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JM 296. Donnerstag, den 24. Dezember

1885.

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EL Blatt.

weihnachtsfest, du Fest der Kindheit! Bringst der Kindheit Glück uns wieder: Freud' und Frieden! Engellieder Künden sie der armen weit Dort bei Bethlehem im Feld: „Gott sei Ehr', den Menschen Frieden!" Himmelsglorie strahlt hienieden, Scheuchend Nacht und wahn und Blindheit.

weihnachtsfest, du süß Erinnern An des Ewigen Erbarmen, Da sich Gott und Welt umarmen In der Krippe arm und klein! Goldner, milder Glorienschein Dringt in alle Lhristenherzen, Strahlt wie duft'ge Lhristbaumkerzen Hell und klar in ihrem Innern.

weihnachtsfest, wie ziehst du Alle, Gb sie wollen, ob sie grollen, In den heil'gen, mächt'gen, vollen Strom von reinstem Kindheitsglück! wer zur Krippe lenkt den Blick, Ist beglückt, beglückt hinwieder Arme Schwestern, arme Brüder, Dankt dem Herrn mit Iubelschalle!

weihnachtsfest, du Fest der Liebe, wo die Armen und die Reichen Liebend sich die Hände reichen, voll des Gebens Seligkeit, Und von Gaben süß erfreut, Knie'n sie vor dem Kripxenthrone. vor der Liebe Iubeltone Schweigt das kalte Weltgetriebe.

weihnachtsfest, du Fest des Lichtes! Licht vom Lichte stieg vom Himmel, Bracht' in's Erdenkampfgetümmel Frieden, Eintracht, Bildung, Recht Und erweckt' ein neu Geschlecht. Gott des Lichts in Kindleinshülle Schenk uns deiner Gnaden Fülle Bis zum Tag des Weltgerichtes!

Weihnacht, Siegesfest der Wahrheit Ueber Höllenwahn und Lüge!

Gib uns Kraft zum heil'gen Siegel Hilf mit Liebesallgewalt Alle die noch dumpf und kalt, wahnbefangen Böses sinnen, Für dein Friedensreich gewinnen, Das die Welt erfüllt mit Klarheit!

Schlägt ein Herz, das kalt geworden In des Weltgetriebes wogen, Schnöd nm Lieb' und Glück betrogen: Christkind, gib mit mildem Blick

Glück und Frieden ihm zurück, Daß es deine Hold muß preisen, Mit den Hirten, mit den weisen, Froh dir dankt in Festaccorden.

Auf geheimnißvollerr Wegen.

Roman von ). Jehetfkld. 85

Giralda ließ die Erlebnisse des vergangenen Abends noch einmal an ihrem Geiste vorüber« ziehen - ihre Unterredung mit dem Geliebten, die dann folgende Scene mit dem Todfeinde ihrer Familie, die sie jäh aus ihrem Glückshimmel riß und ihre, ganze Zukunft in ein undurchdringliches Dunkel hüllte, und endlich ihre Verstoßung Sei­tens des alten Marquis. Wird denn die Lüge immer triumphiren?" sprach ste zu sich selbst, mährend sie einen flehenden Blick zu den ruhig blinkenden Sternen erhob. „Sind Recht und Gerechtigkeit denn ganz zu Schanden geworden in dieser Welt?"

Die Nacht brach vollends herein. Die Höhe, welche dem Schloß de Vigny gegenüberlag, war erreicht. Die Flüchtlinge hielten ihre Rosse an und sahen nach dem Schlöffe zurück. Lichter erglänzten an allen Fenstern des alten Land­sitzes.

„Sie haben bemerkt, daß wir auf Pferden ent­flohen find," sagte Madame Roger, „aber sie haben den Weg den wir genommen, noch nicht entdeckt. Sie denken wahrscheinlich," fügte sie hinzu, „daß wir nach dem alten Castell „Adlershorst" geritten mären."

Nur noch kurze Zeit ließen sie ihre Blicke ruhen auf dem weit hinter ihnen liegenden Schlöffe; dann wandten sie ihre Pferde wieder und setzten ihren einsamen Weg fort durch die stille Nacht. —

Während dessen kniete oben im Schlöffe in Gi- ralda's Zimmer der alte Marquis, ries sie unter den bittersten Thränen mit den zärtlichsten Namen und flehte sie an, zu ihm zurückzukehren weil er nicht leben konnte ohne sie ... . Und draußen auf wilden Bergpfaden ritt Graf Eugen von La- martin, umgeben von vielen Genoffen, in wilder Hast hin und her. Sein Herz war von Haß für das Mädchen eifüHt, dem er geschworen hatte, daß sie die Seine werden solle, um jeden Preis — gleichviel, durch welche Mittel!

XL.

