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Donnerstags 7. August 1313.
Morgen-Ausgabe,
Nr. 349. * 67. Jahrgang.
Der Weg zum Wirtschaflsfrieden.
Bernhard Dernburg untersucht in der Wochenschrift „Das demokratische Deritschland" in einem bemerkenswerten LrtüÄ die prasse- „Wie kommen wir zum Wirischrfts frieden?" Er ist der Ansicht, daß alle anderen grasten vollständig zweiten Ranges sind neben dem Problem, ein geordnetes, dauerndes und befriedigendes A rbeitsv er haIt - nis herzustellen. Alle Bemühungen nach dieser Rrch- tun« werden aber scheitern, wenn sie nicht fietraflcn werden vom Geist einer wahrhaften, unparteiischen Gerechtigkeit und von der voükoinmenen Anerkennung des Menschenwertes aller Arbeitenden. Dcrnburg schreibt:
Hier ist der Hauptsatz, daß niemand mehr an Entlohnung bekommen kann als den die sachlichen Produktionskosten übersteigenden Anteil an der eigenen Arbeit, wobei unter sachlichen Kosten auch ein mäßiges Entgelt) für die Kapitalslerhe angerechnet werden muß. um die Ansammlung eines erhöhten Betriebsfonds rn den Händen sachverständiger nild unternehmungslustiger Personen für die Beschaffung erneut ins Erwerbsleben eintretender Generationen sicher zu stellen. Es ist deshalb notlvendiq, in sachlicher, von keiner Parteidoktrin gefärbter Form insbesondere die Arbeiterschaft darüber aufzuklären, welckfes Höchstmaß von Entlohnung jeder in seinem Beschäftigungskrerse verlangen kann. Hierüber herrschen, wie der Augenschein beweist, die allergrößten Mißverständnme.
Will man zu einer wirklich dauerhaften und verständigen Lohnhöhe kommen, so wird man dahin streben müssen, die Arbeiterschaft über diese Grundlage zu be- lobren, man wird bei ihr zweifellos aus ein Lcrsiändnis stoßen. Ohne eine dem Wette des Produktes angepaßte Lohnhöhe, die besonders in der Lage ist, dem allgemeinen Preisniveau zu folgen und für eine gewisse Dauer festgelegt ist. kann die Produktion nicht ordnungsmäßig fortschreitend denn ein sehr großer Teil aller Aertigfabrikate, besonders derjenigen, die noch nicht nach einem Typus, sondern ans Bestellung nach Mustern verkauft werden, verlangt für seine Herstellung einen geringeren oder größeren Zeitraum, der unter Umständen bei großen Maschinen und überseeischen Lieferungen fünf bis sechs Monate und mehr erreicht. Der Käufer zahlt nur einen f e st e n Preis, der Verkäufer muß seine Berechnung aus einen festen Arbeits- anteil an seinen Kosten einstellen. Sind die Arbeits- Verhältnisse ungeregelt, so muß er in Form einer hohen Risikoprämie diesen Zustand berücksichtigen und er kommt deshalb in Nachteil gegenüber Ländern mit geregelten Arbeits- und Lohnverhältnissen. Er kann damr^ einen Auftrag nicht übernehmen und es entgeht ihm" der Gewinn, der vielleicht 10 Prozent des Preises aus- macht, der Arbeiterschaft aber der Lohn, der vielleicht 50 bis 60 Prozent dieses Preises bedeutet. Gerade mit Rücksicht auf die Notwendigkeit der Wiederaufnahme unseres Ausländsgeschäftes sind jene wilden Lohnforderungen, Streiks und dergl. unerträglich und sichren direkt zum Verlust des Marktes, zur verstärkten Arbeitslosigkeit in Deutschland und zum Bankrott nach innen und außen. Andererseits kann eine iolckre feste Bildung der Lohnhöhe nicht erlangt werden, wenn sie nicht der Notwendigkeit und der Gerechtigkeit für den Arbeiter entspricht, d. h. wenn ihm nicht die Überzeugung beigebracht wird, daß er alles dasjenige, nias er gerechterweise verlangen kann, auf Grund eines Rechtes auch erhofft, daß nickt er der Leidtragende bei einem Sinken der Konjunktur ist. während bei einer Steigerung der Nutzen dem Unternehmer allein zukommt. . . . Grundprinzip ist und bleibt, daß der Lohn eine angemessene Lebenshaltung des Arbeiters bei mäßiger Arbeitszeit gestattet, wie hoch diese Quote sein Muß. hängt von den herrschenden Preisen für Nahrungsmittel, Kleidung. Wohnung und dergleichen ab und ist örtlich verschieden ... Es wird