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J\@ 290. Donnerstag, den 17. Dezember

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Deutsches Reich.

Berlin, 16. Dezember.

* Wie jetzt berichtet wird, soll die Einberufung des preußischen Landtags auf den 15. Januar erfolgen, also einen Tag vor dem letzten nach der Verfassung zulässigen Termin. Die amtliche Ver­öffentlichung der Einberufung ist in den ersten Tagen des Januar zu erwarten.

** Der Reichstag führte heute dieBerathung des Militäretats int Fluge zu Ende. Das Haus war schwach besetzt. Bis auf eine Ausnahme wurden allenthalben die von der Kommission be­antragten Streichungen beschloffen. Entgegen dem Kommissionsantrage wurde die erste Rate zum Neubau eines Dienstgebäudes für das Artillerie­depot in Thorn im Betrage von 61,000 Mk. ge­nehmigt. Entsprechend dem Kommissions­antrage wurden gestrichen: Kasernenneu­bauten zu Berlin, Magdeburg, Sondershausen, Düffeldorf, Minden, Darmstadt, Ratibor, Leobschütz, Cassel und Schwetz.ngen, Unteroffizier-Vorschule zu Neubreisach, Garnisonkirche zu Straßburg, Generalkommandogebäude zu Stettin (Erweiterung) und Posen (Neubau), Landwehr-Dienstgebäude zu Neuß und Köln, Erwerbung eines Exercier- und Turnplatzes für die Cadettenanstalt zu Lichterfelde, Neubau von Stallungen in Ulm, 1,444,601 Mk. von den geforderten 4,444,601 Mk. zur Erweiterung bezw. Neuerwerbung von Artillerie-Schießplätzen, 728,500 Mk. von den im preußischen Etat ge­forderten 1,785,500 Mk. zur Beschaffung von Conseroenvorräther: und entsprechende Betrag im sächsischen und württembergischen Etat, sowie 57,000 Mk. von den angesetzten 157,000 Mk. für größere Neu- und Retabliffementsbauten auf den Remonte- depots. Zu bemerkenswerthen Debatten kam es nirgends.— Mit heute tritt der Reichstag in die Weihnachtsferien. Nächste Sitzung am 8. Januar 1886. (Wohlprüfungen, Etat.)

* Das Branntweinmonopol befindet sich bereits in einem vorgerückteren Stadium, als man in Folge der offiziösen Abwiegelungsversuche vielfach annimmt. Die Verhandlungen mit den größeren Bundesregierungen sind dem Abschluß nahe und die Vorlage wird wohl bald nach Neu­jahr im Bundesrath eingebracht werden. Einen sehr entschiedenen Widerstand soll sie seitens Ham­burg erfahren haben. Im Reichstage ist die Mo-

tt Auf geheimnisvollen Wegen.

Roman von ,. ,«heikel». 79

„Sei stark, Giralda," sagte er, sie fester an sich ziehend. „Als Graf Eugen die Villa verließ, hat er den kleinen Alfred mit sich genommen."

Giralda wiederholte die Worte, als ob sie ihr unverständlich wären, als ob sie deren Sinn nicht faffen könne. Als sie jedoch endlich den ganzen Sachverhalt begriffen hatte, da wäre sie zu Boden gesunken, wenn nicht der starke Arm des jungen Mannes sie gehalten hätte. Mit thränenerstickter Stimme rief sie aus: „Graf Eugen hat Alfred mit sich fortgenommen? O, der Arme! Gilbert, was kann er mit ihm vorhaben?"

„Du weißt," versetzte Gilbert, „daß Graf Eugen's Stellung jetzt eine sehr kritische ist. Er hat die Entdeckung gemacht, daß er keine besondere Aussicht mehr hat, einmal Erbe der de Vigny'- schen Güter und Titel zu werden, nach deren Be­sitz er sein Leben lang getrachtet hat. Ec hat auch eingesehen, daß seine Liebe für die Comteffe von Chatrois umsonst gewesen ist. Er hat noble Paffionen, ohne die Mittel zu besitzen, sich dieselben zu gestatten. Er ist zu unbekannt mit amtlichen

nopolidee so aussichtslos nicht, wie man vielfach zu glauben scheint. Unter diesen Umständen wird der Antrag der Freisinnigen, der jetzt schon gegen das Monopol Front macht, das Gute haben, die Agitation gegen daffelbe im Lande wachzurufen.

