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Donnerstag. 3. Juni 1920. SROfgglf

Nr. 255,«- 68. Jahrgang.

„ Wegen des Fronlkichnamfestes erscheint die

nächste „Taqblatt"-Ausqal>e am Freitaquachmittaq.

Die Sünden der Regierung,

Für all die Mißstände, unter denen heute Deutsch­land zu leiden hat, macht eine ebenso gewissenlose wie bequeme Agitation der Opposition die heutige Regie­rungsmehrheit verantwortlich. Sie ist schuld daran, daß wir heute unerträglich hohe Steuern zahlen müssen, ihr allein ist es zuzuschreioen, daß die allgemeine Moral gesunken ist. Auf gedankenlose Leser und Zuhörer wird eine solche Beweisführung vielleicht Eindruck machen, wer aber auch nur ein wenig nachdenkt, wird klar er­kennen, wie falsch eine solche Beweisführung ist.

Als die heutigen Regierungsparteien die Herrschaft antraten, fanden sie die undankbarste Aufgabe vor, die sich nur denken läßt. Sie mutzten die Liquidierung des Kriegsunternehmens durchführen. Deutschland war zu einem Trümmerfeld geworden, weil der unglück­selige Weltkrieg, der nach der Bekundung Ludendorffs bereits bei der Übernahme des Oberkommandos durch Hindenburg im August 1916 zu Lande nicht mehr zu gewinnen war, trotzdem weitergeschleppt wurde, weil die Herren von der Rechten nicht geneigt waren, ihn durch einen damals noch möglichen Verständigungs­frieden zu beenden. Run aber legte uns der Waffen­stillstand die schweren Bedingungen auf. Kein böser Demokrat war es, der 1918 zur Umbildung der Regie­rung und zur sofortigen Herausgabe des Friedens­angebots drängte, sondern Ludendorff selbst, der immer wieder für eine Beschleunigung eintrat. Kein böser Demokrat und kein Zentrumsmann oder Sozialist war es, der die Weisung zum Abschluh des Waffenstillstands­vertrags gab. Das Große Hauptquartier machte zwar im Telegramm vom 10. November 1918 Abänderungs­vorschläge für eine Reihe von Punkten des Waffenstill­standes, sagte aber ausdrücklich: „Gelingt Durchsetzung dieser Punkte nicht, so wäre trotzdem abzuschließen. Bitte Entschluß Regierung in diesem Sinne schleunigst herbeizuführen, v. Hindenburg."

Die Bedingungen, die uns damals auferlegt wur­den, sind es, woran wir heute kranken. Wer auch immer nach diesem Zusammenbruch die Regierung übernahm, konnte aus dem Trümmerfeld keinen Palast machen. Mit Recht sagt Georg Bernhard in der „Boss. Ztg.": „Wer auch immer in Deutschland regierte — ob ein Kaiser oder Präsident — und wer immer in Deutsch­land Ministerdienste versähe, müßte genau soviel an Steuern erheben, genau soviel Enthaltsamkeit den Bürgern auferlegen und müßte gerade, um die Arbeit verbürgen zu können, durch die allein die Lasten des verlorenen Krieges zu tragen sind, den Arbeitern die gleichen Rechte und den gleichen Einfluß einräumen, wie die jetzige Regierung tun mußte. Vielleicht sogar noch größere!" '

Und wer auch immer regierte, er konnte nach dem Raubbau, der durch das Hindenburg-Programm ge­tragen worden ist. die Produktion nicht steigern. Denn das Hindenburg-Programm war ein Programm der Selbstüberschätzung und dev Überschätzung der deut­schen Volks- und Wirtschaftskraft. „Man hätte mit weniger Arbeitskräften und Material erheblich mehr für die Ausrüstung des Heeres geleistet und unserer Wirtschaft Störungen und Erschütterungen erspart, die letzten Endes an die Wurzeln der Widerstandskraft unseres Volkes gingen." So schreibt nicht etwa ein vor­eingenommener Demokrat, sondern ein Mann, der das Programm bat mitdurchführen helfen, nämlich Herr Hölfferich! Rur daß Herr Helfferich leider bei seinen Agitationsreden vergißt, daraus hinzuweisen, daß auch nach Kriegsende noch Milliarden und aber Milliarden von Lasten der Reichskasse aus dem Hindenburg-Pro- aramm erwuchsen, und daß so dies Programm ein gut Teil schuld trägt an der Finanznot der Republik.

