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Freitag, 16. Januar 1920.
Morgen-Ausgabe.
Nr. 25. ♦ 68. Jahrgang.
Ms Mo tot m umhh.
er. Berlin, 14. Januar.
Ins Wasser gefallen ist der große Schlag, den die radikalen Sozialisten fiir die Stunde des Wiederbeginns der Nationalversammlung vorbereitet batten. Alles war aufs schönste empefübelt. Die Eisenbahnerbewegung in Westdeutschland und Schlesien, die Tclegraphensavotage, mit der man tie Regierung von ihren Verbindungen im Reiche abschneiden wellte, die plötzlichen Ausschreitungen der B e r g- a r b e i t e r in Westfalen, endlich die Beunruhigung Berlins durch einen HalotagSstreik. alles sollte zusammeu- wirken, nicht nur um unter dem Druck der Straße das Be- triebsräiegesctz zn Fall zu bringen, sondern um allgemein den Umsturz herbcizuführeu. Es sollte für das „volle" Mitbestimmungsrecht und Kontrollrecht, für revolutionäre Betriebsräte, für da? revolutionäre Räte- s y st e m Stimmung gemacht werden. Die linabhän.fige „Freiheit" erging sich zwar in ihren Aufrufen und Artikeln wie immer etwas zweideutig, Werl sie ja nicht wissen kann, wie der Hase läuft, aber sie gebrauchte jedenfalls die Redensarten .Zum Stuim autreten" und „erkämpf:n". Das genügte ja kür alle Fälle. Aber es ist nicht zur neuen Revolution gekommen. Einmal hat 'ich gezeigt, daß die Verbün- teten der Unabhängigen, die Kommunisten, eine sehr unzuverlässige Gesellschaft sind. Die kommunistische „Rote Fahne" aab nicht einmal die Parole zu einer Straßvukundgebung vor dem Reichstag aus. Sie möchte zwar das Betriebsrätegesetz, wie. so viele andere Leute, „in den Orkus" werfen, aber sie kält andererseits Vorsicht für den besseren Teil der Tapferkeit, indem sie die revolutionären Arbeiter warnt, 1mc die Maschinengewehre des Herrn v. Lüttwitz zu lausen. Daö ist ein Etc-vdpunkt, den jeder vernünftige und ordnungsliebende Staatsbürger den »hm sonst so fernltehenden Kommunisten nachfühlt. Aber auch sonst stimmt nicht alles tm Verhältnis der Radikalen zum Betriebsrätegesetz. Es hat sich gezeigt, daß gewisse Angesrelltengruppen sehr viel schäriere Geg» er i es Gesetzes- sind als die Arbeiter. Namentlich sind die Angestellten am Mitbestimmungsrecht viel enger interessiert al? die Arbrilermassen. M't den radikalen Angestellten aber, selbst wo sic kommunistisch organisiert sind, läßt sich keine große Revolution machen. Die Bataillone des roten Umsturzes sollen ja marschieren. Die halten sich jedoch fast möchte man sagen, ausfallenderweise zurück. Es hat eben aucb in der Mob'kmackmng für den großen Schlag vieles nicht geklappt. Die Aufrufe, die ig den Fabriken verteilt wurden und die zum politischen Demonstratio,isstceik ab mittags 12 Uhr aufforderten, waren von der Gewerksclmftskommisjion und von einer ganzen Anzahl großer Verbände, so dem TranSvoitartciter- und Gcmeindearbeiterverbanö, nicht unterzeichnet. Dariiber wurden auch viele u,iabhängige Arbc'tcr stutzig. Ja, in GewerkschciftSkrciscn wird bebauptct, daß die sechzehn Unterzeichneten Verbände ungefragt und unbefugt (ebne Abstimmungen) unter dem Aufruf genannt wurden. Eine solche Schiebung wäre allerdings fatal für die „große Sache". Den stärksten Damm endlich fand die neue Umsturzflut an den S i ch e rh e i t s v o r ke h ru n g e n der Regierung und hier zeigt sich eben, was wir an dem Regime Ncskc haben. Mag sonst noch so viel an dem derzeitigen Regierunossvllem auSnisetzcn sein, die Fixigkeit und Festigkeit der Noskescheu Sicherhcitsocganisation ist unverkennbar. Die grüne Polizei in Berlin bewährte sich ausgezeichnet in der Sicherung des Reichstagsgebäudes und der wichtigsten Behörden. Der Rest war Einwohnerwehr und Nothiise. Trotz der Sabotaaeversuche der Umstürzler hat die Regierung die Eisenbahnen so rn der Sand, daß die Reichswehrtruppen sofort on den besonders bedrohten Punkten cingreifen könne», wie das Beispiel von Leipzig zeigt. Nooke ist seiner Sache sicher. Eie Kommunisten aber nicht. Damit ist die Lage am besten gekennzeichnet, und viel Grund zur Beruhigung gegeben. Für die weitere Zukunft ist ebenfalls gesorgt. Nimmt die politische Bewegung und die Verkehrssabotage unter den Eisenbahnern zu, so erhält die preußische Bahn- zcmeinschaft einen Diktator, wahrscheinlich den jetzigen Minister Oeser. Rumort es auch in den anderen deutschen Ländern, so wird ein Reichsdiktator ernannt. Die Handhabe dazu gibt Act. 48 Abs. 2 der Reichsverfassung. DaS wäre nach der vielfachen Aufhebung des Belagerungszustandes bedauerlich. Aber die extremen Elemente, die den mißglücklen Schlag jeh: auf Monat »März vertagen, werden es sich selbst zuzuschreibcn haben weuv das Leben in Deutschland auch nach endgültigem Friedensschluß nicht aus Sem militärischen Zwang und Druck herauskommt.
