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Freitag. 4. Juni 1920.
Ern neues Pulverfaß.
Es war etwas voreilig vom Pariser Korrespondenz- Bureau Radio, den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Prag und Warschau zu melden. Aber was nicht ist, kann noch werden: Ein Krieg zwischen Polen und Tschechen um das Tefchener Gebiet. Der Friedensvertrag vom St. Eermain bestimmt, daß die Bevölkerung des ehemaligen Herzogtums Teschen und des ostmährischen Steinkohlen- und Industriegebietes über ihre Zugehörigkeit zu Polen oder zur Tschecho-Slowakei durch Abstimmung selbst entscheiden soll. Also wie in Oberschlesien eine Übergangszeit, Besetzung durch Ententetruppen (Franzosen und Italiener), Herrschaft einer interalliierten Plebiszitkommission und schließlich Abstimmung. Und wie in Oberschlesien eine polnische Verschwörung, die dem Abstimmungsergebnis durch einer: Eewaltstreich zuvorkommen und polnische Tatsachen schaffen will. Aber für das Tefchener Gebiet besteht eine besondere Verwicklung. Während die Bevölkerung Oberschlesiens in einen Polnisch und Deutsch sprechenden Teil zerfällt, von denen der eine die Sprache des anderen im großen und ganzen zu sprechen versteht, liegen die Verhältnisse im ostmährisch-schlesischen Gebiete insoweit noch komplizierter, als zu dem polnischen und deutschen Volksbestandteil ein dritter, tschechischer Anteil hinzukommt. Die einzelnen Volksbestandteile sind untereinander jo verteilt, daß die Tschechen (167 868) links von der Olsa, die Polen dagegen rechts von diesem Flusse'über eine beträchtliche Mehrheit verfügen (die schlesischen Polen sind namentlich am stärksten vertreten (246 694), während die der Zahl nach am schwächsten vertretenen Deutschen (120148) im ganzen Herzogtum Teschen, teilweise als ansehnliche Minoritäten versprengt wohnen und seit jeher im großen und ganzen die führende Intelligenz und den Besitz vorstellen. Im Gebiete von Vieletz dagegen befindet sich eine abgesprengte deutsche Sprachinsel. Das ethnologische Gesamtbild des ost- mährisch-schlesischen Landes gleicht somit einem völkischen Mosaik. Im Laufe der Jahrhunderte sind, ganz analog den Verhältnissen in Oberschlesien, durch Heiraten und Verwandtschaft so starke gegenseitige Beziehungen zwischen den drei Volksbestandteilen eingetreten, daß heute ein einwandfreies Auseinanderhalten nach rein nationalen Gesichtspunkten vor keiner ernsten Kritik standzuhalten vermag, zumal die gleiche Kultur alle Bestandteile eint. Diese Kultur trägt deutlich deutsches Gepräge, was sich geschichtlich zwanglos erklärt. Zum mindesten muß es angezweifelt werden, daß die Tefchener Frage im Sinne eines der Nationalstaaten einwandfrei gelöst werden kann. Jede dieser zwei möglichen Lösungen (polnisch oder tschechisch) schafft eine Jrredenta, Polen und Tschechen ringen vorläufig noch um die Vorherrschaft und haben nach langen Verhandlungen unter dem Druck der Entente als Provisorium zwischen sich eine militärische Demarkationslinie gezogen und dadurch ein kulturell und wirtschaftlich so organisch zusammenhängendes Gebiet ihrem Nationalismus zuliebe zerrissen. Die wirtschaftlichen Gefahren und Folgen dieses Vorgehens sind bereits sehr unangenehm für die bodenständige Bevölkerung fühlbar. Daß ein solches bewaffnetes Eegenüberstehen zweier so nah verwandter slawischen Nationen einem Kriegszustände in Latenz gleichbedeutend ist, eröffnet für die Zukunft dieser für den europäischen Wiederaufbau so außerordentlich wichtigen Kohlen- und Industriegebiete eine recht trübe Aussicht. Deshalb ist es kein hohles Schlagwort, wenn man vom Tefchener Lands als einem neuen Mazedonien oder einer künftigen Do- brudscha spricht. Es geht dort bereits ganz balkanisch zu. Die letzten Wochen waren von nahezu unausgesetzten Kämpfen zwischen polnischen Banden und tschechoslowakischer Gendarmerie, aber auch zwischen der polnischen und der tschechischen Zivilbevölkerung ausgefüllt. Dabei ist reichlich Blut geflossen, besonders in Karwin. Die italienischen und französischen Besatzungstruppen erwiesen sich als zu schwach, um dem Guerillakrieg, der sich dort herausgebildet hatte, ein Ende zu bereiten. Sie begnügten sich damit, die Schächte der Karwiner Vergewerke, die von beiden Parteien am heftigsten umstritten waren, zu besetzen. Darauf sind die Bergarbeiter, fast durchweg Polen, in den Streik getreten. Nun kommen auch noch internationale Verwicklungen militärischer Natur hinzu. Die Waffen- und Munitionssendungen, die die Polen aus Paris für den Kampf mit Sowjetrußland beziehen, werden zum Teil über das Tefchener Gebiet geleitet. Die Tschechen wollen aber die Transporte nicht durchlassen. Warum, weiß man nicht. Vielleicht, um selber damit Krieg zu führen, nämlich gegen die Polen. So steht also Teschen da wie ein Pul 'erfaß, und auch die Lunte ist angezündet. ;
Abend-Ausgabe.