Und wie steht es mit dem Verkehrswesen? Wäh­rend des Krieges sind alle Verkehrseinrichtungen bis zum äußersten angespannt worden. Deutsche Wagen und Lokomotiven liefen in halb Europa: in Belgien, Frankreich, Rußland, Rumänien. Durch diese Überan­strengung wurde unser Material ausgemergelt, und als das Ende des Krieges kam, mußten wir trotzdem Tau­sende und Abertausende von Lokomotiven und Wagen an unsere Feinde abgeben. Das waren nicht etwa die nächstbesten, nein, die ausgesuchtesten Exemplare ver­langte man von uns. Es ist einfach nicht möglich, die dadurch entstandenen Mängel in verhältnismäßig weni­gen Monaten wieder auszugleichen und so den Frie- d"nsverkehr wieder einzurichten, den wir heute nötiger hätten als je zuvor.

Aber das ist doch nun wenigstens sicher, daß die Schiebcrwirtschaft erst unter der schwarz-rot-goldenen Flagge erblühte? Fragen wir einen Herren der Volks- partoi, die ja mit diesem Argument so gern krebsen geht. H.rr Stresemomn hat sich über die Frage, woher

- die Schieberwirtschaft kommt, in dankenswerter Weise geäußert in seiner Reichstagsrede vom 23. Oktober 1918, in der er laut dem amtlichen Stenogramm aus­führte: „Daß beispielsweise in den Fragen der Ver­gebung von Lieferungen durch das Kriegsministerium gerade im ersten Jahre des Krieges ein System befolgt worden ist, dem wir die Schieberwirtschaft in Deutsch­land und die Kriegsgewinnlerwirtschaft am allermeisten zu danken haben."

Man sieht schon aus diesen wenigen Beispielen, die sich beliebig vermehren ließen, daß die Dinge denn doch nicht so liegen, wie die Wahlredner der Rechten glauben machen wollen. Die Mißstände sind da, freilich nicht durch die Schuld der heutigen Regierung. Sie müssen überwunden werden, aus den Trümmern muß wieder ein Haus gebaut werden! Das erreicht man nicht durch tatenlose Kritik und Opposition, sondern durch Arbeit!

Die Entente gegen die Erhöhung der Brotmenge in Österreich.

mz. Wien, 2. Juni. Laut „Reichsvost" erbob die Entente gegen die geplante Erhöhung der Kovtbrotmenge in Österreich Vorstellungen, da diese Maßnahme von ihrem guten Willen abhänge. sie aber nickt befragt worden sei, und weil die Weltversorgung in Brotgetreide eine solcke Erhöhung nickt begünstige.

Der wirtschaftliche Anschluß Salzburgs an Bayern.

mz. Salzburg, 1. Juni. In Vertretung der französischen Militärmission erschien Kapitän de l'Evine bei Landes­hauptmann-Stellvertreter R e h r t. um im Hinblick auf die in der Öffentlichkeit erörterten Bestrebungen nach Anschluß an Bayern Informationen über die tatsächliche Stimmung der Bevölkerung einzuholen, sowie- darüber, in welcher Weise der wirtschaftliche Anschluß in Frage kommen könnte. Kapitän de l'Evine erhielt alle gewünschten Aufklärungen.

Der Heilige Stuhl und der Völkerbund.

B - ™ z - R»m. 2. Juni. (Stefani.) Der Heilige Stuhl per: sichert nochmals laut „Ostervatore Romano", daß er n i e un i ^ Völkerbund nachgesucht habe

rac ? e ? die Vermittlung eines englischen Staatsmannes noch der des Grafen Salre. noch anderer Verfönlichkeiten.

Einberufung der verfassunggebenden Versammlung für Danzig.

M 2 . Danzig. 1. Juni. Der Oberkommissar berief die verfassunggebende Versammlung für die künftige freie Stadt Danzig für den 14. Juni nach dem Landesbause ein.

Die Ablieferung der deutschen Kriegsflotte.

mz. Paris, 2. Juni. (Drabtbericht.) Nach einer Mel­dung aus Cherbourg sind die beiden deutschen Panzer­kreuzer „Stuttgart und „Graudenz" dort ange- kommen.

Die Unterzeichnung des Friedens für Ungarn.

. mz. .Budapest. 2. Juni. (Ungar. Korr.-Bur.) Der Kriegsminlster General Soos bat den Auftrag, den Frie- densvertrag zu unterzeichnen, abgelehnt. Der Ministerrat sendet nunmebr Dr. Ronond und den Gesandten D r a I ch e - L a n s zur Unterzeichnung.