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Kommuntstksche Wühlereien. — Teklstreiks infolge des Terrors radikaler Minderheiten.
W. T.-P. Berlin, 15. Jan. (Drahtbericht.) Die Kommunisten und ein Teil der unter dom Einfluß der radikalen Elemente in der unabhängigen Sozialdemokratie stellenden Gewerkschaften brachten nachts in den Außenbezirken der Stadt und >n den Vororten Plakate an, in denen der ..B. Z." zufolge zu einem 34stündigen Proteststreik gegen die Soldateska aufgefoodert wird. Die „Rote Fahne" brachte ein Flugblatt in verschiedenen Betrieben zur Verteilung, in dem ebenfalls zum Streik und zur Wahl revolutionärer Betriebsräte aufgefordert wird. Die Straßen- babuen, Hocbbahn, die Elektrizitätswerke und die Gasanstalt arbeiten, r.vr die städtische Straßenbahn streikte doch beschränken sich ihre Linien nur auf einige Außenbezirke der Stadt. In der Großindustrie ist die Beteiligung on dem Proteststreik nur mäßig Siemens und Borsig arbeiten, dagegen sind die Schwarzkopfs-Werke stillgelegt. Dort und
wo sonst Streiks bestehen, sind sie gewöhnlich nur durch den Terror radikaler Minderheiten zustande gekommen.
W.T.-B. Berlin, 15. Jan. lDrahtbecichtl? Über die heutige Lage in Berlin schreibt die „Neue B. Z." u. a.: Von der Sicherheitspolizei sind für heute keine werteren Vorkcbrungen getroffen als di-, dir gestern abend fct)r>n vor gesehen waren. Flieger und Meldedienst sorge» für Be- cbachtungcn. Demonstrationen werden keinesfalls geduldet. Von der mehrheitssozialdemokratischen Partei ilt heute die Losung ausgegcben, sich auf keinen Fall an rrgend welchen Demonstrationen zu beteiligen. Wegen der Gedächtnisfeier für Liebknecht u n o /Luxemburg gingen auch sämtliche Arbeite: der Knorr- press? heute morgen aus den Betrieben. Auch in den Betrieben von Schwartzkopff herrscht seit heute früh völlige Arbeitsruhe. _
Die Streiklage im Industriegebiet.
Kr. Essen, 15. Jan. (Eig. Drahtbericht.) Ter Ei sen bahner strei k ist vollständig beendet. Im ganzen rheinisch-westfälischen Jndustrie- bezirk ist heute die Arbeit in vollem Umfange wieder ausgenommen worden. Der Be rzarbeiter streik im Hamborner Revier f l a u t b e r e t t s ab. Auch auf den Thyssenschcn Zechen ist heute die Mehrheit der streikenden Bergarbeiter wieder <n »gefahren, dagegen hat der Streik neuerdings auf die Zecke Wieche des Mülheimer Bergwerksvereins übergegriffen. Die Gesamtzahl der Streikenden, dre gestern 20000 überstieg, ist schon beträchtlich zurückgegangen. Über Hamborn ist der verschärfte Ausnahme- z u st a n d verhängt worden. Jeder private Telephvn- verkehr ist gesperrt.
Der Völkerbund.