Das Problem der Geschäftsstockung.
.4. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Im Reickis- wirifchaftsrat fanden gestern Verhandlungen über das L°-blem, der Geschäfts stockung statt. Reicks- et'nl v? 1 n Ut er Schmidt führte bei der Gelegenheit
T- U , 6 f '^'L e isrüägang sei an sich notwendig und ^j?b.3olgen muhten uberwunden werden, selbst wenn wir Nnkx„ b „ e 9 *?,- e6 ? n £ Arbeitslosigkeit kämen, ^^dmidelsabgaben mühten wir bestehen, über l"8e nch vlellercht reden. In unserer Konkurrenz- «r.ru- <F eI ™? rft würden wir in Zukunft keine iahen. Wir wurden sehr leicht eine scharfe
kr„ "e nach diesen Ausführungen war nicht ieb:
Erst in den Nachmittagsstunden erwies die poßt'vere Grundlage durch die Ausführungen Slaatzs-kretars Professor Hirsch. Hirsch hält es für m ,u , einer Stabilisierung der
0 dadurK ^ gelangen, daß die Reichsbank in Per- blndung mit den Deoisenbeschaffungsstellen erhebliche Ä ?uslandychen Wechseln aufstavelt und mit Hilfe .^gleichend und regulierend auf die Valuta f'uw-rkt. Weitere Vorschläge für die Stabilisierung be- ^"PN die Umgruppierung der Industrien und ir/w Tue überschüssigen Arbeiter sollen
kwrastr,« die llhrenindustrie und den Kohlen
bergbau abgewürt werden, der bereits 80 000 Arbeiter ausgenommen hat. Außerdem soll die Erwerbslosen- mlU ru produktiveren Zwecken be-
man Weiterarbeit in solchen ermöglicht, welche^ aus Koinunkturgründen ihre Betriebe »trllegen mußten, obschon der Bedarf nach ibren L?d^/r! n 8 „ n s> *• "E gedeckt ist. Zurzeit wird mit der versorgung fortzufübren.^"^^' Um btC fommunaIe St6u6 =
Die Reichswehroffiziere beim Reichswehrminister.
mz. Berlin, 3. Juni. Im Hinblick auf den Ernst der öte augenblicklichen bevorstehenden möglichen ; "MLNimelte oer Reichswehr mini st er beute
fr Generale der Reichswehr aus allen deut- 'P/n Gauen zu gemeinsamer gründlicher Aussprache über alle schwebenden Fragen im Reichswehrministerium.
