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Lienstag, 8. Juni 1820.

Abend-Ausgabe.

Nr. 262. « 68. Jahrgang.

Nach den Wahlen.

Das Geheimnis der Wahlurne ist noch nicht ganz gelüftet, aber das Stück von ihm, das bis jetzt enthüllt worden ist, läßt doch bereits einige ziemlich sichere Schlüffe zu. Die Wahlen vom 6. Juni haben der bis- 'herigen Regierungskoalition eine beträchtliche Schwächung gebracht. Welche starken Verschiebungen der Wählermassen von der einen zu anderen Partei eingetreten sind, ergibt sich aus einem Vergleich zwi­schen den Stimmen, die einerseits im Januar 1919, andererseits im Juni 1920 auf die einzelnen Parteien entfallen sind. Dabei zeigt sich allerdings das inter­essante Bild, datz Gewinn oder Verlust ein und der­selben Partei in allen Teilen des Reiches verschieden sind. So haben beispielsweise die Sozialdemokraten in Berlin und im Ruhrrevier starke Einbußen erlitten zugunsten der Unabhängigen, während sie sich in Ham­burg, Breslau, Chemnitz gehalten haben. Auch der Zuwachs, den einerseits die Deutsche Volkspartei, an­dererseits die Deutschnationale Volkspartei zu verzeich­nen hat, ist in den einzelnen Wahlbezirken sehr ver­schieden. Das Gesamtwablgebiet hatte sich um die Be­zirke, die uns nach dem Friedensvertrag entriffen oder noch strittig sind, verkleinert: drei ganze Wahlkreise konnten am 6. Juni nicht mitwählen. Die Zahl der Parteien hat sich dagegen um eine ganze Anzabl von Gruppen und Grüpnchen vermehrt, so datz schließlich noch 16 oder 17 Reichslisten blieben.

Die schwere und für das künftige Geschick Deutsch­lands entscheidende Frage ist setzt, wer soll nunmehr die Regierung übernehmen? Es besteht zwar noch immer Aussicht, datz die alte Koalition, nach dem Bei­spiel der Landtagswahlen in Württemberg, wo die früheren Regierungsparteien 55 Sitze gegen 46 Sitze der Oppositionsparteien erhielten, über eine kleine Mehrbeit verfügen wird, aber diese Mehrheit wird in jedem Falle so unbedeutend sein, datz es schwer werden dürfte, mit ihr zu regieren. Die Koalition mutz also, wenn sie an der Macht bleiben will, daran denken, ibre Basis zu erweitern. Lüer lieot aber eins große Schwie­rigkeit. Ein Beitritt der Deutschen Volkspartei, die sich durch die Herren Strefemann und von Kardorff deutlich genug angeboten bat, würde zwar von den Demokraten und vom Zentrum angenommen werden, die Mebrbeitssonoldemekroten sträuben sich indessen aus Rücksicht auf ihre Wäblermaffen bis zum Äußersten dooegen. Reichskanzler Müller hat noch am Samstag erklärt, er würde niemals seine Zustimmung zu einer Aufnahme der Deutschen Delksvartei in die Koalition geben, aber vielleicht würde sich doch ein anderer sozial­demokratischer Reichskanzler finden, der weniger ab­weisend ist. Das Reichskabinett wird fa auf jeden Fall gemäß der bei seiner Bildung getroffenen Verein­barung in den nächsten Tagen zurücktreten. Herr Strefemann läßt bereits erklären, die Deutsche Volks­partei fei bereit, an einer verfassungsmäßigen Regie­rung auf breitester Grundlage mitzuwirken, wenn ae- wiffe sachliche Voraussetzungen erfüllt würden. Auch wenn die Partei in die Opposition gezwnnaen würde, so würde sie ibre Aufaabe nickt im Zerstören, sondern nt positiver Mitarbeit sehen. Notwendig sei es. um die vorbandenen Spannungen zu beseitigen, möglichst bald zur Regierungsbildung zu schreiten.

