JM 296. Donnerstag, den 24. Dezember 1885.
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I. Blatt.
«8^* Die nächste Nummer dieses Blattes erscheint am Montag den 28. Dezember.
Mit dem 1. Januar 1886
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+ Weihnachten.
Das lieblichste und freundlichste aller christlichen Feste, das heilige Weihnachtsfest, öffnet wieder seine lichtstrahlenden Pforten, strömt uns den frischen weihevollen Tannenduft entgegen und zeigt uns in verklärtem Glanze jene stille Stätte, von wo der Welt Erlösung ihren Ausgang nahm, und das Friede und Liebe verkündende göttliche Kindlein, welches zu unserem Heile Menschengestalt annahm und in einem elenden Stalle seine leidenvolle irdische Laufbahn begann. Mit Lichterglanz, Fest, geprange und" Jubellieoern feiert die Christenheit die Erinnerung an jenen denkwürdigen Tag, da die Sonne der Erlösung ihren ersten Schimmer über die Welt ergoß, und die Menschheit sich neu zu verjüngen begann. Wo fände sich ein Herz, in christlichen Ideen erzogen, das sich dem Zauber der Wcihnachtsherrlichkeit entziehen könnte, das nicht seltsam bewegt würde, im Anschauen fremder Weihnachtsfreude oder in der Erinnerung an die eigene Jugend, das nicht inbrünstiger und zuversichtlicher an diesem Tage sein Gebet zum Himmel sendete, oder, wenn es im Sturme der Welt die innige Gläubigkeit der Kinderjahre eingebüßt hätte, am Weihnachtsfeste, an der Krippe des Jesukindes, bei der Christfeier im Gotteshause oder unter dem strahlenden Weihnachtsbaum wieder beten lernte, wenn auch nur in stummer Ueber- wallung des Gefühls?
Weihnachten, du sinniges, du herzerquickendes Fest der kindlichen Unschuld und Glaubensinnigkeit, des ungetrübten Jugendglückes; Weihnachten, du erhabenes Fest der Glorie des göttlichen Welterlösers, du Fest des Friedens und der versöhnenden Liebe für Alle, welche guten Willens sind, laß uns auch diesmal wieder deine reinen und still-.n Freuden kosten, stärke und läutere unser Herz und Gemüth, unseren Charakter und unseren Willen, damit wir befähigt werden, immer und überall jene wahre Nächstenliebe, jenen echten Versöhnungsgeist zu zeigen, den die Engel den Hirten priesen: Friede den Menschen auf Erden, die eines guten Willens sind.
Die Welt sucht für so manche schlimme Auswüchse der Natur und Leidenschaften eine Entschuldigung und Beschönigung in der menschlichen Schwäche. Gewiß ist der Mensch schwach und zur Sünde geneigt, aber mit Hilfe der göttlichen Gnade vermag der gute Wille unendlich viel. Vor dem Richterstuhl des Allerhöchsten werden eben nicht die äußerlich erkennbaren Erfolge gewogen, son- >dern die inneren, die moralischen Erfolge, der Sieg de« guten Willens über die Schwachheit de« Fleische«, und diese wahrhaft christliche Größe ist oft genug der irdischen Größe und Macht gänzlich
fremd, sie findet sich häufiger, reiner und unverfälschter in der bescheidensten irdischen Lage, in der Einsamkeit und Zurückgezogenheit, als im Wohlleben, in den Ehren, dem Glanz und Ruhm der Welt.
Ein wahres Paradies würde die Erde sein, wenn alle Menschen nach der hehren Engelsbotschaft ihr Leben einrichteten. Von diesem Streben ist die Menschheit leider nur zu weit entfernt, Egoismus, Habgier und Ehrsucht, blinder Haß und zügellose Leidenschaft, Unglaube und Gotkesverachtung haben in Millionen Herzen ihren Thron aufgeschlagen und werfen allerwärts ihren trüben, verzehrenden Schein. Aber auch ein liebliches, freundliches Bild zeigt sich neben diesem entsetzlichen Chaos. Grade in unseren Tagen des hochgehenden Kampfes der christlichen Ideen gegen das gottverachtende Neu- heiventhum, der Entsagung gegen die Genußsucht, wächst die Schaar derer, die „eines guten Willens sind", täglich mehr und mehr, und das leuchtende Beispiel der Willensstärke und Charakterfestigkeit zieht auch die Lauen und Gleichgültigen, die in Verblendung und Jrrthum Befangenen mehr und mehr in die Reihen der Kämpfer Gottes und der heiligen Kirche. Es ist ein großartiges Schauspiel, zu sehen,_ wie Dank dem „guten Willen", der Glaubensfestigkeit und katholischen Entschiedenheit die Kirche Christi immer glänzender aufleuchtet, wie sie inmitten aller Stürme und Kämpfe zunimmt an Kraft und Leben, an Ansehen und Autorität selbst bei ihren schlimmsten Feinden.
Der ,,aut<> pmvmg, viel ü.ber h»g mensch- liche Schwäche, uno wer'seine Lauheit und Lässigkeit mit dem Hinweis auf die Unzulänglichkeit menschlicher Kraft, auf die Macht der Verhältnisse, auf die unüberwindlichen menschlichen Schwächen zu motiviren sucht, der hat wahrlich die Botschaft der Christnacht schlecht begriffen. Nicht so sehr den Frieden, der alles Unrecht geduldig über sich ergehen läßt, preist das „Gloria" der Christnacht, sondern den Frieden des guten Willens, des guten Gewiffens, de« Bewußtseins der strengen Pflichterfüllung und dieser Friede kann blühen und gedeihen auch im gerechten Kampfe gegen die, so des „guten Willens" entbehren. Frieden und Versöhnung verkündet die Engelsbotschaft in der Christnacht und mahnt uns daran, auch in dem pflichtgemäßen Kampfe des Lebens, im Widerstreit der Interessen und Meinungen uns niemals von menschlichem Haß und Groll hinreißen zu lassen, das Unrecht und den Jrrthum um seiner selbst willen zu bekämpfen, auch dem Feinde gegenüber niemals die Gebote echter Nächstenliebe zu verletzten. Wer in diesem Sinne das hl. Weihnachtsfest feiert und die Botschaft der Engel begreift, dem werden in den Sorgen und Mühen des Alltags- lebens die frohen Klänge der Weihnachtsglocken helligen Frieden verkünden und frohe Zuversicht in die Seelen senken.