Reichswehrminister E e & I e r hielt dabei eine Ansprache, in der er den Aufgabenkreis der Reichswehr zeichnete und die Schwierigkeiten betonte, namentlich die Führer dem neuen Geist anzuvaffen. Die politische Glau- io eit müsse aber auch ihnen garantiert werden, redoch dürfe es Gesinnungsschnüffelei in der Neichswebr nicht 8$8?Jk nicht angängig, daß republikanisch gesinnte
Offiziere vor ihren Kameraden irgendwie zurückgesetzt wür- ffL freilich se, notig: es könne niemand ein öffent- llches Amt bekleiden, der nicht bereit sei. unter allen Umstanden seine dem Staate gegenüber übernommenen Pflichten zu erfüllen. Das muhe insbesondere von den militärischen Mbrern verlangt werden. Seine Aufgabe erblicke der Minister darin, eine Versöhnung zwischen den oft weit- auseinandergebenden Anschauungen herbeizuführen und vor allem dahin zu wirken, daß die Reichswehr nicht im eigenen Volke als Fremdkörper empfunden werde. Die Truppe müsse nut einäelnen Parteien, zugehören. Dann mutzten tn Zukunft die unangenehmen Zwischenfälle vermieden werden, die das Werk der Versöhnung zu stören Eignet leien. Ferner müsse der Truppe das Gefühl wirt- fchaftlicher Unsicherheit genommen werden, und deshalb Frage geklärt werden, oll wir die Truppe auf 200 000 Mann erhalten konnten. Damit aber in Sva wo über btete ^rage entschieden werden solle, es überhaupt zu Verhandlungen kommen könne, sei Voraussetzung die Er- i a b „? r , l nn « re , n SRuöe und Ordnung in
Deutschland. Nach den Wahlen werde unter allen Umständen eine verfassungsmäßige Regierung gebildet werden -- das habe ihm der Reichskanzler noch gestern betätigt. ^hm als Reichswehrminister liege vor allem das Wohl der Reichswehr und der Marine und das Wohl des Vaterlandes am Herzen, das beute mehr als je auf die Mit- arben eines jeden einzelnen von uns angewiesen sei
General v. Sreckt erwiderte im Namen der Generale.
unseres Vaterlandes sei eine feste wohldiszivlinierte Wehrmacht notwendig, die aber des Ver- trauens des Volkes bedürfe. Der Redner gab der ent- s ch I o s s e n e n Treue der Truppe zu den beschworenen Verpflichtungen auf Gesetz und Verfassung Ausdruck.
.Zum Schluß richtete der Reichspräsident eine Ansprache an die Versammelten. Er betonte die Schwierigkeiten beim Abbau des alten Heeres und bei der Sicherstellung der wirtschaftlichen Verhältnisse der Offiziere und Mannschaften: so weit wie möglich seien in dieser Hinsicht Fursorgematznahmen getroffen worden. Die Erhaltung x- er sm- U x be f; ' 5nne .rn (et die erste Voraussetzung für die Wiederbelebung und Erstarkung des Vaterlandes ein Ziel, das durch gemeinsame Arbeit erreicht werden müsse.
Die Heeresverminderung.
mz. Berlin. 3. Juni. Aus einer Unterredung mit dem Reichswehrminister teilt das..V. T." u. a. mit: Die Durchführung einer weiteren Heeresverminderung stößt auf die allergrößten Schwierigkeiten. Die Wehrleute vertragen es einfach nickt mehr, über ihr Schicksal weiter im unklaren zu bleiben. In Spa werden hoffentlich die bezüglichen Fragen mit großer Sachlichkeit verhandelt we-den können. Die Frage der Seeresstärke etwa im Sinne 'der Polizeitruppe finden zu wollen, erscheint wenig befriedigend'
Oberst Bauer in Budapest.
... Lr. Berlin. 4. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Es bestätigt sich, daß sich Oberst Bauer zusammen mit Maior Stephan und dem bekannten Major Bischof seit dem 24. Mai in Budapest au.fhält. Es verlautet, daß auch General. L ü t t w t tz dorthin untermess f«.
Nr. 256. * 68. Jahrgang.
Der Zusammentritt des neuen Reichstags.
W. D L. Berlin, 3. Juni. Wie wir erfahren, ist die Frage des Zusammentritts des Reichstags von folgenden Verminen der Reichswahlordnung abhängig:
Wahltag, 9. Juni: Eingang der Ergebnisse der Wahlbezirke beim Reichswahlleiter. 10. Juni: Sitzung ° er ^.^Wahlausschüsse zur Ermittelung des Wahl- ergebnisies in den Wahlkreisen. 11. Juni: Eingang der Erststrmmen der Wahlkreise bei den Verbandswahl- leitern und beim Reichswahlleiter. 12. Juni: Sitzungen der Verbandsausschüsse zur Ermittelung der Zahl der auf Grund der Reststimmen noch auf die Kreis- wahlvorschläge entfallenden Abgeordneten; Mitteilung an die Kreiswahlleiter und Abgabe der Reststimmen an k te Aerchswahlleiter. 13. Juni: Sitzungen der Kreis- ausschusie zur Verteilung der Abgeordnetensitze auf die Krerswahlvorschläge; Erklärung der erforderlichen An- zahl von Abgeordneten als gewählt; Benachrichtigung der Gewählten; gleichzeitig Eingang der Reststimmen der Wahlkreisvsrbande beim Reichswahlleiter. 14. Juni: Sitzung des Reichswahlausschuffes zur Feststellung der Zahl der auf die Reichswahlvorschläge fallenden Ab- geordnetensitze; Erklärung der entsprechenden Zahl von Abgeordneten als gewählt; Benachrichtigung der Ge- wahlten. 13. Juni: Zustellung der Nachricht an die auf Grund der Reichsliste Gewählten über die Wahl.
der Frist zur Erklärung über die Annahme der Wahl auf Grund der Kreiswahlvorschläge. 23. Ablauf der Frist zur Erklärung über die
Annahme der Wahl auf Grund der Reichslifte. Die Zufammenrufung des neuen Reichstags ist da-
her frühestens am 23. Juni möglich.