deshalb daran zu denken sein, den t a r i f m ä ß i q e n Lohn grundsätz- lief) in zwei Teile zn zerlegen. Erstens den Teil. Melcher den Lebensbcdarf des Arbeiters gewährleistet und der je nach der Örtlichkeit, in der der Arbeiter lebt, durch eine Lohnbehörde oon Zeit zn Zeit auf Grund der Preise für die Leben-snottnendigkeiten örtlich festgesetzt wird. Als Maßstab können verschiedene Umstände dienen, die Marktpreise. Inderziffern und dergl. Dieser Lohn würde fiir alle Handarbeiter in der betreffenden Lokalität maßgeblich seiry er bekommt als zweiten Teil einen Zuschlag, der von den Umständen der betreffenden Industrie abhängt, er wird gemessen an dem, was nach dem in der betreffenden Industrie als möglich empfundenen Stücklobnsatz ein Arbeiter mittlerer Geschicklichkeit erwerben kann, (sieht die Geschicklichkeit des Arbeiters darüber hinaus, so steht ihm natürlich der Rehrstücklohn zu. Damit nun die Gewähr gegeben sei, daß der Arbeiter auf diese Weise auch alles bekommt, was ihm zusteht, muß als Korrektiv eine G e w i n n b e - teil raung. everrtl. eine Herabsetzung des künftigeo
StücklohnsatzeS nach dem tatsächlichen Erfolg des Unternehmens stattfinden. Zu diesem Zweck mutz rn allen Unternehmungen, auch in den privaten, das tatsächlich arbeitende Kapital neu fejtgestellt werden. Dre Veranlassung dazu gibt die Vermögensabgabe. Der erzielte Reingewinn (Reingewinn ist erst vorhanden, wenn nach bewährten soliden Grundsätzen die notwendigen Erneuerungen und Rücklagen gestellt sind) eines jeden Jahres ist zu verleiten, erstens als Kapftallerye von 5 Prozent auf das so festgelegte angelegte Kaprtal, einen mäßigen Prozentsatz dietzu Kapitalleihe als Rrsrko- prämie des Unternehmers, der Rest zu gleichen Testen an Arbeitnehmer, Staat, und Unternehmer. Ber der Llguidation wird der Überschuß über das fortgeschrre- bone Anlagekapital in gleicher Weise verteilt. Daß das betvessende Kapital nicht zu hoch festgesetzt wird, dafür wird die drohende Vermögensabgabe sorgen, und daß es nicht zu niedrig angenommen wird, dafür sorgt die Bestimmung über die aus dies Kapital zu zahlenden Zinsen und Rrsikoprämien. Rücklagen, die der Unternehmer aus seinen Gewinnanteilen macht, oder Kapr- talserhöhunqen. die er einzahlt, werden dem Kapital zugeschlagen. Fehler also, tvclche bei der Tariffest- s'tzung stattfinden, werden spätestens innerhalb eines Jahres korrigiert und fließen denjenigen zu, die aeschä- digt worden sind. Man darf sich keinen übertriebenen Meinungen hingeben über die Gewinnbeteiligung, die der Arbeiterschaft auf diese Weise zukommen kann, denn der Unterschied liegt darin, daß ja heute schon der Unter- nehmergcwinn nur ein sehr mäßiger Prozentsatz des von ihm gezahlten Arbeitslohnes ist. Durch die erwähnte Methode werden auch die bestehenden Unternehmungen kaum geschädigt. Wird ein solcher Plan durchgeführt und durch eine unparteiische Lohnbehörde nach Art der Arbeitsgemeinschaft der Lohn festgesetzt, so kann über Ungerechtigkeit nicht mehr geklagt werden, und es laufen die Interessen in gleicher Richtung. Es können dann nicht so unsinnige Forderungen, wie wir sie in der Industrie gehabt haben und wie wir sie besonders zurzeit bei den Bankbeamten sehen, nicht mehr eintreten, und es kann die Gesamtwirtschaft des Volkes nicht stäicker belastet werden, als sie zu tragen tatsächlich in der Lage ist. Diese Regelung aber fordert eme demokratisch-konstitutionelle Verfassung, einen sehr genauen Einblick in die wirtschaftlichen Ezistenzbedrngungen des betreffenden Unternehmens, ein Verständnis für die Grsamtwirtschaftslage des Volkes und setzt deshalb einen höheren Bildungsstand und eine weitere Belehrung des Arbeitnehmers voraus, als zurzeit vorhanden ist. Deshalb komme ich auf den Grundsatz nochmals zurück, daß eine Erziehung der Arbeiterschaft zu den neuen Funktionen, zu denen sie berufen ist, der Vorläufer für alle echte und wahre Reform ist. D. P. K.