Eine weitere Möalickkeit für die Regierungsbildung bestände in einer Beteilignnq der Unabhängigen. Auch hier wäre ein T»il der Fiibrer durchaus willig, so Erispien und HMerdinfl. Wenn diese beiden iedoch ihren Millen durchsetzen würden. müßten sie die Partei auseinandersprengen^ denn Däumig, Louis» Zietz und Zubeil denken gar nickt daran, mit den Bürgerlichen zusammenzuarbeiten. Eine neue Eventualität wäre ferner die Bildung einer bürgerlichen Koalition, be­hebend aus den Deutschnatianalen. der Deutschen Volks­partei und dem Zentrum. An einen allgemeinen Bei­tritt d-r Demokraten wäre kaum zu denken. obwohl ein Vorbild aus Banorn dazu vorliegt. Aber auch Erz­berger und seine Mürttemberger würden ohne Zweifel dafür sorgen, datz der linke Flügel des Zentrums nicht mitmochte. Bei einer büraerkichen Reaiernng bestände autzerdem die schwere Gefobr de-- Büraerkrieaes. Es wäre beute ein» alatte Unwoalickkekt. die Arbeiter aus­schalten zn wollen, denn dann kämen wir aus Streiks und Pvtfch-n nickt wehr heraus.

So stellt sich unsere innernolitisch» Lage nach den Wablen reckt trübe und dunkel dar. Wie die Dinae sich guck imme^ entwickeln werden, die nächst» Zukunft des deutlch-n Volkes nach dem verlorenen Weltkrieg und der Revol"ti»n mutz bart und schwer sein. Die unzu­friedenen Wäbler. die glaubten, wenn sie diesmal zu den Oppositionsparteien Lberaingen. werde alles schön und gut werden, müllen auch in Zukunft berbe Ent­täuschungen erleben, d-nn der Wiederaufbau des zu- sammengebrachenen Reiches kann nicht von heute auf mergen erfolgen, sondern erfordert zähes Ringen und «lerne Ausdauer!

Rücktritt des Reichskabinetts.

mz. Berlin, 8. Juni. (Drahtbericht.) Das Neichs- kabinett hat sich heute mittag 12 Uhr versammelt und dem Reichspräsidenten seine Demission angeboten. Der Reichspräsident hat sie ange- n o m m e n und die Minister gebeten, bis aus weiteres ihre Geschäfte weiterzuführen. Außerdem hat er den Reichskanzler ersucht, dafür Sorge zu tragen datz die möglichst üeschleunigste Feststellung des Ergeb­nisses erfolgt und die E i n b

t a g e s m ö g l i ch st b a'l d st

«erufung des stattfinden möge.

e i ch s-

Was wird werden?

Lr- Berlin, 8. Juni. (Eig. Drabtbericht.) Die ..Voss. Ztg. behauptet. die Mitglieder des Reichskabinetts wurden bereits heute vormittag dem Reichspräsidenten ihre Portefeuilles zur Verfügung stellen. Die Kabmettsmitglieder wären der Meinung. >Äon letzt ihr Ver­sprechen zu erfüllen und dem Reichsoräsidenten Gelegenheit bieten zu müssen, auf Grund der veränderten Parteikon- stellation rechtzeitig wegen der Neubildung der Regierung Fühlung zu nehmen. Daß eine Neubildung erwigen muh. galt uns selbstverständlich. Natürlich wird das, neue Kabinett nicht schon heute gebildet werden. Vor- lamig werden die bisherigen Minister die Geschäfte weiter­fuhren. Der Reichspräsident wird aber, sobald das Wahl­ergebnis und die Lage, sich einigermaßen übersehen lassen, mit den Parteien in Verhandlungen treten können. In­zwischen hat. eine Telegravbenagentur. voreilig uitd vor­witzig wie immer, bereits die Meldung verbreitet, der Reichspräsident hätte mit Herrn Dr. 8 t r e s e - mann eine Besprechung gehabt. Die ..Täal. Rundschau" stellt fest, dah diese Nachricht er f u n d e n ist.

