Nr. SM4. Samstag. 9. Z«N 192t
Wiesbadener Tagblatt»
ASrnL-RnsgaSe. Erstes Matt. Sette 7.
Unter Haftung6 ^öeUage
_ beä 'Wieäöabenet ICagöfattä.
Die Eigenschaften eines guten Reifeplanes.
Von Alois Ulreich.
ß rt iJfF?I{Jfs!5 £n "icbt im sicheren Standauarkier einer
Sommerfrische »ubringt. sond-rn es vorzieht, auf freier Wanderung die Schöuheilen einer Gegend. eines Landes kennen zu lernen muh vor allem mit einem guten Reifeolan damit er feine Urlaubszeit nicht etwa an Mmdcrwlchtiges verlchwende.
,,, m?Ets >o leicht, zu sein, wie einen Reisevlan
?^7. entwerfen. Man nimmt einfach eines der vielen Reife- bucher zur Hand und teilt die Touren der Gegend, die man auf die Anzahl der gegebenen Ur- ' Natürlich stellt es >ich dann auf der Tour lehr bald heraus, dag ein solcher Reisevlan nichts taugt. Ein guter Reisevlan muh sorgfältig ausgebaut sein.
Da „t vor allem zu berücksichtigen, dah der gute Reisevlan angemessen zu K,n hat. Er soll sich den Fähigkeiten und Kräften, dem Können und der Erfahrung des Wanderers anvasten Daran gebricht es vielen Reisevlänen. Das kommt daher, dah man zu Hause am Schreibtisch leicht geneigt m nch mehr an physuchen Leistungen zuzumuten. als man vollbringen kann. Da erscheinen lange Nachtfahrten mit der Bahn, stundenlange Anstiege, gewaltige Wanderungen als Selbstverständlichkeiten. die man leicht und soie- lend bewältigen wird. Natürlich ist Überanstrengung an den rrsten Reisetagen die nächite. Folge derartiger Zumutungen. Man ermüdet und der muhiam zurechtgelegte Reisevlan erleidet gleich zu Beginn eine unliebsame Hinfälligkeit. Deshalb mute man sich bei Anberaumung der einzelnen Tageslei,tungen nickt zu viel zu Man halte die Grenzen lieber enger und bescheidener und vergesse nicht die Notwendigkeit der Ruhetage, von denen das jugendliche Ungestüm nichts wissen will. Es ist crn vollkommen falscher Grundsatz, möglichst viel sehen zu wollen und flüchtig durch die Landschaft zu eilen. Man sehe sich wenig an. aber dieses gründlich und eingehend.
Im engen Zusammenhang mit der Notwendigkeit des Angcmellenseins siebt eine weiter« Eigenschaft des guten Reiievlanes — nämlich die Forderung, dah er abwechfelungs- r>'ich sei. Man reibe niemals gleichförmige Leistungen hinter- einarcher. sondern nehme darauf Bedacht, dah ein Wechsel in der Reisetechnik Platz greifen muh. dah Wanderung. Bergbesteigung. Aufenthalt in einem Städtchen usw in bunter Reibe stattfinden soll. Die Abwechslung ist auch ein gutes Hilfsmittel, um die dynamische Leistung der Wanderung zu regeln und auszugleichen. Den Ermüdungen einer Sochtour verschafft man durch einen Rasttag in einem der netten Alvenstädte eine geziemende Ausgleichung. Die Abwechslung ut auch notig, um der seelischen Anloannung zu begegnen die nach den Touren der ersten Tage als nabe liegende Reaktlonerlchemung eintritt
Ferner muh ein guter R-ill-vlan auf einem genauen Studium der Gegenden und Landschaften basieren, die man bereut. Man beschranke sich nicht darauf, nur die Tour im Reisehandbuch durchzulesen. d,e man zu unternehmen beab- hchtlgt. sondern vruse auch, was andere über diele Tour bereits gesagr haben. Die alpinen Zeitschriften und Svezial- werke hnd für dielen Zweck überaus wertvolle Behelfe. Nützlich ist es auch, eine Partie auf Grund mehrerer Handbücher zu studieren. Be, oem Aufenthalt in Städten ist diese Methode eines vergleichenoen Studiums besonders notwendig- Aber auch bei Bergpartien -mpsieblt sie sich, denn man wird dadurch nicht nur auf die schönen Punkte untenvegs aufm-rk,am gemacht, sondern man lernt auch die Schwierig- leiten einer Partie kennen und wird mit dem AusMh der Ausdauer bekannt. d,e für das geplante Unternehmen notwendig ist. Die Befassung mit den geschichtlichen Daten über eine Gegend hebt das Interesse uns öffnet die Augen und das Gemüt. Man siebt eine Landschaft ganz anders wenn man sie aus der historischen Perspektive siebt. Diese Mehrung der Eindrücke lalle man sich nicht entgehen.