Der Friede.
Die Besetzung der Rheinlands.
mz. Amsterdam, 6.. Aug. Dem „Algemeen Handcls- blad" zufolge hat die englische Regierung im Unterhaus den Text der bereits gemeldeten, von Wilson, Clemenceau und Lloyd George am 16. Juni Unterzeichneten Erklärung über die Besetzung des Rheingebietes eingebracht.
Aus dem Friedensausschutz der franz. Kammer.
Der Bericht BarthouS.
mz. Paris, 6. Aug. (HavaS.) Der Bericht BarthouS über den Friedensvertrag, d:n die Frirdenskommiffion gestern anhörte, spricht den Unterhändlern, dir von dem Wunsche beseelt waren, mit den Methoden, nach denen die früheren Verträge geschlossen wurden, zu brechen und unter der Ägide der internationalen Demokratie den durch den Tieg befreiten Nationen ein neues Zeitalter zu schaffen, große Anerkennung aus. Er bedauert jedoch, daß die abscl lies enden Parteien nicht von Anfang an die völlige Vernichtung des Werkes Bismarcks in AuSsÄt genommen hätten, indem sie, statt ein zentralisiertes Deutschland bestehen zu lassen, dasselbe in seine Einzel st aalen auflöste. An HanS verschiedener Dokument- zeigt dann der Bericht, daß im Juli INI alle Parteien zur Vermittlung bereit waren, Frankreich sogar bis zur Grenze dessen, was die Klugheit erforderte. Der deutsche Kaiser aber sei zum Kriege ent- schlcssen gewesen. Der Bericht verlangt dringend Sanktionen und bemerkt, daß der internationalen Moral nicht Genüge getan würde, wenn die Schuldigen nicht getroffen würden. Bsrtbou kommt dann zu der Frage des Völkerbundes und beansprucht fiir Frankreich die Ehre, schon seit alten Zellen für das Völkerrecht eingetreten zu sein und findet fiir t-en glorreichen Präsidenten der Bereinigten Stac-ien Werte hobec Anerkennung. Barthoü weist darauf bin, daß der Bölkerbundsvertrag die stchere Garantie fiir den Weltfrieden bedeute. Dabei bedauert er, daß Frankreich im Tch.iße des Völkerbundes nicht die bedeutende Rolle und der ihm gebührende Einfluß eingeräumt worden seien, auf die es durch seine Opfer Anspruch erheben mühe. Barthou beweist mit Hilfe einer Interpretation des Textes und unter Hinweis auf die von der Kommission gemachten Zusätze, daß Sanktuu-cu cm die Aktion des VolkrbuzideS geknüpft werheu
könnten. Wenn in ferner Zukunft Ser Eintritt Deutschlands in den Völkerbund angenommen werde, so könne das nicht geschehen, bevor eS alle seine Verpflichtungen erfüllt labe. Der Bericht fahrt dann mit der Prüfung der wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen fort, darunter derjenigen, welche dir Wiedergutmachung betreffen, und prüft dann schließlich die militärischen Klauseln, betreffend SaS linke Rbeinufer. Ferner erklär: Barthou, daß die französische Regierung bis zum 17. März UH3, an welchem Tage eine Verständigung mit den Alliierten zustande kam, auf vcr- tchietene Schutzsysteme gedrungen habe, und kam dann aus dr« br-dcn freiwillig Amer-kcr und England angebotenen Garan- ticverträge zn sprechen. In den allgemeinen Schlußfolgerungen erklärt Barthou mit Rückftcht auf dir von Frankreich gebrockten Opfer und die enge Ünion mit seinen. Alliierten, daß Frankreich in Treue an der Grenze der Freibeit für da« Recht Schildwache stehen müsse. ES sei unmöglich, daß das r'. lmrrrchc Frankreich chn« die Hilfe ble-be, die eS selbst den Alliierlen und assoziierten Völkern so muchwell geleistet habe. Der Bericht wurde mit allen gegen 82 Stimmen angenommen-
Die ersten deutschen Köhlenscndungrn für Frankreich
me. Amsterdam, 0. Aug. Der „Telegriaf" meldet mack. Paris. Am 6. August kam die erste Ladung Steinkohle arch dem Rrhrrevier in Frankreich au.
