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300 Donnerstag, den 31. Dezember 1885.

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-Ti- Auf geheimnisvollen Wegen.

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Giralda schrieb einen rekommandirtcn Brief an ihre Mutter, in dem sie ihr inittheilte, daß Alfred unter ihrer eigenen Obhut sich befände und daß sie in Vernon bleiben würde, bis ihre Mutter ihr geantwortet und sie ihre Wünsche kennen gelernt hätte. Tiefer Brief ward an die ihr von Ga­briele aufgegebene Adresse abgeschickt.

Dann schrieb sie ncch einen zweiten Brief, welcher an den jungen Herzog von Beaufort adressirt war. Es war kein Liebesbrief im eigentlichen Sinne des Wortes. In möglichst zarter Weise theilte sie Gilbert den Grund mit, weshalb sie aus dem Schlöffe geflohen sei, nannte ihm ihren jetzigen Aufenthalt und schloß mit der Bitte an ihn, über ihren theuren Vater zu wachen.

Nachdem beide Briese beendet waren, versiegelte sie dieselben und brachte sie selbst zur Post. Glücklich und voller Hoffnung auf die Zukunft kehrte sie in ihre neue Wohnung zurück, „lieber« morgen werde ich von der Mutter Antwort haben, Madame Roger," sagte sie. „Zu derselben Zeit kann auch der Herzog von Beaufort hier ein­treffen. Er hat sicher heute Morgen, als er sich im Schlöffe nach mir erkundigen wollte, von mei ner Flucht gehört und wird unter selchen Um­ständen nicht nach Paris zurückgekehrt sein. Nur noch zwei Tage und ich kann außer aller Sorge sein. Bis dahin werde ich sicher bei Madame Goutier gut aufgehoben sein." Der Eintritt ter Hauswirthin unterbrach das Gespräch. Sie kam, den Tisch zu decken.

Bald ächzte derselbe unter der Last der Speisen, die Madame Goutier, im Hochgefühl der Ehre, die ihr zu Theil wurde, — indem sie zwei Mit­glieder der Familie de Vigny beherbergte, wie ihr von Madame Roger mitgetheilt worden war — auf's Sorgfältigste beschafft hatte. Nachdem die delikate Mahlzeit, die Madame Goutier auf­getragen, eingenommen war, brachte Giralda ihren Bruder zu Bett und ging dann in Begleitung von Madame Roger nach dem Arzte, um Nach­richten über Ricard zu hören.

Sie fanden den Arzt, der erst vor Kurzem zu-

Zweites Blatt.

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Mit der Freude zieht der Schmerz Traulich durch die Zeiten;

Schwere Stürme, milde Weste, Bange Sorgen, frohe Feste Wandeln sich zu Seiten.

Und wo eine Thräne fällt, Blüht auch eine Rose;

Schön gemischt, noch eh' wir's bitten. Ist für Throne und für Hütten Schmerz und Lust im Loose.

War's nicht so im alten Jahr? Wird's im neuen enden?

Sonnen wallen auf und nieder, Wolken geh'n und kommen wieder, Und kein Wunsch wird's wenden!

Gebe dann, der über uns Wägt mit rechter Wage, Jedem Sinn für seine Freuden, Jedem Muth für seine Leiden In die neuen Tage!

Jedem auf den Lebenspfad Glauben fest zur Seite, Lieb' in frischer Blüthe, Und zu stiller Herzengüte Hoffnung in's Geleite!

. rückgekehrt war, zu Hause. Er erhob sich bei i ihrem Eintritt und offerirte Giralda einen Seffel. j „Herr Doktor, der Verunglückte ist doch nicht tobt?" rief das junge Mädchen, zitternd vor hef-

1 tiger Erregung, aus.

„Nein," erwiderte der Arzt ernst. „Er lebt aber er hat schwer gelitten, Mademoiselle! Wenige hätten das überstanden, was er durchgemacht hat. Er liegt jetzt im wildesten Fieber."