Ein neuer Putschplan?
s^;..?^Kerlin, 4. Juni, (Ein. Drahtbericht.) Die ..Freiheit halt leben Tag für verloren, an dem sie nickt mit "euen Rechtsvutsch aufzuwarten vermag te ’ x U & -Zuverlässiger militärischer Quelle" rw.\, eT I“ 5U duben. daß ein Teil der ..konterrevolutionären d»e Wahlen durch einen Putsch ,er- £ r : tcn Morgenstunden des 6. Juni will beseßen. die Listen vernichten uxd die Kandidaten der linksstehenden Parteien verhaften. Der Überfall auf die Wahllokale soll von gekauften Subjekten x\f 8 sm U ?rrden. um den Anschein zu erwecken, als feien die Wahllokale von den Kommunisten gestürmt worden
fw ü *n\ sÄ
MliT's'vroklamieren. Unö bie ^errfcbaft , bes
Däumig brvht mit Etratzenkämpfen.
ni «i Berlin. 4. Juni. Verschiedene Blätter iühren aus einer Versammlung der Unabhängigen in Trebbin. Krei, D a u m i g habe gesagt, daß es notwendig zum Kampfe auf der Straße kommen müsse, wenn die
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Keine Ansammlung reaktionärer Truppen vor Berlin.
r I-'l- ^rlin. 2. Juni. Ein Berliner Blatt bringt heu.e aoend eine Zusammenstellung von angeblichen Ansammlungen r eaktionärer Putschtruvven vor Berlin. Die Nachricht ist. wie aus dem Reichswehr- miuisterium mitgeteilt wird, durchaus unzutreffend. Weder in Erkner noch der Fansschleuse finden Truvvenkonren- trationen statt. Von den in Potsdam gemeldeten baoeri- chen Truppen ist dort nichts bekannt. Die im gleichen Zusammenhang gebrachte Meldung von einer Räumung der Krankenhäuser in Fürstenwalde beruht vermutlich auf der Tatsache, daß die wegen Bildung der ersten Kavalleriedivision neu nach dort verlegte Schwadron des Reiterregiments 9 in einem Gebäude untergebracht werden soll, welches früher als Refervelazarett diente.
Schiebergeschäfte mit militärischen Ausrüstungs- gegrnstän-en.
mz Berlin. 3. Juni. In Berlin laufen seit einiger Zeit Gerüchte um über den Verkauf großer Mensen von Gewehren und militärischen Ausrüstungsge,en- standen. Die Regierung isr den Gerückten eifrig nachge- gangen. zumal die Namen höherer Ministerialbeamten bin- elngezogen wurden. Es ist ihr jetzt gelungen, die verschlungenen Oiäven zu entwirren. Sie führen auf ausländische Sielten zurück, die sich hier mit groben Schiebergesckästen mit sogenannten Luftgeschäften, zu befassen scheinen Dü Untersuchung hat u. a. zur vorübergehenden 5 e ft n et 6 nt t des Ko n fuIs. einer befreundeten Macht geführt. Die ver- dachtigten Ministerialbeamten. deren vollständige Schuldlosigkeit festgestellt wurde, haben Strafantrag wegen Beleidigung gestellt. Die Untersuchung darüber, in wie weit im übrigen strafbare Handlungen vorliegen, dauert fort. Es ist zu. hoffen, daß diesem Unwesen endgültig ein Ende bereites wird.
Die Beisetzung des deutschen Geschäftsträgers in Rom,
- n?' ?om, 3. Juni. (Stefani.) Gestern morgen
fand die Beisetzung des deutschen Geschäftsträgers in Rom v. verff statt. Dem Leichenwagen voran ging eine Abteilung königlicher Karabinieri und eine Kompanie des 82. Infanterie-Regiments. Hinter dem Wagen folgten die Vertreter des Hofes, des Senats, des Ministeriums des Äugern und zahlreiche Mitglieder der deutschen Kolonie in Rom
