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Berliner Abteilung des Wiesbadener Lagblatts: Berlin V. SV, «tMtbergerftrahe 3, IV. Fernsprecher: Amt Rollendors 4747-49.

Samstag, 17. April 192V.

Abend-Ausgabe.

Nr. 180. . 68. Jahrgang.

Ein neuer Schritt des Verbandes bei Deutschland?

Nachdem der englisch französisch-: Zwischenfall über die Besetzung des Mamaaues durch die Franzosen ver- gelegt ist, scheinen die Alliierten ein neues gemeinsames Borgehen gegen Deutschland vorzubereiten. Diesmal geht die Initiative von England aus. Lord C » r z o n soll energische Schritte beim deutschen Botschafter rn London wegen der Zurückziehung der Truppen aus dem Ruhrgebiet unternommen haben. Ferner will man auf strikte Einhaltung der Vertragsklauseln über die Entwaffnung Deutschlands söhen. Man droht, falls die Versailler Bedingungen nicht erfüllt werden, die Lebensmittelversorgung Deutschlands einzustellen und kein«» Anteil mehr an der wirtschaftlichen Wieder­aufrichtung Deutschlands zu nehmen. Zn einer Unter­redung zwischen Millerand und Lord Derby soll das volle Einvernehmen in dieser Frage zwischen Frank­reich und England hergestellt worden sein. Auch Bel­gien und Italien wollen sich angeblich den Schritten der Verbündeten gegen Deutschland anschließen. Was an den heute vorliegenden Parier Nachrichten wahr ist und inwiefern sie über das Ziel Hinausschiesten, latzr sich von hier aus schwer fcststellen, denn auch diejenigen Pariser Blatter, di« über die Unterredung zwischenLocd Derby und Mrllerand gut unterrichtet fern wollen, ge­stehen ein, dah drs diplomatischen französischen Kreise sehr verschwiegen sind Richtig zu sein scheint, daß der Pariser englische Botschafter Millerand vorgeschlagen hat. daß den allrierten Vertretern in Berlin gleich­lautende Instruktionen gesandt werden sollen, um der deutschen Regierung formell bekannt zu geben:

1. Daß man von ihr erwartet, dast sie den Ver­

sailler Vertrag genau ausführt, hauptsächlich die Vereinbarungen, die auf dis Verminderung d e r A r m e e und d e s K r i e g s m a t e r i 2 l s sich beziehen; , „ ,

2. daß dre Machte weder eine Wiederherstel­lung des militärischen Regimes iioch eine anarchistische Revolution dulden wer-

3. daß die Versprechungen, die die Mächte Deutsch­land hinsichtlich seines wirtschaftlichen Wiederaus- baucs gemacht haben, die Bewilligung internatio­naler Kredite und die Lieferung von Rohmaterialien, von den vorgenannten Beding,uigrn abhängig sind.

Die letzte Entscheidung über den neuen, sehr ernsten Schritt der Entente bei Deutschland wird jedenfalls erst auf der Konferenz von San Remo gefällt werden. Es besteht jedoch kein Zweitel mehr darüber, dost die Einigkeit zwilchen England und Frankreich bereits wie­der vollkommen herqestellt ist Wir waren von Anfang an überzeugt, datz die Meinungsverschiedenheiten zwi­schen den Verbündeten nickt lange anhalten würden und hatten bereits in den Artikeln ..Ein Fall kür den Völkerbund" in Nr. 169 des „Wiesb. Tagbl" vom 11. Avril und ..Millerand rind Llond George" in Rr. 174 des „Wiesb. Tagbl." vom 14. April vor allzu optimisti­schen deutschen Auffassungen über das enalisch-französi- sche Zerwürfnis gewarnt Nun zeigt sich die Solidarität der Entente gegen Deutschland von neuem. Zn San Remo wird es sich entscheiden, ob unsere früheren Feinde hinreichendes Verständnis für unsere Not haben. Schon heute aber mutz darauf bingewiesen werden, dost die Alliierten auf dem besten Wege sind, durch ihre neuen Forderungen die deutsch« Regierung in die größten Schwierigkeiten zu bringen. Die militärische Ab­rüstung Deutschlands ist vor dem Abschluß und es er­scheint völlig ungerecht, wenn die Alliierten ihrem Miß­trauen mehr Gehör schenken als den tatsächlichen Be­mühungen des Berliner Kabinetts, den Friedensver­trag von Versailles in militärischer Hinsicht loyal zu erfüllen.

Die Entwaffnung Deutschlands.