„Kann dem Fieber nicht Einhalt gethan wer­den fragte Giralda athemlos.

„Nein. Das Fieber muß seinen Verlauf neh­men. Ich werde ihn täglich besuchen und all' meine Kunst anwenden, um ihn zu retten."

Das junge Mädchen schwieg einen Augenblick, dann fragte sie, den Arzt scharf anblickend: „Herr Doktor, halten Sie den Zustand des Verletzten für lebensgefährlich?"

Der Arzt studirte ihr blaffes Gesicht, ehe er antwortete: „Neben dem Fieber hat er auch einen Beinbruch erlitten. Es ist ein bedenklicher Fall, Mademoiselle. Und aufrichtig gestanden, er schwebt zwischen Leben und Tod."

Ein schwerer Seufzer entschlüpfte Giralda's Lippen. Sie kämpfte jedoch ihren Kummer ge­waltsam nieder und sah dem Arzte flst in's Ge­sicht. „Wenn er sterben sollte, glauben Sie, daß er vorher noch seine Besinnung wiedererlangen kann?" fragte Süe halblaut.

„Es ist möglich," erwiderte d?r Arzt vorsichtig. Mber -ich wL^ia Ihnen keines vage HsstE-.gcu erwecken, die sich nachher nich^ erfüllen, Made­moiselle. Es kann sein, daß er in einen Stumpf­sinn verfällt, aus dem er nie wieder erwacht und in dem er Niemanden erkennt. Es kann aber auch fein, daß er ganz wieder hergestellt wird. Wir müssen es abwarten. Hier ist die Wissenschaft, ohnmächtig, um voraus bestimmen zu tonnen,“ was geschehen wird. Lasten Sie die Hoffnung nicht sinken."

„Nein, ich will hoffen!" rief das junge Mäd­chen aus. „Jener Mann, Herr Doktor, weiß ein Geheimniß, um besten Enthüllung ich alles hin- geben möchte. Ich werde mich täglich nach dem Verunglückien erkundigen. Entweder komiue ich persönlich ober schicke einen Anberen zu Ihnen. Unb Sie werben ihn täglich besuchen?"

Der Arzt antwortete bejahend unb daß er feine ganze Kunst bem unglücklichen Ricarb widmen werde. Giralda sprach ihm in herzlichsten War­ten ihren Dank aus und kehrte dann mit Ma­dame Roger nach Hause zurück. Frühzeitig suchten sie ihr Lager auf. Giralda lag noch lange wach. Ihre Gedanken weilten bald bei ihrem Vater und Rupert und deren ihr unbe­kannten Zufluchtsort; bald bei ihrer Mutter im Palais Chatrois, wo sie heiter lächelnd unter einer Maske ihren Kummer verbergen mußte. Dann wieder sah sie den Marquis de Vigny, wie er, von Zorn unb Haß gegen sie erfüllt, wie ein Wahnsinniger umhertobte unb schließlich kehrten ihre Gedanken roieber nach bem armen Ricard zurück, besten offenes Bekenntniß alles Dunkel in Glanz und Licht, alle Trauer in Glück unb Frenbe verkehren konnte! „Ach baß er am Leben bliebe, um meinem armen Vater seinen ehrlichen Namen wieberzugeben!" flüsterte sie ein über bas andere Mal. Mit diesem Gebet auf den Lippen schlief sie endlich ein und er­wachte erst, als die Sonne hell in's Zimmer schien.

Sie erhob sich eiligst; Alfred schlummerte noch ruhig. Nachdem sie ihre Toilette -beendet, weckte sie ihren Bruder und half ihm beim Ankleiden. Daraus begab sie sich in's Wohnzimmer, wo Ma­dame Roger bereits ihrer wartete.