-p - J" z - ."ans. 2. Juni. (Drahtbericht.) Die ungarische Friedensdelegation, die am 4. Juni den Friedensvertrag unterzeichnen wird, wird morgen vormittag in Paris ein-

Das Mandat über Armenien vom amerikanischen Senat abgelehnt.

mz. Paris. 2. Juni.. (Drabtbericht.) Rach einer Savas- meldung hat der amerikanische Senat mit 52 gegen 23 e r n r b i“ s ^A°?dat über Armenien abgelehnt. Die Resolution ist alsdann an das Repräsentantenhaus zu- ruckgcgangen, das nach einer anderen Havasmeldung sich auf unbestimmte Zeit vertagt hat.

Der Kongreß der Vereinigung für internationales Recht

Portsmouth.,1. Junü (Drahtbericht. Reuter/ Der Kongreß der Vereinigung für internationales Rech wurde heute geschlosten. Es wurde ein Ausschuß ernannt der darüber Bericht erstatten soll, wie in Überetnstimmunc mit den Bestimmungen des Volkerdundstatuts eine inter n ?U; 0 2,“I e Zusammenarbeit für die gemeinsamer wirtschaftlichen sozialen und rechtlichen Interessen ange- bahnt werden kann. ..Lord R e a d i n g wurde einstimmic zum Präsidenten gewählt. Der nächste Kongreß der Ver­einigung findet 1921 im Haag statt.

Die internationale Arbeiterkonferenz.

INZ. Genua, 2. Juni. (Drabtbericht.) Bis jetzt lieger zur internationalen Arbeiterkonferenz in Genua Anmel­dungen von 22 europäischen und auß-r- europäischen Staaten vor. u. a. Australien. Belgien Kanada, China. Dänemark, Deutschland. Finnland. Frank­reich, Holland. Indien, Italien, Japan. Norwegen, Portu­gal. Schweden, Polen und der Schweiz.

Aus dem österreichischen Neichsarbeiterrat.

MZ. Wien. 2. Juni. (Drabtbericht.) In der gestrigen Sitzung des Reichsarbeiterrates betonte der Berichterstatter über die politische Lage. Friedrich Adler, die Notwendig­keit. an dem System der Arbeiterräte festzuhalten denn der Arbeiterrat habe die Einheit des österreichischen Proletariats erhalten. Abg. Atto Bayer meinte, dis Auf­lösung der Koalition würde zur Bildung einer Koalition unter einer neuen Formel führen, da die Arbeiterklaste sich gegenüber einer rein bürgerlichen Regierung, die versuchen sollte, gegen das Proletariat aufzutreten, mit der militäri­schen Opposition begnügen würde. Auch er sei gemäß der Überzeugung der überwiegenden Mehrheit der Arbeiterschaft für Aufrechterhaltung des Arbeiterrates, da die Arbeiter­schaft gegenüber, der drohenden Reaktion auf kein Organ ihrer Macht verzichten könne. a

Rußland kann nichts liefern.

Bi. Berlin. 2. Juni. (Eig. Drabtbericht.) In einer Sitzung des Wiener Kretsarbeiterrates gab die sozialdemokratische Abgeordnete Emmi Freundlich Auf­schluß über die Verhandlungen, die sie seinerzeit in Wien und spater in London im Namen der Genossenschaften mit den russischen Genossenschaften geführt habe Sie erklärte, daß die Rüsten gar keine Zusage machen konnten, wirklich etwas zu liefern. Deutsch-Österreich könnte keine drei Wochen von dem leben, was Rußland schicken würde, selbst wenn es Lokomotiven und Wagen bätte. Diese Feststellungen sind besonders wertvoll in einem Augenblick, wo angesichts der Verhandlungen Krastins mit Lloyd r'V' -'-'o manche Leute wieder aus dem Häuschen zu aeraten besinne».

Rücktrittsabsichten des belgischen Kabinetts?

mz. Brüssel. 2. Juni. (Havas.) ..Libre Belgiaue" be­hauptet. daß infolge einer Rede des Ministers des Innern Renk ins auf dem Katbolikenkongreß und der deswegen am Montag im Ministerrat stattgebabten Aussprache das Kabinett sich virtuell im Rücktrittszustand befände. Die Krise werde binnen kurzem öffentlich wer­den. Renkin werde zurücktreten, was die Umbildung des Kabinetts nach sich ziehen werde, über deren Umfang man sich aber noch nicht aussprecken könne.

Der Kampf gegen die hohen Preise in England.

