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Aüend-Ausgltde. Nr. 158. . 68. Jahrgang.
Samstag. 3. April 1920.
ter NW oec SeW in Ml»r«.
Die junge deutsche Republik hatte ain Karfreitag dieses Iayres schwere Leidenslage, durch die der Be- iraud des ganzen Reiches heftig erschüttert wurde, hinter sich. Und leider scheinen auch die Aussichten, sür die Ostertage Ruh- im Industriegebiet zu schaffen, noch keine allzu günstigen. Die Berhanülungen zwischen den Regierunasvectretern und den Abgesandten des Essener Zentralrates in Münster haben zwar zu einer Einigung unter für beide Teile erträglichen Bedingungen geführt. Damit ist al'er die Gefahr im chemisch-westfälischen Regier rtorf) lange nicht beseitigt. Wenn nicht alles trügt, beginnen sogar jetzt erst für niele Städte, in denen die Linksradikklen die Gewalt an sich gerissen haben, die Schreckenszeiten Schon längst hatten die Arbeiterführer, felbst die unadhängi- gen, die Herrschaft über die Massen in vielen Städ-er: völlig verloren. Räuber, aus den Zuchthäusern befreite Verbrecher und aus allen Teilen Deutschlands zugereiste Abenteurer hatten sich an die Spitze der wilden bewaffneten Banden gestellt und ein Eewaltregi- ment eingeführt, bei dem niemand mebr seines Lebens und seines Besitzes sicher war. Ganz besonders schlimm sind die Zustänoe in Duisburg. das als Hauptsammelplatz für die Not: Armee gilt, und in Mulheirn an der Ruhr. Zn anderen Städten, wie Hagen mrd Elberfeld, herrscht Ruhe und Ordnung. Die Mehrzahl der Arbeiter in allen Städten war gegen den Generalstreik, aber d-r Terror »er Roten Soldaten zwang sie vielfach mit Waffengewalt zu feiern.
Wir sind überzeugt, daß die Reiäiswehrtruppen bei ihrem Vorgehen auf keinen ernsthaften Widerstand stoßen werden Sobald das Gesindel,^ das sich jetzt nicht an das Abkommen von Münster hält, sieht, daß es ernst wird, dürfte es die Flucht ergreifen. Allerdings werden die wilden, zügellosen Banden dann noch versuchen, aus dem Zusammenbruch nwolichft viel Kapital zu schlagen, und zu rauben od-r ni zerstören, was ihnen erreichbar ist. Die Rerchmc-ebrtruppen müssen daher schnell vorrücken, um den Schaden möglichst zu verkleinern Auch mit Rücksicht auf den franz-eschen Widerstand geaen dos G-nriicken der Reichswebrtruppen in das neutral- Gebiet tut es not, daß die Reaierunas- scldaten ibre Aufgaben ungesäumt erfüllen, damit sie sofort wieder zurückgezogen werden können.
Aus der Fülle der heute bei uns eingegangsnen Nachrichten feien die folgenden, als besonders wichtig, wiedergegeben:
Die kniff unasverhandlunnen in Münster.
'mz Essen, 1 April über die Emigungsverband luuoen in Münster te-lr der Zentr.rlrut mit: Die Vollversammlung der Vollzugscäle für das Industriegebiet Rheinland-Westfalsa öwchllegr die Amerkennung und fofortiae Durchführung der Bielefelder V e r e i n b a r n .r g c n vom 2A März und der am 31. März : n Rülst:: r et offenen Vereinbarungen Die Kampfleit-: der Roten Armee erklärten, daß sie sich diesem Be'-hs-.ß der Voyzugkriffe unter-, werfen und für sofortige Durchführung des Befchlusies sorgen würden.
mz. Essen. 2 April Aus den Emigimqsr-erband- lringen in Münster '.rp'b.-n sich für die Arbeiterschaft folgende V er p f hi >h t .l n g e n:
1 ©ofnrtifte Einstellung deS militärischen Kampfes und sofortige Auflö'nng der Roten Armee bis spotten- 2. Apffl. 12 vbr mittags. Die, Unternehmer sind gehalten, ave bisher beschäftigten Arbeiter, di« an den Kämpfen teileenommen haben, wieder einzststellen.