Schlichlich soll ein vollkommener Reisevlan beweglich sein. Der bewegliche Reisevlan unterkcheidet sich vom starren dadurch, dah er alle Tage eine Änderung der Route zulähr und Voraussicht. Man darf sich an kein starres unbewegliches Ziel binden und dessen Erreichung erzwingen wollen
Die Ungunst des Wetters ist die schlimmste Feindin eines reden Reisevlanes. Der unbewegliche Reisevlan. der ein einziges Ziel, eine einzige Route vorsieht, rechnet mit lauter schönen Tagen. Das kommt nun erfahrungsgemäß äuherst selten vor. daß ein Urlaub aus lauter schönen Tagen besteht, llan weih aber bekanntlich auch nicht im Vorhinein, an
welchen Tagen es schlechtes Wetter geben wird. Deshalb }'», es notwendig, gleich von Haus aus mit einem beweglichen Reisevlan zu operieren. Man falle einen doppelten Beginn der Tour ins Auge — einen, wenn es Schönwetter gibt und einen, wenn zu Beginn der Reise Regen fällt' Das erfordert eine intensive Befassung mit allen Routen und Wegen, Strahen. Posten und Bahnverbindungen der be- kreffenden Gegend. Zweifellos ist gegenwärtig der Beweg- r. >1 des Reiievlanes manches Verkehrshindernis entgegcn- gestellt. Die teueren Fahrpreise allein sind schon ein Hinder- ms mr die Beweglichkeit des Reisevlanes geworden.
Freilich ist cs oft gar nicht nötig, im Gebirge die Tour besonders erheblich zu änoern. Wenn man stch die Regen- veietze der Alpen vergegenwärtigt, denen zufolge cs an den Rändern der Gebirge mehr regnet als im Inneren der Gebirge. io genügt,es oft. ein rnderes Tal aufzusuchen oder wenn man oben rn den Bergen ist. auf einer anderen Bergfront abzustelgen. um besseres Wetter zu bekommen. In der Schweiz ist durc-i die Ecneralabonnements der Beweglichkeit des Reisevlanes angenehm Rechnung getrogen.
Sieht man darauf, dah dier? Eigenschaften des Reisevlanes., verwirklicht werden, so kann man auf eine ziemlich ungetrübte AbwiMuag. der Urlaub-Rage rechnen, denn dann ist man ia allen Möglichkeiten gegenüber gewappnet und hat alles getan, um in angenehmer Beruhigung die Reise an- treten zu können.
Die Ahnen des Ainos.
