Dienstaa, den 15. Dezember
1885.
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Deutsches Reich,
Berlin, 14. Dezember.
** DerRei chstag führte heute die Berathung des Etats des Reichsamts des Innern zu Ende. Beim Kapitel Reichsgefundheitsamt sprach sich Abg. Dr. Langerhans (df.) zu Gunsten der Leichenverbrennung und eines Gesetzes über die Leichenschau aus. Abg. Dr. Greve (df.) legte zwei Bände Unterschriften (23,000) einer Petition zu Gunsten der Feuerbestattung nieder. Abg. Dr. Lingens (Centr.) bestritt die behauptete sanitäre Schädigung durch die Kirchhöfe. Direktor im ReichsgesundheitS- amt Dr. Köhler erwiederte, daß es zur Durchführung eines Leichenschaugesetzes an dem erforderlichen Personal und an den nöthigen Mitteln fehle. Wissenschaftliche Erhebungen über die Benutzung der Kirchhöfe hätten in Bayern, Sachsen uno Württemberg stattgefunden und das Reichsgesundheitsamt widme denselben volles Interesse. Auf Wünsche der Abgg. Zeitz und Ullrich erwiderte der Vertreter des Gesundheitsamts, daß eine gleiche gesetzliche Behandlung der Brauerei in Süd- und Norddeutschland in Bezug auf die Verwendung von Surrogaten auf die Dauer unabweisbar sein würde. Abg. Greve bedauerte, daß kein Arzt an der Spitze des Gesundheitsamts stehe und vertheidigte die Konvention der Aerzte hinsichtlich ihrer Thätigkeit als Kassenärzte. Staatssekretär v. Bötticher erwiderte, daß er den ärztlichen Stand als solchen am Sonnabend nicht angegriffen habe, daß er sich aber in Bezug auf die Beurtheilung der Konvention im Einverständniß mit den 'Parteigenossen Greve's befunden. Beim Kapitel Reichsversiche- rungsamt konstatirte Abg. Gamp, daß er neulich bei Anführung der Verwaltungskosten der Magdeburger Versicherungsgesellschaft die Zahl der Versicherungen mit der der Versicherten verwechselt habe. Die Kosten betrugen indeß immer noch pro Kopf der Versicherten 2 Mk. 80 Pfg. Abg. Dr. Barth (df.) meinte, daß ein Vergleich der Genossenschaften mit den Privatgesellschaften vorläufig überhaupt nicht angängig sei, weil gegenwärtig für die ersteren die wichtigsten Arbeiten gratis verrichtet werden müßten. Bei den einmaligen Ausgaben verurtheilte Abg. Kräcker die Schließung der Genoffenschaftsdruckerei „Silesia" in Breslau unter Zustimmung des Abg. Dr. Hänel (df.), Abg. Frhr. v. Ow (Reichsp.), kündigte eine Interpella
tion über Abänderung des Unterstützungswohnfitz- Gesetzes an. Abg. Dirichlet (df.) vertheidigte das Gesetz^welches an dem Anwachsen der Armenlasten nicht Schuld sei. Die einzelnen Positionen wurden nach den Anträgen der Kommission bezw. nach der Vorlage bewilligt. Morgen: Militäretat.
* Die Zuckcrsteuervorlage, welche nunmehr dem Bundesrathe vorliegt, schließt sich nach offiziösen Erklärungen an das bestehende System der Materialsteuer an, beruht aber auf der auf die Erfahrungen der letzten Jahre gestützten Annahme eines geringeren durchschnittlichen Erfordernisses an Rüben zur Herstellung eines Doppelzentner Zuckers, als auch bei der letzten nicht erledigten Vorlage angenommen wurde. Aus Konsequenz aus dieser Annahme, nach welcher sowohl die Ausfuhrvergütung als im Verhältniß der Jn- landsteuer zu hoch, als die letztere im Vergleich zu den Voraussetzungen des Gesetzes von 1869 zu niedrig erscheint, ergiebt sich die Erhöhung der Rübensteuer von 1,60 auf 1,80 Mark für den Doppelzentner mit Beibehaltung der Ausfuhrvergütung, wie sie jetzt besteht. Der Uebergangszu- stand, während dessen die Erhöhung der Steuer auf 1,70 Mark bei entsprechender Bemessung der Exportbonifikation vorgesehen ist, wird kurz be- meffen; schon mit dem Beginne der Campagne 1887—88 sollen die definitiven Sätze in Kraft treten.