* Breslau, 15. Dezbr. Für die wegen der Wahlen gemaßregelten Oberschlesier sind bei der ,Schles. Volksztg.' bis jetzt 5433 M. 90 Pf. eingegangen.

* Frauenburg, 16. Dez. Ueber den heute zum Bischof von Ermland gewählten Herrn General- Vikar Dr. Thiel theilt der .Westfälische Merkur' Folgendes mit:

Andreas Thiel wurde am 28. Sept. 1826 zu Lokau bei Seeburg in Ostpreußen geboren und steht somit im 60. Lebensjahre. 1849 zum Priester geweiht, wirkte er zwei Jahre als Kaplan in Memel und Tilsit, bezog zur Fortsetzung seiner gelehrten theologischen Studien die Universität Breslau, und wurde von der katholisch-theo­logischen Fakultät daselbst 1852 zum Lizentiaten promovirt, worauf er schon im nächsten Jahre sich als Privatdozent der Theologie an dem Lyzeum Hosianum seiner Heimaths- diözese habilitirte. An demselben 1855 zum außerordent­lichen und 1858 zum ordentlichen Professor der Kirchen­geschichte und des Kirchenrechts befördert, inzwischen auch von Breslau zum Ehrendoktor der Theologie, von der Wiener Theologen - Fakultät zu ihrem Ehrenmitglied« er­nannt, wirkte er in Braunsberg 18 Jahre, während deren er sich in der literarischen Welt durch eine kritische Aus­gabe der Papstbriefe von Leo I. bis auf Gregor I. aus­zeichnete. Das treffliche Werk blieb leider unvollendet, da der Verfasser 1871 auf den Ruf seines Bischofes das akademische Lehramt und die gelehrten Studien verlassen mußte, um als Domherr nach Frauenberg überzusiedeln und hier als General-Vikar an die Spitze der Diözesan- Verwaltung zu treten. In dieser hohen Stellung hat er seitdem ununterbrochen dems-lhen Bischöfe zur .Seite ge­standen, zu dessen" Rachsolger er nun auserkoren ist.

* Köln, 15. Dez. Heute Vormittag fanden, wie schon mitgetheilt, die Jnthronisationsfeierlich- keiten im Dome statt. Abends war die Stadt herrlich illuminirt; Gas- und Kerzenlicht, bunte Gläser und farbige Lampions waren in den Dienst der Illumination getreten und das Ganze bot einen recht freundlichen Anblick. Selbstredend stand die via triumphalis wie in Bezug auf die Aus­schmückung auch als Lichtspenderin obenan. Gegen ’/« vor 7 Uhr nahm der Fackelzug vom Neu­markt seinen Ausgang. Unabsehbar bewegte er sich durch die Stadt nach dem erzbischöflichen Palais hin; alle katholischen Vereine der Stadt waren in demselben vertreten, auch die Katholiken der Umgegend und mancher Städte der Erzdiözese hatten Abordnungen entsandt. Katholische Stuben-

Autoritäten, um sich für einen auswärtigen Posten zu bemühen, selbst wenn er die Fähigkeiten dazu besäße, ihn auszufüllen. Mit einem Wort, Gi­ralda, er hat die schönste Zeit seines Lebens im Müssiggang zugebracht und hat jetzt, mit vierzig Jahren, nichts, das er sein Eigen nennen fönnte, als Schulden. Seine einzige Hoffnung besteht in einer Heirath mit einer reichen Erbin. Und diese Erbin glaubte er in Dir gefunden zu haben. Du hast ihn bezaubert mit Deiner Schönheit, Deiner Reinheit und Deiner Liebenswürdigkeit. Er hat seine Liebe von der Mutter auf die Tochter über­tragen und ich will es glauben, daß er Dich in der That liebt, so weit ein Mensch wie er über­haupt zu lieben fähig ist. Seine frühere Liebe zu der Comteffe Gabriele hat sich in Haß ver­wandelt. Du hast ihn abgewiesen und so bin ich ziemlich fest überzeugt, daß er den kleinen Alfred so lange gefangen zu halten beabsichtigt, bis Du aus Liebe und Mitleid zu dem unschuldigen Kna­ben einwilligen wirst, ihn zu heirathen!"