Immerhin ist die grohe Frage nunmehr zur Diskussion gestellt: Was wird aus der Regierung, was wird aus rer Koalition? In der ..D. All». Ztg." wird versucht, dieser Frage nachzugeben in einem Aufsatz, dessen Entstehung wir nicht weit von der Reichskanzlei suchen möchten. Da wird auseinandergesetzt, dah sowohl eine Kombination der beiden Rechtsparteien, vielleicht mit Zuhilfenahme des Zentrums, wie einer der beiden Linksparteien (S. 35. D. und U. S. 33.) feine tragfühige Majorität ergeben würde. Eine K o a - litioii der Sozialdemokratie aber mit der Deutschen Volkspartei wird rundweg abae- l e h n t. Die Sozialdemokratie würde einen Sauvtteil der ihr noch verbliebenen Anhängerschaft gefährden, wenn sie sich unter oraktischer Aufgabe wichtiger Teile ibres Pro­gramms mit der Deutschen Volksvartei verbände. Schließ­lich wird empfohlen, die alte Koalition sollte sich mit schwacher Mehrheit entschliehen. die Geschäfte weiter- z u f u h r e n. Natürlich wäre diese Art von Lösung nur vorläufig. Aber sie böte immerhin die Möglichkeit einer zeitweiligen. gerade auhenvolitisch sehr wichtigen Stärkung der Regierungsvolitik. Sie würde auch zur Festigung der Eesamtlage beitragen. Wenn erst die eriabrungsgemäh schwierigen Monate Juni und Juli überstanden und die Komerenz von Sva erledigt wäre, könnten ia Neuwahlen erfolgen, die dann vielleicht ein weniger zwiespältiges Bild des Volkswillens ergäben wie die Wahlen vom 6. Juni. Ähnliche Gedanken sind in den letzten Lebenstaaen der Nationalversammlung mehrfach erwogen worden. Ob man sie verwirklichen wird, ist im Moment kaum abzuseben. um so weniger, als auch die regierende Varteivresse einstweilen in bezug auf diese grohe Frage nur umbertavvt. Die ..Frei­heit macht es sich sogar besonders leicht. Sie erklärt heute kurz und resolut: ..Die deutschen besitzenden Klassen haben am 6. Juni gewählt, ihr Bekenntnis abgelegt: sie haben ge­wählt und nun mögen sie die Verantwortung tragen." Mit anderen Worten, die Unabhängigen gedenken, wie bis­her. sich jeder Verantwortung zu entziehen. Im ..Vorwärts" wird mit besonderer Schärfe jede Verbindungsmöglichkeit mit der Deutschen Volksvartei abgelehnt, im übrigen wer­den aber die Unabhängigen einaeladen. doch ihr Teil der Verantwortung mitzutragen: ..Die Unabhängigen müssen zeigen, was sie vositrv leisten können, indem ste helfen, au» der Situation, in die sie mit bineingekührt haben. Rat zu schaffen." Die ..Germania" bleibt bei der alten Zentrums­politik: sich nickt vorzeitig zu binden und das letzte Wort bis zum letztmöglicken Moment aufzulvaren. Vieldeutig svrickt sie davon, dah man die Tragfähigkeit des Bodens nickt übersvannen dürfe, redet aber im übrigen einer Ver­breiterung der Koalitionsbasis das Wort. Derweilen bringen sich auch selbst die Deutschnationalen in empfebende Erinnerung. Die ..Deutsche Tageszeitung" er­klärt: Die Deutschnationalen sind eine Partei der positiven Arbeit, aber für sie ailt zugleich das Wort: ..Wir laufen niemand nach." Noch weniger stolz sind die Ausführungen die einem Ausfrager des ..B. L.-A." von einer leitenden Persönlichkeit der Deutschnationalen gegeben wurde. Da heißt es: Wir sind für eine PolitikderAussöhnung die Frage der Staatssorm scheidet zunächst vollkommen aus' Sie kann erst nach der Lösung aller anderen Fragen akut werden. In dieser Zeit des Wiederaufbaues muh frucht­bare Arbeit geleistet werden.

Teilwahlergebniffe.

mz. Berlin. 8. Juni. Bis gestern abend 10 Uhr lagen 317 Teilwahlergebnisse aus allen Wahlkreisen mit Ausnahme von Koblenz-Trier (24. Wahlkreis) vor. 31 lg gewählt gelten: 86 Mehrheitssozialdemokraten. 57 Un­abhängige Sozialdemokraten, ein Kommunist. 27 Demo­kraten. 43 Zentrum. 12 Bäuerische Volksvartei. 42 Deutsche Volksvartei. 41 Deutlchnationale. darunter ein Hessischer Bauernbund, ein Württembergische Bürgervartei. zwei Bayerische Mittelvartei. ein Schleswig - Holsteinischer Bauerndemokrat. 2 Deutsch-Hannoveraner. 3 Württem- bergischer Bauernbund. 2 Bäuerischer Bauernbund.

Eine vereitelte Wahl.

W. T.-B. Polzni (Pommern). 7. Juni. Hier ist die Wahl vereitelt worden, indem die Wahlurne, angeb­lich durch Kommuni st en zerschlagen wurde.

Wahlkreis ergebnisse

Der Wahlkreis Hessen-Nassau.