Das Kino kann jetzt das Jubiläum seines 25jährigen Geburtstages feiern, und in diesem Vierkeliabrhundert hat es eine gewaltige Entwicklung genommen. Aber es trat nicht ganz unvorbereitet in die Erscheinung, sondern der kinematographische Apparat hat Vorläufer gehabt, über die F. Paul Liesegang in ein--m Aufsatz der ..Umschau" unterrichtet. Das älteste Instrument, das uns. freilich in unvollkommener Weise, das Blld sich bewegender Figuren vor Augen zauberte, war das Lebensrad. das 1832 durch Plateau in Genf und unabhängig davon durch Stampfer in Wien ex- runden wurde. Dieser Apparat besteht aus .einer runden Pappscheibe. die, nach dem Rande zu in gleich'mähigen Abständen schlitzartige Öffnungen besitzt: darunter befinden sich Bilder ein und derselben Figur, die sie in verschiedenen aufeinanderfolgenden Momenten einer Bewegung darstellen. Versetzt, man die Scheibe in schnelle Umdrehung und blickt durch die Schlitze gegen einen Spiegel. so fallen die Bilder rasch nacheinander auf dieselbe Stelle der Netzhaut, verschmelzen ineinander und gewähren den Eindruck eines lebenden Bildes. Wäbrend die Erfinder dieses Lebensrades noch nicht auf den Ebeanken kamen den Apparat mit einer Lat er na magica ju verbinden, tat dies der Engländer Naylor 1843. Seine Idee scheint aber nicht verwirklicht worden zu sein, sondern das erste Projektions-Lebens- rad wurde von dem österreichischen Offizier Franz von Uchatius 1845 bergestellt Uchatius richtete auch seine Avoa- rote. die zunächst nur 12 Obiektiobild-r haben konnten, für K)0 Bilder ein. ..wodurch ein bewegliches Tableau mit einer Handlung von y, Minute dargestellt werden konnte" Diesen Originalavporat des Österreichers erwarb der damals angesehene Bortragskunstler Dobler für 100 Gulden und zog damit durch ganz Eurova. ko dah die Erfindung weit und breit bekannt wurde und andere Konstrukteure zur weiteren Vervollkommnung anregte. Der Amerikaner Braun, der für smne Proiektlonsoorr,chtiing 1809 ein Patent erbielt nabm den bereits früber angegebenen Gedanken auf. die Bildscheibe sorungweise fortzubewegen, um so jedes Bildchen im Augenblick oer Belichtung anzubalten. Eine bemerkenswerte Vorrichtung zur Darstellung lebender Bilder war das V r a x i n o - lkop von Reynaud. bei dem mit einer Bilüertrommel ein Sviegeloolygon verbunden war. Dazu kam dann soäter noch die Latema masriea und die Anwendung von Bildbändern. obne dah Reynaüde. ..Praxinoskov-Tbeater" Verbreitung gefunden hätte, Unterdesse,; war dasienige Hilfsmittel „gefunden worden, aas einen gänzlichen Umschwung herbeifuhren sollte: der Z e l l n l o i d f i l m. Während er zunächst nur dazu diente, längere Reihenaufnahmen herzustellen. verwendete ibn Eoiio.i Anfang der 90er Jahre in seinem Kinetoikov. der nicht zur Projektion, sondern nur zur Betrachtung der kleinen Bildchen diente. Aber Edison brachte das. was gerade für die Projektion lebender Lichtbilder nötig war: den vosiriven Bilviilm mit dem zweck- mohlgcn kleinen Dildmah und ein-'r praktisch durchgeführten ' Lochung. Nun waren alle Vorbedingungen für die Erfindung des Kinos gegeben, das rum erstenmal 180G von den Gebrüdern Lumiere mit ibren ..Cinematogravbe" verwirklicht wurde.
Romantik und Tragik des Fimmels.
Von Gotth. Herzig.
.. Hoch am Südhimmel funkelt und blitzt ein Stern erster Große, der sich durch seinen weihbläulichen Glanz von allen übrigen abhebt: es ist Wega, der Hauvtstern der Leier. Und wenn wir, gen Westen blicken, fällt uns ein ebenso heller, aber in rötlich-aelbem Glanze funkelnder Fixstern auf. der ickiarf aus der Abendhelligkeit heraustritt. Es ist Arkturus. das Wahrzeichen des Bärenbüters oder Bootes. Dieses Sternbild ist leicht zu finden, weil es der bekanntesten der Hlmmelskonstellationen. dem Erohen Bären oder Wasen, stUs auf dem Fuhe folgt. Der Große Bär ist mit raschem Blick gegen den Nordwesthimmel ersaht: sein dreigestirnter Schweif weist zum Bärentreibei bin.