2. Sofwttge Freilassung der Gefangenen.
8 Sofortige Abgabe der Waffen. Munition und der er» bente^en -öeereoqeräte an die Steven, die von den jetzt bestehenden 'Vollzugs- und AktionsauSfckmffen in Gemeinschaft mit den KemeindebehLÄen einzurichten sind, bis spätestens 10. April. -
1. Bis 10. April mutz.-in jeder Gemeiiide von den organi- sierien Arbeitern. Angestellten und Beamten-sowie den Mehr- beitsparte'en ein Ordnung s.au'S.s chu« gebildet fern, ter bei der Durchführung des SicherheitSdieasies mitwary. Tie revolutionäre Arbeiterschaft wird daraus zu sehen haben, daß st? entsprechend ihrer Stärke im Ordnungsausfchutz ver- tretcn ist. -
5 >. hur llnierffützung der Sicherheitsorgave ist vom ^-ro- - nnrmSauSfchutz eine Ortsweyr ans der ■ republikanischen Bevölkerung, besonders den organisierten Arbeitern, unge* stellten und Beamten zu bildet-. Sämtliche Ernwohnerwkchren sind auffnlösen. ' . ..
b. Tie versafiungLmäßigen Behörden dürfen in der Au-s- üburg »hrer Anwor nickt behindert werden.-
Di" Regierung iit auf Grund der Biclefoldsc Vereinbarungen zu folzeasmi verpflichtet'
1 Völlige Straffreiheit für die bis zum u Npril 12 Uhr mittags, an den Kämpfen beteiligten Arbeiter' Als Aufrührer gilt nur derjenige, der nach den, 2 Avril mittags 12 Uhr, noch zum Zwecke des Kampfes gegen ki/rerstiffungsmäßigen Organe WaLen Wtts.
2. Sofortige Aufhebung des Ausnahme- zuslandeS nnd des Stgndreckts bis,zum 2. April, 12 Uhr mittags. Aufhebung des allgemeinen Ausnahmezustandes bis spät-stenL 10. April. .
.8. Jeder Einmarsch der Regierungstruppen in das Industriegebiet ist zu verhindern.
4. Prüfung des gegen General Matter eingererchten Materials wegen seiner yegencevvluttonären Betätigung.
2. Sofortige Entwaffnung und Bestrafung aller an der Gegenrevolution vom 13. März beteiligten. Personen.
L Aulläsung aller der Verfassung ntchr treugebliebenen Formationen und ihre Ersetzung durch Formationen aus den Kreisen der zuverlässig repuülikanlschen Bevölkerung, beson- lers den organisierten Arbeitern, Angestellten und Beamten.
Es folgen sodann die bekannten bei dem Abbruch des Berliner Generalstreiks mit den Eewerkfchafis- und Parteivorständen vereinbarten Punkte.,— Die Vollversammlung de: Vollzugsräte beschließt die A u f- qabe des Generalstrei ks für das qefamte^ Zn- dustricgebiet. Die Arbeiterschaft wird sofort wieder zum Kampfe aufaerufen, wenn die Regierung nicht dre durch die Vereinbarungen in Bielefeld und Münster übernommenen Verpflichtungen erfüllt.
Der Zentralrat erklärt dazu u. a.: Das Bielefelder Abkommen schließt nicht die Auflösung der politischen Arbeitsröte und Betriebräte und des Zentralrats ein. Diese müssen von den Arbeitern nicht erhalten, sondern ausgebaut und befestigt werden. Die Räte sind die poliffschenKlasienorganlfatiün-n und Kampforgane des gesamten Proletariats der Gemeinden.^ des Bezirkes und des Industriegebietes. Durch die Räte vertritt d>e Arbeiterschaft als Gefamth-it ihre Klasieniuteressen gegenüber den bürgerlichen Klaffen. Der örtliche Arbeiterrat wählt einen Vollzugerat, der die.Leitung des Arbeiierrates bildet. Er fetzt sich aus Vertretern de: drei politischen Parteien d-rArbeiter. den aewerkschast- ltchen und geiiaffenschafrlichen Organisationen zusammen. Bei volitischen Aktion-n übernehmen die Rate durch ibre Vollzugsräte und,d-u Zentralrar die Führung der Aktionen für das gesamte Industriegebiet.
Nur «ine Etappe?
3b. Essen, 2. April. (Erg. Drabtbericht.) Die Hau pt - ters.amm lung det, Vollzu g S'räts hes^ Jndusttie- gebietes-beschloß einstimmig den Abbruch des Kampfes. Ganz besonders fnteresisnt sind die Schlußworte des Bor- sitzenden. Er orklärtze. der jetzt abgeschlossene Kamps sei, nur eine Etappe auf dem Wege zur Befrsrüng gewesen, aber eine Etappe., , auf- die man stolz sein könne. Sie bilde eine Bäsid, auf der der Kamps des Proletariats .weitergeführt' werden könne. „Nur kurze Zeit, und in noch gewaltigerem Muse wird der Zorn der Unterdrückten aufslcmwlen, .bis der -Sieg errungen ist."