J a F e i' 7 - ?uni. Beim Leiter des Wablgeschäfts 2 1. Wahlkreis lagen bis heute abend Ergebnisie aus 2400 Stimmbezirken vor. während sie aus 400 noch aussteben. Das hiernach bis letzt feststehende Ergebnis gibt folgendes Stimmenverhältnis:

Deutschnationale Partei. 155 000

Deutsche Volksvartei. 154 000

Zentrum. 137 000 '

Deutsche demokratische Partei .... 96000

' Sozialdemokratische Partei. 241000

Unabhängige sozialdemokratische Partei. 110 000 Kommunisten. 10 000

Wahlkreis 22, Hessen-Darmstadt.

mz. Darmstadt. 7. Juni. Das Endergebnis im 22. Wahlkreis (Hesien-Darmstadt) ist folgendes: Deutsch- nationale 83153. Deutsche Volksvartei 94 653. Zentrum 85 4s3, Sozialdemokraten 179 814. Unabhängige Sozialdemo­kraten 72 218. Kommunisten 3035. Demokraten 63 715. Da­nach sind vorläufig gewählt: 2 Sozialdemokraten, je einei von der Deutschen Volksvartei. den Deutschnationalen, dem Zentrum, den Demokraten und den Unabbängigen Sozial­demokraten. Da aber die Sozialdemokraten einen Reli- stimmenbetrag von 59 806 Stimmen haben, wird ihnen durch die Listenverbindung mit H e sse n - N assau redensalls noch ein Mandat zukommen, vielleicht auch noch der Deutlchen Volksvartei und dem Zentrum.

Weitere Ergebnisse:

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2. Berlin:

120 790 142112 36100 74 563 185 289 437166 13 688

Wirtschaft!. Vgg.: 24 912.

3. Potsdam 2:

73 687 103 587 16 588 60 226 93 437 161 554 7 853

7. Mecklenburg:

91 395 73 799 1 571 44 446 165 040 44 227 4 434

Mrtfchaftsbund: 26 800.

6. Pommern:

277 453 161915 — 35 964 164 692 140055 9 12fl

12. Merseburg:

132 320 98 335 6 544 68 636 61 053 310 427 10600

13. Thüringen:

89 762 144 760 147 240 86 298 156 349 310 857 119530

Bauernbund: 144 877.

16. Weser»Ems:

24 367 145150 137 869 81380 113 551 104 238 12 823

Hannoversche Partei: 22154: Ebristl.-Soz. Volkspt.: 1231.

18. Südbannooer-Braunichweia:

66 011 133 033 4 793 50 851 205 450 176 812 4 368

Deutsch-Hannoveraner: 129165.

19. Westfalen-Nord:

93 013 179 385 340 226 46 032 213 328 75 162 13 065

Polen: 15 362.

20. Wektfalen-Süd:

69 772 191 266 328 962 59 783 244 136 231 511 11291

Polen: 23 586.

25. Düsseldorf-Oft:

120 356 126 743 234 745 49 484 96 639 217 410 12 051

Christi. Vvt.: 2 649: Polen: 6 016.

26. Düsseldorf-Welt:

44 259 86 812 301 494 33 812 96 746 90 820 36 843

Polen: 10 695: Christi. Vvt.: 8 445.

30. Pfalz:

— 104 123 93 495 31 790 87 755 38 805 2 771

31. Dresden-Bautzen:

118 815 181828 7 094 74 410 164 606 137 080 12528

Wirtschaft!. Vgg.: 16 570.

32. Leipzig:

106 702 12 625 2 534 53 880 57 601 267 100 12867

33. Chemnitz-Zwickau:

158 473 150 566 2 448 77 315 29 125 155 612 82 592 -

Wahlergebnisse in den Einzelftaaten.

mz. München. 7. Juni. Im bayerischen Staatsminitte« rium des Innern lagen beute nachmittag 5 Uhr folgend« vorläufige Ergebnisie der Reichstagswahl in Bayern aus den Kreisen Oberbayern-Sckwaben Unter­bayern. Obervfalz und Franken vor: Soz. 331398 USB 269 062. Kommunisten 45 777. Bayer. Vvt. 733 491 Mittel, vartei 170 651. Dem. 158 336.. Bauernbund 157 339.' D. Vvt, 53 979, D. Soz. 1963 Stimmen. *

mz. Dresden. 7. Juni. Im Wahlkreisverband 6 (Frei­staat Sachsen) sind nunmehr als gewählt insgesamt an, Zusehen: 8 So,.. 9 U. S. V.. ein Kommunist. 3 Dem.,

6 D. Vvt. und 6 D.-Ratl.

Die Landtagswahlen in Birkenfeld.

mz. Birkenfeld. 7. Juni. Gestern haben hier auch di« Landtagswahlen für die Provinz Birkenfeld stattgefunden nach deren vorläufigen Ausfall als Gewählte anzufeben sein duriten: Wey and (Bauernbund). Dörr (Dem.). Zivu (Dem.). Hartong (Zentr.). ätltimastz (6a*J