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Novelle von Ingeborg Andresein «Nachdruck o-rb°,«n.,
iebfe Mylius schritt mit ihren leichten behenden Schritten durch die kühle fliesenbelegte Vordiele. Da vorne an der chaus- tür stand der große Schrank aus Birnbaum- Holz, in den zwischen Alabastersäulen ein wundervolles Spiegelglas eingelassen war. Dort ließ sich am besten der chut aufsetzen und der Schleier binden. wiebke Mylius pflegte diefeur Teil ihrer Toilette immer besondere Sorgfalt zu widmen. Es war ihrer allem Heftigen und Gewalttätigen abgeneigten Natur peinlich, zu einer Gesellschaft mit verwehter und zerzauster Frisur anzukommen, selbst wenn mair es io zwanglos vorfand, wie sicher auf Rosenhof, wo Frau Deichgraf Lbsen stets eine ganze Reihe Gastzimmer für den ankommenden Besuch zur Verfügung hielt. Außerdem aber hatte sie Vater heute so lange mit Bitten bestürmt, bis er ihnen die geschlossene Chaise zur Fahrt nach Rosenhof erlaubte. Er war sonst nicht dafür, denn er fand es allzu großartig und anspruchsvoll, wenn das junge Volk im geschlossenen wagen fahren wollte — den. benutzte er nur bei besonders feierlichen amtlichen Anlässen.
wiebke lächelte befriedigt ihrem Spiegelbild zu: sie sah mal wieder süß aus, wie sie sich selber gestand. Zart und hellblond, ein richtiges Rokokogesichtchen, dem selbst das pikante Schönheitspflästerchen in Gestalt eines winzigen Leberfleckchens am Rinn nicht fehlte. Nur das allzu Helle Blau ihrer Augen verursachte ihr Kummer ; bodj waren sie in letzter Zeit entschieden dunkler und träumerischer geworden, wie sie feststellte. Wohl infolge des inneren Erlebens der letzten Wochen noch einmal lächelte wiebke selbstvergessen ins Glas. Im gleichen Augenblick überzog ihr Gesicht ein jähes Erschrecken, sie fühlte sich in ihren innersten Gedanken ertappt und belauert: über ihre Schulter sah das Gesicht ihrer älteren Schwester Merret ihr entgegen.
Lehnsmann Mylius' Rotfuchs, wie Merret im weiten Umkreis genannt wurde, war das gerade Gegenteil der zierlichen wiebke: groß, kräftig und breitschultrig, mit starkem braunrotem Haar und dunkelblauen Augen in dem von Luft und Sonne gebräunten schmalen Gesicht, hatte sie den jäh auffahrenden Charakter des Vaters geerbt, der auch in seiner Stellung als Lehnsmann nicht vor gelegentlichen Gewaltmaßregeln zurückschreckte.
Merret Mylius' starke Brauen hatten sich finster zusammengezogen und 4 in ihren Augen lag ein Ausdruck, der wenig zu einem Fest zu passen schien. „Bist du bald einmal fertig? Du weißt doch, daß der Fuchs nicht so lange vor der Deichsel stehen mag!" Ihre Stimme klang herb und unfreundlich, dabei sahen ihre Augen noch immer wie die der Schwester unverwandt ins Glas.
„Der Fuchs?" wiebke starrte im Spiegel der Schwester ungläubig in das drohende Antlitz.' „Der Fuchs? wir nehmen doch die Chaise nrit den beiden Schimmeln! Vater hat es mir heute mittag zugesagt."
Merret lachte höhnisch auf: „Glaubst du, ich will im Zuckeltrab auf Rosenhof Vorfahren? Mit der Begräbniskutsche hinterher ? Nur damit deine Locken nicht verwehen?"
Der Schwester zartes Puppengesicht verzog sich weinerlich:
„Ich mag aber nicht den Fuchs und das offene Gig! Bei diesem Sturm! Du brauchst doch nicht selbst zu fahren — das kann Thonias ja tun! Setz dich zu mir in den wagen, Merret!" Das Letzte klang wie eine dringende Bitte, wiebkes Züge hatten sich plötzlich wieder geglättet, ihren Mund umspielte ein Lächeln und in den Augen lag ein zärtliches Flehen.
Merret gab keine Antwort. Das sind die Augen, mit denen sie ihn auch ansieht! dachte sie in aufquellendem Zorn, und eine heiße Blutwelle schoß ihr zum Kopf, daß ihr bunte verwirrende Farbflecke einen Augenblick alles zu verdecken schienen — der Schwester holdes in Erwartung gespanntes Antlitz und daneben ihr eigenes wie in einem dunklen Gefühl erstarrtes.
Mit einem Ruck wandte sie sich um: „Nein, es bleibt dabei, wir nehmen das Gig mit dem Fuchs! weißt du nicht, daß der eine Schimmel noch immer lahmt? Sollen sie un; auf Rosenhof auslachen, wenn wir ankommen wie Armenhäusler auf einer Sonntagsfahrt?"
wiebke sagte nichts mehr, ihr waren nun wirklich die Tränen gekommen, aber sie biß die Lippen zusammen und stand nur noch ein paar Augenblicke nrit vorgeneigtem Kopf, um den verhalleirden Schritten der Schwester zu lauschen, wenn sie nur selbst hätte fahrerr können — dann hätte Merret nicht ihren willen durchgesetzt! Aber sie hatte nie Lust und Neigung dazu verspürt, ihr war es immer angenehmer erschienen, aller Verantwortung ledig im wagen zurückgelehnt sitzen zu können und sich an den ihr in bunter Fülle zuströmenden krausen Gedanken und Bildern zu erfreuen. Daher bestimmte nun die Schwester immer allein — wiebke schüttelte sich vor Unbehagen und schritt dann zögernd mit unlustigem Gesicht der Vorangegangenen nach.
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Auf Rosenhof rüsteten die Gäste sich zum Abschied. Ls war heute nur junges Volk geladen: die jungen Männer und jungen Mädchen von all den umliegenden Herrenhöfen durften in zwangloser Kameradschaft, nur unmerklich beaufsichtigt von der jeweiligen Hausfrau, miteinander verkehren. Sie hatten alle als Kinder miteinander gespielt, lange Jahre dieselben Schulen besucht
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