„Ich muß mich jetzt auf den Weg machen, Fräulein," sprach die Matrone traurig. „Ich habe einen langen Ritt vor mir. Es kommt mir schwer an, Sie hier allein unter fremden Leuten lassen zu müssen, aber Ihr liebes Gesicht macht Ihnen ja überall Freunde. Madame Goutier sagte mir vorhin, sie würde Alles für Sie thnn!"

Giralda beruhigte die treue Dienerin, so daß Madame Roger nach dem eingenommenen Früh­stück unb einem zärtlichen Abschieb zufrieben sich auf ben Weg machte. Giralba unb Alfred sahen ihr vom Fenster aus nach, wie sie ihr Pferd be­stieg und winkten ihr mit den Händen Abschieds- grüße zu, bis sie an einer Biegung der Straße ihren Blicken entschwand. Die einsame Reiterin war bereits am Ausgang des Ortes angelangt, an einem Punkte, wo weniger Häuser standen unb zwar größtenteils nur zwischen Gärten, als sie in einiger Entfernung einen Reiter schnell bes Weges baher kommen sah. Das Geräusch ber Pferbehufe erregte ihre Aufmerksamkeit. Sie blickte auf unb — in demselben Augenblick ent­fuhr ein Schrei ihren Lippen.

Wäre plötzlich bas grauenerregenbe Antlitz ber Mebusa vor der einsamen Reiterin aufgetaucht, sie hätte nicht entsetzter d'reinblicken können. Alle Farbe wich aus ihren durch die Angst und Auf­regung ohnehin bleichen Gesichtszügen, und ihre Hand, die den Zügel hielt, zitterte heftig. Wie ■ vorn jähen Schreck gelähmt^ hielt sie ihr Pferd au, Sie wußte selber kaum, was sie that. Es war ihr, als griffe eine eiserne Hand nach ihrem Her­zen, mit rauher Gewalt seinem unruhigen Klopfen Stillstand gebietend. — Jetzt war Alles, Alles verloren! — Der Reiter, der schnurgerade auf sie zukam, war Giralda's schlimmster Feind — Graf Eugen von Lamartin!"

XLIII.

Der Herankommende erkannte Madame Roger auf den ersten Blick unb gab feinem Pferde die Sporen, während die Matrone vergeblich ihre Fassung zu behaupten sich bemühte. Er war an ihrer Seite, ehe sie sich besten versah unb bevor es ihr möglich gewesen, sich zu entscheiden, was sie thun sollte. Sein Gesicht glühte vor wilber Freube unb seine Augen leuchteten in unheimlichem Glanze, als er sich vornüber beugte unb bie Aüael ihres Pferbes ergriff.

„Ah, Mabame Roger!" rief er höhnisch. „Das trifft sich ja prächtig! Ich habe doch immer bas Glück, Ihnen zu begegnen, wenn ich gerade eben an Sie denke und mich darnach sehne, ihr liebes, altes Gesicht zu sehen!"

Sie bemühte sich vergebens, eine Erwiderung zu thun. Sie vermochte keinen Laut hervorzu­bringen. „

„Sie sind allein?" fuhr Graf Lamartin spöttstch fort. „Unb auf bem Wege nach dem Schloß de Vigny, nicht wahr? Das ist gut! Mein Onkel ist ganz untröstlich über Ihre Abwesenheit, Madame Roger. Ec glaubte, Sie würden nie wieder zu ihm zurückkehren."

„Lassen Sie meine Zügel los, Herr Graf!" rang es sich jetzt endlich in furchtbarer Aufregung über die Lippen der alten Frau. „Wenn Sie mir nicht sogleich den Weg freigeben, werde ich um Hilfe rufen!"

Graf Eugen zog die Stirne kraus und sah sie drohend an. „Ich werde Ihnen den Weg frei- geben, sobald Sie mir -sagen, wo Sie Fräulein Giralda gelassen haben."

„Lasten Sie mich vorbei!" rief sie statt jeder Antwort. •

(Fortsetzung folgt.)