Wega und Arktur sieben auf den ersten Blick in keinerlei Beziehung zueinander. Ungeheure Abgründe trennen diese beiden Riesensonnen. Und auch dem kosmischen Alter nach Icheidet sie eine unüberbrückbare Kluft. Aber für den sinnenden Beobachter wiro das Trennende zum verknüpfenden Bande, mit dem er die Abgründe von Zeit und Raum zu überspannen vermag. Wie zwei geheimnisvolle Marksteine leuchten die beiden fernen Sonsten am Abendhimmel. Haltepunkte für den suchenden und forschenden Menschcngeitt. in denen sich ihm Einst und Jetzt. Kommen und Gehen im Weltall, das ewige Werden und Vergehen am Himmel und auf Erden ergreifend symbolisieren. Der weihblaue Glanz der Wega verrät uns. daß auf dieser Sonne noch ungebän- digtc. sich immer wieder erneuernde Feuergluten branden, oah hier ein Stern in der vollen Kraft seines kosmischen Lebens und seiner Entwicklung gleißt. Drüben aber im Westen flackert der Scheidegruh Arkturs gleich dem Ver- gluten einer gigantischen Himmelslamve. Wie das Sprühen brodelnden Stablflustes von Weißglut in Gelb und von Gelb in Rot übergeht, ehe Abkühlung und Starre eintritt. so durchläuft auch der Glanz eines Sternes alle Farbenstufen des Glühens. Ein, Blick an den Himmel zeigt uns in bunter oabl sowohl aufglühendc wie rötlich verlöschende, erkaltende Sonnen. Arkturus ist eine solche alternde Sonne. Welch ergreifendes Bild: ein sterbender Stern! Wie ein Prachtvoller Edelstein funkelt er seine letzten Glutenblicke ins All Was aber ist in diesem ein verlöschendes Lichtvünktlein. was will das Aufflackern einer, neuen Welt bedeuten! Ein ewiges Kommen und Geben vollzieht sich, von uns menschlichen Eintagsfliegen, unbemerkt, in der Fülle der Welten. Arktur wrrd noch immer am Himmel flackern, wenn viele Hunderts von Generationen über unferern Staube schlummern werden. PnnAll aber sind lausend Jahre ein Tag Der Augenblick wird kommen, an dem der letzte Strahl jener Sonne sür immer verlischt. Wir blick,>n aus unserem kurzen Dasein £ es Allstes in diese Zeitenfernen und sind erschüttert von der Tragödie, die sich vor unseren Augen vorbereitet. Als Erdgeborene denken wir über das ergreifende Schauspiel hinaus, wir denken an das Schicksal der Planeten, die dieser sterbenden Sonne vielleicht gegeben sein wogen, und die nun mit dem versi-genden Lebensborn den Machten der Pinsternts und der Todesstarre überantwortet sind.
Unsere eigene Sonne ist noch weit vom Zustande Arkturs entferiit Aber auch sie bat die Mittagshöhe ihres Glanzes überschritten und wenn wir weit drauhen im Weltall reisten, kannten wir sie als gelblichen Stern unter tausend anderen finden. Einst war auch sie weihglühend und iugendhell wie Wega und damals blühten auf unserer Erde Palmen, wo sich beute Elswusten dehnen. Einem Paradiese gleich schwebte sie um die lebenstraylende Sonne. Auf diesen Erdenfrüh- ling ist langst eine wätsommerliche Reife gefolgt. Auch für uniere Sonne muh der Augenblick des Verlöfchens herankommen. Die Erde und ihre Geschwister werden dann längst in -i.odesstarre schlummern.
Und wieder nach unermeßlichen Zeiträumen, die im Leben des Kosmos eine kurz? Spanns sind, wird die Weltallskälte den letzten Flamme istrabl des Leiersternes Wega niedergerungen haben und damit ein Sonnensystem auslöschen, das beute seinen Frühling gleihend verkündet Dann aber werden Arktur und tausend andere Sterne, die jetzt hell durch unsere Nachte funkeln, mitsamt unserer Svnne und all ihrem Gefolge als langst ausgebrannte, tote Weltkörver lichtlos durch den kalteerfüllten Raum treiben, bis einst, wie menschliche Äuierstebungshoffnuna es beischt. vielleicht in gewaltiger Weltenlatastrophe ein lichifrobes Erwachen den Reigen von neuem beginnt. So fügen sich Romantik und Tragik im Kitlich begrenzten Leben der WUt-n ein in die Unendlichkeit von Raum und Zeit des unbegreiflichen Alls.
Taygetos.
Novelle von Hans Natonek.
. Eine große Brummfliege zag ibr lävvisches Gesumm wie einen dicken Strich mitten durch die schwüle atemlose Stille des Schwurgerichtssaals, als sich der Verteidiger. Rechtsanwalt Dr. Waldmann, zum Plaidoyer erhob.