Der Termin zur Waffsnabgabe verlängert.
mz. Münster, 1. April. Der ..Westfälische Merkur' meldet, daß auf Grund der Verhandlungen zwischen dem ReickSkommissar und Staatsminister des Innern Seve.r-t.ttg- mit Vertretern aus- hem Rührrhvier -der Waffenstillstand bezw. der Termin der Waffenaogahe bis znm 8. April verlängert norden ist. DäS Blatt erfährt dazu aus zuverlässiger Quelle, daß die Militärmacht überall dort, loo Plünderungen stat'tfinden oder , Angriffe erfolgen, volle Freiheit im Rahmen ihrer militärischen Ope- ratwr-ei!, hat. ' - - -
Die Entwaffnung der Roten Armee.
V/.T.-L. Tüffeldorf, 3. April. (Drabtbecichk.) Hier sind rm Lcu-.fe des Tages mehrere tausend Mann der Noten Armee eingetroffen. Die in Düffeldorf öeheimstetLü roten Soldaten wurden hier' entwaffnet. Die übrigen, die zumeist aus dem östlichen bergischen Lande stammen, wurden in die Heimat befördert, wo sie die Waffen abzugeLcn habest. Die Rrche wr-rde nicht gestört.
Die Auffassung der Regierung.
Br. Berlin, 3. April. lE'g. DrahtberichtZ Wie e r n st die Reichsregierung nach den neuefteu Meldungen aus dem Aujruhrgebiet tm Westen die dortige Lage ansieht, kann man daraus 'chliehen, saß Reichskanzler Miller am gestrigen Abend die Pressevertreter zu- sammenberief, um ihnen die Anffaffung der Regierung initzuteilen. Der Kanzler führte dabei etwa folgendes aus °
Was das Ruhrreoier für Deutschland vedeuict, brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Die Regierung war sich deffen bewußt und deshalb feit über 8 Tagen eifrig bemüht, eine gütliche E n t f p a n n u n g herbeizuführen. Besprechungen über Besprechungen wurden gepflogen und man konnte hoffen, daß es zu einer friedlichen Beilegung kain. Nach den letzten Berichten, die die Rsichsregierung empfangen hat, wird aber die Lage dorr zurzeit als außerordentlich ernst angesehen. Wenn ate Bereinkarungen immer gehalten würden, so wjtre keinerlei ernste Befürchtung am Platze. Es ist jedoch, wie man ooraussehen konnte, so gekommen, daß die Herren, d:e dort die Abkommen schließen, in vielen Orten nicht mehr die Gewalt in der Hand haben. In den ^etzt-n Tagen sind .zu uns Deputationen aus den bedrohten Lebieten gekommen und haben uns darauf aufmerksam gemacht, daß die betref
fenden Gebiete kauni aus sich selbst heraus Heilung schaffen können Wir haben bis Herren darauf hiilge- wiesen, daß dies in Widerspruch mit den Nachrichten aus Hagen. E l b e r i e l d und anderen Städten stehe, und ich selbst habe, das muß ich bekennen, diesen Notschreien gegenüber bis gestern abend eine gewisse Reserve beobachtet, weil diese Nachrichten nur von den christlichen Gewerkschaften und den Bürgerlichen kanten, nicht aber von den anderen Parteien. Nun waren aber heute morgen Vertreter der Lffener Mehrheilssozm- listen bei uns und haben dies alles bestätigt. Insbesondere haben sie auf das schärfste betont, daß von einem Willen zu einenr Generalstreik bei der Lffener Bergarbeiterbevölkerung gar keine Rede sein könile, sondern daß der Een-kalstreil erzwungen werde. Die Herren haben behauptet, baß es so gekommen sei, weil die Roten Truppen am Morgen einfach die Eingänge zu den Schächten besetzten und in oen Straßen auf die- jenigen schossen, die zur Arbeit gehen wellten. Sie behaupten ferner, daß iniolg- dieses Vorgehens dre Straßen von Effen vollständig leer waren, daß die Kaufleute und Handwerker 'hce Läden nicht aufmachten und daß es dem No mir Pollzugsrat auf diese Weise möglich war, auswärtige Journalisten durch die Straßen zu führen und ihnen zu erklären, daß hier ein Generalstreik aller Erwerbsfchichten vorlrege. Es ist uns von Effen die dortige „Arbeiterzeitung" übergeben worden, die eine Notiz gegen den Generalstrsik bringen