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JM 297.

Montag, den 28. Dezember

1885.

Fuldm

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Jahresrundschau.*)

Das Jahr 1885 geht zur Neige. Hat es die Hoffnungen, die man auf dasselbe gesetzt, erfüllt? Sind die Bilder, welche sich uns darbieten, wenn wir auf das verfloffene Jahr einen Rückblick werfen, erfreulicher Natur? Keineswegs, denn das Jahr hat viel Elend und Noth, viele Wirren und Drang­sale, schwere Kriegsbefürchtungen und blutige Schlachten auf dem Konto. Im Sudan, in Tong- fing, auf der Balkanhalbinsel und in Amerika ist viel Menschenblut geflosien, von allen diesen Kämpfen muß man sagen, daß sie vergebens und zwecklos waren; daß sie weder der Kulturentwickelung noch der Klärung der verworrenen Lage gedient haben. Der Friede Europas war unausgesetzt schwer be­droht; wir erinnern an die Spannung zwischen Deutschland und England in Folge unserer Kolonial­politik; an die Kriegsbefürchtungen, welche das Vorgehen Rußlands gegen Afghanistan hervorrief, und an das Säbelgeraffel in London und Peters­burg; auch die orientalische Frage, welche sowohl durch die egyptischen Wirren, wie namentlich durch die Kämpfe auf der Balkanhalbinsel aufgewühlt wurde, ließ Europa nicht zur Ruhe kommen, und man traute dem Frieden um so weniger, als die Jnteresienwirthschaft der europäischen Politik und die Uneinigkeit des europäischen Konzertes offen zu Tage trat. Es ist deshalb kein Wunder, daß die Völker die Friedensversicherungen der Offiziösen nur kopfschüttelnd aufnahmen, und daß sie in der Zusammenkunft der Kaiser von Deutschland und Oesterreich in Gastein und der Kaiser von Ruß­land und Oesterreich in Kremsier (im August) kaum etwas mehr erblickten als Höflichkeitsakte, welche gegen die Entfesselung eines Weltbrandes kaum einen Damm bilden dürften.

Aber nicht blos gewitterschwangere KriegSwolken hingen fortwährend über Europa, auch die soziale Frage und das zersetzende Treiben der Anarchisten ließ uns mit Bangen in die Zukunft sehen. Erst vierzehn Tage war das neue Jahr alt geworden, als der Polizeirath Rumpff in Frankfurt unter den Dolchstichen des anarchistischen Mordbuben Lieske verblutete. Acht Tage später erfolgten in London die Dynamitanschläge gegen den Tower und das Parlamentsgebäude, und daß die am 7. Februar erfolgte Enthauptung der Niederwald-

*) Nachdruck verboten.

Attentäter Reinsdorff und Küchler die anarchistische Bewegung niedergeschlagen habe, wird Niemand behaupten wollen. Daß dieselbe einen internationalen Charakter hat, beweisen die Nihilisten in Rußland, die wieder mehrfach von sich reden machten; die blutigen Kämpfe auf dem Pore la Chaise in Paris zwischen den Kommunards und den Polizeibeamten; die Unruhen in Italien und die Aufhebung eines Anarchistennestes in Brüssel. Daß fast sämmtliche Staaten von revolutionären Bestrebungen durch­wühlt sind, und die gesellschaftliche Ordnung gleich­sam auf einem Vulkan steht, ist eine offenkundige Thatsache und es ist charakteristisch für die Lage, daß man weniger fragt, ob eine gewaltsame soziale Katastrophe bevorstehe, als wann dieselbe los­brechen werde. Papst Leo XIII. hat in seinem herrlichen Rundschreiben über die christliche StaatS- versaffung den Fürsten und Völkern den einzig möglichen Weg gezeigt, aus dem Sumpfe des sozialen, politischen und sittlichen Elendes heraus und wieder in andere bessere Geleise zu kommen ; aber wir fürchten, daß zu einer Zeit, wo die Staatsweisheit sich für unfehlbar hält, und wo die Staatsallmacht auf Kanonen und Bajonette sich stützt, der Warnungsruf ungehört verhallen wird, bis der Zusammenkrach des stolzen Kultur­gebäudes und der dröhnende Schritt der Arbeiter­bataillone wieder an ihn erinnert.