Die Regulierungen auf dem Balkan.
mz. Bern, 5. Aug. Dem „T«nps" zufolge soll eure Einigung in der thrazischrn Frage zwischen den griechischen, italienischen und amerikanischen Delegierten unmittelbar bcvcrstehen. Die amerikanische Delegation schein« nicht darauf zu bestehen, daß die ägäische Küste bei Bulgarien verbleibe. Der «Matin" berichtet über große Verstimmung frei der griechischen und der serbischen Delegation, die der Ansicht seien, daß man mit Bulgarien zu scharend umgehe. Für die griechische Delegation sei diq thraziscbe Frage ausschlaggebend. Ihre Befürchtung, daß kür diese Gegend ein internationales Regime eingesetzt würde, fti Gegenstand größter Verstimmung. Die serbische Delegation protestiere hai-ptlächlicb gegen die wirtschaftlichen Klauseln des trügerischen Friedensvertrags. Serbien behaupte, das; die weggesübrten Viehbestände doer Millionen Köpfe betragen hätten, während als WrederMtmachung n ie 28 000 Stück cin- gerävmt würden. In einem Leitartikel spricht der „Temps" die Befürrbtimg aus, daß die Durchführung des Friedens- Vertrages mit Bulgarien Frankreich übertragen werde oder zum mindesten ein französischer General den Oberbefehl über die Truppen erhalten werde, dem die Durchführung des Vertrags obliegen würde. — In Kleinasien und den Türkei würden dann die alliierten StreitkcäftS ferner unter dem Befehl eines englischen Führers stehen,. Frankreich dürfe sich rm Orient, wo es Vectragsrechte besitzen nicht ausweisen lassen.
Weitere Tätigkeit des englischen Prisengerichts.
mz. Berlin, 6. Aug. Aus Hamburg wird berichtet: Trotz des Waffenstillstandes ~ und des Friedensschlusses hat das englische Prisengericht feine Tätigkeit noch nMt eingestellt. Ter Friedensvertrag enthält allerdings keine ft« stimmung darüber, wann diese Tätigkeit oufh«icen solle, während z. B. der Frankfurter Friede die Prisentätigkeit sofort beenden lieh.
Die Räumung Norvrusckands.
mz. London, 5. Aug. (Reuter.) Der General Rawlinson schiffte sich nach Rußland ein, um die Räumung des Gebietes durch die Engländer zu überwachen.
Eine Bekundung des guten Willens aus England. >
Der 13. englische nationale Friedenskongreß, der kür^ lich in Mancheswr abgchalten worden ist. hat an das Sekretariat der Deutschen Friedensgesellschaft vtt Stuttgart die Ab^ sckrist einer dort gefaßten Resolution gelangen lassen. Die Resolution laute!; „Der Kongreß sendet freundliche Är«ütze allen Frledens- srennden m Ihrem Lande und erwartet cnges Zusamnienarderten mit Ihnen im Aufbau des Weltfriedens und der Gercchtigkeit in der neuen Ära." ___
Erzbergers Enthüllungen im englischen Unterhause.
rwr. London, 6. Aug. (Reuter. ^Ilnt-chars.) In Beantwortung einer Anfrage über die Erklärung Erzbergers in Weimar betr. des Friedensangebotes, daZ die Alliierten. Deutschland im August 1917 gcnracht haben sollen, sagt« dbaruisworth, die Erklärungen ErzbrrgerS in Weimar seien keine genauen Darstellungen der Tatsachen, Harmsworth schilderte die Vorgänge rm einzelnen und sagte, es sei klar, daß die britische Regierung zu jener Zeit ker» Angebot gemacht Hab«.
Der danisch-deutlche Handel.
Kopenhagen, 5. Aug. Die großen Erwartung-n, dis von dänisckrrn Handelskreisen an die Aushebung d-r Blockade geknüpft wurden, sind bisher nicht in Erfüllung gegangen. Von dänisckwr Seite waren alle Vorbrrsitungen getroffen, um das notlwdende Deutschland sofort mit ungeheuren Waren« merrgen aller Art zu überschweni men, wobei man an- nahm, daß auf dem deutschen Markte, wenn der Handel wieder freigegeben sei, die Nachfrage sehr groß und die Kritiis gering sein werde. Hierin hat mim aber gewaltige Enttäuschungen erlebt, und man hat erfahren muffen, d-rtz der Krieg die deutsche Fähigkeit zur Kritik n:cbt abgest impft hat und die Deutschen bei weitem nicht alle Waren kritiklos und zu jedem Preise anzunehmen bereit sind. Für erng lange Reilre von Waren ist von den dänisckren Bebörden dies Ausfihrmlaubnis erteilt worden, bisher aber ist es unmöglich gewesen, sie in Deutschland abzusetzen. Im großen unch