„Glaubst Du, daß er ihm ein Leid zufügen wird?" fragte Giralda besorgt.

„Ich denke, daß er keine Gelegenheit dazu finden wird," erwiderte Gilbert fröhlich. „Ich lasse ihn überwachen und wir werden, ehe Graf

ten der Universität bildeten einen Zug im Zuge. Die Verbindungen traten in vollem Wichs auf und alle trugen statt der Ballons.und Lampions,'womit die übrigen Theilnehmer des Zuges ausgestattet waren, die üblichen Pechfackeln. Man schätzt die Zahl der Theilnehmer überhaupt auf 15—20,000. Eine ganze Reihe Musikcorps verlieh dem prächtigen Bilde heiteres Leben. Am erzbischöflichen Palais nahm der Zug Aufstellung, um dem neuen Kirchen­fürsten eine Ovation darzubringen. Rach Schluß des Schaugepränges fanden in den katholischen Vereinshäusern und anderen Lokalen Festversamm­lungen statt.

• In der Erzdiöcese Köln sind jetzt 352 Pfarreien verwaist.

* Die Verhandlungen mit Bayern über da« Branntweinmonopol sind noch in der Schwebe. Die Münchener .Neuesten Nachr.' versichern auf Grund ihrer eigenen Informationen, daß die Ver­handlungen noch keineswegs so weit gediehen sind, wie die ,Frk. Ztg.' annahm — dieselbe bezeichnete Bayern für die Sache Preußens gewonnen —, sondern noch erhebliche Bedenken der bayerischen Regierung zu beseitigen sind, welche mit der Auf- gäbe des Neservatrechtes der Brantweinbesteuer- ung zusammenhängen und welche auch durch die kaiserliche Botschaft mit ihrer nachdrücklichen Er­klärung der Wahrung der Landeshoheitsrechte nicht zerstört worden sind.

* Dresden, 16. Dez. Nach eingegangenen amtlichen Nachrichten aus Lissabon ist der König Fer^in.and von Portugal, Vater der ver­storbenen Prinzessm Georg von Sachsen, gestern gestorben.

Ausland.

* Sofia, 16. Dez. Zanow zeigte den Ver­tretern der Mächte an, Bulgarien sei bereit, sich dem Spruche der militärischen Kommission zu fügen. Zanow hebt noch hervor, die Mächte dürften aus Rücksichten der Billigkeit nicht gestat­ten , daß Serbien von dem Waffenstillstand« Nutzen ziehe, falls die Feindseligkeiten wieder aus­genommen würden. Die Mächte möchten deshalb die unverzügliche Räumung des Widdiner Ge­bietes verlangen.

* Belgrad, 16. Dez. Das Ministerium ist vergangene Nacht nach Nisch abgereist. Der

Eugen etwas unternehmen könnte, seinen Aufent­haltsort entdeckt haben."

Die feste Ueberzeugung, die aus seinen Worten sprach, theilte sich auch Giralda mit. Sie setzte unbedingtes Vertrauen in seine Fähigkeit, den kleinen Alfred befreien zu können. Hatte Gilbert sie selbst doch bereits zweimal schon befreit und zwar aus größeren Gefahren als diejenige war, in welcher Alfred sich befand.

„Ich will ruhig sein, Gilbert, da Du es über­nommen hast, Alfred zu befreien," sprach sie. „Aber die arme Mutter! Wie unglücklich muß sie sich fühlen! Ich sollte zu ihr gehen, um sie zu trösten —"

„Dein bester Platz ist hier," versetzte Gilbert ernst. „Die Vorsehung hat Dich hierhergeführt, um das harte Herz des alten Marquis zu er­weichen gegen feinen Reffen, dem er ein so großes Unrecht zugefügt hat. Nachdem ich Deinen Vater gesehen habe, Giralda, ist mir seine Schuldlosig­keit zur unbedingten Gewißheit geworden. Ec ist ein edler Mann, ein Mann, der unfähig ist, einen Mord zu begehen! Ich liebe ihn bereits. Wie ist es möglich, daß der Marquis de Vigny einer solchen Anklage Glauben schenken konnte? Die beseitigen Umstände müssen sehr schwer gegen