..Meine Herren Geschworenen' Sie haben soeben die von unerbittlicher Strenge erfüllten Worte des Anklagevertreters gehört. Die Tat Heinz Mälzers, so meint der Herr Staatsanwalt, streift hart das Delikt des Mordes, dach konnte immerhin noch der Paragraph der Tötung in Anwendung kommen. Meine Herren Geschworenen, ohne jeden Versuch. sich in die Psyche eines Künstlers zu versenken, darf hicr die Paragravhcnmaschine ihre Arbeit nicht vollenden! Heinz Mälzer bat nicht sein Kind gelötet. Hein? Mälzer bat ein mihratenes Werk der Natur ausaetilgt: er bat ein geistig und körperlich verkümmertes Geschöpf in die ewige Urmasse zurückgeworfen, nicht nnd-cs als einen schlecht rnodellierten Klumpen Ton. den er dem groben Mutterblock zurückgibt."
..Ein Künstler, ein Sck,önbeitsfanatiker". fuhr Dr. Waldmann mit erbobener Stimme kort. ..steht sein Kind in unheilbarer Umnachtung her inwachsen, hofft von Jahr zu Jahr, dah ein Schimmer des Lichts in oieses arme Gehirn fallen, einmal ein Lächeln sich über ottses mihgestaltete Gesicht schleichen werde, das nie da; Antlitz eines Kindes war. Mein: Herren Geschworenen, fassen Sie die ganze Kraft Pbrer Vorstellungsgabe zusammen: Dieses Geschöpf, dessen
Züge zu einem ewigen Weinei verkrampft waren, das jede Annäherung seiner Eltern mi: sinnlosem Heulen, mit Geifer
und wildem Umsichschlagen abwehrte-- — meine Herren
Geschworenen, fünf Jahre lang hat Heinz Mälzer diesen un- sclinen Anblick ertragen! Das -'lug: stumpf und ohne Leben, der Geist ohne alle Zeichen erwachender Vernunft, der Körper von veitstanzäbnllchen Krämpfen erschüttert, so lag dieses lebendige und doch leblose Stück Fleisch da und weinte, als wübtc das Wesen von dem ganzen unendlichen Jammer seiner Existenz."
Heinz Mälzer soh. vom Publikum abgewendet, regungslos da. Werde ich verurteilt, dacht: er. dann für eine Schuld, von der ick nichts weih.
t i Sßalbinünn suhlte, dah stch die Sympathien für itintn Klienten zu einem immer dichteren Stimmungsge-
webe zusamincnschlossen. Er kam auf die Anstrengungen und
all die Versuche zu sprechen, die die Eltern unternahmen, um ihrem Kinde durch ärztliche Kunst Rettung zu bringen. Keine Heilmethode blieb unversucht. Die ersten 2lutoritüten wurden befragt — und überall nur trauriges Kovfschütteln bcer war keine Heilung, nie. niemals ..Meine Herren Geschworenen. da ging Heinz Mälzer, nur seinem unoerkrümm- >en Emvrinden folgend, zu einem Arzt und bat ihn: Be
freien Sie mich von diesem Kinde!" Der Arzt schüttelte den Kopf, und Heinz Mälzer ging zum nächsten — die gleiche Antwort: trotz der zweifellosen Unbeilbarkeit des unglücklichen Wesens könne kein Rlensch solche Tat verantworten. — Hier war ein Fall gegeben, au dem stch eine höhere Sittlichkeit. tcnseits des „Strafgesetzbuches hätte bewähren können: aber dazu gebürt Mut. meine Herren Geschworenen! Hier war,ein Mensch, einer unserer besten Künstler, der grausam litt. Sollte um eiaea kläglichen, wertlosen Körver eine schöpserische Seele ooa uaecmehüchem Wert zugrunde geben? Vor dieser Frage kao'tuliert.'n die Arzte mit einem fc igen Achselzucken Im alten Sparta war es Gesetz, schwächliche kranke Kinder im wüsten Gebirge Taygetos auszusetzen' ein kriegerisches Volk batte eine falsche Anwendung für eine an sich richtige Anschauung gefunden. Bei dem Stand unserer heutigen Wissenschaft mühte stch aber in unzweifelhaften Fällen ein Taygetos finden lasten! Meine Herren r'nchter, Herr evtaatsanwalt. hier ist eine Lücke in der Gesetzgebung! Die menschliche Geb'llschaft. die unglücklichen Eltern brauchen nicht langer mit der absurden mißgebildeten Geschöpfen belastet und geauält zu werden: ich sage, sic brauchen es^ nicht, sobald diese Lücke in der G-setzaebung ausgelüllt
Der Zuschauerraum wogt: von einer kaum zu bändigenden Unruhe. Der Vorsitzende batte sich erhoben und ersuchte den Verteidiger, solche nicht zur Sache gehörigen Ausführungen. die überdies gegen den Geist menschlicher Barmherzigkeit verstohen. zu unterlassen.