Deutschland ist im Jahre 1885 von Kriegen, Attentaten auf fürstliche Personen und schweren Unglücksfällem verschont geblieben; aber da« ist auch alles Gute, was wir dem dahingegangenen Jahre nachrühmen können. Die innere politische Lage, angekränkelt von Kulturkämpferei, Partei- Fanatismus, Hader und Hetzereien, bot ein gar trauriges Bild. Fürst Bismarck meinte zwar am 2. März im Reichstage, der böse Loki haben den Hödur erschlagen, uuv der deutsche „Völkerfrüh­ling" könne nicht aufkommen, weil es zu viele oppositionelle, rechthaberische Köpfe und Fraktions­politik gebe; aber das deutsche Volk sucht die Ur­sachen seiner Unzufriedenheit, seines MißmutheS, seines wirthschaftlichen und sittlichen Niedergange« ganz wo anders; alles klagt und sehnt bessere Um­stände herbei; erbittert stehen die Parteien gegen einander; nur der Wille eines einzelnen Mannes ist, wie Dr. Windthorst am 10. Dezember erklärte, maßgebend; die Politik richtet sich von Fall zu Fall ein, heute dieser, morgen jener Partei die

Hand reichend; alles ist ungewiß und Nieman, weiß, welche Ueberraschungen der nächste Tag brin gen kann. Welcher Parteifanatismus im Lande herrscht, hat neben der heißen Wahlbewegung vor den preußischen und badischen Landtagswahlen ganz besonders der skandalöse Prozeß Stöcker in Berlin bewiesen, und daß nicht blos die Politik, sondern auch die Moral, zumal die der Reichshauptstadt, tief im Sumpfe steckt, dafür hat der ekelhafte Modellprozeß Gräf, der uns in einen Pfuhl sitt­licher Entartung blicken ließ, redend Zeugniß ab­gelegt.

Nicht ohne ein Gefühl der Scham können mir an manches Vorkommniß im verflossenen Jahre zurückdenken; dasselbe trat mit dem Kainszeichen des „Entrüstungsschwindels" an der Stirn in's Leben, d. h. die Nationalliberalen rieben sich Ent- rüstungsschnnnke auf die Backen, weil der Reichs­tag am 15. Dezember 1884 die 20,000 Mark für einen dritten Direktor im Auswärtigen Amte abgelehnt hatte. Und als der Reichstag die Summe dennoch bewilligte, da griffen die Musterpatrioten zum Opferteller und sammelten Ottopfennige ein, um dem Kanzler zu seinem 70. Geburtstag am 1. April eine Ehrengabe „als Ausdruck des Dan­kes der Nation" zu überreichen! Auf dem Opfer­teller lagen in Folge des Hochdruckes, der vielfach ausgeübt worden war, circa dritthalb Millionen Mark, und für diese Summe wurde das Ritter­gut Schönhausen gekauft und dem Kanzler geschenkt, während der Rest für eine Stiftung verwendet wurde, die armen Philologie-Studirenden zu Gute kommen soll, und deren Verwendung dem Hause Bismarck vorbehalten ist. Wer geglaubt hatte, die Ehrengabe werde zum Besten der arbeitenden Klasse in irgend einer Form verwerthet, der hatte eben die Rechnung ohne den Fürsten Bismarck ge­macht. Wir gönnen dem Kanzler das Geld und die sonstigen Geschenke, die er erhalten; aber auf der andern Seite darf man sich nicht wundern, daß ein Mann wie er die byzantinische Kriecherei und die cynische Schweifwedelei zwar verachtet, aber dennoch zu manchen Zwecken verwendet. Der Centrumsführer sprach es unlängst im Reichstage offen aus, daß im deutschen Reiche fast Alles ge­schieht, was der Reichskanzler Fürst Bismarck will. Den besten Beweis hierfür liefert der noch immer andauernde Kulturkampf. Die Thronrede, mit welcher der preußische Landtag am 15. Januar

Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ? »«tzrifel». 86

XLI.

