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JXi 292 Sonnabend, den 19. Dezember 1885.

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Zweites Blatt.

-H- Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ,

„Nimm Dich in Acht!" rief er warnend. „Nimm Dich in Acht! Bevor Du mir in dieser Weise drohst, überzeuge Dich erst, ob diese Zusam­menkunft mit Deiner Nichte nicht eine verabredete war. Fräulein Alvarez", sagte er, sich an diese wendend, „Sie werden es nicht wagen, zu bestreiten, daß Sie selbst es waren, die mir dieses Ren­dezvous gegeben. Sie werden es nicht wagen, sage ich —"

„Aber ich wage es!" rief das junge Mädchen, ihn unterbrechend und aufspringend, ihn mit einem wahrhaft königlichen Blicke messend, in welchem ihre tiefste Verachtung lag. „Ich bestreite es ent- schieden, daß ich Sie hierher bestellt habe, Graf von Lamartin. Sie haben mich überrascht, als ich hier allein und in Gedanken versunken saß. Sie wollten mich überreden, Sie zu heirathen, und als ich es Ihnen abermals abschlug, da drohten Sie wiederholt, mich fortzuschleppen. Sie traten auf mich zu, um mich zu ergreifen, in diesem Augenblick stieß ich den Hilferuf aus." Graf Eugen schien das junge Mädchen durchbohren zu wollen mit seinen stechenden Augen.

Der alte Marquis setzte sich wieder in Po­situr, warf den Kopf stolz in den Nacken und schritt dann mit geschwungenem Stock auf seinen Neffen zu.

„Halt!" schrie Graf Eugen, abwehrend den Arm erhebend. „Onkel, ich habe Dir etwas zu sagen, habe Dir ein Bekenntniß zu machen."

Der alte Herr hielt inne, die furchtbare Auf­regungen seines Neffen erschien ihm auffällig.

„Sie hat es nicht anders haben wollen," fuhr Graf Eugen fort, während er auf Giralda zeigte und jetzt alle Vorsicht und Ueberlegung bei Seite ließ. „Ich hatte ihr angeboten, ihr Geheimniß zu bewahren, aber sie hat meine Freundschaft abgewiesen. Du sollst jetzt Alles wissen, Onkel, das Geheimniß dieses unschuldvollen Mädchens — das Geheimniß der Ihren — Alles!"

„O, nein, nein!" rief Giralda, vor Schrecken zitternd. „Sie können, Sie dürfen nicht reden! Haben Sie Erbarmen!"

Um Eugen's Lippen spielte ein sardonisches Lächeln. Ein triumphirender Blick aus seinen Augen traf den alten Marquis.

Der Greis blickte die Beiden verwundert an, ohne zu wissen, was er von alledem halten sollte." „Was hat das Alles zu bedeuten?" fragte er mißtrauisch und eifrig. r

„Es bedeutet, Onkel," erwiderte Graf Eugen, seine verzehrenden Blicke auf die zusammenge­sunkene Gestalt des gefolterten, jungen Mädchen, richtend, „es bedeutet - soll ich es ihm sagen, Giralda?" flüsterte er schnell in leisem Tone. „Willst Du Deinen Vater retten? Noch ist er Zeit!"

Nur mit äußerster Gewalt unterdrückte da, junge Mädchen den Schrei, welcher sich auf ihre Lippen drängte. Sie sah sich nun einer Gefahr umgeben, der sie nicht zu entrinnen vermochte und

all' ihre Kraft drohte sie zu verlassen. Es war ein entsetzlicher Kampf, den sie rang. Wenn sie das Opfer brachte, wenn sie Graf Eugen's schrecklichem Verlangen Folge gab! Nein, um alle Schätze der Welt nicht! Sie mußte ihrem ge­faßten Vorsatze und ihrer Lebensaufgabe getreu bleiben. Aber sie konnte sich nicht opfern — selbst nicht, um die zu retten, die ihr das Theuerste aus Erden waren.

„Was sind das für Geheimniffe?" fragte der alte Marquis drohend. „Was sagtest Du zu Giralda, Eugen?"

„Ich will Dir Alles erklären, Onkel," sagte der Neffe, seinen Blick nicht von seinem Opfer abwendend. „Ich habe wichtige Entdeckungen ge­macht. Dein schurkischer Neffe, der nichtswürdige Armand de Vigny ist nicht tobt, sondern noch am Leben!"

Giralda stieß einen Schrei der Verzweiflung aus. Der Marquis taumelte zurück und lehnte sich schwer gegen einen Baum, seinen Blick starr auf den Grafen gerichtet. „Armand lebt?" murmelte er, wie von einem schweren Traum be­fangen, nicht achtend auf das, wa» um ihn her vorging.

„Ja, er lebt und ist in Frankreich!" versetzte Eugen mit schriller Stimme. „Jener Brief aus Brasilien, der Dir die Nachricht seines Todes brachte, war gefälscht. Er hat ein schlaues Spiel mit uns getrieben. Er kehrte nach Frankreich zurück und hat sich hier in der Nähe versteckt ge- halten, unter falschem Namen und in der Absicht, nach Deinem Tode, Onkel, mit seinen Erban- sprüchen hervorzutreten."

