. Paris. 8. Juli. Im Verlauf der Aussprache in der gestrigen Sitzung der Kammer wandte sich beim Sausbalt für die befreiten Gebiete der Abg. L o u Ä e u r unter dem Beifall des Hauses gegen die Behauptungen der englischen Delegierten auf der Konferenz von Hytüe. daß Frankreich die Schäden in den befreiten Gebieten übertreibe. Louckeur erkannte zwar die bona fides der englischen Be­hauptungen in Hythe an. betonte aber, daß schon in Hvtbe die Mitglieder der englischen Regierung darauf aufmerksam gemacht worden seien, daß nach der Karte die zerstörten Ge­biete einem Zehntel von Frankreich entsprächen und d!e Schäden sich auf 3 0 Milliarden bezifferten bei einem Gesamtvermögen von, 300 Milliarden. (Diese Erklärung rie? Zwischenfälle hervor,) Louckeur fügte hinzu, es fei leicht zu beweisen, daß die zerstörten Gebiete 80 Prozent der Metall­industrie und 60 Prozent der Koblenvroduktion Frankreichs ausmachten. Wie könne man unten diesen Umständen an­nehmen. daß wir das Geld, wenn man es uns gäbe, gar nicht ausgeben könnten? rief Louckeur. (Reue Zwischenrufe.) Die gleichen falschen Vorstellungen Hütten auch, wie in Svtbe / die Beratungen in San Remo beherrscht. Man mülle diese Ansicht zerstören. Frankreich könnte noch mehr beansvrucken was ihm von Rechtens zutteben würde. Frankreich müsse daher die Schaden offen darlegen zur allgemeinen Kenntnisnahme. 125 bis 130 Milliarden stellten das Min. destmaß dellen dar. was man benötige, um das Land wieder instand zu setzen und den Witwen und Kriegsbeschädigten zu helfen. Wir haben einstimmig beschlollen. sagte Louckeur die Wiederqutmachungskommillion möge die Recknungen be­stätigen. die Frankreick am Tage der großen Abrecknuva vorzulegen bereit ist. Die Mitglieder der Kommission, die die zerstörten Gebiete besuchten, sind mit der Überzeugung zuruckgekommen. daß die genauen Ziffern im Vertrag ent­halten sein müßten und daß der Vertrag auf keinen Fall den franzMchen Cteuerzabler mehr belaste« dürfe als den deute wen.