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1885.

Mittwoch, den 30. Dezember

Fuldaer

Und jetzt," sagte sie, nachdem Alle

wieder im Sattel saßen,

„laßt un» sehen, daß

„Dann laffen Sie Jule» uns begleiten, damit er uns den Weg zeigt. Wir muffen sogleich nach Vernon aufbrechen," sprach Giralda entschlossen. „Ich will den geschicktesten Arzt senden, der auszutreiben ist. Jacques Ricard wird leben — er muß leben, um meinem armen Vater Gerechtigkeit zu verschaffen und um Sie für die vielen einsam vertrauerten Jahre zu entschädigen, Cecile!"

Noch einmal trat sie an das Lager des Kran­ken und heftete einen unruhigen Blick auf feine Züge, dann nahm sie eiligst Abschied von Cecile, bestieg ihre Zulima, nahm Alfred vor sich in den Sattel und ritt, begleitet von Madame Roger und dem Schäferknaben, auf» Neue in die Heide hinein. Nach stundenlangem Ritt erreichte der kleine Zug die Stadt Vernon. Während der Reise selbst, welche, da die Straße rauh und schlecht war, sehr langsam von Statten ging, hatte Giralda viel nachgevacht. Ihr Vorhaben, gleich nach Ankunft in der Stadt an ihre Mutter zu telegraphiren, konnte gefährlich sein. Ein

das Damoklesschwert der Maigesetze, das jeden Augenblick niederfallen und sie in'S Gefängniß und in die Verbannung treiben kann. Die Priester­seminare sind in Preußen noch immer geschlossen; die katholischen OcdenSleute dürfen den heimath- lichen deutschen Boden nicht betreten; das „unbe­fugte" Meflelesen wird mit Strafen bedroht, und es ist den Bischöfen nicht einmal erlaubt, ord- nungSmäßig Seelsorger anzustellen. Preußen steckt so tief im Kulturkämpfe wie je, und das alte Jahr hat denselben, anstatt ihn aus der Welt zu schaffen, nur noch verschärft. Ganz unglaublich klingt es und doch ist es wahr, daß selbst in den deutschen Kolonien die katholische MissionSthätigkeit nicht geduldet werden soll! Die Kaiserin Augusta und der deutsche Kronprinz haben zwar den Missionären das freundlichste Entgegenkommen gezeigt, allein Fürst Bismarck hat im Reichstage die Zulassung derselben in Kamerun und den sonstigen deutschen Kolonien in der schroffsten Weise zurück^ewiesen. Das neue Jahr nimmt eine schwere Kulturkampfs­bürde auf seine Schultern, und es ist nicht die mindeste Aussicht vorhanden, daß es dieselbe auch nur theilweise abschütteln werde.

Aber nicht blos der Kulturkampf, auch noch manches andere Ereigniß kann als Beweisstück für die Behauptung des CentrumssührerS bezüglich der „Kanzlerdiktatur" gelten. Wir erinnern nur an die Schwenninger-Affaire. Wir erinnern ferner an die befremdenden und allseitig verurtheilten Diätenprozesse, die geM 'solche Mlschbuuiche Md sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete angestrengt wurden, welche aus den t arteifonds Unterstützungen für ihre parlamentarische Thätigkeit erhalten haben. Trotzdem in diesen Prozessen der Reihe nach der FiskuS den Kürzeren zog, scheint es doch, als ob sie bis in die äußersten Instanzen verfolgt werden sollten. Noch krasser aber treten uns die Massen- ausweisungen der Polen aus Preußen entgegen, infolge deren mehr als 30,000 Menschen, denen in keiner Weise politische Jntriguen nachzuweisen sind, brotlos gemacht wurden. Diese Ausweisungen, die nach menschlichem Füblen und Denken beurtheilt als äußerst inhuman erscheinen sind einer der häß­lichsten Flecken, Die dem Jahre 1885 ankleben und al» im Reichstag die Pohlendebatte zur Sprache gebracht werden sollte, da schnitt ihr der Kanzler mit dem feierlichen Akte einer kaiserlichen Botschaft das Wort ab. Ein Ereigniß drängte das andere,