„Er lebt und ist in Frankreich!" wiederholte der Marquis in Gedanken versunken. „So nahe bei mir all' diese Jahre, während welcher ich ihn tobt glaubte. Ec lebt — Armand lebt!"

„Ja," versetzte Eugen höhnisch, „er lebt und hält sich verborgen vor aller Welt, wartend auf Deinen Tod."

Alle mühsam zurückgehaltene Leidenschaft des alten Marquis wurde durch die Worte seines Neffen wieder wachgerufen und aufgerüttelt und marterte seine Seele mit wildem Gluthenbrand. „Wo ist er?" rief er, sich nach allen Richtungen umsehend, gleichsam als ob er ihn aus dem Schatten der Bäume auf den freien Platz heraus­treten zu sehen erwartete. „Ist er hier?"

„Nein! Er wird sich hüten, Dir zu begegnen!" entgegnete Graf Eugen mit grausamem Lachen. „Er lebt in der Nähe von Paris in Verborgen­heit. Ich besuchte ihn gestern in seiner luxuriös ausgestatteten Wohnung. So viel kann ich Dir sagen, Onkel, daß er kein Knauser und Geizhals ist. Er erkannte mich sofort und auch ich erkannte ihn trotz seiner geschickten Verkleidung. Er sprach von Dir und spottete über Dich, ganz wie früher. Er bot mir eine ansehnliche Summe, wenn ich ihm Deinen genauen Gesundheiszustand und wie lange Du wohl möglicher Weise noch leben könntest —"

Tief aufstöhnend erhob der arme, alte Marquis abwehrend seine Arme. Er zweifelte keinen Augen- blick an der Wahrheit von Eugen's Worten; waren sie doch in so überzeugendem Tone gesprochen.

„Armand ist im Geheimen verheirathet und hat Familie," fuhr Eugen in seiner Erzählung fort, ohne den flehenden Blick Giralda's zu beachten. „Solltest Du ihn also zur Verbüßung seines Ver­brechens in's Bagno schicken, so hinterläßt er Erben, w ichen Du die Erbfolge nicht absprechen kannst und welche auch schon von ihrem dereinstigen Stand und Ansehen unterrichtet sind. Du siehst, Onkel, wie schlau er Alles angefangen hat. Aber ich glaube, er hat sich vorgesehen, daß er nicht ge­fangen genommen wird. Er hat einen prächtigen Plan entworfen, einen Plan gegen Dich, Onkel, der wohl der Mühe werth ist, daß ich ihn Dir entdecke."

„Was ist es?" fragte der alte Marquis gänz­lich gebrochen.

„Ec hat eine Tochter — schön, gebildet, lie­benswürdig. Mit ihrer Hilfe hoffte er Dich aus­zubeuten, Onkel —"

Giralda unterbrach ihren Feind durch einen Angstschrei.

Bleich, kraftlos lehnte der Marquis gegen den Baumstamm.

„Es ist noch jetzt nicht zu spät, Giralda," flü­sterte ihr Peiniger ihr eifrig zu. „Versprich mir, was ich von Dir fordere und ich will Deinen Vater retten. Versprich es mir und ich will Dich vor meines Onkels Zorn und Haß bewahren."

„Ich kann es nicht versprechen," antwortete das geängstigte junge Mädchen mit gebrochener Stimme. „Aber wie Sie einst auf die Barmherzigkeit Gat­tes hoffen, so üben Sie jetzt Barmherzigkeit gegen mich."

Ihre Blicke, ihre Worte, ihre Geberden, Alles wies darauf hin, daß sie unerschütterlich fest stehe in ihrem Entschluß, seinem Willen nicht nachzugeben und gelte es ihr Leben. Mit wüthendem Blick wandte Graf Eugen sich von ihr ab und fuhr, gegen seinen Oheim gewendet, fort: „Armand's Tochter ist sehr schön. Ihre Stimme ist entzückend wie die einer Sirene und ihr Auge ist unschuldig wie das einer Taube. Armand hat nun über Dich und über die Höhe Deines gesammten Vermögens Erkundigungen eingezogen und den Plan gefaßt, dieses Mädchen auf das Schloß de Vigny zu schicken, hoffend und erwartend, daß sie sich in Dein Herz stehlen und Deinen Reichthum für sich gewinnen würde. Er rechnete ferner darauf, daß seine Tochter Deine Vergebung für ihn erwirken und seine und seiner Familie Einsetzung in ihre früheren Rechte zu Stande bringen würde."

„Laß ihn seine Tochter schicken!" stieß der alte Marquis mit Donnerstimme hervor. „Laß ihn sein Spiel versuchen! Ich werde sie vernichten — die ganz; Brut!" Ein Zittern, das seine Gestalt durchschüttelte, ließ den Greis kaum die Worte über die Lippen bringen.

Wie ein Blitz leuchtete es in Graf Eugen's Augen auf und ein entsetzlicher Hohn verzerrte seine Züge. „Er soll sie schicken?" rief er höh- nisch aus. „Er hat es nicht mehr nöthig! Er hat ' sie bereits geschickt! Sie steht vor Dir! Giralda Alvarez, Deine adoptirte Nichte, ist keine andere, als — Deines unwürdigen Neffen Armand de Vigny's Tochter! — — —"

(Fortsetzung folgt.)

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