Deutsches Reich.
Berlin, 23. Dezember.
• Die bevorstehende Session des preußischen Landtags verspricht kurz zu werden. Außer dem Etat und den zugleich Verkehrs- und finanz- polstischen Vorlagen, deren Einbringung bevorsteht, dürfte nach offiziöser Mittheilung von größeren organischen Gesetzentwürfen zunächst nur die Kreis- und Provinzialordnung für Westfalen zu gewärtigen sein, deren Durchberathung voraussichtlich allerdings nicht unerhebliche Schwierigkeiten bieten wird, obwohl die meisten Prinzipienfragen bereits bei der entsprechenden Vorlage für Hannover und Hessen-Naffau entschied« wurden. Ausgeschlossen ist e« freilich nicht, daß im Gefolge der Reichs
gesetzgebung gesetzgeberische Aufgaben erwachsen, wie sie in Bezug auf die Betheiligung Preußens an dem Nordostsee-Kanal ohnehin in Aussicht stehen. Dies könnte z. B. wohl der Fall sein, wenn, wie dies vor einigen Tagen von anderer Seite angeregt wurde, eine Beteiligung der Kommunen an den Erträgen der Branntwein-Steuer in Aussicht genommen würde.
* Der preußische Staatsrath ist diesmal zu Beginn der parlamentarischen Saison nicht einberufen worden und auch zum neuen Jahr soll eine Berufung vorläufig nicht bevor stehen.
* Die Vorlage betr. die Reform der Zuckersteuer ist dem Reichstage zugegangen. Die Begründung ist außerordentlich umfangreich, so daß mit der Vertheilung erst am Weihnachts-Abend begonnen werden kann.
* Fixigkeit ist zu manchen Dingen nütze, namentlich wenn sich dieselbe mit Schärfe im Urtheile paart. Das ersieht man heute mit Genugthuung aus dem Blatt der Blätter, so bei Herrn Rudolf Mosse täglich zweimal geboren wird. In der Abend-Nummer des ,Berl. Tagebl.' ist mit geziemendem Respekt Folgendes zu lesen: „Unsere Marine ist nunmehr (!) auch in liturgischer Hinsicht mit dem Landheere gleichgestellt. Mit dem Beginne des neuen Kirchenjahres (?) ist nämlich in das allgemeine Kirchengebet auch die Fürbitte für die Marine ausgenommen und zwar soll dies auf direkten kaiserlichen B e f e h l (!) hin geschehen sein. Die neu eingeschaltene Formel lautet: „Segne das.deutfchp Kriegtzheer sowie di? xesamwte kaiserliche Marine zu Wasser und zu Lande." Die Einfügung des Gebets für die Marine in das allgemeine Kirchengebet ist bekanntlich ziemlich alten Datums. Die „Marine in liturgischer Hinsicht" macht sich in ihrer Gleichstellung mit dem Landheer ebenso imposant, wie die „kaiserliche Marine zu Wasser und zu Lande." Sollte etwa gar eine neue Gebirgsmarine — ?
* Der um die Beseitigung von Fremdwörtern aus der deutschen Amtssprache verdiente Regierungsrath im preußischen Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Herr Otto Sarazin, wird in etwa 8 Wochen sein größeres Verdeutschungs- Wörterbuch erscheinen lassen, zu dessen Förderung Minister Maybach im vorigen Sommer ihm einen mehrmonatlichen Urlaub ertheilt hat.
* Münster, 22. Dez. Die verhafteten vier hiesigen Zahlmeist r sind noch nicht in Freiheit gesetzt. Die Kasse des Train-Bataillons ist durch ihren Zahlmeister um nahezu 4500 Mark geschädigt worden. Sie hat wenig Aussicht auf Deckung des Defizits, da auf das inzwischen gepfändete reiche Mobilar EigenthumSrechte geltend gemacht werden.
* Köln, 23. Dez. Die ,K. Vztg.' zieht folgenden treffenden Vergleich: Im Jahre 1862 feierte der selige Kardinal v. Geissel sein silbernes Bischofs-Jubiläum. Das Fest war großartig und wurde in der ganzen Erzdiözese mitgefeiert. Im Festberichte, den A. Kolping in seinen .Rheinischen Volksblättern' veröffentlichte, heißt eS: „Gegen 9 Uhr Abends bewegte sich vom Altenmarkte ein unabsehbarer Fackelzug, begleitet von 3 Musik- chören und umwogt von gewaltigen Volksmassen durch taghell erleuchtete und reich mit Fahnen geschmückte Straßen nach dem erzbischöflichen Hause auf der Gereonstraße. Es mögen 2—3000 Fackeln gewesen sein, die wie ein Lichtmeer die ganze Gereonstraße füllten u. s. f." Man vergleiche damit den Fackelzug vom 15. Dezember! 1862 bis 1885! Dazwischen liegen die Maigesetze!
* Würzburg, 20. Dez. Der verantwortliche Redakteur des ,Fränk. Volksbl.' Michael Stumpf, hatte gegen das ihn wegen Kaiserbeleidigung ver