Br. Berlin, 2. Juni. (Eig. Drabtbericht.) Rack einem Bericht des Londoner Korrespondenten des „Journal ist der Kampf gegen die hobenPreNe in England nun auf der ganzen Linie entbrannt. Er wird von einer großen Anzahl von Kaufleuten unterstützt. Eine große An­zahl von Kaufhäusern kündigt in großen Lettern in den Schaufenstern herabgesetzte Preise an. Bei anderen Kaufleuten sind einzelne Artikel wesentlich herabgesetzt.

Die Besteuerung der Kriegsgewinne in England.

W.T.-B. Amsterdam. 2. Juni. (Drabtbericht.) Laut Reuter hofft Chamberlain. in einigen Tagen im Unterhaus die Entscheidung der Regierung bezüglich der Abgabe auf die im Kriege gewonnenen Vermögen bekannt zu geben. Laut ..Daily Ebronicle" wird das Kabinett die Abgabe für unzweckmäßig erklären.

Die Angriffe der Sinnfeiner in Irland.

mz. Genua. 2. Juni. (Drabtbericht.) Bei den letzten Angriffen der Sinnfeiner wurden in Irland alle Steuer- und Zollämter von Soldaten bewacht.. Trotzdem drangen 80 Bewaffnete in ein Zollbureau in Cing-Jnns ein. entwendeten Gewehre und Maschinengewehre und ver­schwanden so schnell sie gekommen waren. Der ganze Vor­fall dauerte weniger als 5 Minuten.

Vereinigung der Aalandsinseln mit Schweden.

mz. Kopenhagen. 2. Juni. (Drabtbericht.) Wie ..Poli­tiken" aus Stockholm meldet, emviing der schwedische König gestern eine' Abordnung der Aalands­inseln. die die Vereinigung der wuseln mit Schweden forderte. Der König erwiderte u. a.: Es bestätige sich, daß die Friedenskonferenz noch zu keiner Entscheidung in der Aalandfrage gekommen sei. Er habe aber bei seinem Be­such in London und Paris von hervorragenden vol,tischen Persönlichkeiten gehört, daß dort gegenüber dem Wunsche der aaländischen Bevölkerung eine cn t g e » e n k o m m e n de Stimmung herrsche, die die Hoffnung zulaste, daß das andauernde Bestreben der Bevölkerung nach der Wieder­vereinigung mit Schweden von Erfolg gekrönt sein wird.

Die Lage in Griechenland.

Br. Paris, 2. Juni. (Eig. Drahtbericht.) Aus Athen wird gemeldet: Venizelos bat die Kammer, ihn zu ermäch­tigen. den B e l a g e r u n g s z u st a n d als das einzige Schutzmittel zu verhängen, um ein Blutvergießen zu ver­meiden. Der Belagerungszustand wird also morgen über Athen verhängt werden. Ter Ministerpräsident bat erklärt, dah die Operationen die Rückkehr des Königs Konstantin verlangen und daß die Nichterfüllung dieser Forderung das Ende der Monarchie bedeuten würde. Die Erklärung wurde mit lebhaftem Beifall ausgenommen.

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mz. Paris. 1. Juni. Havas meldet aus Eümüldschina (Thrazien): Die griechischen Truvven begannen am 27. Mai von dem Griechenland zugesprockenen Gebiet in Thrazien Besitz zu ergreifen. Eine Verständigung zwischen dem französischen und dem griechischen Eeneralstab war oor- hergegangen. Der Haupttrupp der griechischen Truvven der unter General - Zybrakakio von Xentbia kommenden Division ist in Eümüldschina. da? die Franzosen mit Ausnahme weniger Posten vorher geräumt hatten, einge­troffen. Später wurde General Zybrakakio an der Spitze seiner Truvven beim Einzug in die Stadt von General Cberpys begrüßt. Eine von der Militärbehörde ange­schlagene Proklamation hesagt. daß die griechische Armee alle Bürger ohne Ausnahme beschützen und die Ordnung auf­recht erhalten werde, die gestatte, eine Ära der Gerechtig­keit. Gleichheit und des Fortschritts einzuleiten. Alle Ge­bräuche und Elaubensbekenntniste würden geachtet werden. — Von anderer Seite wird die Besetzung von Dedea- g a t i ch durch griechische Truvven. die auf dem Wasserwege gekommen waren, gemeldet. Es herrscht vollkommene Ruhe.

Bulgarischer Protest.

W. T.-B. Amsterdam. 2. Juni. (Drahtbericht.) Der Berichterstatter der „Times" meldet aus Sofia, daß die bulgarische Regierung eine Note an die Entente gerichtet habe, in der sie gegen die Besetzung Thraziens durch griechische Truppen protestiert.