Telegramm an die Comtesse Gabriele mußte un­bedingt auf'» Neue den Argwohn des Grafen von Chatrois rege machen. Ralhsamer war es jeden­falls, an ihre Mutter unter einer ihr von der­selben Trüber bereits gegebenen Adresse zu schreiben. Der Brief würde nur um einige Stunden später ankommen und sie war sicher, daß dieser kurze Aufenthalt keine weiteren Folgen haben würde. Der kleine Zug bewegte sich durch mehrere Straßen der Stadt, als plötzlich Giralda ihr Pferd an­hielt und auch ihren Begleitern anzuhalten zurief. Sie hatte an den Thürposten eines erst kürzlich erbauten Hauses ein vergoldetes Schild entdeckt, auf dem zu lesen war: Alfons Boncourt, Arzt und Wundarzt.

„Hier wohnt ein Arzt. Laßt uns ihn von dem Unfall in der Solitude unterrichten, bevor wir nach einer Wohnung suchen," sprach Giralda. „Ich kann nicht eher ruhig fein, als bis ich weiß, daß Jacques Ricard Hilfe bekommen hat." Die kleine Gesellschaft stieg ab und ging in’S Haus. Doktor Boncourt war zugegen, mit wenigen Worten machte Giralda ihn bamit bekannt, was sich in ber Nähe der Solitude inmitten bet ein­samen Heide ereignet hatte. „Ich wünsche, Herr Doktor, baß sie unverzüglich hinausreiten unb

wir ein passendes Unterkommen finden. Jule«," wandte sie sich an ben Hirtenknaben, „Cecile sagte Dir eine Abresse, wohin wir gehen sollten. Kannst Du uns birtft dahinführen?"

Auf geheiurnitzvollen Wegen.

Roman von es

so daß das deutsche Volk gleichsam aus der Auf­regung nicht herauskam. Der gekünstelten Ent« rüstungSmache wegen der 20,000 Mk. schloß sich die gerechte Entrüstung wegen des Falles Schwen« ninger, der Diätenpro»effe und der Polenausweisun­gen unmittelbar an, — das größte Aussehen aber erregte der Antrag Preußens auf Ausschließung des Herzogs von Cumberland von der Braun- schweig'schen Thronfolge, und es unterlag von vornherein keinem Zweifel, daß die Aechtung des erbberechtigten Welfenherzogs, trotz feiner Erklä- rung, daß er die Regierung des Herzogthums Braunschweig übernehmen werde, dem preußischen Anträge auf dem Fuße folgen müsse. Und so geschah es auch: der Bundesrath traf die von ihm verlangte Entscheidung, das nationale Paradepferd hüpfte über das Legitimitätsprinzip kühn hinweg, und Prinz Albrecht von Preußen zog am 10 Okt. als Regent in Braunschweig ein. Eine der älte­ren Dynastien und einer der ältesten Fürstenthrone ist damit von der Landkarte und der Bildfläche verschwunden. Wer sich in unserer von revo- lutionären Zuckungen durchwühlten Zeit für die Hochhaltung des Legitimitätsprinzips aussprach, der war ein Weifenagent, ein Reichsfeind, und wurde zu jenen antinational-Vaterlandsverräthern geworfen, welche nach der Erklärung des Herrn Pindter darauf ausgehen, bas deutsche Reich zu untergraben und ben Fürsten Bismarck zu Tob zu ärgern.

SS ist tiuiv$ natürlich, daß der Kanzler darauf bedacht war, sich für diese und ähnliche Maßnahmen — wozu ganz kolossale Mehrforderungen im Reichs­tag und Landtag, sowie starke Monopolgelüste kamen, — das parlamentarische Placet durch Zu­sammenschweißung einer gefügigen Mittelpartei zu verschaffen. Allein diese Mittelpartei, deren Auf­gabe es wäre, blindlings zu allen RegierungSfor- derungen Ja und Amen zu sagen, und in gehor­samster Unterwürfigkeit ihren Intellekt, ihre lieber« zeugung und die Rechte des Volkes auf den reid)S« kanzlerifchen Opferaltar zu legen, konnte trotz aller Bemühungen der Offiziösen nicht auf die Beine gebracht werden. Die Nationalliberalen sind natür« sich zu jedem Opfer bereit; ein freundliches Lächeln Bismarck's versetzt sie in den siebenten Himmel, aber ihre Zahl im Parlamente steht im umge­kehrten Verhältniß zu ihrer Opferbereitwilligkeit; mit dem guten Willen und dem Bedientengehorsam