* Die Reichstagsabgeordneten aus der Erzdiözese Köln wurden unter Führung des Herrn Landgerichtsraths Menken, ihres ältesten Kollegen, am Freitag Morgen von: hochw. Herrn Erzbischof Dr. Krementz in hochdeffen Absteigequartier im Hotel du Nord empfangen.
* Von den elf Zahlmeistern des 5. Armeekorps, welche am 16. Nov. d. I. verhaftet wurden, ist bis jetzt nur einer aus der Untersuchungshaft entlasten worden; diejenigen der 10. Division befinden sich noch im Fort Winiary, die der 9. Division sind nach Glogau überführt worden. Es sind inzwischen fast alle (?) diejenigen Zahlmeister aus der Untersuchungshaft wieder entlasten worden und verrichten seitdem unbehelligt ihren Dienst, welche mit Wollank in Verbindung stehen sollten, und in Folge der Aussagen Hagemann's, als früheren Angestellten Wollank's, verhaftet wurden.
* Hamburg, 14. Dez. Aus Sidney, 13. Dez., wird gemeldet: Der neue Dampfer der
deutschen Neu-Guinea-Gesellschaft, „Papua", nach Neu-Guinea bestimmt, ist auf dem Ospreyriff in der Torresstraße verunglückt.
* Das »Kölner Pastoralblatt' veröffentlicht ein lateinisches Antwortschreiben des Herrn Kardinals Melchers auf die Adreste der Geistlichkeit der Kölner Erzdiözese. Dasselbe lautet in der Ueber- setzung, wie folgt:
Kürzlich habe ich das geschmackvoll ausgestattete Kollektiv-Schreiben erhalten, in welchem die gejammte Geistlichkeit der 45 Dekanate der Kölner Erzdiözese ihrem bisherigen Hirten, welcher jetzt vom hl. Vater aus dem erzbischöflichen Amte in den Senat des h. apostolischen Stuhles berufen worden ist, zum Zeichen und Zeugniß seiner dankbaren Liebe und Anhänglichkeit die Summe von 18,000 Mk. anbot, vermittels deren in der Erzdiözese Köln eine Stiftung auf ewige Zeiten, eine Stiftung zu Ehren des hl. Apostels Paulus und zum Andenken an den Hirten errichtet werden soll, welcher, wenngleich unwürdig, diesen ruhmvollen Namen trägt. Ich habe dieses treffliche, die innigsten Gefühle zum Ausdruck bringende Schreiben nicht ohne die tiefste Bewegung gelesen. Eingedenk meiner Unwürdizkeit, welche so viele und große Zeugnisse der Liebe und Verehrung durchaus nicht verdient, mich erinnernd an die vielen ausgezeichneten und mir überaus theuern Priester, welche, während der Zeit meiner Amtsführung in frohen und trüben Tagen aufs engste mit mir verbunden, durch ihre unerschütterliche Treue und Liebe unter manichfachen und schwierigen Prüfungen die Last meines oft so schweren und undankbaren Amtes mir in hohem Grade erleichterten, eingedenk auch der Bielen unter ihnen, welche unter dem Druck der Prüfungen und während der Nothlage der Priester in Folge der gehäuften Mühen und Leiden ihres Amtes uns bereits durch vorzeitigen Tod entrissen worden sind, konnte ich kaum die Thränen zurückhalten. Euch allen in Christo geliebten Priestern, von welchen ich schon ein Jahrzehnt lang durch meine Verbannung getrennt bin, antworte ich mit Gruß-und. Gegen .aus t-eistem Herzen; innig ^>anke ich Euch und verspreche, daß ich stets der mir bisher anvertrauten Heerde und meiner so lieben Mitarbeiter im Weinberge des Herrn beim hl. Opfer eingedenk bleiben werde; gern werde ich mich auch bei jeder paffenden Gelegenheit beim hl. apostolischen Stuhle zu ihren Gunsten verwenden. Die von Eurer Liebe dargebrachte Summe nehme ich freudig und dankbar an als sichtbares und dauerndes Denkmal dieser Liebe und verwende sie, Euerm Wunsche entsprechend, zu einer Stiftung in der Erzdiözese Köln auf ewige Zeiten, damit aus den Zinsen bedürftige Jünglinge unterstützt werden, welche zum geistlichen Stande berufen sind. Endlich empfehle ich mich inständig Eurem frommen Andenken beim heiligen Opfer für die Lebenden und Tobten. Möge der allmächtige Gott uns Allen ohne Ausnahme verleihen, daß mir einstmals, obwohl im irdischen Leben von einander getrennt, nach demselben am Tage des schrecklichen Gerichtes wieder vereint werden in ewiger Seligkeit und in der unermeßlichen Herrlichkeit des himmlischen Vaterlandes! Dies wird uns sicher zu Theil werden, wenn wir während der kurzen Frist der irdischen Prüfung,
-H- Ans geheimnißvollen Wegen.