YV. T.-B. Paris, 16. April. HavaS meldet: Der fran- .iüsi'ch-englische Zwischenfall bat Deutschland nur in seinem Widerstand gegen die Ausführung des Friedensvertrages be­stärkt. ES Leigte eine völlige Mißachtung gegenüber den änderen Mitunterzeichnern des Vertrages. Gestern, so wird atzS London berichtet, soll Lord C u r z 0 n energische Schritte heim deutschen Geschäftsträger in London getan haben, um eine Zurücknahme der überzähligen Truppen aus dem Ruhrgebiet zu erreichen. Heute stammt in Paris eine neue Nachricht an, in der die englische Regierung die anderen Alliierten zur Mithilfe bei einer Gesamtinitiative auffordert. bei welcher von der Berliner Regierung die strenge Be­folgung der Vertragsklauseln bezüglich der Entwaffnung ver­langt werden soll. Falls diese Forderung nicht angenommen 'z-erte, werde die gesamte Lebensmittelversorgung für Deutschland eingestellt. Über diesen Punkr hatte Lord Derby mit Mrllerand eine lange Unterredung. In ~tn Botschcfterkonferenz. in der auch diese Angelegenheit . diskutiert wird, hat auch die italienische Regierung einen Vertreter entsandt. Trotz des Schweigens, in das fick die tziilitisch-n Kreise büllen, scheint es doch, als ob Lord Derby

dazu bestimmt wäre, die frm^ösifche Regierung aufzusor- dern, an dem Schritt Englands teilzunehmen. Die französische Antwort kann ja bier nicht zweifelhaft sein. ■ Diese Initiative der alliierten Mächte mutz angesichts des bösen Willens Deutschlands nur gebilligt werden. Alliierte Beobachter, die.aus dem Ruhrgebiet zurückgekehrt sind, sagen aus. datz die Beweguirg dort niemals einen bolschewistischen Charakter angenommen babe. Andererseits wird uns mitgeteilt, datz die durch die Berliner Regierung rn das Ruhrbeckrn gesandten Trurpmiabteilungen beträchtlicher sind als die den Alliierten angegebene Zahl. Das erste Problem, drs die alliierten Steetsleiter also zu lösen hätten, wäre die baldigste Ent­waffn n n g D e u t s ch l a n d s.

irtz. Paris, 16. April. Rach dem „Temps" bat die fran­zösische Regierung zu dem von England vorgeschlagenen Schritt bei der Regierung in Berlin ihre Zustimmung ge­geben. Der Schritt wird darin bestehen, der Berliner Reme« rnng zu erklären, datz die Alliierten die Errichtung einer revolutionären Regierung, deren Politik dem Friedensvertrag zuwiderlänft, nicht dulden werden. Wenn ein derartiges Regime den Sieg davontragen sollte, würden sich die Alliierten genötigt sehen, ihr festgelegtes Programm zur wirtschaftlichen Wiederaufrichtung Deutschlands aufzugeiben und die Lelensmittelsendungen einzustellen.

Belgien und Italien schließen sich an.

me. Paris, 16. April. (Havas.) Ter belgische und de: l talieuische Gesandte setzten heute morgen Mille - rand davon in Kenntnis, datz ihre Regierungen sich dem Schritte, den Lord Derby im Namen seiner Regierung bei ihm unternommen hätte, anschlietzen zwecks einer ge­meinsamen Kundgebung der Alliierten an die Berliner Regie­rung, um von ihr die vollständige Ausführung des Versailler Vertrages zu fordern.

Erklärun-en Lloyd Georges und Mlllerands.

niz Marseille. 16. April Llovd George empfing Mitglieder der Presse und antwortete a'.rf alle an ihn ge- stellren Fragen durch folgende Erklärungen' Ich habe immer mit len aufrichtigsten Gefühlen des Entgegenkommens auf Fragen über unsere Beziehungen zu Frankreich geantwortet, das der Vorkämpfer der Freiheit auf der Welt bleibt und ist. In dieser Hinsicht habe ich es nie vernach­lässigt und die Probleme interessieren niemand mehr denn mich, der ich die schrecklichen Opfer kenne, dre Frank­reich gebracht hat. Dieser Geist hat meine Arbeiten auf der Friedenskonferenz begleitet und mit ihm gebe ■ ich nach San Memo. Wir haben den Krieg durch festes Zusammen­halten gewonnen und nur durch dielen Zusammenhalt können wir die Früchte des Sieges sichern. Wir müsien Hand in Hand gehen; noch sind wir nicht am Ende. Wir sollen und wir müssen vereint bleiben. Das beste Mittel, die Schwie­rigkeiten zu überwinden, ist, in Zukunft der Zivilisation die größte Bewegungsfreiheit zu geben, und das hängt von der Aufrechterhaltung des Bündnffes zwischen Frankreich und England ab.