Es war der kleine Alfred. — Er sah blaß und abgehärmt aus, und die Sorge um seine Eltern und Geschwister stand ihm auf der Stirn geschrieben. Er hatte Giralda's Stimme erkannt und war, trotz des Verbote» seiner Wirthin, nicht eher das Nebenzimmer zu verlassen, als bis ihr Besuch fort sei, doch aus jeinem Versteck hervorgeeilt in der frohen Hoffnung, daß seine eitern und Giralda gekommen seien, ihn heimzuholen. Beim Anblick Giralda's erglänzten seine schönen Augen vor Freude. Mit einem Schrei sprang er auf sie zu und rief sie beim Namen.

Seine Schwester stieß ebenfalls einen Ruf froher Ueberraschung aus und schloß ihn in ihre Arme. „Ach, mein Alfred," murmelte sie, unter Thränen lächelnd. „O, Alfred, mein süßer, kleiner Bruder I" Sie sank auf einen Stuhl nieder, überwältigt von diesem Wiedersehen. Der Knabe hing an ihrem Halse und bat sie, ihn zu der lieben Mutter zu bringen.

„Ja, Du sollst zur Mutter gehen, Alfred," versetzte Giralda unter unzähligen Küssen. „Ich

werde dich nicht wieder verlassen, bis ich dich unter der Obhut der theuereu Mutter gesichert weiß." Sie schloß den Knaben fester an ihr Herz und sah über seinen blonden Lockenkopf hinüber Cecile mit herausfordernden Blicken an. Diese dagegen betrachtete das Paar mit lebhaftestem Erstaunen. „Es ist mein Bruder!" erklärte Giralda. „Graf Eugen von Lamartin hat ihn aus unserrn Hause geraubt, um mit ihm eine Geißel in Händen zu haben. Aber Niemand soll im Stande sein, ihn wieder von mir zu trennen.

Cecile sah von einem ihrer Gäste zum andern, als ob sie der Meinung sei, dieselben hätten ihren Verstand verloren. Da» Aussehen Alfred's jedoch belehrte sie, daher ebenfalls unter einemMißver« ständniß litt, wenn überhaupt von Mißverständ­nissen die Rede sein konnte.

„Ich weiß nicht, wie ich da» Alles verstehen soll'" murmelte sie.

„Graf Eugen raubte bett Knaben au« dem Hause seiner Eltern und brachte ihn hierher," versetzte Madame Roger scharf. „Es scheint, daß Du seine Helfershelferin bei dieser Geschichte bist."

„Nicht weiter, Madame Roger!" unterbrach Cecile die Sprechende entrüstet. „Monsieur Bertram, der alte Diener des Herrn Marquis de Vigny, brachte

den Knaben hierher und erzählte nur, daß er des Grafen von Lamartin's Mündel und daß fein Ge­sundheitszustand sehr angegriffen sei. Ich sollte ihn sorgsam unter meiner Aufsicht behalten, damit er sich in dieser Einöde nicht verlaufe. Ich habe natürlich Monsieur Bertram Glauben geschenkt. Fragen Sie den Knaben, ob ich ihn nicht gut be­handelt habe!"

„Ja, das hat sie!" befeuerte Alfred, seinen Kopf erhebend. „Sie ist immer gut gegen mich gewesen und hat mir Geschichten erzählt. Sie hat mir auch erlaubt, ihre Schafe zu zählen und mehr­mals bin ich ausgeritten auf einem kleinen Esel. Aber wenn sie auch noch so gütig gegen mich ist, ich sehne mich nach Vater und Mutter, nach Gi­ralda und Rupert!"

„Das herzige Kind!" sprach Madame Roger tief gerührt. „Er ist Graf Armand'» Sohn!"

„Graf Armand'» Sohn?" wiederholte Cecile be­troffen. „Hätte ich das gewußt! Aber noch ist es nicht zu spät. Fräulein de Vigny," wanbte sie sich an Giralda, „Graf Eugen hätte einen schlim­meren Aufpasser für den Knaben finden können als mich. Sie haben selbst von dem Knaben gehört, daß ich ihn gut behandelte. Sie können mir es nicht zur Last legen, daß ich etwas glaubte, wo-