nach dem Manne sehen," schloß sie ihre Erzählung zu dem gutmütig aussehenden alten Arzte. „Es liegt mir sehr viel daran, daß ber Mann seinen Verstaub wiedererlangt und daß er wieder herge­stellt wird. Sparen Sie weder Mühe noch Kosten seinethalben. Ich werde jeden Tag bei Ihnen vorsprechen, um mich nach feinem Befinden zu erkundigen. Seien Sie so gut und machen Sie sich sogleich auf ben Weg nach ber Solitude. Er­lauben Sie mir," fuhr sie fort, Ihre Börse ziehend, Ihnen ein Abschlagshonorar im Voraus zahlen zu dürfen."

Sie überreichte ihm eine Banknote, welche der Arzt entgegennahm, worauf er erroiberte, daß er so v.el in feinen Kräften stehe, thun werde, um d-m Verunglückten feine Hilfe angedeihen zu lassen. „Ich werde Ihnen bereits heute Abend Definitives über meinen Patienten mittheilen können, Mademoiselle," sprach er verbindlichst.

Giralda stand auf, verbeugte sich und verließ

das Haus. „'

❖ Jahresrundschau,

ii.

Daß diese Hetzereien aber das Gegentheil von dem zuwege brachten, was sie bezweckten, das be­wies die im August stattgehabte, großartige General­versammlung der deutschen Katholiken in Münster, sowie die unbeschreibliche Begeisterung, mit welcher am 15. Dez. die Erzdiözese Köln ihren neuen Erzbischof empfing. Das katholische Volk will von einer Versumpfung des Kulturkampfes nichts wissen; es steht treu und fest zum Papste und den von ihm gesandten rechtmäßigen Bischöfen; es weiß, daß ber hl. Vater in Prinzipienfragen nicht nach­geben unb bie unveräußerlichen Rechte der Kirche, bie Freiheit ber Erziehung des Klerus und die Jurisdiktion der Bischöfe nicht preisgeben kann unb darf. Es nimmt den unseligen Kampf eher mit allen Mrtteln wieder auf, als daß es duldet, daß bie Kirche zur Magd des Staates erniedrigt wird. Das katholische Volk in Preußen steht aber auch fest und treu zu dem die Interessen Der Kirche vertretenden Centrum und es läßt sich weder durch Drohungen noch durch Lockungen verleiten, der be­währten Hundertgarde die Gefolgschaft zu kündigen. Das haben die am 29. Okt. stattgehabten Wahlen zum preußischen Landtag auf’s Glänzendste bewiesen; an der katholischen Prinzipientreue ist nicht zu rütteln, und der unüberwindliche Thurm kommt nicht in’s Wanken, soviel auch die Gegner über ben „Verfall" des Centrums zu fabeln wußten, zumal als im April Frhr. v. Schorlemer aus Gesundheitsrücksichten sein Reichstagsmandat nieder­legen mußte. Wenn in Baden bei den Wahlen die CentrumSpartei theilweise unterlag, so ist dies auf die dortigen abnormen Zustände und die ver­schwommene kirchenpolitische Sage zurückzuführen. — Die Diözese Limburg erhielt an Stelle des am 30. Dez. v. I. verstorbenen Bischofs Dr. Peter Josef Blum am 16. Mai einen neuen Bischof in der Person des Sladtpfarrers und Domkapitulars Herrn Dr. Christian Roos; an Stelle des nach Rom berufenen Herrn Kardinals Melchers trat am 15. Dez. der frühere Bischof von Ermeland, Dr. Philippus Krementz, und am selben Tage wurde für die Diözese Ermeland ein neuer Bischos in ber Person des G neralvikarS Dr. Andreas Thiel gewählt; aber alle diese Kirchen fürsten sind Bischöfe in Fesseln, über ihnen hängt

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