ZV. T.-B. Paris, 17. April. (Dvahtbericht.) MtHe- r a n d erklärte dein Pariser Berichterstatter der »Daily News", in bezug auf die Entwaffnung Deutsch­lands 'seien Entscheidungen von höchster Bedeu­tung durch Churchill Md Lefevre getroffen worden. -Ohne die Entwaffnung Deutschlands sei der Welt friede un­möglich. Dü-'Zerstörung der deutschen Flotte gswEhrleiste die Sicherheit Eichl-andsi Wenn erst einmal die Dedvrchuing durch den .deutschen Militarismus beseitigt sei. «erÄe auch ein Ähnlicher Friedwrsz-ustamd für Kvgnkveich' gesichert- werden. Es iex im Interesse aller Ällrmrten, Deutschland beizustehen für dw Wi^derordnnng seiner Finanzen und die Wiederaufnahme seiner wirtschäfilich-en Fähigkeit. Cr sei bereit, hierbei mirzuiwirken, aber man könne das «Schicksal der Opfer des deutschen Angriffs nicht außer allst lassen. Die Anerkennung Sowjet»Rußlands erklärt Millerand für unmöglich.

Kapp in Schweden festgenommen.

mz. Stockholm, 16. April. Havas meldet: Dr. v. Kapp flüchtete nach Schweden, wurde aber im Süden von Stockbolm verbastellnind nach der Hauptstadt verbracht. Diese Nach­richt brachte,zuersr »Svenska Dagbladet", das meldete. Kapp sei von einem seiner Freunde in Stockholm gesehen worden. Dann -wußte „Asten Tidningen" zu berichten, Kapp sei im Süden Schwedens auf dem Luftweg angekommen, darauf mit dem Zug nach Stockholm gefahren und von dort nach Soederthal. Die schwedisckn Polizei verhaftete ihn daselbst und brcchte ihn nach Stockholm zurück.

Soeben wird die Verhaftung Kapp? offiziell mrt- geteilt. Er war, wie man meldet, mit einem Patz ver­sehen, der ihm von den deutschen Behörden -m Namen eines Dr. v. Kanitz ausgestellt worden war. Man weitz noch nicht, was hinsichtlich Kapp beschloffen wird. Er kam mit einem Flugzeug rn der Nähe von Malmö an. Es wurden keine weiteren Papiere, qutzer dem Patz, von dem oben die Rede war. bei ihm gefunden. . -

Dz. Stockholm» 16. April. Als die Polizei in Soederthal heute «den Patz des Dr. Kapp untersuchte, stellte sich heraus, daß er gefälscht war, weshalb Tr. Kapp um 2 Uhr fest- genow.men wurde. Während des Verhörs gab er sich zu er­kennen und wurde dann im Auto nach Stockholm verbracht, wo er durcb di« Kriminalabteilung einem Verhör unterzogen wurde. Die Polizei will sich jedach noch nicht über das Er­gebnis aussprechen. Der Polizeimeister kann sich noch nicht darüber äußern, inwieweit von einer Einlieferung in das Gefängnis oder einer Ausweisung die Rede sein form.

Die Nationalversammlung.

Dz. Berlin, 16. April.

Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung um 1,26 Uhr ur.d teilt mit, daß ein Antrag auf Strafverfolgung des Abg. Brach wegen 'Landesverrats ufw. eingegangen rst. Er wird dem GefchäftSordnungsausschutz überwiesen.

Präsident Fehreubach gibt sodann den Tod des Abg. Kollmann (D.-Natl.) bekannt. (Die Abgeordneten er­heben sich ton ihren Plätzen.) . .

Es, folgen .Anfrage n. Eine Reihe von Anfragen lleibt unerledigt, weil die Abgeordneten zur Verlesung der Anfragen nicht erschienen sind. — Daran schließt sich hie zweite Beratung deS Gesetzentwurfes über das Ente 1 gnungsrecht der Gemeinden bei Aufhebung von Religionsbeschränkungeri. Der Gesetzentwurf wird nach den Anträgen des Ausschusses mit geringen Abänderungen ohne Erörterung angenommen, ebenso in dritter Lesung.

Es folgt die zweite Lesung des Gesetzentwurfes, betr. die Grundschule und Aufhebung der Vorschule.

Abg. Hellmann (Soz.): Das Gesetz bietet nur das aller­bescheidenste Minimum von dem, was- wir focderrr müssen.

Abg. Rheinländer (Zentr.): DaS vorliegende Gesetz schaff' Wahrheit über den Begriff der Grundschule. Der Mechanis­mus des bisherigen Schulwesens mutz .zum Organismus werden. Auch die verschiedenen Lehrerkategorien werden sich jetzt näber treten.