. Dr. Waldmann verzichtete ans eine Replik und fuhr fort: ..Niedergeschmcttert von der Tatsache, dah kein Arzt
lein Kind heilen, aber auch keiner ihn von dioh-m grauenhaften Geschöpf erlösen könne, k^hrt Heinz Mälzer eines Tages heim. Seine Gattin ist verreist. In seinem Arbeils- zimmer findet er das Kind. Beim Anblick des Vaters flüchtet cs kreischend in eine Ecke. Er will es sanft in das andere Zimmer bringen. Es schlägt nach ihm. Geifer vor dem Munv. Wie ein feindliches Tier stellt die unielige Kreatur dem.Vater gegenüber. Lin schmerzliches Gefühl, das Kind
trotz allem zu umarnien. »s Kind zu nennen, glüht in feinem Herzen auf. Mit gejchlosienen Augen, unwissend, was er tut. druckt er das Geschöpf an sich Ls schnappt nach ihm und beißt ihm in die Walige. Da stürzt das Vatergefühl jäb in Hatz um. Die Hände tasten nach dem Hals des Kindes kramvieu stch zusammen, prellen zu. ihrer selbst nicht mächtig
— und es ist geschehen. Heinz Mälzer tritt freiwillig vor seine Richter und gibt zu Protokoll, was stch in Worten fallen laht. nicht aber, was zwischen den Gefühlen eines geauälten Künstlers und Vaters schwingt. Meine Herren Geschworenen leien Sie ein milder Richter einer Tat. durch die nichts Menschliches verletzt wurde! Fällen Sie Ihren Freispruch!"
..Und die Mutter?", kchrillt aus dem Publikum eine fremde Frau. Ein Diener kührte sie sofort aus dem Saal. —
Wenige Stunden soäter hielt Frau Irene Mälzer ein Telegramm in der Hand' .Freigesvrochen. Befreit von allem. Erwarte dich ,n Sehnsucht. Dein Heinz."
Frau Irene wunderte stch selber, daß diese Botschaft sie so kalt lieh. „Befreit von allem", das zielte auf ihr Kind
— das zielte m ihr Herz. Aber jetzt konnte sie zurückkebren. der Prozeß war zu Ende, ibr Mann war kein Mörder. Sie konnte aller Welt unter die Augen treren.
Als die Nachricht von der Tötung ihres Kindes und die Verbaftung ihres Mannes sie in dem kleinen Badeorte erreicht batte, da war ,Irene um des Mannes willen zufam-
u toten? Aber der G-dankc. daß der Mann in Unter'- suchungsbaft sah. eritickte diese Frage. Jetzt aber erhob sie stch groh und lodernd.
Ihr entfesselndes Hexz jagte vor dem D-Zug bei in brennender Ungeduld.
Als Irene atemlos ibre Wohnung betrat sahen ihre Augen nichts, sahen nicht das strahlend-unschüldige Gesicht des Mannes, der eine orau umarmen wollte so triumobie- re»d sicher, dah Irene sich genau so glücklich fühlen müste wie
Irene stieß ihn von stch ..Wo ist mein Kind^"
Heinz blickte sie irei an. .Unser Kind war eine Strafe
™Ä nn,a Schuld. Ich habe diese Strafe von uns genommen.
bast du mich gefraat? Hinter meinem Rucken hast du mein Kind. mein. mein, mein Kind ge- nwroet:
