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Montag, den 21. Dezember
1885.
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Fuldm
t? Auf geheimnisvolle« Wegen.
Roman von Dihrifrlb. 62
XXXIX.
Graf Eugen schwieg einige Augenblicke, um den Eindruck seiner Worte zu beobachten. Der alte Marquis stand wie vom Blitz getroffen. Giralda blickte auf ihn mit flehender Geberde, aber es war kein Ausdruck von Nachgeben darin zu lesen. Eugen sah, daß sie lieber ihren Vater, dem sie in kindlicher Liebe anhing, opfern, als sich ihm zum Opfer bringen würde. Er fuhr also in seiner erfundenen Erzählung fort: „In einem für Armand sehr günstigen Augenblick annoncirtest Du, Onkel, um eine Gesellschafterin und Sekretärin. Armand sandte seine Tochter zu Dir, in dem festen Vertrauen auf die Schlauheit der Frauen, daß sie die leere Stelle wohl ausfüllen würde. Er hatte sie sorgfältig unterrichtet. So kam sie aufs Schloß, erzählte eine rührende Geschichte — die Geschichte, welche sie längst auswendig wußte. Sie bethörte Dich vollkommen. Du vermachtest ihr durch ein Testament einen großen Theil Deines Vermögens. Du hast sie in Dein Herz geschloffen. Du hast sie zur Herrin Derne- Hause» gemacht, während ihr verdienter Platz
ist, wo sie jetzt liegt, im Staube, zu Deinen Füßen!"
Starr haftete der Blick des Marquis auf dem jungen Mädchen, das, überwältigt von den falschen Anschuldigungen ihre» Feindes, vor ihm auf die Knie niedergesunken war. Ihr weißes Gesicht erschien im Dämmerlicht wie das Antlitz einer Todten. Ihre Augen, wild und ängstlich auf ihn gerichtet, erglänzten in seltener Schönheit — jene Augen, die denen Armand's so ähnlich waren! Die Gewißheit ihrer Identität kehrte in seine Seele ein mit überzeugender Gewalt. Er sah jetzt nicht ihr liebliches, unschuldiges Gesicht, ihre Blicke voll Furcht und Flehen, ihre furchtbare Angst — er sah nur, daß unter den dunklen Brauen dieselben Augen glänzten, die seines von ihni tödlich gehaßten Neffen getreues Abbild waren. „Ich bin betrogen worden — betrogen!" zischte er zwischen den Zähnen hervor. „Betrogen, wo ich nur an Wahrheit glaubte. Zum zweiten Male bitter getäuscht! Und ich hielt sie für so unschuldig, wie einen Engel des Lichts! Sie hat sich ebenso in mein zu Herz schleichen verstanden, wie Armand nur daß mich dieser Stachel um so viel schärfer trifft. O, mein Gott!" und seine Stimme klang klagend und er blickte mitleidrbedürftig um
Deutsches Reich.
Berlin, 20. Dezember.
* Ueber die bevorstehende Feier des Regierungs- Jubiläums Sr. Maj. des Kaisers wird berichtet, daß der Festtag unter Ausschluß aller größeren Festlichkeiten durch einen Gottesdienst im Dome gefeiert werden soll. Nach demselben wird eine Defilircour der dazu aufzufordernden Spitzen der Armee und der Staatsbeamten stattsinden. Fremde Souveräne werden auf besonderen Wunsch des Kaisers, welcher jede Festlichkeit mit Gepräge an jenem Tage vermieden sehen möchte, persönlich nicht erscheinen.
* Der BundeSrath genehmigte die Gesetzentwürfe, betreffend die Besteuerung des Zuckers und die Unfall- und Krankenversicherung der in land- und forstwirthschaftlichen Betrieben beschäftigten Personen.
* Der demnächst zusammentretende preußische Landtag wird sich voraussichtlich auch mit der Frage der Fürsorge für die Kunstdenkmäler zu beschäftigen haben, nachdem seit dem Tode des letzten Conservators, Geh. Reg.-RathS von Dehn- Rotfelser, fünf Monate verfloffen sind. Mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten, eine nach allen Richtungen hin geeignete Person zu finden, tritt die .Bauztg.' dafür ein, die Stelle des Conservators nicht wieder zu besetzen, sondern die Obliegenheiten deffelben einer Körperschaft zu übertragen.
* An den Verhandlungen über Abschluß einer Militär-Konvention mit Braunschweig nehmen dieffeit« der Direktor des allgemeinen Kriegsdepartements, Generalmajor Hänisch, und der Abthei- lungs Chef des Kriegsministeriums, Oberstlieutenant Goßler, Theil.
* In der am 15. d. M. zu Breslau abgehaltenen Rektorenkonferenz machte der Stadtschul- Inspektor Herr Dr. Handloß die Mittheilung, daß die Kinder vor ihrem vollendeten 14. Lebensjahre im Auslande nicht mehr erzogen werden dürfen. Diese Mittheilung erregte unter den Anwesenden allgemeine Erregung und großes Aufsehen. Ueber diese seltsame Verordnung macht nun die ,Schles. Ztg' folgende Miltheilung: Aus Anlaß eines rheinländischen Spezialfalles, der vor den, Landgerichte zu Aachen zur Verhandlung gekommen ist, habe im Jahre 1882 das Kammerge- I richt in Berlin entschieden, daß der Volksschulun- I
terricht, welchen ein in Preußen schulpflichtiges Kind im Auslande genießt, nicht als denVor- schriften genügend angesehen werden kann, welche bezüglich der Schulpflicht in Preußen zu Recht bestehen. Diese Kammergerichts-Entschei- dung ist seitens des Kultusministers im Jahre 1882 den Bezirkregierungen zur Kenntnißnahme und zur Nachachtung mitgetheilt worden. Im Bezirke der königlichen Regierung zu Breslau ist nun, eben in Nachachtung jener Entscheidung, vor einiger Zeit gegen einen zu Freiburg wohnhaften Mann vorgegangen worden, welcher zwei Kindern den vorgeschriebenen Volksschulunterricht im Auslande wollte ertheilen lassen. Von einem Breslauer Spezialfalle der in Rede stehenden Art ist der ,Schles. Ztg.' nichts bekannt.
* Freiburg i. B., 16. Dez. In der letzten Sitzung der Strafkammer wurde W. Butz, Redakteur des Wiesenthälers in Zell, wegen Maje- stätsbeleidigung zu zwei Monaten Festung verurtheilt.
Ausland.
* Der ,N. Fr. Pr.' geht folgende sehr bezeichnende Mittheilung aus Belgrad zu: „Obwohl seit Wochen fast kein einziges fremdes Blatt hier aufliegt, weil Alles rücksichtslos konfiszirt wird, so wurde dennoch der bisherige Censor und Seltions-Chef im Ministerium des Äeußern, Gjoka Poppovic, seines Amtes enthoben und an deffen Stelle Milenko Zuienic als »-•'
Preßangelegenheiten mit dieser Funktion betraut. Der neue Censor galt noch vor wenigen Jahren als einer der enragirtesten Sozialisten." Eines Kommentars bedarf diese Mittheilung nicht.
• Belgrad, 19. Dezbr. Der König hat die internationale Waffenstillstandskommission in Audienz empfangen. Serbischerseits ist der Chef des Generalstabs, Oberst Topalovitsch, zu den Verhandlungen mit der Kommission beauftragt.
* Nach eingegangener Nachricht ließ Montenegro infolge der Zusammenziehung von türkischen Truppen in der türkischen Krajna drei Bataillone an die Grenze nächst Antivari abgehen.
* In Baltimore ward am 6. November 1789 das erste katholische Bisthum in der Union gegründet. Die Katholiken von Maffachussets vereint mit ihren in den übrigen dreizehn Staaten zerstreut wohnenden Glaubensgenoffen hatten Papst Pius VI. um einen apostolischen Vikar gebeten.
Der hl. Vater gab Ihnen einen Bischof. Im Konsistorium vom 6. November 1789 schuf er ein Bisthum zu Baltimore und und ernannte John Carroll (geboren in Baltimore im Jahre 1736) zum Oberhaupts der neuen Diözese. Der Papst gab ihm zugleich die Vollmachten eines apostolischen Administrators uno Legaten und betraute ihn mit der Verwaltung der katholischen Angelegenheiten in allen dreizehn Staaten. Im Jahre 1795 ward der neue Bischof von Baltimore in London von Mgr. Walsmesley, Bischof von Rama i. p. feierlich konsekrirt. Im Jahre 1791 hielt er die erste Synode ab. Seit jener ersten Synode in Nordamerika blieb Baltimore die Stätte für die Abhaltung der Provinzial- und Plenarsynoden. Sie haben im Jahre 1829, 1833, 1837 und dann in gewiffen Zwischenräumen stattgefunden bis zum Jahre 1884, wo ebenfalls der Erzbischof von Baltimore, Gibbons, den Vorsitz führte. Die in diesem Jahre gefaßten Beschlüffe wurden durch Dekret vom 20. September vom hl. Vater gebilligt. Noch ist seit der Ernennung des ersten Bischofs für die Union nicht ein Jahrhundert verflossen und schon zählt, wie die .Cioilta cat- tolica' mittheilt, die katholische Hierarchie der Vereinigten Staaten 12 Erzbischöfe und 55 Bischöfe. Es gibt kaum ein Land, wo die katholische Kirche in so kurzer Zeit so großartige Erfolge aufzuweisen hat.
* ui—tr, tt. enr surcyrerticyse rrn- glück ereignete sich vorgestern auf der Georgia- und Pacific-Eisenbahn durch den Zusammenstoß zweier Pecsonenzüge etwa 15 Meilen von Atlanta. Ein Schlafwag.n wurde gänzlich zertrümmert und von den darin befindlichen Paffagieren 12 auf der Stelle getödtet und 15 verletzt, drei darunter so erheblich, daß ihr Aufkommen bezweifelt wird.
* Der Nachfolger des Mahdi, der „Kha- lif" Abdullah hat, bevor seine Streithaufen gegen das eigentliche Egypten aufgebrochen sind, in den Straßen von Äbu Hamed und an den Moschee- Eingängen eine Proklamation anschlagen laffen, die zum Vernichtungskriege der Ketzer und Ungläubigen auffordert. Die Proklamation lautet nach einer Mittheilung des .Achbar' folgendermaßen:
Abdullah, der Diener des Allmächtigen und der Fürst der Gläubigen, entbietet allen Bewohnern des Sudans, die aufrichtig an den Propheten glauben und seine Gebote strenge halten, seinen Gruß! Mit Euch Allen sei Gottes Segen und Schutz! Ihr wisset wohl, daß, bevor der letzte
sich. „O, mein Gott, wie soll ich diesen Schlag ertragen?"
„Erbarmen! Onkel!" rief Giralda, seine Knie umklammernd, in höchster Verzweiflung au«. „Mein Vater ist unschuldig! Vergib ihm. Er hat mich nicht hierher gesandt. Ich habe keine Ahnung davon gehabt, daß mein Vater Armand de Vigny ist, bis wir Beide zusammen nach Paris gingen. Dort erst erfuhr ich, daß ich wirklich Deine Nichte sei, dem Blute nach. Ach, Onkel, höre auf mich, laß meinen Vater zurückkehren auf das Schloß. Er hat nie im Leben Böses gegen Dich geplant, noch ausgeführt — niemals!"
„Sie erkennt es an!" stieß der alte Marquis mit hohler Stimme, den Blick zu Boden gerichtet, hervor. „Sie bestätigt es, daß sie die Tochter Armands's ist!" Er stützte sich schwer auf seinen Krückstock. Eine Minute verging ehe er mit dumpfem Tone fortfuhr: „Ich bin aus's Nene furchtbar betrogen worden. Die unschuldsvolle Larve dieses Mädchens hat mich getäuscht. Doch das Spiel ist zu Ende. Eugen, wir werden an Armand Rache nehmen und ihn strafen lassen, wie er es verdient. Ich werde gemeinsam mit Dir handeln und wir werden' ihn und seine Familie vernichten, unerbittlich, ohne Erbarmen!"