Abg. Dr. Kaetzsch (D.-Nat.)- Die Abschaffung der Vor­schule ist sehr zu bedauern. Wir haben die allerschwersten Bedenken gegen das Gesetz.

Abg. Külz (Dem.) begrüßt das Gesetz als einen wirk­lichen Fortschritt. Die vierklassige Grundschule ist die richtige Grundlage.

Abg. Dr Runkel (D. Dpt.): Nicht die Grundschule als selche bekämpfen wir, aber wie kann man einen Grundstein legen, ohne sich über den weiteren Bau klar zu stin. Das Gesetz dürfe keine Anwendung auf die Hilfsschulen für Schwachsinnige finden.

Alg. fiitfinnt (U. S.) befürwortet einen Antrag seiner Partei, der unter anderem die Grundschule auf acht Jahr­gänge ausdehnen will. Dem Unfug des Privatschulwesens müsse baldigst ein Ende gemacht werden.

Unteritaatssekretär Scholz stellt fest, daß eine weitgehende Übereinstimmung bei allen Parteien über den Gedanken der Einheitsschule sich herausgestellt habe.

§ 1 wird mit dem Abänderungsantrag der Rehrheits' parteien angenommen. — Zu § 2 bemerkt Abg. Dr. Mumm (D.-Natl.), datz den Privatschulen durch die Wegnahme ihrer Vorschulen die Existenzmöglichkeit genommen werde. — Abg. Frau Schmitz (Zenir.): Die Reichsregierung müsse bei den Cinzellänoern darauf dringen, daß beim Abbau der Privat­schiulen Lehrkräfte und Schulleiter entsprechend entschädigt werden. — § 2 wird nach Fassung des Ausschusses ange­nommen. — § 3 sieht vor, daß beim Abbau der Vorschul­klassen entbehrlich werdende Lehrpersonen auch gegen ihren Willen an öffentliche Volksschulen oder andere Lehranstalten versetzt werden können. Der Paragraph wird in der Fassung des Ausschusses angenommen. — § 4 will nur in besonderen Fällen Privatunterricht zulaffen. Die von den Teutsch- iiaticrnlen und den Unabhängigen gestellten Anträge auf Streichung des § 4 werden abgelehnt. § 4 bleibt nach der Fassung des Ausschusses unverändert, ebenso der Rest des Gesetzes.

Es folgt die erste Lesung eines Gesetzentwurfes auf Aufhebung der Gebüb renfreiheit im P o st - und Tclegraphe »verkehr. Das Gesetz wird ohne Aussprache in erster Lesung erledigt und an den Hmiptaus- schutz verwiesen.

Nächste Sitzung morgen 1 Uhr: Znterpellatronen.^ betr. Eupen und" Malmedy, und betr. die volnische Perkchrssperre, außerdem Wochenhilfe und Bericht der Ausschüsse

Schluß noch D/, Uhr.

*

Die Auflösung Gilde Avril.

Br. Berlin, 17. April. (Erg. Drahtbericht.) Wie wie hören, uird die Nationalversammlung >n A.rbetcacht dessen, daß der 6. Juni als Termin der Reichstagswahlen in Aus­sicht genommen ist, bis Ende dieses Monats ihre ge­samten Aufgaben erledigen. Ihrer sofortigen Auflösung dürfte dann, wenn nicht plötzlich dringende Angelegenheiten kommen, nichts mehr rm Wege stehen. Drs neue Rerchs- kakinett wird provisorisch bis zur Erledigung der Reichstags- wohlen die Geschäfte führen.

Abtransport der Reichswehrtrupyen aus dem Ruhrgediet.

Dz Berlin, 16. April. Die von der französischen Presse verlreitete Nachricht, daß 8 0 00 Mann neuer Reichs­wehrtruppen in die neutrale Zone des Ruhrgebietes eingerückt seien, ist falsch. Es ist im Gegenteil Tatsache, datz die Truppenzahl der neutralen Zone dauernd her- abgemindert wird. Mehrere Baiterien sind bereits zu­rückgezogen worden und weitere Truppen sind zum WtranS- port bereitgestellt.

Sr. Berlin, 17. April. (Eig. Drahtbericht.) Wie wir hören, sollen die Reichswehrtruppeu bis Ende nächster Wecke zum größten Teil aus dem Ruhrrevier wieder zurückgezogen werden. Auch seitens der Regierung wird die militärische Aktion für beendet erklärt. Eine verstärkte Reichswehrtruppenmacht wird an der Grenze des Iiubrreviers, so weit es irgendwie mit den Brdingrmggn der EwjMte veveinbgr.ist, -SuriW^lassM wexhep..