ZXad] Geschehenem erzählt von M. von Konarski
» er vergleich „so sanft wie eine Taube" hat sich bei uns dermaßen eingebürgert, daß er zum Sprichwort wurde und allgemein die Ansicht verbreiten half, daß dieses Tier die Sanftniut selbst sei. In Wirklichkeit leben aber die Tauben geradeso neben- und miteinander wie andere Tiere, ja, man muß sogar sagen, wie auch viele Menschen: sie haben ihre Streitigkeiten, sie kämpfen gegeneinander — und das alles meist nur eines guten Bissens wegen, den eines dem andern wegschnappön möchte.
Zwei Paare jedoch von unseren Tauben, die mein Bruder und ich aufzogen, ein rotes Perücken-und ein silbergraues Möwenpärchen, machten eine rühmliche Ausnahme, vielleicht waren sie gegen andere ihres Geschlechtes nicht weniger rechthaberisch als diese selbst gegen ihresgleichen, aber unter sich hielten die vier gute Kameradschaft. Im Taubenschlage hatten sie ihre Plätze dicht nebeneinander, im Pose gingen sie gemeinsam spazieren, und an den Futterplätzen sorgte ein jedes für das andere — sobald es selbst satt war. Als gute Nachbarn „kappelten" sie sich wohl einmal ein wenig, bekamen Meinungsverschie- denheiten, doch ihre Streitigkeiten schlugen nie in Bosheiten um, und sie kamen im ganzen prächtig miteinander aus Doch ihr schönes, friedliches Zusammenleben sollte ein Ende nehmen. Das Möwenweibchen wurde krank Traurig saß es auf dem Flecke, rührte und regte sich ^uum, fraß nichts mehr von den Bissen, die die andern und besonders sein treubesorgtes Männchen brachten, und starb nach einigen Tagen. Der einsame Witwer gab sicb einem tiefen Grame hin. Alle Lebenslust schien ihm abhanden gekommen, das Futter schmeckte nicht recht, und zu den schönen, großen Ausflügen, die er sonst mit den andern Pärchen unternommen hatte, wollte er sich auch nicht mehr verstehen. Die perückentauben trauerten ehrlich mit ihm, gingen ihm kaum von der Seite und suchten ihn auf alle Art zu zerstreuen und aufzumuntern. Dies gelang ihnen denn auch nach und nach, und nun lebten ,re zu dritt in schönster Eintracht und Freundschaft weiter.
Eines Tages machte sich das Perückenweibchen ans Eierlegen. Es war nun in das Alter gekommen, da man sich nach Familie sehnt und junges Leben um sich herum haben will; deshalb hielt es sich eifrig an das Legege- schaft. Als sechs Eier beisammen waren, schien ihm die Zahl genügend; denn eine Nachkommenschaft von sechs Köpfen will immerhin schon durchgefüttert sein. So be- gann das Brüten.
Bei den Tauben erfordert das Brutgeschäft weniger Geduld als bei den meisten andern Vögeln, weil das Tauben- männchen das Weibchen ablöst und die Eier mit bebrüten hilft. Unsere kleine Perückenfrau hatte es besonders gut. !
Nicht nur, daß der Ehemann getreulich half, auch der Freund, der Möwentäuberich, wollte seinen Anteil an der Mühe haben und setzte sich öfters auf die Eier, so daß das eigentliche Elternpaar immer noch ganz vergnügt ausschwirren und sich draußen in der schönen Gotteswelt tummeln konnte. Und als sechs rote Perückenköpfe aus dem Neste ragten und sechs hungrige Schnäbel von morgens bis abends schrien und sperrten, da war es wieder der Möwenwitwer, der sich eifria bemühte, Futter herbeizuschleppen und die Racker satt zu machen. Er versah in einer Person die Stelle einer guten Kinderwärterin, eines lieben Onkels und eines getreuen Ernährers, und die Kleinen hingen mehr an ihm als an den eigenen Eltern.
"^ e ttmc fyf en schnell, und es waren noch keine vier Wochen um, als das Perückenweibchen schoir wieder den Drang in sich fühlte, eine Brut aufzuziehen. Jedenfalls war ihm die Kindererziehung das erste Mal allzusehr erleichtert worden, und so schickte es sich wieder an, Eier zu legen. Bald aber machte sich Platzmangel bemerkbar, der von den perückcneltern immer unangenehmer empfunden wurde. Sie hatten nur noch Sinn für die kommende Brut, während die erste ihnen ganz gleichgültig geworden schien; und nach der bei den Tauben üblichen Sitte, dre Jungen sich selbst helfen zu lassen, sobald sie dazu imstande sind, stießen die Eltern eines Tages ihre sechs Erstlinge aus dem Neste und widmeten sich dann mit verdoppeltem Eifer dem neuen Brutgeschäft.
Diesmal aber half ihnen kein Freund. Im Gegenteil, die Eintracht, die zwischen dem Möwentäuberich und dem brütenden paare bestanden hatte, war in Stücke gegangen, und alle Liebe, deren der einsame Witwer fähig war, wandte er den verlassenen Pflegekindern zu. Wohl hätten sie sich helfen können, wenn die bittere Notwendigkeit sie dazu gezwungen hätte, aber durch die Fürsorge ihrer drei Erzieher waren sie verwöhnt worden; die so plötzliche und unvermittelte Ausweisung seitens ihrer Eltern traf sie deshalb hart.
was tat da der gute Onkel? Er nahm die ganze Gesellschaft zu sich, fütterte und versorgte sie weiter und unterzog sich geduldig jeder Mühe, bis sie flügge und groß genug geworden waren, um sich nun leicht allein durch die Welt zu helfen. Als er aber das große Er- ziehungswerk beendet hatte und es wieder still um ihn herum geworden war, da ging er noch einmal auf die Freierei. Er nahm ein Möwentäubchen zum Weibe, das vor kurzem auf den £jof gekommen war, und es dauerte nicht lange, da sahen sich beide von einer Schar zunger Möwentauben umgeben, die nun ebensoviel Zeit und Liebe beanspruchten wie vordem die jungen Perückentanben.
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