Roman von ?. liieiftii. „
„Bringe ihr den Knaben, Bertram," erwiderte Graf Eugen hastig, dem Manne eine Banknote reichend. Verpflichte sie zur Geheimhaltung der Angelegenheit. Erzähle ihr eine Geschichte, die alle Erzählungen des kleinen Alfred zu nichts macht."
„Verlaffen Sie sich ganz auf mich, Herr Graf," sagte Bertram entschlossen. „Ich hoffe den Frühzug noch zu erreichen. Wenn ich hier bleibe bis es völlig Tag ist, so könnte möglicherweise Jemand kommen, der uns den Knaben wieder abnimmt. Bei Cecile Resseau ist er sicher; dort wird ihn Niemand suchen."
Er stand auf und schritt auf das Sopha zu, wo der schlummernde Knabe lag Er lüftete die Decke ein wenig, um ihm in's Gesicht zu sehen. Der kleine Alfred stöhnte leise und erwachte theil- weise von der Berührung. Graf Eugen gab seinem verbündeten noch einige weitere Verhaltungsmaßregeln und entfernte sich mit dem schlafenden Knaben im Arme. „Der Besitz dieses Knaben ist für mich von großer Wichtigkeit," hob der Graf, gegen seinen Vertrauten gewendet an,
als sich die Thür hinter Bertram geschlossen. „Morgen wollen wir die nöthigen Schritte thun, auch das Mädchen wieder dingfest zu machen. Jetzt fühle ich mich zu abgespannt, um noch irgend etwas zu denken." Mit diesem Worten streckte er sich aus's Sopha aus und verfiel alsbald in einen festen Schlaf.
Bernard nahm Besitz von dem Armstuhl und ließ die Vergangenheit im Geiste an sich vorüberziehen. Er gedachte Armand de Vigny's, des alten Marquis und der treuen Cecile Resseau, um welche er gefreit und die er später, seiner bösen Thaten willen, verlaffen hatte.
Er rang seine, von der heißen Sonne Australiens gebräunten Hände und es ging ihm ein Weh durch's Her; und er wünschte nichts sehnlicher, als die vergangene Zeit noch einmal durchleben zu können. Doch verloreye Zeit kehrt niemals wieder, verlorene Zeit kehrt nie zurück!
Der Tag brach an. Herr und Diener schliefen scheinbar den Schlaf der Gerechten, als ob sie von keiner Schuld wüßten. Plötzlich wurden Beide durch ein heftiges Klopfen gegen die Zim- merthüre aus ihrem Schlummer aufgeweckt. Graf Eugen fuhr auf, erschreckt, verstört. Bernard sprang ebenfalls empor und suchte instinktiv nach
einem Schlupfwinkel, um sich verbergen zu können. Das Klopfen widerholte sich in stärkerem Maße. Bernard schob schnell die schwere Gardiene vom Fenster zurück, um dem Sonnenlicht freien Eingang in's Zimmer zu verschaffen; darauf eilte er an die Thüre und öffnete dieselbe. Es war der junge Herzog von Beaufort, welcher zu so früher Stunde dem Grafen Lamartin seinen Besuch machte.
Er trat ein, ernst und strenge, auf seinem schönen Antlitz lag ein stolzer Ausdruck des Vorwurfs und seine nußbraunen Augen schauten herausfordernd darein. Er ließ einen schnellen, blitzartigen Blick durch das Zimmer schweifen und trat näher an das Ruhelager heran, auf welches sich Graf Eugen niedergelassen hatte.
„Graf von Lamartin?" fragte der junge Herzog kurz.
Der Graf nickte nur mit dem Kopfe, dann rief er aus:
„Und wer find Sie, daß Sie in solch' ungebührlicher Weise in das Schlafzimmer eines Edel- mannes eindringen?"
„Ich bin Gilbert, Herzog von Beaufort," war die feste Antwort und die Augen des Besuchers schienen Funken zu sprühen. „Ich bin der Freund