wollte. Sie wurde von den radikalen Machthabern nicht in das Blatt gelassen, das einen weißen Fleck auf- weist. Auch die Unabhängigen glauben, daß eine Heilung von innen heraus nicht mebr möglich ist well von Hägen und Elberfeld aus die Behaupt,mg ausgestellt wurde, daß man dort lieber die Franzosen ein- rücken sähe als Reichswehr. Auch diese Frage habe ich den bei mir erschienenen Herren vorgelegt. Sie haben erklärt, daß die gesamte Bevölkerung ein Ein rücken derReichswehrwieeineErlösung begrüßen würde. Immerhin bestand gestern noch die Hoffnung, daß cs zur Mederlegung der Waffen gemäß dem Bielefelder Abkommen doch noch kommen würde. Aber nach den Mitteilungen, die letzt einaegangen sind, ist das nicht mehr anzunehmen. Der Reichs- und Sraats- kommiffar S e o e r i n g wenigstens sieht die L a ge a l s sehr wenig beruhigt an. In Düsseldarf war ein Wille zum Ausgleich vorhanden, aber die Waffenabgabe ist nicht erfolgt. Durch E f s e n soll ein Teil der Roten Truppen zurückfluten. Recklinghausen ist von Trupoen besitzt und durch Vereinbarungen mit den Parteien wird dort eine Einwohnerwehr gebildet. Es ist ganz unmöglich, von hier aus die Lage zu beurteilen und fcblüffige Anweisungen zu «eben. Wir nehmen an. daß der Staatskommiffar Severing die nötigen Anordnungen treffen wird. Mir war es trotz aller Bemühungen noch nicht möglich, von der französischen Negierung und den Alliierten die Zustimmung zu einer verstärkten Truppenentsendung zu erhalten. Daher haben wir immer mit militärischeir Maßnahmen zögern muffen Wenn die jetzige Wirtschaft überhaupt nur noch wenige Tage dort so weiter- geht so sind verheerende Rückwirkungen sür ganz Deutschland .zu befürchten. Die Kohlen- 'Produktion ist fetzt durch das erzwungene Feiern nöllia zum Darniederliegen gekommen. Wenn die Koblenvroduktion und das Verkehrswesen nicht bald wieder in Gang kommen, niuß man sich auf die alle r- schlimmsten Folgeerscheinungen gefaßt machen. Ferner wird die Ausführung der wirtschaftlichen Klauseln des Friedensvertrages aufs schwerste beeinträchtigt.
Die Diktatur der Lknksradikalen.
mz. Berlin, 2. April. Rach den aus dem rheiuijch-wej!- fälischen Judustriegebiet vorliegenden Meldungen macht sich die durch die befnedigerkde Ettledigung der vom Reichskom- miffar Severing geführten Verhandlungen eingttreteM Entspannung in viele,: Orten noch nicht geltend. ES irai im Gegenteil sogar an einzelnen Stellen eine Verschärfung der Lage ein, die sich daraus erklärt, daß die lmksradikal«: Elemente fühlen, wie die gesamte Entwicklung im Ruhrgelsiet eine für sie ungünstige' Wendung genommen hat. Sie ver . suchen daher, mit nach schärferen Mitteln als bisher ihr- Mack: zu besiftigen. Auch ist zu berücksichngen, daß sich an vielen Orten durch die längere Dauer des General« streikt und besonders durch die verheerende Lebenss- m i:t e l k n a p p h e i t eine natürliche Verschärfung der Lag-, geltend machen mutz. Rach übereinftimmendsn Meldungen iü jetzt ickon im ganzer: Gebiet die Mehrheit der Arbeite, schaff geaen eine Weiterführung des Streiks. Doch werden viellach Arbeitswillige mit Gewalt an der Arbeit gehindeit. Tie Disziplin der roten Horden scheint sich mehr und mehr zu lock e rn. Ausschreitungen und Plünderungen sind an der Tagesordnung. Zum Teil wird sogar ein Zwang auf diö Einwohner aue-geübt, in die Rote Armee einzutreten oder Schanzarbeiten sür sie zu verrichten. Vielfach wurde der Eisenbahnverkehr durch Aufreißen der Ewleise^ unterbrochen. 7!us dem Kreise Lüdinghausen werden einige Fälle von Plünderung ron Bouerngehöften und Brandschatzungen gemeldet. Wie in manchen anderen. Orten wird auch die Lage ,n Essen von drroaffrwtLn Banden beherrscht, die nicht mehx in hex