W.T.-B. Paris, 15. Jan. (Drahtbericht. Havas.) In der morgigen ersten Sitzung des Lolkerbundsrates wird im Namen Frankreichs Leon Bour-'gois, für Großbritannien Lord Curzon, für Griechenland Benizelos und für Belgien Haymans sprechen. Folgende neutralen Staaten erklärten Clemenceau ihren Beitritt zum Völkerbund: Spanien, Schweden unv Dänemark. Die Zustimmung Norwegens (ft ebenfalls sicher, jedoch ist die entsprechende Mitteilung wegen Leitungsstorun- gcn noch nickt in Paris eingetroffcn. Brasilien wird im Rate des Völkerbundes durch Rouys Barbofa vertreten fein, provisorisch wird er gegenwärtig durch den brasilianischen Botschafter in Paris Gastaoda Cunha vertreten.
Amerika und der Friede.
YV. T.-B. Washington, 15. Jan. (Dcahtbericht. Reuter.) Im Namen der Ncvublikaner bezw. Demokraten empfingen Lobge und Hitchcock eine Abordnung von Gesellschaften mit insgesamt 20 Millionen Mitglieder, die die Ratifikation des Friedensvertrages fordern. Beide Senatoren versicherten der Abordnung, die republikanisthen und demokratischen Senatoren seien gemeinsam bestrebt, über oen Knotenpunkt in den Verhandlungen hinwegzukommeu. Hitchcock sagte, er erwarte, daß der Friedensvertrag mit einigen Vorbehalten in zwei Wochen ratifiziert sein werde.
mz. Lincoln, 15. Jan. (Havas.) Brhan sandte an eine Anzahl Senatoren Telegramme, in denen er sie einladet, den FriedenSi'ertrag am 16. Januar, dem Tage des ersten Zusammentritts des Völkerbundsrates, zu ratifizieren.
Die Ententeverhandlunaen mit den Jugoslawen.
mz. Paris» 15. Jan. (Drahlbericht.) Die feit einer Woche zwischen Clemenceau, Lloyd George und Nitti einerseits und der jugoslawischen Delegation unter Führung von Pasitsch und Trumbitsch andererseits gepflogenen Verhandlungen sino zum Abschluß ge- kominen. Die drei Regierungschefs unterbreiteten den serbokroatifch-slawonijchen Bevollmächtigten den Entwurf zu dem Übereinkommen, der von Italien gebildet wurde. Clemenceau beschwor in einer tief empfundenen, von hohen Gedanken getragenen Ansprache Pasitsch und Trumbitsch, inr Interesse des Friedens das Übereinkommen anzunehmen. Sie erklärten, daß die Wicktigkeit der Angelegenheit sie iwmge, in Belgrad darüber Bericht zu erstatten. Sie setzten sich sofort telegraphisch mit ihrer Regierung in Verbindung.
Die Lösung der Adriafrage.
W. T.-B. Amsterdam» 15. Jan. (Drahtbericht.) Einer Reutenncltung zufolge berichtet „Daily Chronicle" aus Paris, daß die Adriafrage g e l ö st worden ist. Fiume bleibt bei Jtali-n, der Hafen wirc» jedoch internatio- nalisiert und dem Völkerbund unterstellt. Das Hinterland kommt zu Jugoslawien. Jralien wird jedoch die Benutzung der Bahnen garantiert. Die gesamte dalmatinische Kulte, mit Ai'Snabme von Zara und einer oder zwei Inseln, fällt an Jugoslawien. Über da? Schicksal Albaniens wurde eine Entscheidung noch nicht getroffen.
Lord Grey geht nach Paris.
mz London, 15. Jan (Drahtberichr. Havas.) Lord Grey wird sich heute nach Paris begeben, wo er
mit Lloyd George und Lord Curzon über seine Mission in den Derer nigten Staaten Besprechungen haben wird.
2 h österreichisch-tschechischen Verhandlungen.
W. T„ B. Prag, 14 Jan. (Tschechisches Preffebureau.) Heute vormittag fand im Mi niste rpräfidi-um «me gemeinsame Konferenz der tschecho-slc»wakischen Regierung und der hier wellenden Mitglieder dos österreichischen Kabinetts statt. Staotskanzlor Nenner gab «ine zusammenfassende Darstellung der Lage, in der sich die Republik Österreich befind et.