Die Solitude liegt, wie schon angedeutet, in einer öden Gegend. Im weiten Umkreise wächst nicht» al» Ginster, der Boden ist unwirthlich und hügelig. Nur selten sieht man eine bescheidene Blume neben den gelben Blüthen de« Ginster« hervorblicken. Die hauptsächlichsten Bewohner

! dieser Einöde sind Schafe, welche in großen Herden dort weiden und die saftigen Blüthen mit Begierde verschlingen; auch Hasen und Rebhühner haben ihr Leben und Treiben unter den üppig wuchern- t den Büschen. Inmitten dieser taurigen Einöde I stand, auf einem etwa» höher gelegenen Platze, von wo aus man eine weite Uebersicht genoß, eine einsame kleine, aber niedliche Hütte au« rohen Steinen, deren Dach ein großer altmodischer Schornstein krönte. Diese Wohnung gehörte Cecile Roffeau, der einstigen Verlobten Jacque« Ricard'«. Seitdem der Unwürdige ihr seine Treue gebrochen und sie verlaffen hatte, war sie menschenfeindlich geworden und hatte sich von aller Welt zurück­gezogen. Sie lebte hier ganz allein und die wohl­gepflegten wilden Rosenbüsche, welche hinter dem Hause wuchsen, ließen erkennen, daß die Besitzerin de« Hauses den Naturschönheiten nicht abgeneigt war. Auch wilder Wein umrankte die niedrigen Fenster, doch stand derselbe jetzt aller Blätter be­raubt; nur unter dem Fenster streckten einige Frühlingsblumen neugierig die Köpfe empor. Hinter dem Hause befand sich ein Stallgebäude, ebenfalls aus rohen Steinen erbaut und mit einem Strohdach versehen. Hier standen friedlich neben einander ein Esel und eine Kuh; das heißt, wenn da» Wetter so ungünstig war, daß sie nicht im Freien sein konnten.

Bald nach Sonnenaufgang gelangten die beiden Flüchtlinge vom Schlosse de Vigny in der oben geschilderten Einöde, in deren Mitte die Solitude lag, an. Sie fühlten sich sehr erschöpft. Ihr Ritt hatte lange gedauert und war mit Anstren­gung und Gefahren verknüpft gewesen. Sie waren nur wenigen Leuten begegnet; nur einem Bauern, welcher um Mitternacht mit seinem Wa­gen nach Hause zurückkehrte, und seit der Mor­gendämmerung zwei oder drei Arbeitern, welche an ihr Tagwerk gingen. Trotzdem hatten sie sich doch nicht sicher gefühlt, au» Furcht, daß sie ver­folgt würden.

„Sie sehen entsetzlich angegriffen au«," sagte Madame Roger, ihrem jungen Schützling in da« bleiche Gesicht sehend. „Die Aufregung, der scharfe Ritt in dieser Nacht, sind Ihnen zu viel gewesen. Aber wir find gleich am Ziele und bei Cecile Roffeau sind Sie gesichert. Sie achtet die de Vigny'« al» die angesehenste Familie in der Welt. E» gibt nicht«, da« sie nicht thun würde für eine de Vigny. Sie hat gleich Vielen nie an Graf Armand'« Schuld geglaubt. Sie hat manche« liebe Wort und manchen freundlichen Blick von ihm erhalten, al« sie noch bei un« auf

dem Schlosse war. Ec war bei Allen beliebt, Fräulein! Cecile wird Ihre treueste Freundin werden und Alle« für Sie thun, was Sie auch von ihr verlangen, sobald Sie ihr sagen, daß Sie Armand de Vigny's Tochter sind."

Während des letzten Gespräches waren die beiden Reisenden der Hütte so nahe gekommen, daß sie erkennen konnten, daß die Thür offen stand. Ein leichter Rauch stieg au« dem alten Schornstein empor und e« war daraus ersichtlich, daß Cecile damit beschäftigt war, das Frühstück zu bereiten. Madame Roger gab ihrem Pferde einen Schlag, daß dieses sich in Galopp setzte. Giralda folgte ihrem Beispiel. Als sie dem Hause ganz nahe gekommen waren, sahen sie das Gesicht einer Frau hinter dem weinumrankten Fenster neugierig hervorschauen; dasselbe ver­schwand jedoch sogleich darauf wieder und sie hör­ten, wie drinnen int Hause eine Thüre zugeschlagen wurde.

Eine Minute später hielten sie vor der Hütte und stiegen ab. Sie hatten kaum den Erdboden mit ihren Füßen berührt, als dieselbe Frau, die sie vorhin hinter dem Fenster gesehen, heraustrat. Ihr Aussehen schien ein wenig verstört zu sein. Sie war von großer, kräftiger Gestalt; aber ihre Züge hatten einen gutmüthigen Ausdruck, welcher sogleich Giralda's Sympathie erweckte. Ihr Kleid von braunen Stoff war hoch geschürzt und ließ ein Paar Füße erblicken, welche in Lederschuhen steckten, die noch naß waren von einer muthmaß- lich langen Wanderung in der vom Morgenthau benetzten Haide. Diese Frau war Cecile Roffeau. Sie erkannte Madame Roger vom Schlöffe de Vigny auf den ersten Blick und sprang vorwärts mit ausgestreckten Händen und einer Fluth von Fragen auf ihren Sippen. „Kommen Sie herein," rief sie aus, nachdem sie die Pferde angebunden hatte. „Sitte, mein Fräulein, treten Sie ein!" fügte sie, gegen Giralda gewendet, mit einer Ver­beugung hinzu. „Meine Hütte steht ganz zu Ihrer Verfügung!" Mit diesen Motten führte sie Beide in's Haus.

Daffelbe war inwendig so sauber al« auswendig. Ueberall herrschte die größte Ordnung und Rein­lichkeit, ja, e» machte sich sogar ein gewisser Wohl­stand in der Ausstattung bemerkbar. Was jedoch der guten Madame Roger am meisten auffiel, war ein blanker Theekeffel auf dem Herde, wel- cher lustig brodelte, und eine Taube, welche auf dem Feuer daneben gebraten wurde. „Eine gebra­tene Taube!" rief sie erstaunt au». „Ein Gericht für einen Lord, der die Gegend besucht, oder für