W. T.;B. Prag, 14. Jan. (Tschechisches Presseburecm.) Stvatskanzlcr Tr. Nenner ist mit sämlli «n Staatssekretären. auS.-enommen dem Staatssekretär für das Verkchrs- weson, sowie sämtlichen Referenten, ausgenommen jenen für Kohlen- und Eiscnbahufragen, und allen Experten nach Wienabgereist.
Die französische PrSsidenlsckaftskrnge.
W. T.-B. Paris, 15. Jan. (Drahtbericht. Havas.) Eine große Anzahl von Abgeordneten halt die Kandi» datur (El e in c n c e a ii s aufrecht. Dieser erklärte, daß er nicht als Kandidat zu gelten wünsche, daß er aber die Wahl, falls sie auf ihn fallen sollte, nicht aus- fchlagen könnte. Er glaube, dazu nicht berechtigt zu fein. In den Wanoclgängen der Kammer bezeichneten die Abgeordneten die Aussichten für Clemenceau und D e s ch a n e l als günstig. Der allgemeine Eindruck aber ist der, daß Clenienceau seine Gegner wert hinter sich lassen wird.
Coillau» vor seinen Richtern.
mz. Paris, 15. Jan. (Drahtbericht.) Rach seiner gestrigen Sitzung hat sich der Rat als oberster Gerichtshof versammelt. Caillaur wurde vorgeführt. Bourgeois verlas die Verordnung, nach der die Eröffnung der Verhandlung auf den 17 Februar angesetzt wird. Darauf wurde die Verhandlung als geschlossen erklärt, einige Senatoren begrüßten Caillaüx, der sich ohne Zwischenfall nach dem Kraiikenhaus von Neuvilly zurückbegab, wo er untcrgebrucht ist.
Deutschland.
Freiherr von Ekmson in BerNn.
Br. Berlin, 15. Jan. (Eig. Drahtberickt.) Wie wir hören, ist der deutscke Bevollmächtigte bei den Pariser Verhandlungen Ministerialdirektor v. Simson zur mündlichen B e r i ch t e r st a 11 u n g in Berlin eingetroffen. Freiherr v. Lersner dagegen hat Paris noch nicht verlassen.
Der neue Erzbischof von Köln.
mz. Köln, 15. Jan. Bei der heutigen EczbischofÄvahs wurde Bischof Tr Joseph Schulte von Pudecbocu zum Erzbischof von Köln gewählt.
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Der l'cre Erzbischof von Köln, Dr. Joseph Schulte, ist am 14. September 1871 als Sohn des Gutsbesitzers Schulte zu Haus Botberg be: Altena geboren, besuchte das Gymnasium in Essen und war dort Schüler des jetzigen Kardinals Fischer von Köln Zum Priester geweiht wurde Dr. Schulte am 22. März 1805. Er war dann zunächst in der Seelsorge als Kt'plan in Witten tätig; später wirkte er auch als Religionslehter an der dortigen höheren Schule. Seit 1809 war er Repetent am Collegium Leouinum, seit 1801 Repetent am Priesterseminar Paderborn. Am 9. April 1903 wurde er zum Prafeisor an der vhilosophisch-thcologischen Lehranstalt einannt. 1908 zum Offizialatsrat, am 30. November
1909 zum Bischof von Paderborn gewählt und am 19. März
1910 als solcher inthronisiert.
Hilfe für die Überschwemmten.
W.T.-B. Berlin, 15. Jan. (Drahtberickt.) Die preußische Staatsregicrung hatte bereits eine größere Summe zur Verteilung an dre Hochwassergeschädigten überwiesen. Die eingegangenen Nachrichten zeigen, daß der Umfang der schaden noch nicht ganz zu übersehen ist. Jeden falls ist er so groß, daß die in Aussicht genommene Hilfsaktion unbedingt sofort einsetzen muß. Im Staatsministerium wurde deshalb beschlossen, an die Landcsversammlung sofort nach ihrem Wiederzusammentritt mit dem Antrag heranzutreten, die Staatsregierung zu ermächtigen, den Überschwemmungsgebieten im weitesten Aiaße Hilfe zu gewähren und hierfür dlc erforderlichen Gelder vorläufig aus bereiten Mitteln zur Verfügung zu stellend
Aus dem besetzten Gebiet.
mz. Karlsruhe, 14. Jan. Die Einreise in die besetzten Reichsgebiete ist nunmehr frcigegcoen. Die Reisenden müssen nur im Besitz eines gewöhnlichen deutschen Reisepasses fern. Ter Verkehr kann über die Rheinbrücken bei K'axan, Gxrmershelm. Spevrr und Ludwigshafen erfolgen.
